Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Rode, Mina, Minna

Lebensdaten unbekannt, Violinistin. Die Zeitung „The Violinist“ bezeichnet Mina Rode als „granddaughter of the great violinist“ (The Violinist 1928, S. 163). Gemeint ist Pierre Rode (1774—1830); demnach war die Musikerin möglicherweise eine Tochter von Edmond-Pierre-Jean Rode (1816—1883) und Henriette geb. d’Amoreux (1834—1891). Über ihre erste musikalische Ausbildung liegen derzeit keine Informationen vor. Zum Studienjahr 1889/1890 nahm Mina Rode ein Studium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. auf, wo sie die Violinklasse von Hugo Heermann (1844—1935) besuchte. 1891 und 1894 bewarb sie sich erfolgreich um das Felix-Mendelssohn-Bartholdy-Stipendium. Bis 1894 war die Geigerin am Konservatorium eingeschrieben. In dieser Zeit wirkte sie an zahlreichen Übungs- und Vortragsabenden der Einrichtung sowie in Festkonzerten mit. Am 30. Apr. 1894 absolvierte sie mit dem Vortrag von Louis Spohrs Violinkonzert Nr. 9 d-Moll op. 55 eine ihrer letzten Prüfungen.

Noch während des Studiums erfolgten öffentliche Auftritte außerhalb des Konservatoriums. Zusammen mit Hugo Heermann konzertierte Mina Rode 1893 in Berlin und leistete dabei, so Oskar Eichberg in der Zeitschrift „Der Klavier-Lehrer“, „höchst anerkennenswerthes“ (Der Klavier-Lehrer 1893, S. 278). In demselben Jahr ließ sich die Musikerin in einem Konzert des Wiesbadener Männergesangvereins hören. Am 16. Okt. 1893 veranstaltete sie mit einer Kommilitonin, der Pianistin Lina Mayer, ein Konzert im Saal des Alten Gewandhauses in Leipzig. Das Programm enthielt u. a. Anton Rubinsteins Violinsonate Nr. 1 G-Dur op. 13, das Adagio aus Louis Spohrs Violinkonzert Nr. 9 d-Moll op. 55, Camille Saint-Saëns’ Konzertstück A-Dur op. 20 für Violine und Klavier sowieAir varié von Henri Vieuxtemps. Die Besprechungen in der Fachpresse lesen sich ausschließlich positiv. Mit ihrem Auftritt hätten die Musikerinnen, so die „Signale für die musikalische Welt“, „dem genannten Institut[Hoch’sches Konservatorium] wie ihren Lehrern alle Ehre [gemacht]. Auch haben sie bei den Besuchern ihres Concertes entschieden großes Wohlgefallen erregt, und die Kritik kann sich damit einverstanden erklären […], […] behandelt doch […] die Violinistin Fräulein Rode ihr Instrument mit sehr erheblicher Fertigkeit und Gewandtheit der rechten und linken Hand und mit Entfaltung eines anmuthenden Tones und einer unanfechtbaren Intonation, sowie endlich ihr Vortrag in wohlthuendster Weise Intelligenz mit Wärme vereinigt“(Signale 1893, S. 819). Voll des Lobes ist auch der Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“: „Die sichere, wenn erforderlich, energische Bogenführung Frl. Rode’s erzeugte schöne Klangfülle; sowohl im pianissimo wie im Fortissimo war die Tongebung stets wohlklingend. Geistig schwungvoll reproducirte sie St. Saëns Concertstück A dur und Aïr Varié von Vieuxtemps; während sie in einem Adagio von Spohr seelenvollen Gesang entfaltete“ (NZfM 1893, S. 444).

1894 folgten Konzerte in Gießen (21. Jan.), Aachen (28. Juni) und Zürich. Im darauffolgenden Jahr übernahm die Konzertdirektion Wolff die Organisation ihrer Auftritte. In den nächsten Jahren war Mina Rode u. a. in Gießen (1895), Frankfurt a. M. (1895/1898), Wiesbaden (1895), Darmstadt (1896), Berlin (1897/1898/1900/1901), Leipzig (1899), Karlsruhe (1900), Köthen (1900), St. Petersburg (1900), Heidelberg (1901), Homburg (1901), Frankenthal (1902) und Kassel (1904/1908) zu hören. Nach ihrem Auftritt in Kassel 1908 fehlen für die folgenden vier Jahre Hinweise auf Konzerte. Erst 1912 lassen sich weitere Auftritte belegen. In diesem Jahr konzertierte die Violinistin in München und debütierte am 13. Mai in London. In einem Konzert mit dem Sänger Fred Helwig in der Æolian Hall spielte sie Ballade et Polonaise von Henri Vieuxtemps. Für weitere 15 Jahre gibt es in der zeitgenössischen Presse keine Hinweise auf eine Konzerttätigkeit Mina Rodes. Im Sommer 1927 spielte sie in London für einen Rundfunksender César Cuis Berceuse op. 20 sowie den Spanischen Tanz aus der Suite populaireLa Vida Breve von Manuel de Falla in der Bearbeitung Fritz Kreislers ein. 1928 verzeichnet die Zeitung „The Violinist“ einen Auftritt der Musikerin in Frankreich. Spätere Konzerte lassen sich nicht nachweisen. Nebenher wirkte Mina Rode als Lehrerin. Heinrich Hanau zufolge war sie um 1903 als Violinistin und Geigenlehrerin in Frankfurt a. M. aktiv.

Das Repertoire Mina Rodes war anspruchsvoll und enthielt, abgesehen von den bereits genannten Kompositionen, Violinkonzerte von Beethoven (D-Dur op. 61), Mendelssohn (e-Moll op. 64), Henri Vieuxtemps (Nr. 1 E-Dur op. 10), Johannes Brahms (D-Dur op. 77), Max Bruch (Nr. 2 d-Moll op. 44) und Gustav Hollaender (g-Moll), außerdem Giuseppe Tartinis Sonate g-Moll op. 1 Nr. 4 (Teufelstrillersonate), Joh. Seb. Bachs Air aus der Orchestersuite Nr. 3 BWV 1068, Henryk Wieniawskis Scherzo-Tarantelle g-Moll op. 16, Pablo SarasatesZigeunerweisen op. 20 und Jenö Hubays Zephyr und Hejre Kati.

Mina Rode war im Besitz einer Geige der Geigenbauerfamilie Guarneri. Unklar ist, ob das Instrument aus dem Jahr 1730 aus der Werkstatt von Giuseppe Guarneri filius Andreæ oder jener von Giuseppe Guarneri del Gesù stammt.

In der Fachpresse rief die Geigerin vornehmlich positive Kritiker-Reaktionen hervor. Der „Musical Standard“ attestiert Mina Rode „delicacy of touch and wonderful technique“ (Musical Standard 1895 I, S. 116), und die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ erkennt in ihr „eine tüchtige Künstlerin, der eine flüssige und sichere Technik, ein runder, schöner Ton und viel Geschmack im Vortrag eigen sind“ (Signale 1897, S. 328). Geradezu euphorisch klingt eine Rezension in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bezüglich eines Auftritts mit der Sängerin Thérèse de Sauset am 28. Jan. 1899 im Städtischen Kaufhaus in Leipzig, gleichzeitig scheinen hier aber auch Vorbehalte gegenüber dem Geigenspiel von Frauen auf: „Frl. Mina Rode […] ist eine sehr anmuthige junge Geigenfee. Ihre Technik, namentlich die Bogenführung, ist gut entwickelt, der Ton und Vortrag warmblütig und vornehm. Statt der Sonate in G moll (mit dem Teufelstriller) von Tartini, einem für den Concertsaal doch zu wenig denkbaren und veralteten Werke, für welches nur die größten Raffinements eines Sarasate Interesse erwecken können, wäre die Wahl einiger kleinerer Sachen wohl günstiger gewesen. Recht gut gelangen der jungen Künstlerin die Zigeunerweisen von Sarasate. Etwas mehr Verve und Energie wird sich wohl mit der Zeit noch einstellen und ich glaube dann für die künstlerische Zukunft der Dame die schönsten Hoffnungen aussprechen zu dürfen“ (NZfM 1899, S. 63f.).

Emil Bormann, Korrespondent einer Zeitung in St. Petersburg, hatte zunächst einen weitaus schlechteren Eindruck von der Violinistin als seine zuvor zitierten Kollegen, korrigierte seine Meinung jedoch nach einem Auftritt Mina Rodes in einem der Populären Konzerte des Orchesters und Chors des Grafen Scheremetew im Jahr 1900: „Frl. Rode, dieselbe junge Geigerin, welche in der vorigen Saison im Creditsaal und darauf in einem der Pawlowsker Extra-Concerte sich dem Publikum als eine gänzlich unreife Virtuosin vorstellte, die mit strafbarem Selbstbewußtsein, blos auf ihr reizendes Aeußere rechnend, mit den schwierigsten Stücken das Gehör des Publikums maltraitirte, reproducirte sich in diesem Concert im Bruch’schen G moll-Concert, welches sie mit einer Reife spielte, die ihre noch vor etwa dreiviertel Jahren constatirte unzulängliche Vortragsweise kaum glaublich werden läßt. Es ist leicht begreiflich, wie unter diesen günstigen Verhältnissen das eigene individuelle Wesen, das feurige Temperament, die Unmittelbarkeit, welche die Vortragsweise der jungen, reich begabten und, wie ich jetzt mit großer Freude betone, ‚beharrlich‘ strebsamen (das erste Pfand für den ‚echten‘ Kunstruhm) Künstlerin schon bei ihrem ersten Auftreten charakterisi[er]te zündend wirken konnte; der Andante-Satz z. B. braucht nicht inniger, singender, herzlicher gespielt zu werden. Die Allegro-Sätze waren mit einer Präcision vorgetragen, die eher zu ängstlich waren [sic]; dafür ließ Fräulein Rode in der Zugabe ihrem Naturell die Zügel schießen und diesmal riskirte sie nichts: die Flageolets, die Sprünge und Gänge erklangen rein und reizend“ (NZfM 1900, S. 442).

 

LITERATUR

Allgemeine Rundschau. Wochenschrift für Politik und Kultur [München] 1913, S. 235

Bock 1893, S. 508; 1895, S. 67, 147

The Chesterian 1927, NP

FritzschMW 1899, S. 119; 1908, S. 251

Le Guide Musical 1895, S. 136

Jahresberichte des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1889/1890, S. 7, 15, 20, 24, 26; 1890/1891, S. 7, 12, 13, 18, 21, 22; 1891/1892, S. 7, 15, 16, 17, 20, 26, 28, 29; 1892/1893, S. 7, 14, 15, 16, 18, 19, 21, 24, 25, 28, 29; 1893/1894, S. 7, 27

Der Klavier-Lehrer 1893, S. 277f.

Musical Standard 1895 I, S. 116

MusT 1912, S. 397

Die Musik 1903/04 III, S. 391; 1907/08 II, S. 248; 1911/12 I, S. 62, 122

NZfM 1890, S. 174; 1893, S. 444, 470; 1894, S. 93, 398; 1898, S. 5; 1899, S. 47, 163; 1900, S. 442; 1901, S. 53, 160; 1902, S. 106

Le Revue Musical S. I. M. 1912, S. 65

Signale 1893, S. 819, 823; 1894, S. 150, 236, 622, 682, 1051; 1895, S. 236; 1896, S. 986; 1897, S. 328; 1898, S. 117, 1048; 1900, S. 947, 1065, 1099

The Violinist 1928, S. 163

 

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Festschrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (1878—1903), Frankfurt a. M. 1903.

Friedrich Niederheitmann, Cremona. Eine Charakteristik der italienischen Geigenbauer und ihrer Instrumente, 5., überarbeitete Auflage, hrsg. von Emil Vogel, Leipzig 1919.

Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (1878—1978), Frankfurt a. M. 1979.

Peter Muck, Einhundert Jahre Berliner Philharmonisches Orchester. Darstellung in Dokumenten, 3 Bde., Bd. 3, Tutzing 1982.

Mignot Jean, „Pierre Rode. Le violoniste virtuose de l’empereur“, in: http://www.napoleon.org/fr/salle_lecture/articles/files/@482171.asp, Zugriff am 3. Nov. 2013.

 

Annkatrin Babbe

 

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