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Marstrand, (Antonie Leopoldine) Wilhelmine

 
 

* 7. Aug. 1843 in Donaueschingen, † 16. Aug. 1903 in Spiez am Thuner See, Pianistin und Klavierlehrerin. Wilhelmine Marstrand war die Tochter des fürstlichen Hofgärtners Peter Marstrand und seiner Frau Antonie Theresia Bernardina Marstrand, geb. Pech. Die zwei Jahre jüngere Schwester Maria Antonia wurde ebenfalls Pianistin. Den ersten Musikunterricht erhielt Wilhelmine Marstrand durch den fürstlichen fürstenbergischen Kammermusiker Nepomuk Wagner und ihren Taufpaten, den Violoncellisten Leopold Böhm.

 
 

1855 zog die Familie nach Konstanz, wo Wilhelmine von dem Musikdirektor und Organisten Carl Ferdinand Schmalholz weiter ausgebildet wurde. Im Oktober 1859 trat sie mit 16 Jahren in das neu gegründete Stuttgarter Konservatorium ein. Dort wurde sie von dem Klavierlehrer Sigmund Lebert unterrichtet und später von Dionys Pruckner im höheren Solospiel ausgebildet. 1864 beendete Wilhelmine ihre Studien am Stuttgarter Konservatorium und gab zusammen mit → Anna Mehlig ein Abschlusskonzert, in dem sie das Trio in Es-Dur von Schubert und Beethovens Sonate d-Moll („Der Sturm“, op. 31 Nr. 2) erfolgreich vortrug. Anschließend zog Wilhelmine Marstrand nach Hannover. Von dort aus bereiste sie viele Städte im Süden und Osten des deutschsprachigen Raumes. Sie gab Konzerte in Frankfurt am Main, Stuttgart, Mannheim, Karlsruhe, Pforzheim, Augsburg, München, Leipzig (im Gewandhaus), Dresden, Braunschweig, Osnabrück und in Hannover selbst.

 
 

Ihre Konzerte wurden unterschiedlich aufgenommen. Nach einem Auftritt in Frankfurt a. M. wird sie als „fertige, vielseitige Pianistin“ (AmZ 1865, S. 427) bezeichnet, doch nach einem Konzert in Hannover beschreibt eine Rezension ihr Spiel als „recht correct, aber weiblich unselbstständig; es fehlt ihr noch der belebende Geist“ (Signale 1866, S. 938). Der Konsens aller Konzertkritiken deutet darauf hin, dass sie schon früh eine gut ausgebildete Spieltechnik besaß, jedoch manchmal noch Schwierigkeiten mit dem gefühlvollen, ausdrucksstarken Spiel hatte. Im Leipziger Gewandhaus hatte sie einen besonders schweren Stand, da sie dort mit Schumanns Klavierkonzert auftrat und so umgehend den Vergleich mit der gefeierten → Clara Schumann provozierte.

 
 

Die Routine vieler öffentlicher Auftritte verbesserte jedoch Wilhelmine Marstrands Klavierspiel, wie man an einer Konzertkritik von 1868 erkennt: „Zeigte ihr vorjähriges Auftreten bei uns noch eine gewisse Befangenheit, welche der freien, correcten Ausführung schwieriger Passagen hemmend im Wege stand, den künstlerischen Ausdruck im Vortrag wesentlich beeinträchtigte, so müssen wir, nachdem wir sie jetzt wieder gehört, bekennen, daß sie nach beiden Richtungen hin seit einem Jahr erhebliche Fortschritte gemacht hat. In das von verschiedenen Seiten her über ihr Spiel laut gewordene absprechende Urtheil können wir nicht mit einstimmen, denn wir haben in ihr eine talentvolle, strebsame Künstlerin erkannt, die ihre Kunst von der ernsten Seite auffaßt“ (NZfM 1868 I, S. 42).

 
 

1867 verlobte sie sich in München mit dem Historienmaler Horace Jantzen. Zu einer Heirat ist es jedoch nie gekommen.

 
 

Nachdem sie vier Jahre als Virtuosin gearbeitet hatte, entschloss sie sich, den beruflichen Schwerpunkt stärker auf das Unterrichten zu verlagern. Im Nov. 1868 ließ Wilhelmine Marstrand sich in Hamburg nieder. Sie wohnte dort mit ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Maria zusammen, von der sie bei mindestens einem Konzert in Hamburg (1878) unterstützt wurde. Nachdem Wilhelmine ihre erste Soirée in Hamburg gegeben hatte, wurde sie sehr positiv von der Presse eingeführt: „Wir begrüßen in ihr eine Clavierspielerin von echtem Schrot und Korn, die ganz Bedeutendes leistet. Sehr gediegene Technik, die nichts zu wünschen übrig lässt, markiger voller Anschlag, geschmackvolle Auffassungsweise und eine bewunderungswürdige Ausdauer machen sie zu einer sehr acceptabelen Künstlerin“ (Signale 1869, S. 343). Ihr erster Auftritt in der Hamburger Philharmonie fand im November 1869 mit Johann Nepomuk Hummels Klavierkonzert h-Moll op. 89 statt. Auch dieser Auftritt wurde von Publikum und Presse mit großem Beifall aufgenommen. In den Jahren 1871 bis 1874 gab sie regelmäßige Kammermusikkonzerte zusammen mit dem Violoncellisten Friedrich Marwege. Unter dem Titel „Historische Kammermusik“ umfassten die Programme viele bekannte Werke von Bach bis zu zeitgenössischen Komponisten in historischer Abfolge geordnet.

 
 

Von 1877 bis 1895 war Wilhelmine Marstrand alleinige Veranstalterin von Kammermusiksoiréen, zu denen sie die Mitwirkenden engagierte. Anfänglich handelte es sich dabei um Friedrich Marwege (Violoncello) und Carl Louis Bargheer (Violine), später kamen Henry Schradieck, Ottokar Kopecky (Violine), Magnus Klietz und Albert Gowa (Violoncello) hinzu. Damit prägte sie das Hamburger Musikleben als eigenständige Künstlerin, die stolz auf ihre Unabhängigkeit war: „Ich bitte recht sehr nicht unerwähnt zu lassen, daß ich viele Jahre selbstständige Concerte gab; denn es ist für den ausübenden Künstler ein großer Unterschied ob man nur i. anderen Concerten mitwirkt oder ob man regelmäßige gut abonnirte eigene Concerte gibt, die Jahre lang einen sogenannten ‚eisernen Bestandteil‘ des Hamburger Concert-Repertoires bildeten“ (Marstrand, Aufzählung der „zur Aufführung gebrachten Kammermusikwerke in Hamburg“).

 
 

Ab Oktober 1883 unterrichtete sie am Hamburger Konservatorium und erarbeitete sich den Ruf einer guten Klavierlehrerin: „Eine durch und durch musikalische Natur, besaß sie außer einem seltenen Lehrtalent die große Gabe, die Individualität ihrer Schüler sofort zu erkennen und weiter zu bilden“ (Hamburgischer Correspondent vom 19. Aug. 1903, Nachruf).

 
 

Sie starb unerwartet in Spiez am Thuner See, wo sie Erholung von einem langjährigen Leiden suchte. Trotz gesundheitlicher Probleme spielte sie bis kurz vor ihrem Tod. In ihrer Grabrede hieß es: „Wilhelmine Marstrand war eine echte Musiker-Natur, durchdrungen von heiligem Ernst und künstlerischer Strenge gegen sich selbst. Wenn sie am Klavier saß, schienen alle körperlichen Schmerzen von ihr genommen“ (Hamburgischer Correspondent vom 11. März 1904, Tages-Neuigkeiten).

 

 

 
LITERATUR
 

Wilhelmine Marstrand, Postkarte an Fräulein Clara Mutz, Hamburg, 15. Sep. 1891, 1 e. Pk. Handschriftenkatalog HANS der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Inventarnummer: 1922.4709w

 

Wilhelmine Marstrand, Aufzählung der „zur Aufführung gebrachten Kammermusikwerke in Hamburg“ (1869-1899), Handschriftenkatalog HANS der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg, Inventarnummer: Alt Bstd. 119

 

Kirchenbücher der Pfarrei Donaueschingen, Erzbischöfliches Archiv Freiburg (Taufe von Antonie Leopoldine Wilhelmine Marstrand)

 

AmZ 1865, Sp. 154, 427; 1866, Sp. 395; 1867, Sp. 8, 163, 235, 362; 1868, Sp. 46, 132, 214; 1879, Sp. 478; 1882, Sp. 392.

 

BioNekro 1903, S. 74

 

Bock 1866, S. 391; 1867, S. 342, 359; 1868, S. 353; 1869, S. 74, 370; 1870, S. 24; 1871, S. 359, 398; 1872, S. 389; 1873, S. 38, 151; 1874, S. 55; 1890, S. 85; 1895, S. 58.

 

Frankfurter Nachrichten 1865, S. 275, 298

 

FritschMW 1895, S. 236

 

Hamburgischer Correspondent vom 11. März 1904, Abend-Ausgabe (Tages-Neuigkeiten); 19. Aug. 1903, Morgen-Ausgabe (Nachruf)

 

Monatshefte für Musik-Geschichte 1904, S. 125

 

Monatsschrift für Theater und Musik 1865, S. 254

 

NZfM 1864 II, S. 416f.; 1865 I, S. 33, 209; 1865 II, S. 236, 273; 1866 I, S. 168; 1867 I, S. 41f., 147, 154, 162; 1867 II, S. 379, 399, 408, 426, 445; 1868 I, S. 41f.; 1868 II, S. 378, 406; 1870 I, S. 50, 59; II, S. 361; 1872 II, S. 448; 1874 I, S. 50, 74, 194, 235; 1883 I, S. 78; 1890 I, S. 255; 1892 I, S. 70

 

Signale 1864, S. 768; 1866, S. 758, 880, 912, 938f.; 1867, S. 225, 247, 352, 396, 677, 822, 860, 873, 902; 1869, S. 343, 494, 950, 971; 1871, S. 869; 1872, S. 53; 1873, S. 404; 1874, S. 373; 1878, S. 277; 1879, S. 358; 1882, S. 212; 1883, S. 56, 184, 252, 388; 1884, S. 180; 1885, S. 22, 358; 1887, S. 148, 359, 1060; 1888, S. 342; 1889, S. 341, 499; 1890, S. 35f.; 1892, S. 120, 420; 1895, S. 196f.

 

Riemann 7, Altmann

 

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1972.

 

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona und Leipzig 1890.

 

Kurt Hofmann, Johannes Brahms in den Erinnerungen von Richard Barth. Barths Wirken in Hamburg, Hamburg 1979.

 

Rita Bake/Britta Reimers, Stadt der toten Frauen. Frauenportraits und Lebensbilder vom Friedhof Hamburg Ohlsdorf, Hamburg 21997.

 
 

Nomi Helfensteller

 
   
   
   
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