Jahresbericht 2014

Der diesjährige Jahresbericht beginnt zur Abwechslung nicht mit einem Gartenbild, sondern mit der Erinnerung an einen schönen Besuch: Sophie Prins-Gapinski und ihr Mann Tadeusz Gapinski waren am 27. April 2014 im Institut, um weitere Einzelheiten über die Biographie von Sophies Ururgroßmutter zu erfahren.

Unser Lexikon-Artikel über Fanny Prins-Clauss hatte der Familie zum ersten Mal vermittelt, welche hochinteressanten musikalischen Aktivitäten sich in deren Umkreis befanden. Bekannt war selbstverständlich, dass der Ururgroßvater Pierre-Ernest Prins (1848–1913), ein enger Freund Edouard Manets, zu seiner Zeit ein bekannter Maler und Bildhauer war. Seine Frau Fanny war als Kind 1857 mit ihren Schwestern in einem Streichquartett aufgetreten – unseres Wissens eines der frühesten Beispiele für „weibliche“ Streichquartette. Nach einer Ausbildung am Pariser Konservatorium starteten Jenny und Fanny Prins eine professionelle Karriere, die im Fall von Jenny Prins zu Konzertreisen bis nach Australien, Neuseeland, Ostasien und in die USA führte. Näheres können Sie in unserem einschlägigen Lexikonartikel nachlesen – der übrigens durch etliche Details aus der Familienforschung von Sophie Prins-Gapinski noch angereichert und präzisiert werden konnte.

 

Neues aus dem Alltag

 Am 1. März blickte das Sophie Drinker Institut auf die ersten zwölf Jahre seines Bestehens zurück. Passend zu diesem „vollen Dutzend“ prall gefüllter Arbeitsjahre kam eine Anfrage der Zeitschrift „Forum Musikbibliothek“ mit der Bitte um ein Porträt. Der entsprechende Text ist im Juli-Heft 2014 (S. 52–55) erschienen und trägt den programmatischen Titel „Von der Freude des freien Forschens“.  Die haben wir seit 2002 täglich – und sie wird uns aller Voraussicht nach so schnell auch nicht verlassen.

 

Nach wie vor besteht ein reger Austausch zwischen AutorInnen und NutzerInnen unseres Lexikons. KollegInnen aus Musikwissenschaft und Familienforschung beliefern uns mit Daten, geben uns Hinweise und manchmal auch Rechercheaufträge. Nachdem uns Claus-Christian Schuster, Pianist des Altenberg-Trios, im Oktober wichtige („unglaubliche“) Ergänzungen zum Artikel über die Geigerin Marguerite Pommereul geliefert hatte, schrieb er zurück: „Unglaublich‘ sind die paar Kieselsteinchen, über die ich da gestolpert bin, durchaus nicht – aber wirklich unglaublich und bewundernswert ist die hingebungsvolle, sachliche und geduldige Arbeit, die Sie und Ihr Team seit Jahren zu unser aller Nutzen und Freude leisten“.

Das tut doch mal gut.

Gut getan hat uns auch die Idee von Andreas Pegler, uns zwei großformatige Fotos von Musikerinnen aus Familienbesitz zu schenken, darunter eines von der Geigerin Gabriele Wietrowetz, das unseres Wissens sonst nirgendwo veröffentlicht ist. Herzlichen Dank!

 

Die im vorigen Jahresbericht angekündigten Buchveröffentlichungen lassen auf sich warten: Eine Aufsatzsammlung über „Musikerinnen und ihre Netzwerke im 19. Jahrhundert“ litt unter säumigen AutorInnen, und zwei VerfasserInnen von Monographien können anscheinend ihre Texte nicht recht in die Öffentlichkeit entlassen... Im nächsten Jahr wird aber alles nachgeholt und erscheint – das können wir schon verraten – in neuem Gewand. Unsere Haus-Grafikerin Marta Daul hat ein neues Buch-Cover entworfen, das wieder in verschiedenen Farbstellungen realisiert werden kann.

 

Nach mehrmonatiger Arbeit unseres Internet-Spezialisten Jann-Hendrik Meyer ist im November unsere neue Homepage freigeschaltet worden. Wir bedanken uns sehr herzlich für seine geduldige und – wie wir finden – wunderbare Arbeit. Das neue Outfit vermittelt auch denjenigen, die unser Institut noch nicht besucht haben, einen Eindruck von Haus und Räumlichkeiten. Und die Seite ist nun schneller und in verschiedener Hinsicht praktikabler geworden. Die Suchfunktionen (Seite insgesamt und Instrumentalistinnen-Lexikon) sind jetzt getrennt, was vor allem gezielte Fragestellungen im Lexikon erlaubt. Neu ist die Rubrik „Neuigkeiten“ auf der Startseite. Wer Lust hat, kann sich also schon vor Erscheinen des Jahresberichts über unsere Aktivitäten informieren.

 

Veranstaltungen

Am 10. Januar reisten Volker Timmermann und Freia Hoffmann nach Leipzig, um auf Einladung von Martina Sichardt, Prof. für Musikwissenschaft am Institut für Musikpädagogik an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“, ihr Buch „Quellen zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert“ (Hildesheim 2013) vorzustellen.

Am 12. Februar sendete der Südwestrundfunk ein einstündiges Feature über die Tagebücher der reisenden Musikerin Marie Stütz von Dorothee Riemer. Monika Tibbe hatte die Tagebücher in der Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts veröffentlicht und kommentiert (Bd. 9). Besonders schön war die Anreicherung der Texte durch Musik von Johann Strauß, Antonin Dvořák, Franz von Suppé, Friedrich von Flotow und anderen.

Samstag, 1. März fand das Kolloquium für DoktorandInnen mit Annkatrin Babbe, Babette Dorn, Heike Frey und Dieter Nolden statt.

Samstag, 28. März: Unsere Buchvorstellung im Institut „Quellen zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert“ (Timmermann/Hoffmann) verbanden wir mit einem Konzert der Violoncellistin Katharina Deserno und des Pianisten Nenad Lečić aus Köln.

 Zur Aufführung kamen:

Sophie Seibt, Romanze op. 1 C-Dur

Felix Mendelssohn-Bartholdy, Romance sans paroles op. 109 (Lise Cristiani gewidmet)

 Alexander Grečaninov, Sonate op. 113

 Sergej Rachmaninov, Sonate op. 19 g-Moll

 

 

Aufschlussreich und amüsant war, wie Katharina Deserno die Möglichkeiten der Spielhaltung demonstrierte, die eine Violoncellistin im 19. Jahrhundert hatte – einschließlich der Wirkungen auf die Tongebung. Auf dem Bild sehen wir sie mit einem Schemelchen, das beispielsweise auf einer Darstellung der englischen Gambistin Ann Ford (1737–1824) zu sehen ist (siehe den entsprechenden Artikel).

 

 

Am 3. Mai gingen Volker Timmermann und Freia Hoffmann wieder auf Lesereise, diesmal nach Luxembourg. Daniele Roster hatte für diese Veranstaltung eine Reihe jugendlicher InstrumentalistInnen gewonnen, die die Lesung aus „Quellen zur Geschichte der Instrumentalistin“ mit Werken von Komponistinnen umrahmten. Es erwartete uns ein zahlreiches, rege diskutierendes Publikum, anschließend waren wir zur Besichtigung in der eindrucksvollen Bibliothek des CID Femmes und zum Essen eingeladen. Auch auf diesem Weg nochmal unseren herzlichsten Dank für dieses schöne Erlebnis, das wir – einschließlich der Stadtbesichtigung am folgenden Tag – in lebendiger Erinnerung behalten!

Es folgte eine weniger erfreuliche, aber immer noch aktuelle Thematik: 2006 hatte das Sophie Drinker Institut mit dem Buch „Panische Gefühle. Sexuelle Übergriffe im Instrumentalunterricht“ den Blick auf eine Seite der Musikpraxis geworfen, die in den kommenden Jahren durch Medienberichte wenigstens teilweise enttabuisiert wurde. Die Vorkommnisse in der katholischen Kirche, in der Odenwaldschule und die Enthüllungen über Politiker haben gezeigt, dass sich Institutionen auch präventiv mit diesem Thema beschäftigen sollten. Musikschulen machen nun den Anfang. Freia Hoffmann und Diplom-Psych. Monika Holzbecher (die in „Panische Gefühle“ die Fallbeispiele einfühlsam und klug kommentiert hatte) bieten schulinterne ganztägige Fortbildungen für Lehrkräfte an.

Am 10. Mai waren wir in der Musikschule Bonn-Bad Godesberg.

Am 30 August folgte eine Fortbildung in der Musikschule Bergisch Gladbach.

Am 10. Oktober hat mit der Universität Mozarteum Salzburg erstmals auch eine Musikhochschule eine solche Fortbildung gebucht, und zwar auf Initiative von Univ. Prof. Mag. Dr. Maria Nussbaumer-Eibensteiner, der Vorsitzenden des Arbeitskreises für Gleichbehandlungsfragen. Hier waren nicht nur Lehrende AdressatInnen, sondern auch Studierende. Damit hatten wir es auch mit (potentiell) Betroffenen zu tun, und es war aufschlussreich, wie aktuell das Thema allerorten noch ist und wie schwierig es offenbar für Studierende ist, sich rechtzeitig und wirksam zu wehren.

Am 15. November hatten wir wieder den Bariton Joscha Zmarzlik zu Gast, der mit seinem Klavierbegleiter Denis Ivanov im vorigen November im Institut bereits Schuberts Winterreise aufgeführt hatte. Diesmal interpretierten sie Die schöne Müllerin, informativ angereichert durch Texte aus Briefen und Tagebüchern. Es waren wieder viele ZuhörerInnen da, die auch eine Weinprobe von Joschas Schwiegervater ausgiebig nutzten und sich über das Institut und seine Arbeit informierten.

 

Tagungen

  • 23. bis 25. Oktober „La condition féminine“: Deutschland und Frankreich im europäischen Vergleich, 19./20. Jahrhundert

Bei dieser Tagung des deutsch-französischen Historikerkomitees war das Sophie Drinker Institut durch Annkatrin Babbe und Volker Timmermann vertreten. Das Komitee versammelte in diesem Jahr in Grenoble angesehene deutsche und französische HistorikerInnen – darunter übrigens auch unsere Beirätin Prof. Dr. Ute Gerhard – , die aus vielerlei Blickwinkeln auf den umfassenden Themenkomplex schauten. Volker Timmermann und Annkatrin Babbe bildeten, zusammen mit unserer externen Mitarbeiterin Claudia Schweitzer, eine eher kleine musikwissenschaftliche Fraktion und steuerten zur binationalen Konferenz einen vergleichenden Beitrag zur Entwicklung der Professionalisierung von Musikerinnen in Salons in Frankreich und Deutschland bei. Jenseits eigener Beiträge sind solch fächerübergreifenden Veranstaltungen beste Gelegenheiten, über den eigenen thematischen Tellerrand zu schauen – schon daher hat sich die lange Reise sehr gelohnt!

 

  • 7. bis 9. November Konferenz im Kloster Michaelstein im Harz: „Vom Serpent zur Tuba. Entwicklung und Einsatz der tiefen Polsterzungen-Instrumente mit Grifflöchern und Ventilen“

Über „Entstellte Gesichter, aufgeblähte Backen und Ophikleidengeplärr. Die schwierigen Anfänge von Blechbläserinnen“ referierten Annkatrin Babbe und Freia Hoffmann bei dieser wissenschaftlichen Arbeitstagung mit Musikinstrumentenbau-Symposium. Unser Beitrag stieß beim Publikum, bestehend aus MusikwissenschaftlerInnen, MusikerInnen und InstrumentenbauerInnen, auf ausgesprochen offene und interessierte Ohren. Anschließende Diskussionen brachten weitere Impulse für unsere Arbeit, darunter den Hinweis von Prof. Dr. Christian Ahrens auf Wilhelmine Luisa Dinter, die 1801 das Amt einer Kalkantin der Gothaischen Hofkapelle versah. Das Ensemble Kosleck Brass aus Berlin spielte Arrangements zweier Gartenlieder von Fanny Hensel für Militärband, die zwischen 1866 und 1871 in den USA veröffentlicht wurden – ein schöner Beleg für die Ergiebigkeit der Verzahnung musikwissenschaftlicher und musikpraktischer Themen.

 

Emma Grosscurth und andere Liszt-Schülerinnen

Im Rahmen des Instrumentalistinnen-Lexikons haben wir zahlreiche Klavierschülerinnen von Franz Liszt erfasst. Eine davon ist die durch Wibke Gütays Artikel erstmals lexikalisch gewürdigte  Emma Grosscurth, später verheiratete Forkel. Von ihr, ihrer Schwester Lina und der Mutter Johanna bewahrt das Sophie Drinker Institut vier Mappen Briefe an die in Kassel lebende Familie aus den Jahren 1879 bis 1885 auf. Die Wiederentdeckung dieses hochspannenden Konvoluts und seine wissenschaftliche Auswertung liegen in den Händen von Kadja Grönke, die derzeit eine Internet-Publikation der Briefe und eine Buchpublikation zu den Schwestern und Liszts Weimarer Meisterkursen vorbereitet. Mit einem Stipendium der Klassik Stiftung Weimar hielt sie sich fast drei Monate lang in Weimar vor Ort auf und genoss dort nicht nur die unvergleichliche Arbeitsatmosphäre im Goethe- und Schiller-Archiv und in dem architektonisch einmaligen Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek, sondern auch die konstruktiven Besuche im Stadtarchiv und anderen Weimarer Sammlungen. Interesse und Hilfsbereitschaft vor Ort waren groß und erbrachten u. a. die Einladung zu einem öffentlichen Vortrag. Dass nebenbei noch viel Neues zu den Schwestern Anna und Helene Stahr und damit zu den Hauptakteurinnen der Weimarer Liszt-Verehrung „abfiel“, war ein hübscher Nebeneffekt.

 

Myriam Marbe

Zum Nachlass Myriam Marbes gibt es wenige, aber erfreuliche Neuigkeiten: Im Herbst wurden Dialogi – Nicht nur ein Bilderbuch für Christian Morgenstern (1989) und Haykus (1993/94) für eine CD mit Werken von Marbe, ihrer Schülerin Violeta Dinescu und deren Schüler Roberto Reale eingespielt. Am 17. Mai und am 18. Oktober hat der Komponist und Dirigent Jost Liebrecht, einst Assistent von Hans Werner Henze, mit dem Landesjugendensemble Neue Musik Berlin in zwei unterschiedlichen Programmen Sym-phonia (1996) aufgeführt: im Mai im Konzerthaus der Bundeshauptstadt und in Verbindung mit Musik von Isabel Mundry, Katia Tchemberdij und Mayako Kubo, im Oktober im Foyer der Deutschen Oper gemeinsam mit Werken von Juliane Klein und Sarah Nemtsov. Alle drei Projekte basierten auf den von uns ins Netz gestellten Materialien. Jost Liebrecht kam auch persönlich zu uns ins Sophie Drinker Institut und zeigte sich begeistert von dem auf unserer Homepage gebotenen Service. Das war uns Anlass genug, endlich dem Vorschlag von

Marbes Nachlassverwalter, Thomas Beimel, zu folgen und den englischsprachigen Wikipedia-Artikel mit unserem Link zu ergänzen – nun hoffen wir auf internationale Besucherströme...

 

Neu bei uns

Seit Oktober freuen wir uns über Luisa Klaus, die neben ihrem Masterstudium mit Hauptfach Blockflöte als Studentische Hilfskraft bei uns arbeitet. Obwohl wir natürlich bei einer so exzellenten Musikerin die Priorität der künstlerischen Praxis anerkennen müssen, ist doch auch eine musikwissenschaftliche Begabung unverkennbar. Die Konkurrenz mit einer beginnenden Solokarriere haben wir indessen bei unserer Hilfskraft Elisabeth Champollion nicht bestanden: Nachdem sie mit ihrem Boreas-Quartett beim Deutschen Musikwettbewerb im April 2014 in die Bundesauswahl Konzerte Junger Künstler gekommen ist, bleibt einfach nicht mehr genug Zeit fürs Institut. Schade, wir werden sie vermissen, ebenso wie Katja Franz, die sich im Mai 2014 wieder in Vollzeit ihrem Studium in Oldenburg zugewandt hat.

 

Langzeitwirkung

Zum Schluss ist noch nachzutragen, dass das Instrumentalistinnen-Lexikon seit 2012 in das elektronische Langzeitarchiv der Bayerischen Staatsbibliothek aufgenommen ist. „Aufgrund der Wissenschaftlichen Relevanz“ wird die BSB in regelmäßigen Abständen eine Kopie unserer Internetseite aufnehmen, dauerhaft aufbewahren und zur Nutzung bereit stellen. Sollten Migrationen in neuere Formate notwendig sein, werden entsprechende Langzeiterhaltungsmaßnahmen vorgenommen.

 

Mit dieser beruhigenden Perspektive verabschiede ich mich, nicht ohne allen internen und externen MitarbeiterInnen, dem Beirat, dem Institut für Musik und dem Bibliotheks- und Informationssystem an der Universität Oldenburg für ihr Engagement und ihre Unterstützung herzlich zu danken.

 

Ihre

 

 

Geschäftsführerin und Leiterin des                          Außer der Schleifmühle 28

Sophie Drinker Instituts                                            28203 Bremen

                                                                                  Tel. 0421/94 90 800

                                                                                  info@sophie-drinker-institut.de