Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Schindler, Rosa

* 2. Sept. 1874 in Gliwice (deutsch Gleiwitz, Oberschlesien), † nach 1908, Ort unbekannt, Violinistin. Seit dem Alter von acht Jahren erhielt Rosa Schindler Geigenunterricht von einem Gleiwitzer Militärmusiker. Nach Anna Morsch übernahm anschließend Professor Slavitzki (vermutlich Klement Slawický, 1863—1941) ihre Ausbildung.„Er hörte die Kleine, nachdem sie einige Jahre Unterricht gehabt, spielen und war so überrascht von dem ausgesprochenen Talent, daß er sich zu ihrer Weiterbildung erbot“ (Morsch, S. 194). Später spielte sie Richard Himmelstoß (1843–?) vor, dem Konzertmeister des Breslauer Orchestervereins, der sie „als ein geradezu phänomenales Talent“ (ebd.) an Joseph Joachim (1831—1907) weiterempfahl. Die Violinistin war jedoch zu diesem Zeitpunkt noch zu jung, um an der Königlichen Musikhochschule in Berlin aufgenommen zu werden, und nahm daher Privatunterricht bei Hans Hasse (1855—1932) sowie anschließend bei Pablo de Sarasate (1844—1908). Erst hiernach wurde sie zum Studienjahr 1889/90 an die Berliner Musikhochschule aufgenommen, wo sie zunächst bei Johann Secundus Kruse (1859—1927) studiert hat. Vermutlich seit 1890 besuchte sie die Klasse Joseph Joachims. 1892 beendete Rosa Schindler ihr Studium, bewarb sich noch in diesem Jahr um das Felix Mendelssohn-Bartoldy-Staatsstipendium und erhielt hierauf eine einmalige finanzielle Unterstützung von 200 Mark.

Schon vor Beginn ihres Studiums ließ sich Rosa Schindler öffentlich hören. Ihr zentrales Wirkungsfeld war, auch nach ihrer Ausbildung, Berlin. Am 19. Okt. 1889 erfolgte einer ihrer ersten öffentlichen Auftritte in einem Konzert des Berliner Philharmonischen Orchesters unter der Leitung von Gustav Friedrich Kogel in der Singakademie. Das Programm enthielt neben Bruchs Violinkonzert Nr. 1 g-Moll op. 26 eine Rêverie von Henri Vieuxtemps (vermutlich Nr. 3 aus den Six morceaux de salon op. 22) sowie das Konzert fis-Moll von Heinrich Wilhelm Ernst. Am 20. Dez. 1890 und am 17. Dez. 1891 zeigte sich Rosa Schindler erneut in Konzerten des Berliner Philharmonischen Orchesters. Seit 1892 trat sie mehrfach zusammen mit der Pianistin Frida Simonson auf. Nach einem Konzert am 8. Okt. 1892 schreibt ein Korrespondent der Zeitschrift „Der Klavier-Lehrer“: „Die Violinistin, welche bereits mit Erfolg in die Oeffentlichkeit getreten[,] gab im Vortrag von [Heinrich Wilhelm]Ernst’s Othello-Fantasie [op. 11] und Saint-Saëns Introduction et Rondo capricioso mit Orchester [a-Moll op. 28]erneute Probe ihres schönen Talents. Von besonderem Reize ist ihre Kantilene. Wer wie sie einen so beseelten Ton aus dem Instrumente zu locken versteht und in so jugendlichem Alter über eine so sichere Technik gebietet, der gehört ohne Zweifel zu den Auserwählten“ (Der Klavier-Lehrer 1892, S. 266). Ähnlich vielversprechend äußert sich ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“, demzufolge Rosa Schindler „bereits in die Zahl der hervorragenden Geigenkünstlerinnen [gehört], und sie wird gewiß noch manche weitere Stufe in der Kunst ersteigen“ (NZfM 1892, S. 482).

Im Okt. des Jahres 1892 begab sich Rosa Schindler zusammen mit der Sängerin Marie Schmidt-Köhne (1854—1947) und dem Großherzoglich Mecklenburgischen Hofpianisten Alfred Sormann (1861—1913) auf eine von der Konzertdirektion Wolff organisierte Konzertreise. Bis zum Dez. des Jahres konzertierten die drei MusikerInnen in Mitteldeutschland, dem Rheinland, Pommern und Oldenburg. Der Violinistin brachte diese Tournee eine überregionale Bekanntheit ein. In den folgenden Jahren beschränkten sich ihre Auftritte wieder vor allem auf Berlin. Die Konzertprogramme enthielten unter anderem Spohrs Violinkonzert Nr. 8 a-Moll op. 47, das Konzert fis-Moll op. 23 von Heinrich Wilhelm Ernst, Beethovens Konzert D-Dur op. 61, ein Albumblatt für Violine von Wagner, Aleksander Zarzyckis Mazurka op. 26, Paganinis Moto Perpetuo C-Dur op. 11 sowie Kompositionen von Sarasate, Schumann, Wieniawski, Ries und Vieuxtemps.

Am 12. Aug. 1893 ließ sich Rosa Schindler im Berliner Conversationssaal (Central-Hotel) hören und konzertierte am 25. Okt. zusammen mit Teresa Carreño in Neubrandenburg. Der Zeitschrift „Violin Times“ zufolge unternahm Rosa Schindler 1893 außerdem eine, erneut von der Konzertdirektion Wolff organisierte, Tournee. Diese„brought her under the patronage of the Royal Family of Hohenzollern, and won for her the sympathetic admiration of Pablo de Sarasate“ (Violin Times 1894, S. 131).

Am 18. Apr. 1894 veranstaltete die Violinistin ein Konzert im Saal des Berliner Hôtel de Rome, in dem ihre Schwester Margarethe, eine Pianistin und ehemalige Studentin des Stern’schen Konservatoriums, erstmals öffentlich auftrat. Im Sommer desselben Jahres reiste die Künstlerin nach England und debütierte im Juni in London. Am 18. Juni ließ sie sich mit einem Satz aus Mendelssohns Violinkonzert e-Moll op. 64 im Salon des Ehepaars Semon hören.

Anfang des Jahres 1895 zeigte sich Rosa Schindler in einem Konzert der Sängerin Adelina Patti in Dresden und reiste später erneut nach London. Von der (Fach-)Presse erhielt sie positive Rückmeldungen für ihre Auftritte. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ zitiert die „Breslauer Zeitung“: „‚Es ist nicht leicht für eine junge Künstlerin, sich in London Bahn zu brechen […]. Eine um so angenehmere Aufgabe ist es für den Berichterstatter, das Gelingen eines solchen Versuches zu constatiren, namentlich wenn die Künstlerin eine Landsmännin ist. Ihr Ton, ihre Technik haben durch eine offenbar rastlose Thätigkeit in Jahresfrist gewonnen und über ihr Wesen ist heute beim Spiel eine Ruhe ausgegossen, die überaus wohltuend wirkt und der Reflex einer seltenen Sicherheit ist‘“ (NZfM 1895, S. 381). Im Herbst des Jahres 1895 befand sich Rosa Schindler wieder in Deutschland und konzertierte am 31. Okt. in Berlin. Der „Neuen Zeitschrift für Musik“ zufolge zeigte sich die Musikerin hier„bedauerlicherweise zum letzten Mal: Sie verheirathet sich und folgt dem Mann ihrer Wahl nach Rußland. Die Vorträge dieses Abends konnten ihren Verehrern den Abschied wohl schwer machen, ihr großes Können und ihre Begabung zeigten sich hier im hellsten Licht“ (NZfM 1895, S. 504). Tatsächlich finden sich — abgesehen von der Ankündigung einer Amerika-Tournee aus dem Jahr 1908 in der Fachzeitschrift „The Violinist“ — keine weiteren Belege für Auftritte Rosa Schindlers.

 

LITERATUR

Bock 1889, S. 327, 352; 1891, S. 439

FritzschMW 1893, S. 23, 487

Der Klavier-Lehrer 1892, S. 266

Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins 1892, S. 130

Neue musikalische Presse 1895, S. 36

NZfM 1891, S. 268; 1892, S. 482; 1893, S. 6f., 161, 496; 1894, S. 247, 352; 1895, S. 381, 504

Signale 1894, S. 135; 1895, S. 195

The Times [London] 19. Juni 1894

The Violinist 1908, S. 42

Violin Times 1894, S. 131; 1895, S. [33]

Anna Morsch, Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizze aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Inka Prante, Die Schülerinnen Joseph Joachims. Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung, unveröffentlicht,  Berlin 1999.

Silke Wenzel, Art. „Rosa Schindler“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=schi1874, Zugriff am 5. Dez. 2012.

 

Annkatrin Babbe

 

© 2012 Freia Hoffmann