Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Lara, Adelina de, Lottie Adelina de, geb. Tilbury, Preston, verh. Kingston

* 23. Jan. 1872 in Carlisle (Cumberland), † 25. Nov. 1961 in Woking (Surrey), englische Pianistin, Komponistin und Klavierlehrerin. Ihr aus Southampton stammender Vater George Matthew Tilbury (1839−1883) war von Beruf Kupferstecher und Maler und benutzte das Pseudonym Preston, was zu einiger Namensverwirrung in frühen Lexikonartikeln führte. Ihre Mutter Anna geb. Laurent de Lara (?−1883) hatte spanische Vorfahren. Beide Elternteile brachten aus früheren Ehen Kinder mit in die Familie. Mütterlicherseits besaß Adelina Tilbury zwei Halbschwestern (Helen, 1865−?, und Penelope, 1867−?) und väterlicherseits einen Halbbruder (George).

 

Adelina de Lara im Alter von acht Jahren.

Ersten Unterricht bekam Adelina Tilbury von ihren musikalisch dilettierenden Eltern − ein professioneller Musiklehrer wurde zu dieser Zeit nicht herangezogen, gleichwohl wurde viel Wert auf die musikalische Ausbildung der jüngsten Tochter gelegt: [W]herever we went, however poor we were, there was always a piano, for by then my father had decided I was to play professionally, and nothing was allowed to stand in the way of my practising. I was kept at it for hours on end, and when I was permitted to stop, I had to turn to learning astronomy and Italian, drawing and reading. Apart from this, I never entered a school or had any other education“ (Lara 1955, S. 12). In Staffordshire trat sie im Alter von sechseinhalb Jahren erstmals auf. Um 1880 wurde die junge Musikerin von ihrem Vater zu zwei Instrumentalwettbewerben angemeldet und gewann hierin einmal den zweiten und einmal den ersten Preis. Die ganze Familie arbeitete fortan auf eine Karriere Adelina Tilburys als Kindervirtuosin hin: „My mother and half-sisters turned to making me frocks, and my father became my constant companion at the piano“ (ebd., S. 14). Unter dem Künstlernamen de Lara, dem Geburtsnamen der Mutter, („Adelina Preston“ erschien, wie die Pianistin später berichtet, dem ersten Konzertveranstalter zu englisch, d. h. nicht auffällig genug) spielte sie seit 1881 zweimal täglich in einem Liverpooler Wachsfigurenkabinett, zunächst für „four pounds a week. I played on a raised platform from three to five-thirty and from eight to ten o’clock. […] I played everything from memory“ (ebd., S. 15). Nachdem sie sich in Liverpool als „marvellous child pianiste“ (Musical Standard 1883 I, S. 144) etabliert hatte, folgten Konzertreisen durch das gesamte Vereinigte Königreich.

1883 starb George Matthew Tilbury im Alter von 43 Jahren an einer Lungenentzündung. Nur eine Woche später starb auch seine Frau Anna an Herzversagen. Die Schwestern waren innerhalb kurzer Zeit zu Vollwaisen geworden und es oblag nun Adelina de Lara, für sich und ihre Geschwister finanziell zu sorgen, während ihre älteste Halbschwester Helen den Haushalt führen sollte. Diese beging nur eine Woche nach dem Tod der Mutter Suizid. Die nächstältere Halbschwester Penelope nahm Adelinas Management in ihre Hände. In den nächsten zwei Jahren konzertierte die junge Pianistin regelmäßig „at the Art Gallery, Newcastle, giving recitals twice daily, the Picture Galleries at York and the Brighton Aquarium […] [and] also at the Devonshire Park Orchestral Concerts at Eastbourne“ (Lara 1955, S. 25). Das Repertoire der Künstlerin war äußerst vielfältig: „At that time I played anything and everything, from an arrangement of ‚The Bluebells of Scotland‘ to Beethoven’s sonatas, and played it all very badly indeed“ (Lara 1945, S. 144), notiert sie später selbstkritisch. Im Anschluss an diese Engagements kamen Adelina de Lara und ihre Halbschwester Penelope für einige Zeit bei einer ihrer Tanten in London unter. Zwischenzeitlich befanden sich die Schwestern erneut in Brighton, bereisten außerdem Schottland und Irland. Adelina de Lara trat wiederholt auch in Privatgesellschaften wohlhabender englischer BürgerInnen auf. Bei einem Auftritt im Haus der Familie Johnstone in Hamstead bei Birminghan wurde die Pianistin Fanny Davies auf sie aufmerksam. Adelina de Lara berichtet: „When I finished a girl rushed up to me, all [sic] eyes, glowing with intelligence and interest. I was swept into her embrace and heard six glorious words, the full meaning of which for the moment I could not comprehend. ‚You must go to Madame Schumann!‘ she cried. That girl was Fanny Davies“ (Lara 1955, S. 30). Ein Jahr lang nahm Fanny Davies Adelina de Lara unter ihre Fittiche. Es war das erste Mal, dass diese professionell unterrichtet wurde. „Ich wußte noch nicht einmal, wie man eine C-Dur-Tonleiter spielt, als ich meine erste Unterrichtsstunde erhielt“, gesteht sie rückblickend, „aber Fanny Davies fand eine Schülerin vor, die rasch begriff und alles begeistert aufnahm. Ich brauchte nicht mehr Tonleitern und Passagen hinzupfuschen. Es war phantastisch, im langsamen Zeitmaß zu spielen im Bewußtsein, daß ich endlich das Richtige tat“ (Lara 1996, S. 213). Das Vorspiel bei Clara Schumann, das Fanny Davies mit ihrer ehemaligen Lehrerin für deren nächsten Londonaufenthalt arrangiert hatte, verlief positiv. Finanziell unterstützt durch vermögende englische BürgerInnen, nahm Adelina de Lara 1886 ihr Studium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. auf. Ihre Halbschwester Penelope begleitete sie nach Deutschland.

 

Adelina de Lara um 1896, Kreidezeichnung von Emily Harding.

 

Nach zwei Semestern Unterricht bei Marie Schumann besuchte Adelina de Lara für weitere sieben Semester die Klavierklasse Clara Schumanns und lernte in dieser Zeit über ihre Lehrerin, neben MitschülerInnen wie Leonard Borwick, Alice DessauerIlona EibenschützAmina Goodwin, Carl Oberstadt und Marie Olson, etablierte Musiker und Komponisten wie Alfredo Piatti, Joseph Joachim und Johannes Brahms kennen. Mit Unterricht in Kontrapunkt bei Iwan Knorr (1853−1916) im Studienjahr 1888/1889 erweiterte Adelina de Lara ihre Studien. Zudem erhielt sie Deutsch-, Latein- und Literaturunterricht sowie Stunden in Tanz und Haltung (Letztere von einer Prima Ballerina der Frankfurter Oper; „these were to prepare me for going on and off the platform gracefully“, Lara 1955, S. 46).

Abgesehen von einem gemeinsamen Auftritt mit der Kommilitonin Alice Dessauer während der Semesterferien in Birmingham (25. Apr. 1889) lässt sich für die Studienzeit lediglich die Mitwirkung Adelina de Laras bei öffentlichen Konzerten des Hoch’schen Konservatoriums belegen. Bei einem ihrer letzten Auftritte im Jan. 1891 spielte sie Anton Rubinsteins Klavierkonzert Nr. 4 d-Moll op. 70. Im Frühjahr kehrte die Pianistin − vermutlich ohne ihre Schwester − nach England zurück. Auf eine Empfehlung Clara Schumanns hin erhielt sie kurze Zeit später ein Engagement von Arthur Chappell für dessen populäre Veranstaltungsreihe. Am 21. März 1891 debütierte de Lara – nun nicht mehr als ‚Wunderkind‘, sondern als erwachsene Pianistin – in der Londoner St. James’s Hall in einem von Chappells Saturday Popular Concerts. Für den Korrespondenten der „Signale für die musikalische Welt“ war sie eine „neue pianistische Erscheinung“: „Die junge Dame machte in einem Notturno von Chopin und dem Bmoll-Scherzo von demselben einen meist günstigen Eindruck (wurde auch zu einer Zugabe veranlasst)“ (Signale 1891, S. 591). Die „Musical News“ notierte: „First appearances are often misleading, and Miss de Lara was certainly nervous while playing the nocturne; but she attacked the scherzo with a precision, a vigour, and an intelligence that augur well for her future; not a note was missed in a work in which, allowing for nervousness, wrong notes would be very excusable, her tone in both soft and loud passages is full and sonorous, and her left hand is good“ (Musical News 1891 I, S. 66). Dieser Auftritt bedeutete den erfolgreichen Einstieg in das Londoner Konzertleben. Es folgten zahlreiche weitere Engagements in London, Birmingham und weiteren englischen Städten. August Manns engagierte Adelina de Lara, ebenfalls auf Empfehlung Clara Schumanns, für die Saturday Orchestral Concerts im Crystal Palace. Daneben konzertierte sie mehrmals in Chappells Popular Concerts. Mit dem Violoncellisten Edward Howell zeigte sie sich wiederholt auch in der Londoner Steinway Hall. Außerdem unternahm sie noch in den 1890er Jahren zusammen mit den SängerInnen Emma Albani und Ben Davies sowie dem Violoncellisten David Popper eine von dem Konzertagenten Daniel Mayer organisierte Konzertreise durch Schottland und Irland.

 

Adelina de Lara, Photographie, Alma Studios Sydney 1900.

 

Von der Presse erhielt Adelina de Lara großen Zuspruch. Die „Birmingham Daily Post“ schreibt: „She is, we now add, a pianist of the first rank. To a touch, delicate, sensitive, and of exquisite purity and finish, she brings artistic insight and execution that may be described as perfect. […] The future seems to have all possibilities open to this young lady“ (Birmingham Daily Post 8. Mai 1891). Daneben attestiert ihr der „Musical Standard“ „brilliancy of style and exact execution with much gracefulness and expression, careful observances of nuances, and obvious intellectual sympathy with her chosen texts“ (Musical Standard 1892 I, S. 295). Ein Korrespondent der „Musical Times“ beschreibt ihr Spiel dagegen aber auch als „neat and unpretentious, but unquestionably weak, and her method of playing chords as arpeggios became after a time extremely irritating“ (MusT 1892, S. 278). Tatsächlich waren der Mangel an „physical power“ (Musical News 1891 I, S. 172) sowie das Arpeggieren von Akkorden wiederkehrende Kritikpunkte. Letzteres bestätigt Claudia de Vries in ihrer Untersuchung späterer Aufnahmen Adelina de Laras, in der sie bezüglich des Vortrags von Schumanns Carnaval von einem „leichten Auseinanderschlagen der Hände“ sowie „zusätzlichen Arpeggios“ (de Vries 1996, S. 262) schreibt. Gerade das Arpeggieren von Akkorden wurde auch bei anderen Clara Schumann-Schülerinnen kritisiert, oft mit Hinweis auf die Lehrerin selbst: Der „only mannerism which ever mar[k]s the playing of Madame Schumann, that of separating the notes of chords and octaves, was noticeable to an unpleasant extent“ (Athenæum 1891 I, S. 96) − hier war Ilona Eibenschütz gemeint. Nicht weniger auffällig erschien vielen Kritikern der Mangel an körperlicher Kraft im Spiel Adelina de Laras. Als in den Crystal Palace Concerts im Nov. 1894 eine Feier zum Gedenken an den gerade verstorbenen Anton Rubinstein veranstaltet wurde, steuerte Adelina de Lara das von ihr so oft gespielte 4. Klavierkonzert des Pianistenkollegen bei, wurde aber vom „Musical Standard“ mit bereits bekannten Argumenten kritisiert: [T]he young lady, not endowed with the requisite power for the interpretation of impulsive texts, failed to produce the full effect of the music“ (Musical Standard 1894 II, S. 426). Ähnlich heißt es in der Zeitschrift „Athenæum“: „De Lara rendered [the Pianoforte Concerto] with intelligence, if not with much power“ (Athenæum 1894 II, S. 759). Ein Vertreter der Zeitung „The Era“ verweist aber auch auf diesbezügliche Vorteile: „Miss De Lara is not one of those pianists who startle and astonish their hearers by a display of physical force. Her merit is that of appealing to the more refined and cultured. We have had a ‚Paganini of the Piano,‘ but this gifted young artist may be called ‚The Poet of the Piano.‘ She brings out a sufficiently powerful tone for all practical purposes, but grace, feeling, sympathy, and an exquisite charm are the qualities which we chiefly admire in her playing“ (The Era 6. Apr. 1895).

Immer wieder trat Adelina de Lara auch kammermusikalisch hervor: Am 7. Nov. 1892 spielte sie zusammen mit David Popper Mendelssohns Cellosonate Nr. 2 D-Dur op. 58. Im darauffolgenden Jahr war sie an einer Aufführung von Brahms’ Klavierquintett f-Moll op. 34 und (im Dez. bei einem Gastspiel in Leeds) von einem der beiden Klaviertrios Mendelssohns beteiligt. Auch später trat die Pianistin in kammermusikalischen Formationen auf. Zu ihren KonzertpartnerInnen zählten die ehemaligen Kommilitoninnen Alice Dessauer und Ilona Eibenschütz, aber auch Joseph Joachim, Edward Howell, Angela Vanbrugh, Alwina Valeria, John Dunn, das Kruse Quartett, Harry Blech und Myra Hess.

Darüber hinaus saß die Künstlerin alljährlich in der Jury mehrerer renommierter Musikpreise.

Am 31. Juli 1896 heiratete Adelina de Lara den Schauspieler Thomas Kingston (ca. 1870–1911) und beschloss, mit ihm nach Amerika zu gehen. In ihren Lebenserinnerungen schreibt sie: „For the time being my career came to an end. It was a bitter blow to my patrons and friends. I dare not to think what the feelings of Clara Schumann must have been when she heard. […] Sir August Manns had declared he would never forgive me for the step I had taken in the middle of a career so auspiciously begun“ (Lara 1955, S. 109).

Im Aug. trat das Paar die Reise in die Vereinigten Staaten an und ließ sich zunächst in New York, dann in Boston nieder. Während dieser Zeit verzichtete die Pianistin nicht vollkommen auf ihre Konzerttätigkeit: „In the late autumn and early winter I toured in Massachusetts. […] I gave a few concerts [in Boston] and built up an American public whom I long remembered“ (ebd., S. 111f.). Als sie schwanger wurde, entschied sich das Ehepaar dafür, den Amerikaaufenthalt abzubrechen, damit das Kind in England zur Welt kommen konnte.

Nach der Geburt des Sohnes Thomas Alan am 10. Mai 1897 führte Adelina de Lara keineswegs das Leben einer viktorianischen Ehefrau, sondern begann sofort wieder zu konzertieren und band auch ihren Mann als Rezitator in ihre Tätigkeiten ein. Ein zweites Kind mit dem Namen Denis Ewart wurde am 20. Mai 1898 geboren. Im Haus der Kingstons fanden zu dieser Zeit viele musikalisch-literarische Veranstaltungen statt, und eine große Anzahl englischer KünstlerInnen war dort zu Gast.

Vermutlich 1898 reiste Thomas Kingston nach Australien, erlaubte seiner Frau aber nicht, ihn zu begleiten. Nach seiner Abreise litt Adelina de Lara an einer akuten Blinddarmentzündung. Erst nach wochenlanger Bettruhe gab sie wieder öffentliche Konzerte, in denen sie vor allem in kammermusikalischen Zusammenstellungen wirkte. Bemerkenswert ist ein Konzert vom 24. April 1899, in dem sie zusammen mit dem Geiger John Dunn Richard Strauss’ Violinsonate Es-Dur op. 18, „a work which comes just before the ‚Don Juan‘ Symphonic-poem in order of composition“ (Musical Standard 1899 I, S. 267), erstmals dem englischen Publikum vorstellte. Damit öffnete sie ihr Repertoire für aktuelle musikalische Richtungen.

Im Herbst 1899 folgte Adelina de Lara ihrem Mann nach Australien und lebte mit ihm in der folgenden Zeit in Melbourne und Sydney. Am 8. Okt. 1900 debütierte die Pianistin in der Centenary Hall in Sydney mit einem Programm, das u. a. Schumanns Nachtstücke op. 23, Mendelssohns „Frühlingslied“ aus den Liedern ohne Worte op. 62, Liszts Konzertetüde Waldesrauschen Searle 145 Nr. 1 und Rachmaninows Prélude cis-Moll op. 3 Nr. 2 enthielt. Mit Henri Staell zusammen trug sie außerdem Beethovens Kreutzer-Sonate sowie mit Staell und Gerard Vollmar Arenskys Klaviertrio Nr. 1 d-Moll op. 32 vor. Die Konzertbesprechung im „Sydney Morning Herald“ liest sich sehr positiv: „Not only did the pianist herself exhibit distinguished talent, but the uniform excellence of the programme throughout, due to the felicitous nature of the artistic combination, was remarkable […]. Mme. De Lara […] is a pianist with a carefully-formed style, a brilliant technique, and of the highest artistic refinement. In sparkling pieces she exhibits a feminine neatness and delicacy, can at times rise to considerable warmth and power, but from a virtuoso standpoint is insufficiently virile. The new English pianist always pleases, often causes admiration, but does not excite her audience by a display either of fiery passion or rugged force“ (Sydney Morning Herald 9. Okt. 1900). Anfang Dez. kehrte Adelina de Lara nach London zurück, wo sie Engagements nachkommen musste. Ihr Mann blieb in Australien, wo er seinerseits unter Vertrag stand. Im Mai 1901 reiste die Pianistin erneut nach Australien.

Einige Zeit später zog es Thomas Kingstons Theatertruppe auf den afrikanischen Kontinent, der Schauspieler wurde zunächst nach Südafrika, dann nach Kairo engagiert, und Adelina de Lara begleitete ihren Mann an die jeweiligen Orte. Erst am 3. Mai 1902 kehrte das Ehepaar nach England zurück.

Adelina de Lara widmete sich nun verstärkt der Komposition und begann auch, eigene Werke in ihr Konzertrepertoire zu integrieren. Ihr Liederzyklus Rose of the World erreichte internationale Bekanntheit, als sich Enrico Caruso dafür interessierte und diesen zusammen mit der Komponistin mehrfach in England aufführte. Als Thomas Kingston ankündigte, eine weitere Australienreise zu unternehmen, beschloss Adelina de Lara, dieses Mal zu Hause zu bleiben. Sie konzertierte regelmäßig, bis eine verpatzte Aufführung von Schumanns Klavierkonzert a-Moll op. 54 sie im Juni 1905 an ihren eigenen Fähigkeiten zweifeln ließ. Zusammen mit ihrem Cousin Landon Ronald als Dirigenten sollte sie das von ihr oft gespielte Werk einmal mehr in Birmingham präsentieren. Doch Ronald erzählte ihr vor dem Auftritt, die letzten drei Male habe der jeweilige Pianist sich mitten in der Aufführung des Schumannschen Konzerts nicht mehr erinnern können, wie es weiterging – die Konzerte mussten sämtlich unterbrochen werden. Wohl hierdurch verunsichert passierte seiner Cousine dasselbe Missgeschick: „I played the second movement, and began the third. I was making fine progress, Landon was conducting superbly. And then, at the repetition of the brilliant third subject – it happened! I played a phrase with both hands an octave lower than it is written. Only one bar – but I lost my head. It put me right out – panic seized me. ‚Oh, my God!‘ Landon’s voice reached me. He was emotional and excitable like me. I saw him wave his baton; the orchestra stopped. It was too much – I rushed from the platform, blindly found the artists’ room and burst into tears“ (Lara 1955, S. 158). Der Schock saß tief – erst 27 Jahre später konzertierte die Pianistin wieder zusammen mit einem Orchester und beschränkte sich bis dahin auf Soloauftritte.

Gesundheitlich angeschlagen zog Adelina de Lara nach Nordfrankreich, um sich vermehrt auf das Komponieren zu konzentrieren. Als Thomas Kingston signalisierte, er werde aus Australien zurückkehren, ging sie zusammen mit ihrem ihr entfremdeten und darüber hinaus kranken Ehemann nach England. Dieser starb dort am 2. Aug. 1911 im Alter von 41 Jahren. Noch zu erschüttert, um die alte Konzertfrequenz wieder aufzunehmen, begann die Pianistin, Klavierstunden zu erteilen. „I soon had more pupils than I could manage, and this was satisfactory“ (ebd., S. 167), erinnert sie sich rückblickend.

Als Organisatorin von Benefizkonzerten trat Adelina de Lara mit Beginn des Ersten Weltkriegs hervor und bekleidete zu dieser Zeit außerdem den Posten der Vizepräsidentin der Professional Musicians’ Début Society. Während der Kriegsjahre arbeitete sie als Stummfilmpianistin in zwei Kinos in London und Notting Hill. Ihre Pianistenkollegin Mathilde Verne fragte sie gegen Ende des Jahres 1916 wegen einer Dozentenstelle an der Mathilde Verne Pianoforte School in Kensington an, was Adelina de Lara akzeptierte. Sie berichtet darüber: „The work at the College proved delightful and the fees good. Miss Verne handed me over all her best pupils, for she wanted to play more at concerts. […] I remained at the College some eighteen months, until Mathilde Verne gave it up“ (ebd., S. 179f.). Später unterrichtete sie im Rang einer Professorin an der Guildford School of Music.

Nach mehreren Wohnortwechseln bezog Adelina de Lara ein ständiges Domizil in Woking/Grafschaft Surrey, wo sie sich mit der ebenfalls dort wohnhaften Komponistin Ethel Smyth anfreundete. Diese fand in der „Surrey Press“ sofort anerkennende Worte für die neue Mitbürgerin: [T]here is a bigness, a simplicity, a mastery, an utterly musical reading that only a combination of two things can bring about – a superb schooling and what in religion is called a ‚vocation‘. The blessed respect for her art that reveals itself at every turn, and which impresses me even more than the pianistic qualities she possesses in such large measure; the fine rich touch, the knack of welding into one the various regions of the piano, the beauty, the ease, the smoothness, the command of style“ (zit. nach ebd., S. 187). In Woking gab die so Angekündigte weiter Unterricht, u. a. war die australische Pianistin Eileen Joyce eine ihrer Schülerinnen. In der Zeit zwischen den Weltkriegen komponierte und publizierte sie zudem zwei Klavierkonzerte.

Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, zeigte die zu diesem Zeitpunkt 67-Jährige mit vielen Benefizkonzerten wiederum soziales Engagement. Aus Anlass ihres 74. Geburtstages gab Adelina de Lara 1946 zusammen mit der Pianistin Myra Hess ein Konzert in der Londoner National Gallery. Die Jubilarin berichtet darüber in ihren Memoiren: „Die National-Galerie war bis obenhin gefüllt, und es war eines der inspirierendsten Konzerte, an denen ich je teilgenommen habe. Gemeinsam mit einer der größten Musikerinnen aufzutreten und von einer riesigen Zuhörerschaft in der Form eines Kreuzes umgeben zu sein war eine unvergeßliche Erfahrung. Die Aufmerksamkeit der Zuhörer war etwas Wunderbares. Es war ein kalter, regnerischer Tag, ich spielte 33 Minuten lang Schumanns Fantasie op. 17, und man hörte weder ein Geräusch noch ein Husten während meines Spiels“ (Lara 1996, S. 236). Zu dieser Zeit begann die Pianistin, wieder vermehrt aufzutreten. „In February and March […] I gave three Schumann Recitals at the Wigmore Hall [London](Lara 1955, S. 206). Auch in den Folgejahren blieb sie in der Öffentlichkeit präsent, sie „spielte wieder mit Ilona Eibenschütz vierhändige Werke von Schumann und Brahms. Vermutlich kommt es nicht oft vor, daß zwei Künstler, die sich aus dem Studium kennen, im Alter von sechsundsiebzig noch gemeinsam konzertieren!“ (Lara 1996, S. 239). 1949 wirkte Adelina de Lara an einem noch nicht identifizierten Film über ihre Jugendjahre bei Clara Schumann mit, zu dem sie auch einige Werke Robert Schumanns einspielte und in dessen Schlussszene sie am Klavier zu sehen sein soll (ebd., S. 240). Auch zu Fernsehauftritten wurde die Künstlerin eingeladen. Seit ungefähr 1919 nahm Adelina de Lara außerdem für die BBC auf und spielte in deren Rundfunksendungen. Viele dieser Aufnahmen erschienen später auf Schallplatte und CD. 1951 wurde der Musikerin der Order of the British Empire verliehen.

Ihren endgültigen Abschied vom Konzertleben nahm Adelina de Lara am 15. Juni 1954 – sie war zu diesem Zeitpunkt 82 Jahre alt. Ein Jahr später veröffentlichte sie ihre Memoiren (Lara 1955). Mit 89 Jahren starb die Pianistin 1961 in einem Krankenhaus in Woking. Mit ihrem Tod, so die „Times“, „breaks the last remaining link with the Schumann tradition of pianoplaying“ (The Times 27. Nov. 1961).

 

 

WERKE FÜR KLAVIER (Auswahl)

Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1; Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2; Symphonic Dance Fantasy for Piano and Strings; Nocturne pour Piano, London u. Leipzig: Stanley Lucas & Co. 1896; Nocturne pour Piano, London [1903]; Valse joyeuse, London: Chappell & Co. 1904; Six Small Pieces for Christmas. A Children’s Party, London: J. B. Cramer & Co. 1913; The Kitzie Dance, London: Keith Prowse & Co. 1921

 

TONAUFNAHMEN

Pupils of Clara Schumann. Fanny Davis, Ilona Eibenschütz, Adelina de Lara, Pearl GEMM 291−299, P1986.

Adelina de Lara, Anthology, Archiv Documents B000009LN1, P1996.

 

LITERATUR (Auswahl)

Adelina de Lara, „Clara Schumann’s Teaching“, in: Music & Letters 26 (1945), S. 143−147.

Dies., Finale, London 1955.

Dies., „Gebt mir die Ruhe und Abgeschiedenheit des BBC!“ (= ins Deutsche übersetzte Auszüge aus Finale), in: Frauen mit Flügel. Lebensberichte berühmter Pianistinnen von Clara Schumann bis Clara Haskil, hrsg. von Monica Steegmann u. Eva Rieger, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1996.

Birmingham Daily Post 30. Jan. 1894

Bow Bells 1896, S. 168

The Chronicle [Adelaide] 8. Nov. 1951

The Era [London] 1895, 6. Apr.; 1896, 11. Juli, 1. Aug.; 1898, 28. Mai

Jahresbericht des Dr. Hochschen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1886/1887, S. 5, 16, 20, 24, 29; 1887/1888, S. 11, 20, 22, 27, 32; 1888/1889, S. 5, 13, 14, 15, 23; 1889/1890, S. 5, 14, 17, 18; 1890/1891, S. 5, 21, 28

The Mail [Adelaide] 29. Sept. 1951

Minim 1896, S. 188

Musical News 1891 I, S. 65f.

Musical Standard 1883 I, S. 144

MusT 1889, S. 220

The Sydney Morning Herald 1900, 22. Sept., 9. Okt.

The Times [London] 1927, 7. Okt.; 1949, 26. März; 1954, 17. Juni; 1961, 27. Nov.

Pauer, Brown Brit

Anonym, „Three Clever Women“, in: Chicago Daily Tribune 7. Mai 1892.

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Festschrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (1878–1903), Frankfurt a. M. 1903.

Henry Saxe Wyndham u. Geoffry l’Epine (Hrsg.), Who’s Who in Music. A Biographical Record of Contemporary Musicians, London 1913.

Siu-Wan Chair Fang, Clara Schumann as Teacher, Dissertation, University of Illinois 1978.

Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878–1978), Frankfurt a. M. 1979.

Maurice Hinson (Hrsg.), At the Piano with Robert and Clara Schumann, Van Nuys/CA 1988.

Samuel Lipman, „The Pupils of Clara Schumann and the Uses of Tradition“, in: Music and More. Essays 1975−1991, hrsg. von dems., Evanston/IL 1992, S. 130−140.

Claudia de Vries, Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann-Forschungen 5), Mainz 1996.

Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit (= Europäische Komponistinnen 3), Köln 2009.

Stella Oesch, Die Pianistinnen Fanny Davies und Adelina de Lara und ihre Verbindung zur musikalischen Tradition Clara Schumanns, Magisterarbeit, Universität Wien 2009.

Silke Wenzel, „Adelina de Lara“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=lara1872, Zugriff am 21. Mai 2013.

 

Bildnachweis

Lara 1955, nach S. 32

Ebd., nach S. 96

Wikimedia Commons, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adelina_de_Lara_1900. jpg, Zugriff am 1. Juni 2013.

The Times [London] 12. Aug. 1961

 

Markus Gärtner / Annkatrin Babbe

 

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