Jahresbericht 2017

 

Vielleicht ist es Ihnen bei Besuchen oder Veranstaltungen im Sophie Drinker Institut schon  aufgefallen: Einige von uns sind große LiebhaberInnen von Orchideen. In den Büros kann man das ganze Jahr über mehr oder weniger unauffällige Exemplare „im Wartestand“ sehen, die aber – manchmal ganz überraschend – eine unglaubliche Blütenpracht entfalten. Zurzeit erfreut uns eine weiß und lila blühende Pflanze mit dem schönen Namen Miltonia (zu deutsch Veilchen-Orchidee), und im sogenannten Herrenzimmer blüht die lilafarbene Cattleya und duftet sogar. Beide ertragen tapfer die wechselnden Temperaturen und erwarten uns auch nach längeren Abwesenheiten mit vorbildlicher Geduld und freundlichen Gesichtern.

 

Auch das Institut blüht und gedeiht. Volker Timmermann ist seit August zweiter Geschäftsführer. Im Februar 2018 wird Christiane Barlag bei uns als Wissenschaftliche Mitarbeiterin anfangen und Jannis Wichmann sowie Johanna Imm ersetzen. Jannis ist durch seine Freundin nach Hamburg gelockt worden, bleibt uns aber als externer Mitarbeiter noch eine Weile erhalten. Johanna wechselte schon im Juni nach Detmold, wo sie nun bei Rebecca Grotjahn arbeitet.

 

Die verbleibenden Mitarbeiterinnen (außer den GeschäftsführerInnen sind es Dr. Kadja Grönke, Annkatrin Babbe und Luisa Klaus) sind nun – nachdem das Instrumentalistinnen-Lexikon im Wesentlichen abgeschlossen ist – hauptsächlich mit dem neuen Projekt „Geschichte der Konservatorien im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert“ beschäftigt. Seit September wird es von der Gerda Henkel Stiftung finanziell unterstützt, und mit dem neuen Geldsegen begann eine rege Reisetätigkeit: Annkatrin Babbe, die ihre Dissertation über die Violinausbildung im Wiener Konservatorium vorbereitet, ist vor kurzem wieder vor Ort gewesen. Im Archiv der Gesellschaft der Musikfreunde hat sie Einsicht in die umfangreichen Geschäftsprotokolle von Konservatorium und Gesellschaft sowie die hier verwahrten Hochschulakten genommen und in weiteren Wiener Archiven und Bibliotheken Korrespondenzen von KonservatoriumslehrerInnen und Studierenden gesichtet. Im Herbst war sie zu einem Forschungsaufenthalt in Frankfurt am Main. Für ihre Arbeit über das Hochsche Konservatorium hat sie in der Universitätsbibliothek sowie im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main Quellen zur Konservatoriumsgeschichte ausgewertet.

Die Zeit, die wir in Archiven verbringen müssen, ist je nach Konservatorium unterschiedlich. So musste Freia Hoffmann Anfang September für nur einen Tag zum Staatsarchiv Hamburg reisen, um letzte Informationen über das 1873 gegründete Hamburger Konservatorium zu bekommen. Diese Institution war, wie auch andere – etwa das Sternsche Konservatorium in Berlin – eine private Gründung, und in diesen Fällen werden Akten in den Staatsarchiven nicht verwahrt. Die einschlägigen Publikationen sind digitalisiert und konnten bequem am heimischen Schreibtisch eingesehen werden. Es ging also nur noch darum, die umfangreiche handschriftliche Selbstbiographie eines wichtigen Lehrers (Emil Krause) auszuwerten.

Es folgte ein mehrtägiger Aufenthalt in Berlin, wo die Recherche zum Sternschen Konservatorium davon geprägt ist, dass die meisten Akten des „jüdischen Konservatoriums“ zwar zerstört wurden, andererseits aber die Universität der Künste, Dietmar Schenk und Cordula Heymann-Wenzel bereits umfangreiche Vorarbeiten geleistet haben. Die restlichen offenen Fragen konnten im Archiv der UdK zügig geklärt werden.

Schwieriger war die Lage in Sondershausen: ein vergleichsweise kleines, spät (1883) gegründetes Konservatorium, das aber aufgrund der besonderen Umstände in der fürstlichen Residenz für unser Handbuch von besonderem Interesse ist. Es ist das einzige Konservatorium des 19. Jahrhunderts, zu dem es bisher keine Monographie gibt, die ganze historische Darstellung muss aus den Akten wie ein Puzzle zusammengesetzt werden. Freia Hoffmann verbrachte mehrere Tage in Rudolstadt (Sitz des Thüringischen Staatsarchivs) und in Sondershausen, entdeckte dort im Schlossmuseum eine handschriftliche Einschreibungsliste und konnte im Stadtarchiv einschlägige Berichte der regionalen Presse fotografieren. Und den Ausgleich für die staubgesättigte Archivluft boten die barocke Heidecksburg in Rudolstadt, das Schlossmuseum in Sonderhausen und überhaupt die herbstlich-sonnige Landschaft Thüringens.

Jannis Wichmann, ein Mitarbeiter, der uns leider Ende des Jahres verlässt, hat eine erfolgreiche Woche in München verbracht, um auch hier jenseits der digitalisierten Quellen insbesondere Personalakten der Konservatorien  Würzburg und München im Bayerischen Hauptstaatsarchiv auszuwerten. Luisa Klaus, mit der Erforschung des Konservatoriums in Karlsruhe beauftragt, nutzte eine Reise nach Süddeutschland, um vor allem Jahresberichte einzusehen und zu scannen.

Nun zum Inhaltlichen: Es soll ein mehrbändiges Handbuch entstehen, und stärker noch als beim Instrumentalistinnen-Lexikon sind wir hier darauf angewiesen, unsere Arbeitsergebnisse auszutauschen, gemeinsam über Methoden nachzudenken, Fragen zu entwickeln und manchmal auch schon Antworten ins Auge zu fassen. Der wesentliche Unterschied zu den bisher vorliegenden Forschungsergebnissen (meist Fallstudien zu einzelnen Einrichtungen) ist, dass hier ein kultur- und institutionengeschichtliches Nachschlagewerk entstehen soll, das die 17 ausgewählten Konservatorien in verschiedenen Bereichen vergleichbar macht: Intentionen der Gründer, Finanzierung, Studienbedingungen, Fächerangebote, Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte, Geschlechterverhältnisse, Studieninhalte (wo möglich, auch Lehrmaterial), Ausstrahlung in das örtliche Musikleben usw. Viele dieser Fragen können nur durch Recherchen in den Archiven (die, wo möglich, bis in Personalakten reichen) beantwortet werden.

Dass im 19. Jahrhundert vielfach öffentlich über Notwendigkeit, Nutzen und Schaden von Konservatorien diskutiert wurde, zeigen Quellen in der Fachpresse. Es geht meist um die Frage, ob eine kompositorische Blütezeit wie die Wiener Klassik mit Hilfe von Konservatorien etwa in der Zukunft wieder erreicht werden könnte oder ob eine akademische Ausbildung die Kreativität eines Haydn, Mozart oder Beethoven nicht eher erstickt hätte. Oft wird beklagt, dass durch die rasant anwachsende Zahl vorwiegend privat betriebener Konservatorien ein musikalisches Proletariat entstünde, das keinerlei Aussicht auf eine zufriedenstellende Berufslaufbahn haben würde. Die überraschend hohe Zahl von Musikstudentinnen (in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts stellen Frauen vielerorts die Mehrheit) sorgt sogar im Team des Sophie Drinker Instituts für Diskussionen: Hat diese willkommene frühe Möglichkeit eines qualifizierten Musikstudiums (meist nur Klavier und Gesang) nicht doch zu einer Massenausbildung und neuen Problemen geführt? In England hat es Clara Schumann während ihrer Konzertreise 1884 schmerzlich empfunden: „Viele arme Lehrerinnen melden sich […] ach! wie soll ich ihnen helfen! sie glauben immer Alle, ich kenne ganz London und brauche sie nur als Lehrerinnen vorzuschlagen. Es thut Einem das Herz oft weh, wenn man sie wieder gehen sieht – Manche von ihnen haben kaum das Brot“ (zit. nach Litzmann III, S. 453).

Eine neue Perspektive auf Konservatorien ergibt sich bei einer sozialgeschichtlichen Untersuchung von Herkunft und Berufsziel der Studierenden. Vor allem detaillierte Listen von Studierenden (mit Beruf der Eltern und Fächerwahl) legen den Gedanken nahe, dass die Ausbildung zum Orchestermusiker teilweise noch recht nah bei der traditionellen Ausbildung in den zünftigen Musiklehren angesiedelt war. In Sondershausen z. B., wo eine solche Liste erhalten ist, wird ersichtlich, dass die Studenten der Orchesterschule meist vom Land und aus einfachen Verhältnissen stammten: Ihre Väter waren Handwerker, Gastwirte, Bauern, Händler, einfache Verwaltungsangestellte (Post, Bahn, Gericht), Musiker u. ä. Demgegenüber stammten Studierende der Fächer Klavier, Orgel, Gesang, Musiktheorie und Dirigieren vorwiegend aus besser gestellten Familien, waren Söhne und Töchter von Pastoren, Ärzten, Juristen, Lehrern, Buchhändlern, Bankiers, Fabrik- oder Gutsbesitzern. Das wirft ein neues Licht auf die Gründung des Leipziger Konservatoriums, wo offensichtlich die Bedürfnisse des städtischen Bildungsbürgertums den Maßstab für Fächerwahl und Ausbildungsinhalte abgegeben haben. Erst 1882 wurden dort überhaupt Bläserklassen eingerichtet.

Dies nur als kleiner Einblick in die Werkstatt des Konservatoriums-Projekts – in Gänze hoffen wir, es etwa 2019 beim Olms Verlag abgeben zu können.

 

Veranstaltungen

Am 24. Februar hat Prof. Dr. Christine Siegert, Leiterin des Archivs und Verlags im Beethoven-Haus Bonn, einen Vortrag gehalten über „Beethovens starke Frauen: Leonore, Klärchen, Leonore Prohaska“.

Am 14. Juni fand sich Prof. Dr. Marion Gerards, ehemalige Mitarbeiterin des Sophie Drinker Instituts und nun Professorin an der Katholischen Hochschule Aachen, zu einem Forschungskolloquium ein, in dem „musikalische Bildungsarbeit in Kitas“, „inklusive Bandarbeit“ und „kulturelle Bildungsangebote im Kontext von Flucht und Migration“ diskutiert wurden.

 

Am 29. September hatten wir die iranische Komponistin Farzia Fallah, den Regisseur Tobias Klich und die Blockflötistin Luisa Klaus (unsere wissenschaftliche Hilfskraft) zur Vorführung ihres Films „Die Besorgnis der Sperlinge“ zu Gast. Es handelt sich um einen experimentellen Film, der eine Komposition für Blockflöte und Elektronik auf höchst künstlerische Weise ästhetisch arrangiert, entstanden im Jahr 2015. Für alle Anwesenden war es sehr eindrucksvoll, diesen Kurzfilm zu sehen und anschließend die Eindrücke im Gespräch mit der Komponistin, der Interpretin und dem Filmemacher zu vertiefen.

Zum Gelingen dieses Abends trug nicht zuletzt das „iranisch gefärbte“ Buffet bei – wie sich überhaupt unsere Veranstaltungen immer mehr zu einer Art Salon entwickeln, bei dem sich alte und neue MitarbeiterInnen, Freunde und Freundinnen des Sophie Drinker Instituts gerne versammeln.

 

Vorträge

Ein Erlebnis der besonderen Art war das Wochenende vom 7./8. Oktober. An diesem Wochenende fielen die Tagung des Arbeitskreises Musikpädagogische Forschung (AMPF) in Wildbad/Schwarzwald und unsere Teilnahme am Stuttgarter Fortepiano-Festival zusammen. Zu dieser ungünstigen Konstellation kam hinzu, dass das Sturmtief Xavier am Donnerstag, dem 5. Oktober, fast alle einschlägigen Bahnverbindungen lahmlegte. Annkatrin Babbe hatte das Glück, schon am Donnerstag zum Doktorandentreffen des AMPF angereist zu sein. Freia Hoffmann disponierte um und legte an diesem Wochenende (Bremen – Wildbad – Stuttgart – Bremen) mehr als 1.300 km mit dem Auto zurück, und Volker Timmermann quälte sich am Samstag auf Nebenstrecken mit der Bahn gen Süden. Immerhin waren wir pünktlich zur Stelle, um unsere Vorträge abzuliefern:

 

  1. Oktober, AMPF-Tagung in Wildbad

Annkatrin Babbe und Freia Hoffmann: Vorstellung des Konservatoriums-Projekts

 

  1. Oktober, Fortepiano-Festival Stuttgart

Freia Hoffmann: Konzert-Moderation von Fanny Mendelssohns Klavierzyklus „Das Jahr“ mit der Pianistin Yuko Abe-Haueis, Hammerflügel

 

  1. Oktober, Fortepiano-Festival Stuttgart

Volker Timmermann: „... wie der Esel zwischen zwei Heubündeln“. Fanny Hensel geb.
Mendelssohn, eine Musikerin der Romantik

 

  1. Oktober, Fortepiano-Festival Gärtringen

Volker Timmermann: „... wie der Esel zwischen zwei Heubündeln“. Fanny Hensel geb.
Mendelssohn, eine Musikerin der Romantik

 

Freia Hoffmann (rechts) und Volker Timmermann (links) beim Fortepiano-Festival in Stuttgart u. Gärtringen

 

Weitere Vortragsaktivitäten:

 

  1. September, Symposium Interpretationsforschung „Rund um Beethoven“ an der
    Hochschule der Künste in Bern

Luisa Klaus: Objektive Bruckner-Interpretation? Zur Aufführung der Trio-Entwürfe für die Neunte Symphonie, 1940

 

  1. November, Symposium „Stand und Perspektiven musikwissenschaftlicher Homo-sexualitätsforschung“ an der Hochschule für Künste Bremen

Kadja Grönke: Auf der Suche nach der zerbrechlichen Schönheit des Körpers. Hans Werner Henze und Aribert Reimann, wie Roland Barthes sie gehört haben könnte

 

  1. November, Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar

Freia Hoffmann:  Nähe und Distanz im Musikstudium (im Rahmen eines Präventionstages „Sexualisierte Diskriminierung, Belästigung und Gewalt“)

 

Schriftenreihe

Als Band 14 erschien in diesem Jahr die Dissertation von Volker Timmermann:

„... wie ein Mann mit dem Kochlöffel“. Geigerinnen um 1800.

Das Buch untersucht die Entwicklungsmöglichkeiten von Violinistinnen in den Jahrzehnten um 1800. Im Fokus stehen dabei beispielsweise die Rezeption geigender Frauen durch Zeitgenossen, die Auswirkungen einer sich wandelnden Violinästhetik oder auch die Konsequenzen der Symbolik der Violine als Instrument des Teufels. Im zweiten Teil des Buchs werden vier Geigerinnen jener Zeit ausführlich biographiert.

 

 

Geplant für 2018 sind als Band 15, 16 und 17:

Cordelia Miller: Musikdiskurs als Geschlechterdiskurs im deutschen Musikschrifttum des 19. Jahrhunderts – eine Lesart

Monika Tibbe: „Des Lernens kein Ende“. Mary Wurm (1860–1938), Pianistin, Komponistin Dirigentin und Musikschriftstellerin (Arbeitstitel)

Volker Timmermann: Biographie über die Schwestern Milanollo (Arbeitstitel)

 

Zum Schluss können wir noch auf zwei Termine hinweisen:

  1. April 2018, 18 Uhr: Vortrag von Christian A. Bachmann:

„Macht der Musik. Musik in Karikatur, Bildergeschichte und Comic“ 

… und auf eine weitere Abendveranstaltung am 9. November 2018, 19 Uhr:

Konzert mit Dennis James (Glasharmonika) – schon vormerken, etwas ganz Besonderes!

Mit diesen Aussichten verabschieden wir uns, auch im Namen der Mitarbeiterinnen, für
dieses Jahr. Wir wünschen allen FreundInnen und KollegInnen ein friedliches Weihnachtsfest, eine erholsame Arbeitspause und einen beschwingten Schritt ins Neue Jahr.

Ihre

 und  

 

(Prof. Dr. Freia Hoffmann)                               (Dr. Volker Timmermann)

Leiterin und Geschäftsführerin                        Geschäftsführer