Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

MauthnerMautner, Amalie, Amalia, verh. Rawack, Rawack-Mauthner, verh. Epstein

* um 1832 in Pest (heute Budapest), † 1916 in Wien, Pianistin und Klavierlehrerin. Amalie Mauthner war die Tochter von Zacharias Mauthner und dessen Ehefrau Theresia geb. Veith. Ausgebildet wurde sie in Wien von dem Klavierlehrer und Komponisten Anton Halm (1789—1872).

Erste öffentliche Auftritte erfolgten, als sie etwa zwölf Jahre alt war. Im Anschluss an eines der ersten Konzerte meint ein Korrespondent der Wiener „Sonntagsblätter“ schon erkennen zu können, dass „Halm in Amalie Mauthner eine Pianistin bessrer Art heran[bildet]“ (Sonntagsblätter 1844, S. 68). Nur ein Jahr nach ihrem Debüt trat die junge Künstlerin auch außerhalb Wiens auf. Nachgewiesen sind Konzerte in Pest (1845), Wieselburg (1845), Karlsbad (1846) und Preßburg (1847). Ihre Programme enthielten insbesondere Kompositionen von Hummel, Chopin, Thalberg, Döhler, Halm, Weber, Liszt, Leopold von Meyer und Émile Prudent.

1853 befand sich Amalie Mauthner in Wien und lernte dort den reichen Kaufmann Leopold Rawack (1819—1873) kennen, den sie kurze Zeit später heiratete. Über diese Verbindung schreibt der österreichische Forschungsreisende Karl Scherzer: „All the world congratulated the charming, high educated, but impecunious Fraulein [sic] Mauthner when they heard that she was going to marry a rich merchant from the goldmining district of Australia” (Journal of Dr. Karl Scherzer). Drei Jahre nach der Eheschließung wurde eine Tochter geboren, die jedoch im Alter von zwei Jahren starb. Im August des Jahres 1858 siedelte das Ehepaar nach Sydney über. Nach der Heirat zunächst nicht mehr aufgetreten, veranstaltete Amalie Rawack-Mauthner dort wieder zahlreiche Konzerte. Anlass hierfür war der Bankrott des Unternehmens ihres Ehemanns, der nicht mehr für den Lebensunterhalt aufkommen konnte. „Statt im Goldlande ein sorgenfreies, glückliches Familienleben zu führen, war die schwergeprüfte junge Frau genöthigt, sich einer aufreibenden, kummervollen Thätigkeit hinzugeben und ihre große musikalische Begabung praktisch zu verwerthen. Die anmuthige Künstlerin wurde auch auf australischem Boden rasch bekannt und beliebt. Die Concerte, welche die Künstlerin veranstaltete, gehörten zu den besuchtesten der Saison“ (Scherzer, S. 65f.).

Familiäre Verbindungen erleichterten es ihr offenbar, sich in Sydney als Pianistin zu etablieren. So trat sie für die Zeit ihres Aufenthalts der Philharmonischen Gesellschaft bei, dessen Vorstand Ludwig Rawack angehörte, und wirkte hier als Solistin. Nur kurze Zeit nach der Ankunft erfolgte der erste Auftritt der Künstlerin im Rahmen eines von der Philharmonischen Gesellschaft veranstalteten Konzerts zu Ehren der Offiziere und Wissenschaftler der kaiserlichen Fregatte „Novara“, die im Rahmen einer Weltumsegelung auch in Sydney angelegt hatte und mit der das Ehepaar nach Australien gelangt war. Amalie Rawack-Mauthner spielte Theodor Döhlers Fantasie und Variationen über eine Cavatine aus der Oper Anna Bolenavon Gaetano Donizetti op. 17. Ferdinand von Hochstetter, ein Mitreisender, übersetzte eine hierauf erschienene Rezension aus einer australischen Zeitung: „Die harmoniereiche Introduction, das gefällige Thema, die kunstreiche, elegante Phantasie, Alles wurde mit gleicher Meisterschaft, mit unübertrefflicher Virtuosität gespielt. Kaum vermag das Ohr im harmonischen Chaos der mächtigen Accorde, lieblichen Melodien, perlenden Läufe, schmetternden Triller und kühnen Sprünge einen Ruhepunkt zu finden; und dennoch finden wir in der wunderbar klaren Durchsichtigkeit, welche das Spiel unserer Künstlerin charakterisiert, die vollständigste Beruhigung und Befriedigung. Der letzte Accord war verklungen und ein endloser Beifall der umso lebhafter sich kundgab, da man athemlos gelauscht hatte, belohnte die gefeierte Künstlerin“ (zit. nach Hochstetter, S. 320f.). Aufmerksamkeit erlangte die Pianistin bei diesem Auftritt außerdem durch den Vortrag des von ihr für diesen Anlass komponierten Walzers Novara-Klänge – das einzige erhaltene Werk Amalie Rawack-Mauthners.

Bis 1859/60 erfolgten zahlreiche weitere Konzerte in Sydney. Auffällig oft spielte die Künstlerin in dem Prince of Wales Theatre sowie der School of Arts. Wiederholt enthielten die Programme Werke von Liszt, Thalberg, Beethoven, Mendelssohn und Döhler. Wie ein Korrespondent des „Sydney Morning Herald“ vermerkt, waren es vor allem Werke der beiden erstgenannten Komponisten, die das Publikum positiv stimmten: „never before in this colony have wonderful productions of Liszt and Thalberg been performed with so much taste, correctness and brilliancy on the pianoforte“ (The Sydney Morning Herald 7. Juli 1858).

Karl Scherzer berichtet, dass Amalie Rawack-Mauthner schon bei der Ankunft in Australien beabsichtigte, sobald es die finanziellen Umstände erlaubten, nach Wien zurückzukehren. Abgesehen von den Konzertauftritten – die allein nicht ausreichend Einnahmen erbrachten, um neben dem Lebensunterhalt eine Rückreise zu finanzieren – tat sich eine weitere Erwerbsquelle durch das Unterrichten auf: „Die angesehensten und reichsten Familien Sydney’s betrachteten es als eine besondere Gunst und wogen sie mit Gold auf, ihre Kinder von Frau R…. zu gewandten Clavierspielern heranbilden zu lassen“ (Scherzer, S. 65f.).

Von ihrem Ehemann geschieden, kehrte Amalie Rawack-Mauthner um 1860 nach Wien zurück. Hier traf sie auf den Pianisten Julius Epstein (1832—1918). Im Apr. 1862 konzertierte die Künstlerin in einer seiner sonntäglichen Matinéen und spielte zusammen mit dem Gastgeber Mozarts Sonate in D-Dur KV 448. Weitere gemeinsame Auftritte folgten. 1865 heiratete das Künstlerpaar. Am 26. Jan. 1869 wurde der Sohn Richard († 1919 oder 1921) geboren, der später ebenfalls als Pianist Bekanntheit erlangte. Nach 1862 sind nur wenige Hinweise auf die Konzerttätigkeit von Amalie Epstein vorhanden. Dass sie dennoch regelmäßig aufgetreten ist, zeigt ein Beitrag aus der Zeitschrift „Die Tonhalle" aus dem Jahr 1870, in der die Pianistin als „eine glänzende Concerterscheinung“ beschrieben wird, „ohne die eine Wiener Concertsaison nicht vollständig wäre“ (Die Tonhalle 1870, S. 293).

 

WERKE FÜR KLAVIER

Novara-Klänge, Walzer, Triest 1861.

 

LITERATUR

American Hebrew and Jewish messenger 1926, S. 565

AWM 1844, S. 552, 557f.; 1845, S. 23, 148, 172, 228, 527f., 596, 611; 1846, S. 543; 1847, S. 556

Bell’s Life in Sydney and Sporting Reviewer 1858, 3. Juli; 1859, 7. Juli

Deutsche Musik-Zeitung 1862, S. 127

Empire 1858, 2., 3., 7., 12., 14., 18. Apr., 17. Mai, 29. Juni, 3., 5., 6., 10. Juli

Grey River Argus 1870, 21. Juni

Der Humorist 1845, 7. Mai

Illustrated Sydney News 1891, 20. Juni

The Lute 1886, 1. Juni

Morgenblatt für gebildete Leser 1845, S. 1228

Musikpädagogische Blätter 1898, S. 221

Österreichisch-ungarische Revue 1864, S. 155

The Sydney Morning Herald 1858, 19. Febr., 7., 10., 14., 17., 19., 27. Apr., 11., 12., 13., 14., 15., 17. Mai, 30. Juni, 2., 3., 5., 6., 7. Juli, 29. Nov., 1., 4., 6., 8., 14. Dez.; 1859, 28. Apr., 4., 6., 7., 9. Mai, 9. Aug., 17., 24., 27., 29., 30. Dez.; 1867, 18. Jan.; 1887, 25. März

Sonntagsblätter [Österreich] 1844, 24. Nov.

Die Tonhalle. Organ für Musikfreunde 1870, S. 293

Mendel, Riemann 10, OeML

Miska Hauser, Aus dem Wanderbuche eines österreichischen Virtuosen. Briefe aus Californien, Südamerika und Australien, hrsg. von Sigmund Hauser, 2 Bde., Bd. 2, 2Leipzig 1860.

Karl von Scherzer, Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde, in den Jahren 1857, 1858 und 1859 unter den Befehlen des Commodore B. von Wüllerstorf-Urbair, 3 Bde., Bd. 3, Wien 1864.

Anton C. Loew, Kurzgefasste aber vollständige Chronik der weltberühmten Cur- und Badestadt Karlsbad seit deren Entstehung bis auf unsre Tage, Karlsbad 1874.

Ferdinand von Hochstetter, Gesammelte Reise-Berichte von der Erdumsegelung der Fregatte „Novara“1857—1859, Wien 1885.

Johann Strauss, Der Walzerkönig und seine Dynastie. Familiengeschichte, Urkunden, hrsg. von Hanns Jäger-Sunstenau (= Wiener Schriften 22), Wien [u. a.] 1965.

Eduard Hanslick. Aufsätze und Rezensionen, 1862—1863“, in: Sämtliche Schriften, hrsg. von Dietmar Strauß, 6 Bde., Bd. 1, Wien [u. a.] 2008.

Journal of Dr. Karl Scherzer, 1858, Transcribed by Dymphna Clark, http://www.uow.edu.au/~morgan/novara2.htm, Zugriff am 3. Juni 2011.

Australian Jewish Genealogical, www.friedlan.customer.netspace.net.au/New%20South%20Wales%20Deaths.xls, Zugriff am 3. Juni 2011.

 

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