Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

GrünnerGrüner, Gruner, Marie, verh. Grünner-Messerschmidt

* 1847 in Wien, † 15. Okt. 1895 ebd., Violinistin. Marie Grünner war die Tochter des Sängers Anton Grünner sowie eine Cousine des Wiener Volksmusikers Johann Schrammel.

Erste Belege für eine Konzerttätigkeit Marie Grünners stammen aus dem Jahr 1869. In diesem Jahr trat die Violinistin mehrfach als Solistin in Konzerten des „Ersten Europäischen Damenorchesters“ unter der Leitung von Josephine Weinlich in Erscheinung, u. a. am 7. Sept. in Augsburg und am 15. Sept. in Nürnberg. Sie spielte in diesen Konzerten ein Impromptu von J. Durst sowie Le Rêve. Szene für Violine und Klavier von Alexandre-Joseph Artôt.

Dem „Fränkischen Kurier“ zufolge war sie als „erste Violinistin“ (Fränkischer Kurier 1869, Sept.) engagiert, die„sich auch als sehr gewandte, sichere Solospielerin“ (ebd.) gezeigt hat. 1870 reiste Marie Grünner mit dem Orchester nach Salzburg. Nach einem Konzert am 17. Aug. schreibt ein Rezensent des „Grenzboten“: „Die Violinistin Fräulein Marie Grüner hat [...] durch ihre conzertirenden Solovorträge [...] in Salzburg einen so ausgezeichneten Erfolg und die Anerkennung von Musikern in so hohem Grade errungen, daß man fast zu dem Wunsche hingerissen würde: es möge dem hiesigen Mozarteum gelingen, für die eben vakante Konzertmeisterstelle diese Virtuosin [zu] erwerben, wodurch uns die anmutige Künstlerin dauernd in Salzburg erhalten werde. Wenn dieser wirklich hinreißenden Solospielerin, die übrigens auch im Orchester mit der Fülle ihres Tones durchdringt, auch kaum jene materielle Entlohnung geboten werden könnte, die ihr gegenwärtig zu Theil wird, so ließe sich doch erwarten, daß die Künstlerin die ehrenvolle Stellung auch in die Wagschale legen und in Anrechnung bringen würde. Damen sind in ihren Gageanforderungen, mit Ausnahme der großen Sängerinen [sic], in der Regel bescheidener und es wäre möglich, daß eine selbst tüchtige Violinistin sich mit einer Gage begnügen würde, die an einem großen Orchester der Paukist bezieht, wenn ihr der schmeichelhafte Titel einer ‚Konzertmeisterin‘ in Aussicht stände. Uebrigens soll Fräulein Grüner […] katholischer Religion sein und würde somit ihre Verwendung auch im figurirten Kirchenmusikdienste des Domes auf kein Hinderniß stoßen“ (Der Grenzbote 1870, S. 313).

Anfang der 1870er Jahre heiratete Marie Grünner den Komponisten Ludwig Messerschmidt und gründete anschließend ein allein aus Frauen bestehendes Instrumentalensemble, das unter dem Namen „Erste Wiener Damencapelle“ auftrat. Im Febr. 1874 berichtet der „Musical Standard“: „A rage for female instrumentalists seems likely to set in. A trio of ladys has come out at Vienna, and another orchestra of women at Berlin. The directress of this last is Madame Messerschmidt-Gruner“ (The Musical Standard 1874 I, S. 88). In Wien gab es zu dieser Zeit einige solcher Damenkapellen, die sich „großer Beliebtheit erfreuten“ (Weber 2006, S. 251) und regelmäßig in den Praterlokalen auftraten. Auch die Damenkapelle von Marie Messerschmidt-Grüner war häufig in dem Praterlokal Prohaska zu hören. Bis in die 1890er Jahre soll das Ensemble den „Signalen für die musikalische Welt“ zufolge „alle Hauptstädte Europa’s besucht“ (Signale 1895, S. 807) haben.

Von Febr. bis Mai 1889 nahm Marie Messerschmidt-Grünner für ihr Ensemble ein Engagement in Amsterdam an. In dieser Zeit spielte die „Wiener Damencapelle“ jeden Abend, samstags und sonntags zudem im Rahmen einer Matinée in dem Nederlandsch Panopticum. Nach viermonatiger Konzerttätigkeit veröffentlichte Marie Messerschmidt-Grünner einen Dank in dem „Algemeen Handelsblad“: „Gevoelig voor de vele bewijzen van sympathie, welke de bezoekers van het Nederlandsch Panopticum ons gedurende ons verblijf zoowel als met ons vertrek geleverd hebben, betuigen wij onzen hartelijken dank en roepen U een vaarwel en tot weerziens toe“(„Gerührt von den vielen Beweisen von Sympathie, welche die Besucher des Nederlandsch Panopticums uns während unseres Aufenthalts sowie bei unserer Abfahrt bekundet haben, sagen wir unseren herzlichen Dank und rufen Ihnen ein Lebewohl und auf Wiedersehen zu“, Algemeen Handelsblad 2. Juni 1889).

Im Juni 1889 befand sich die Violinistin mit ihrem Ensemble in Barn/Utrecht. Im Café Sanatorium veranstaltete sie mit den Musikerinnen am 9. Juni ein Konzert und am 10. Juni zwei Konzerte. 1890, 1892 und 1893 konzertierte die „Wiener Damencaplle“ wiederholt in den Niederlanden. Für März 1893 sind einige Auftritte im Rotterdammer Café Pschorr belegt. Aus den Programmen geht hervor, dass Marie Messerschmidt-Grünner in den Konzerten des Orchesters auch solistisch in Erscheinung getreten ist. Sie spielte unter anderem La Mélancolie von Hellmesberger sowie eine Komposition von Vieuxtemps.

Nach dem Tod der Violinistin übernahm ihr Ehemann die Leitung der „Wiener Damencapelle“, die, bestehend aus sieben Damen und drei Herren, u. a. 1898 in Skandinavien konzertierte.

 

LITERATUR

Aftonposten (Helsinki), 4. Febr. 1898

Algemeen Handelsblad 1889, 1., 2., 5., 6., 7., 16., 17., 21., 22., 23., 27. Febr., 3., 5., 6., 7., 8., 10., 13., 14., 15., 16., 17., 22., 23., 24. 27., 28., 29., 30., 31. März, 2., 4., 5., 6., 9., 10., 11., 13., 14., 16., 17., 19., 20., 25., 28., 30. Apr., 1., 2., 3., 4., 5., 7., 8., 9., 12., 14., 16., 17., 18., 21., 23., 24., 28., 30. Mai; 1890, 18. Apr.; 1892, 23. Nov.

Augsburger Tagblatt 7. Sept. 1869

Fränkischer Kurier 1869 (Sept.)

FritzschMW 1874, S. 51; 1895, S. 589


Der Grenzbote 1870, S. 313

Monatshefte für Musikgeschichte 1896, Nr. 8, 28. Jg., S. 99 

The Musical Guide 1903, S. 630

The Musical Standard 1874 I, S. 88

MusT 1895, S. 836

Nieuwe Amsterdamsche Courant. Algemeen Handelsblad 1889, 3. Mai, 2. Juni; 1895, 22. Okt.

Nieuwe Tilburgsche Courant 22. Mai 1892

Het nieuwes van den Dag. Kleine Courant 1889, 15. Mai, 10. Juni, 3. Sept.; 1892, 24. Nov.

Nürnberger Anzeiger 15. Sept. 1869

Rotterdamsch Nieuwsblad 1893, 2., 3., 4., 10., 17., 24. 30.

Signale 1895, S. 807

Baker, Hixon

Margaret Myers, Blowing her own trumpet. European Ladies’ Orchestras and Other Women Musicians 1870-1950 in Sweden, Göteborg 1993.

Ernst Weber, „Schene Liada – Harbe Tanz: Die instrumentale Volksmusik und das Wienerlied“, in: Wien. Musikgeschichte. Volksmusik und Wienerlied (= Geschichte der Stadt Wien, hrsg. vom Verein für Geschichte der Stadt Wien 6, Teil 1), hrsg. von Elisabeth Theresia Fritz u. Helmut Kretschmer, Wien 2006. S. 149—456.

 

Annkatrin Babbe

 

© 2012 Freia Hoffmann