Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Brennerberg, Irene (Rosa) von

* 14. März 1873 in Kronstadt (Siebenbürgen, heute Brașov/Rumänien), † 1. Okt. 1922 ebd., Violinistin und Violinlehrerin. Sie war die Tochter des Kronstädter Bürgermeisters Franz von Brennerberg (1833—1900) und seiner Frau Josephine geb. Dück und wuchs mit zwei Schwestern auf, die ebenfalls Streichinstrumente spielten: Josefine war Bratscherin und Viktoria Cellistin. Irene wurde zunächst von dem Kronstädter Musikdirektor, Stadtkapellmeister und Gründer der Kronstädter Philharmonischen Gesellschaft Anton Brandner (1840—1900) sowie dem Organisten und Komponisten Rudolf Lassel (1861—1918) unterrichtet und trat bereits neunjährig mit dem 7. Violinkonzert von Charles-Auguste de Bériot öffentlich auf. 1886 bis 1889 setzte sie ihre Ausbildung am Konservatorium in Wien bei Jakob Grün (1837—1916) fort und schloss ihr Studium in Paris bei Martin Marsick (1847—1924) ab.

Ab 1890 ist eine regelmäßige Konzerttätigkeit nachweisbar, die sich neben ihrer Heimatstadt auf Wien und Berlin konzentrierte. Weitere Auftrittsorte waren Karlsbad (1890), Paris (1891, 1892), Budapest (1891, Wintersaison 1892/93), Bukarest (1891), Chemnitz (1893), Dresden (1894), München (1896), Oxford und London (1898), Leipzig, Güstrow und Stuttgart (1899) sowie Baden-Baden (1900). Schon der 17-Jährigen wurden nach dem Karlsbader Konzert in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ „bedeutende Technik, tiefes Verständnis und schöne Vortragsweise“ (NZfM 1890, S. 381) bescheinigt. Nach ihrem ersten Auftritt in Berlin am 27. Dez. 1890 stellte der Kritiker der „Signale für die musikalische Welt“ fest: „Die Vorzüge der Pariser Schule traten in ihrem Spiel unverkennbar zu Tage. Mit ebenso eleganter wie sicherer Technik trug sie das Hauptstück ihres Programms, Mendelssohn’s Violinconcert, vor“ (Signale 1891, S. 57). Der Rezensent der „Neuen Berliner Musikzeitung“ war von demselben Auftritt, bei dem die Musikerin auch die Fantasie über Themen aus Gounods Faust op. 20 von Henri Wieniawski und Zigeunerweisen op. 20 von Pablo Sarasate vortrug, weniger überzeugt: „Technisch ist die Dame interessanter, als nach der musikalischen Seite hin; sie behandelte selbst die Mendelssohn’sche Musik wie einen Etüdenstoff und glaubte dieselbe um so schöner zu spielen, je schneller sie das Tempo nahm“ (Bock 1891, S. 13). Derartige Kritik blieb aber die Ausnahme, stattdessen werden „a warm singing tone with excellent execution“ (Musical Standard 1893 I, S. 193), „freedom of bowing, good phrasing, and musical feeling“ (MusT 1898, S. 533), „bedeutende Finger- und Bogentechnik, voller Ton, große Reinheit der Intonation und durchaus künstlerisch feingearteter Vortrag“ (Signale 1899, S. 931), „großer, seelenvoller Ton, reine Intonation und sichere Technik“ (NZfM 1900, S. 72) gelobt. Eine ausführliche Würdigung erfuhr sie nach einem Konzert in Leipzig am 14. Jan. 1899: „In der Person des Fräulein von Brennerberg lernten wir eine hervorragende Geigenkünstlerin kennen. Ihr Ton ist für eine Dame ungewöhnlich groß, doch von der anderen Seite wiederum von schöner Weichheit, ihre Finger- und Bogentechnik eminent, die Reinheit der Intonation unanfechtbar, die Sicherheit und Correctheit im Passagenspiel außerordentlich, und der Vortrag endlich musikalisch intelligent und empfindungswarm“ (Signale 1899, S. 99).

1896 ließ sich die Musikerin in Berlin nieder, wo sie schon 1898 „zu den fast alljährlich auftretenden Concertgästen“ (Signale 1898, S. 329) zählte und seit 1891 mit Gastspielen in der Singakademie, im Königlichen Opernhaus, im Bechsteinsaal, im Beethovensaal und in der Philharmonie Erfolge gefeiert hatte. 1902 war sie in Posen zu hören, in der Saison 1902/03 in Breslau. Am 18. März 1908 schloss sie eine Konzerttournee durch Österreich-Ungarn mit einem Auftritt vor Königin Elisabeth von Rumänien (Carmen Sylva) in Bukarest ab, 1909 konzertierte sie in Kassel, 1917 nochmals in Berlin.

Irene von Brennerbergs Repertoire bestand aus Violinkonzerten von Beethoven, Spohr, Mendelssohn, Henri Vieuxtemps, Henri Wieniawski und Bruch. Hinzu kamen Solo-Kompositionen von Joh. Seb. Bach, Wilhelm Taubert, Antonio Bazzini, Vieuxtemps, Anton Rubinstein, Pablo de Sarasate, Fauré, Franz Ries, Martin Marsick, Jenő Hubay, Girolamo de Angelis und Maurice Hayot.

Die Musikerin scheint sich von 1908 an vor allem dem „Violin- und Ensemble-Unterricht“ gewidmet zu haben (Anzeigen im Klavier-Lehrer 1908, S. 79, 111, 207). Sie unterrichtete am Klindworth-Scharwenka-Konservatorium, am Viktoria-Luise-Konservatorium (Leitung Alfred Schmidt-Badekow) und an der Königin-Luise-Stiftung, einem Berliner Mädchen-Internat. Beim 4. Musikpädagogischen Kongress vom 8. bis 11. Juni 1908 in Berlin legte sie einen „Entwurf zu einem auf drei Jahre berechneten Lehrplan für die ‚Methodik des Violinunterrichts‘“ vor (Der Klavier-Lehrer 1908, S. 243).

Das Lexikon „Siebenbürger Sachsen“ enthält weitergehende Informationen: „In den Sommermonaten hielt sie sich für gewöhnlich in Sb. [Siebenbürgen] auf, gab dort Konzerte und trat auch wiederholt als Gastsolistin der Kronstädter Philharmonischen Gesellschaft auf, deren Ehrenmitglied sie 1898 wurde. Während des Krieges (1916—1918) und auch danach gab sie Wohltätigkeitskonzerte zugunsten der Kriegsopfer. 1920 erlitt sie während eines Konzertes eine Lähmung und zog sich darauf in ihre Heimatstadt zurück“ (Art. „Brennerberg, Irene“).

 

Irene von Brennerberg, Photographie von Leopold Adler 1892.

 

LITERATUR

Berliner Adressbücher 1909 bis 1912

Athenæum 1898 II, S. 107

Bock 1891, S. 13; 1893, S. 179; 1894, S. 112

 

FritzschMW  1899, S. 653; 1906, S. 402, 427, 665

 

Der Klavier-Lehrer 1908, S. 79, 111, 153, 207, 243

 

Magazine of Music 1891, S. 16

 

Musical Standard 1893 I, S. 193; 1898 II, S. 29

Die Musik 1902/03 I, S. 392; 1904/05 III, S. 58; 1907/08 I, S. 312, 379; 1908/09 I, S. 309; 1908/09 III, S. 186

Musikpädagogische Blätter 1917, S. 41, 55

MusT 1898, S. 533

Neue Musik-Zeitung 1896, S. 239

 

NZfM 1890, S. 366, 381; 1891, S. 461; 1893, S. 140, 544f.; 1898, S. 209f.; 1899, S. 9f., 190, 409, 501, 520; 1900, S. 72,241

Österreichische Musik- und Theaterzeitung Sept. 1892, S. 1f. 

 

Signale 1891, S. 57, 210; 1892, S. 87, 146; 1893, S. 377, 395; 1894, S. 1012; 1895, S. 137, 152; 1896, S. 118, 509; 1897, S. 100, 249; 1898, S. 276, 329; 1899, S. 99, 200, 329931, 932; 1900, S. 139

Violin Times 1903, S. 147

Zeitschrift der Internationalen Musikgesellschaft 1902/03, S. 401; 1903/04, S. 73

Frank/Altmann, DBE

Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900 (Art. „Musikerinnen“).

Franz Neubert, Deutsches Zeitgenossenlexikon. Biographisches Handbuch deutscher Männer und Frauen der Gegenwart, Leipzig 1905.

Die Siebenbürger Sachsen. Lexikon. Geschichte, Kultur, Zivilisation, Wissenschaften, Wirtschaft, Lebensraum Siebenbürgen (Transsilvanien), hrsg. von Walter Myß, Innsbruck 1993 (Art. „Brandner, Anton“, u. „Brennerberg, Irene“).


Richard Stern, Was muss der Musikstudierende von Berlin wissen?, Berlin 1909, 1914.

Richard von Perger u. Robert Hirschfeld, Geschichte der k. k. Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Wien 1912.

Friedrich Jansa, Deutsche Tonkünstler und Musiker in Wort und Bild, Leipzig 21911.

Robert Rohr, Unser klingendes Erbe. Beiträge zur Musikgeschichte der Deutschen und ihrer Nachbarn in und aus Südosteuropa unter besonderer Berücksichtigung der Donauschwaben. Von den Anfängen bis 1918, Passau 1988.

Wolfgang Sand, Kronstadt. Das Musikleben einer multiethnischen Stadt bis zum Ende des Habsburgerreiches, Kludenbach 2004.

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt [a. M.], http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/frontdoor.php?source_opus=7810631&la=de, Zugriff am 17. Okt. 2012.

 

Freia Hoffmann

 

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