Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Trattner, Therese (Maria Theresia) von, geb. Nagel

* 22. Nov. 1758 in Wien, † 12. Juli 1793 ebd., Pianistin und Konzertveranstalterin. Über die Ausbildung Therese Nagels ist bislang nichts bekannt. Wahrscheinlich ist, dass ihr Vater Joseph Anton Nagel, der Mathematiker und Naturwissenschaftler sowie Hofmathematicus war, eine für höhere Töchter übliche Ausbildung wählte. Dazu zählte auch der Unterricht auf dem Cembalo oder Pianoforte. Zwei Jahre nach Thereses Geburt wurde der Vater zum Mathematiklehrer des Erzherzogs Karl Joseph berufen. Damit ist eine Nähe der Familie Nagel zum Hof Maria Theresias erkennbar, aus der möglicherweise auch die Verheiratung an den ebenfalls vom Hof geförderten Hofbuchdrucker, Verleger und Papierfabrikanten Johann Thomas von Trattner (1717 oder 1719-1798) zu erklären ist. Trattner war rund 40 Jahre älter als seine Ehefrau und bereits verwitwet, als er sie 1776 heiratete. Sie gebar während der 17-jährigen Ehe zehn Kinder, wovon nur die Tochter Francisca Xaveria das Erwachsenenalter erreichte.

Der Verleger Trattner hatte sich am Graben im Stadtzentrum von Wien den so genannten „Trattnerhof“ erbauen lassen, ein repräsentatives Gebäude in bester Lage, in dem sich ein eigens für Veranstaltungen eingerichteter Saal befand. Mozart, der mit seiner Familie vorübergehend im Trattnerhof wohnte, veranstaltete hier drei seiner Subskriptionskonzerte (17., 24. und 31. März 1784), zu denen er je ein Klavierkonzert komponierte (KV 449, 450 und 451). Therese von Trattner, die seit Dez. 1781 Mozarts Klavierschülerin war, dürfte hierbei als Initiatorin und/oder Organisatorin mitgewirkt haben. Die Subskribenten-Listen dieser Konzerte verzeichnen zahlreiche Mitglieder der gehobenen Wiener Gesellschaft. Es dürfte daher auch dem Engagement Therese von Trattners zu verdanken gewesen sein, dass sich mit diesen Konzerten der Ruf Mozarts als herausragender Klaviervirtuose in Wien zu festigen begann. Die Korrespondenz Mozarts aus dieser Zeit berichtet darüber hinaus von Akademien, die von Therese von Trattner selbst veranstaltet wurden („Ich muß nun im ersten Stock hinab zu einer Akademie zur Frau von Trattnern“; Mozart an seinen Vater, Brief vom 8. Mai 1784).

Mozart war Lehrer, Mieter, Konzertveranstalter und konzertierender Künstler im Trattnerhof. Darüber hinaus entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden Familien, die auch fortbestand, nachdem die Mozarts bereits nach wenigen Monaten wieder aus dem Trattnerhof ausgezogen waren. Diese freundschaftliche Nähe spiegelt sich nicht zuletzt auch in den Patenschaften wider: Johann Thomas von Trattner übernahm die Patenschaft für drei der Mozart-Söhne, während Therese von Trattner Patin der 1787 geborenen Mozart-Tochter Theresia Constanzia war.

Wie lange Therese von Trattner bei Mozart Unterricht nahm, ist nicht bekannt, vermutlich bis zu seinem Tod („Von seinen Schülerinnen sind ihm bis zuletzt treu geblieben Frau Therese v. Trattnern und Fräulein Franziska v. Jacquin“, Schurig, S. 38). Mozart widmete ihr zwei Klavierkompositionen: die Sonate KV 457 und die Fantasie KV 475, die gemeinsam bei Artaria gedruckt wurden. Die Sonate in c-Moll trägt auf dem Titelblatt der Reinschriftkopie eine Widmung von Mozarts Hand: „Per la Sig:ra Teresa de Trattner dal suo umilissimo servo Wolfgango Amadeo Mozart, Vienna li 14 d’ottobre 1784“.

 

LITERATUR

Neue Mozart-Ausgabe Serie IX, Werkgruppe 25, Bd. 2.

Wurzbach, MGG 2000 Suppl. (Art. Trattner, Johann Thomas), Grove 2001 (Art. Trattner, Johann Thomas)

Arthur Schurig (Hrsg.), Konstanze Mozart: Briefe, Aufzeichnungen, Dokumente 1782-1842, Dresden 1922.

Volkmar Braunbehrens, Mozart in Wien, München 41989.

Rüdiger Wolf, „Wiener Wirtschaftsadel um Mozart, 1781-1791“, in: Mitteilungen der Internationalen Stiftung Mozarteum 1/2 (2002), S. 16-48.

Elisabeth Strömmer, „Musiker und Entrepreneur. Mozarts Logis im ‚Trattnerhof’ 1784“, in: Wiener Figaro. Mitteilungsblatt der Mozartgemeinde Wien 2 (2002), S. 3-24.

Freia Hoffmann, „Musikerinnen um Mozart. Ein neuer Blick auf ein altes Thema“, in: Musik und Leben. Freundesgabe für Sabine Giesbrecht zur Emeritierung, hrsg. von Hartmuth Kinzler (= Schriftenreihe des Fachbereichs Erziehungs- und Kulturwissenschaften 18), Osnabrück 2003, S. 180-194.

Melanie Unseld, Mozarts Frauen. Begegnungen in Musik und Liebe, Reinbek bei Hamburg 2005.

 

Melanie Unseld

 

© 2009 Freia Hoffmann