Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Voigt, Henriette, geb. Kunze, Kuntze

* 24. Nov. 1808 in Leipzig, † 15. Okt. 1839 ebd., Pianistin. Der Vater, Karl Wilhelm Kuntze, unterrichtete an der Thomasschule Französisch und Italienisch. Ihre ersten Klavierstunden erhielt Henriette Voigt bei dem Thomasschüler Karl Gottlieb Reißiger (1798–1859). Nach dem Tod des Vaters half ihr um 1824 ein wohlhabender Pate, ihre Ausbildung in Französisch und auf dem Klavier in Berlin fortzusetzen. Dies sollte ihr ermöglichen, später als Erzieherin zu arbeiten. Sie wohnte unter anderem bei der Familie Bendemann (dem Onkel des späteren Malers Eduard Bendemann). Klavierunterricht erhielt sie unter anderem bei Ludwig Berger. Julius Gensel, ein Schwiegersohn Henriette Voigts, berichtet später, „daß [Ludwig] Berger selbst ihr zu öffentlichen Auftritten riet“ (Gensel 1909, S. 394). Gensel überliefert weiter, dass im Haus der Familie Bendemann Kammermusik gepflegt wurde und Henriette Voigt hierbei oft vierhändig spielte, „namentlich mit Felix Mendelssohn und Wilhelm Taubert, die, etwas jünger als sie, zur selben Zeit Bergers Schüler waren“ (ebd.).

1828 kehrte sie nach Leipzig zurück, um ihre Mutter durch das Erteilen von Klavierstunden finanziell zu unterstützen. Zwei Jahre später heiratete sie den jungen Kaufmann Karl Voigt, der 1830 seine Seiden- und Garnhandlung (Berger & Voigt) in Leipzig eröffnete. Henriette Voigt setzte auch nach ihrer Hochzeit ihre Arbeit als Klavierlehrerin fort. Ihr Mann berichtet in seinen Lebenserinnerungen: „Da nicht vorauszusehen war, welchen Ertrag unser neu errichtetes Geschäft abwerfen würde, so hatte mein Jettchen [Henriette] darauf bestanden, den Clavierunterricht, durch den sie sich schon seither selbstständig erhalten, fortzusetzen, um wenigstens ihre eigenen Bedürfnisse davon zu bestreiten und ich kann nicht sagen, wie rührend mir’s war, als sie mir beim ersten Jahresabschluß 100rf als Überschuß ihrer Einnahmen übergab. Nachdem aber die geschäftlichen Aussichten immer günstiger wurden, drang ich darauf, daß sie diesen Unterricht aufgab, doch ließ sie sich’s nicht nehmen, einigen unbemittelten jungen Mädchen […] unentgeltlich Stunden zu geben“ ( Carl Voigt, S. 24f.).

Henriette Voigt wurde zu einer bedeutenden Figur des Leipziger Musiklebens, indem sie ihr Haus zusammen mit ihrem kunstsinnigen Ehemann zu einem wichtigen Treffpunkt für Künstler und Künstlerinnen ihrer Zeit machte. „Fast alle Künstler von Bedeutung, die Leipzig auf ihren Reisen berührten, waren mit und ohne schriftliche Empfehlung von Kunstgenossen dort zu Gast und spielten mit Henriette Sonaten und Trios“ (Schmidt, S. 188). Zu den Gästen zählten u. a. Schumann, Mendelssohn, Chopin, Clara Wieck, Ludwig Schunke, Hofrath Rochlitz, Moritz Hauptmann, Carl Gottlieb Reißger, Wilhelm Taubert, Louis Spohr, William Sterndale Bennett, Carl Löwe und Henriettes Lehrer Ludwig Berger.

Trotz ihrer ausgezeichneten Ausbildung und Fähigkeiten wirkte Henriette Voigt nur im halböffentlichen Raum ihres musikalischen Salons. Sie „wusste […] mit Kraft und Anmuth, bedeutende Fertigkeit mit innigem Ausdrucke zu verbinden. Zum öffentlichen Auftreten war die auch im Uebrigen sehr gebildete Frau nicht zu bewegen: sie zog es vor, im engern Kreise durch ihr Spiel Freude zu schaffen, und mancher Künstler und Kunstliebhaber hat ihr herrliche musikalische Genüsse zu danken“ (AmZ 1839, Sp. 842).

Henriette Voigts pianistisches Repertoire wurde durch die Freundschaft mit dem Pianisten und Komponisten Ludwig Schunke beeinflusst, den sie 1833 kennenlernte und der sie auch mit Robert Schumann bekannt machte. Schumann beschreibt Schunkes Einfluss folgendermaßen: „Bis zur Bekanntschaft mit diesem theuren Künstler war Henriette Voigt vorzugsweise der ältern Schule zugethan. Eine Schülerin von Ludwig Berger in Berlin, spielte sie besonders dessen Kompositionen mit begeisterter Vorliebe, außerdem nur von Beethoven“. Durch Schunke „wurde Henriette auch auf die neueren Richtungen aufmerksam, die nach Beethoven’s und Weber’s Tod sich geltend gemacht. So wurde Franz Schubert vorgenommen […]. Daneben waren Mendelssohn und Chopin aufgetaucht; der Meisterzauber des ersteren hatte die Frau bis zur Verehrung eingenommen, während sie die Compositionen des anderen lieber spielen hörte, als selbst spielte“ (NZfM 1839 II, S. 158).

Besonders die Klavier- und Violinsonaten Beethovens hatten einen wichtigen Stellenwert in dem von Henriette Voigt gepflegten Repertoire. „Wie erscheinen mir doch meines heißverehrten Beethovens himmlische Gedanken stets höher, in einem stets reinerem, erhabenen Lichte! ach ich sage es leise zu mir selbst mit hoher Wonne, […] ich verstehe ihn, ich strebe mit allen Kräften dahin, ihn würdig zu verkünden“ (Tagebuch, 27. Juni 1831). Daneben spielte sie auch Werke von Bach, Mozart, Berger, Hummel, Hauptmann, Schubert, Schunke und Taubert. Mehrfach äußert sie ihre Abneigung gegenüber Virtuosenstücken. „Er [Rochlitz] brachte mir Czernys neustes Werk mit, ein Original an Wust der Noten und Flachheit“ (Taschenkalender 1835, 12. Jan. 1835). Dagegen verehrte sie Mendelssohn und führte zahlreiche seiner Werke, auch Orchesterwerke wie die Hebriden-Ouvertüre in Bearbeitung für Klavier vierhändig, auf. Am vehementesten trat sie jedoch für die Klavierwerke Robert Schumanns ein. So schreibt sie ihm 1838 aus Berlin: „Denken Sie [...] an eine Seele, die viel Ihrer denkt, Ihre Gedanken wiederzugeben sucht, von Ihnen spricht mit grundfester Ueberzeugung und gern das Schwerdt zur offnen Fehde zieht wenn es gilt, Ihre Ideen gegen die fest eingepuppten der Philister zu vertheidigen. Man liest hier Ihre Zeitung mit dem größten Interesse, aber Ihre Compositionen kennt man nicht und noch sind Wenige, die sich so ganz erheben können […]. – Dennoch hatte ich gestern Abend die große Freude, in einer großen Gesellschaft, wo ich Ihre Phantasiestücke spielte, Einige, die sie zum zweiten male hörten, doch vernünftiger Weise davon begeistert zu sehn“ (Gensel 1892, S. 369).

Robert Schumann verband mit Henriette Voigt eine tiefe Freundschaft. Carl Voigt berichtet: „Seit jener Zeit [nach Schunkes Tod] verkehrte Schumann noch häufiger in unserem Hause als früher, brachte oft seine Compositionen brühwarm, um sie sich von meiner Frau vorspielen zu lassen, und schien sich […] recht heimisch bei uns zu fühlen“ (Carl Voigt, S. 26). Auch in seine heimliche Verlobung mit Ernestine von Fricken sowie in die Bedeutung der Tonfolge A-Es-C-H in seinem Carnaval weihte er Henriette Voigt ein (Asch war der Geburtsort von Ernestine von Fricken). Von Schumanns hoher Meinung über Henriette Voigt zeugt unter anderem seine Bitte, sie möge sich Clara Schumanns annehmen: „Schumann erzählte mir, daß [Friedrich] Wieck solchen ungeheuren Respeckt [sic] vor mir habe, ob ich nicht bemerke, daß er stets befangen wäre in meiner Nähe – das amüsierte mich sehr – ferner meinte er, sollte ich mich doch der Clara annehmen – ich würde sie in kurzer Zeit ganz beherrschen u großen Einfluß auf sie haben, denn so ungebildet wie sie sei, habe sie doch große Scheu und Ehrfurcht vor allem, was Geist sei u heiße“ (Henriette Voigt an Carl Voigt, Brief vom 1. 9. 1834, D-LEsm: L/918/2006).

Die große Wertschätzung, die Henriette Voigt von den Künstlern ihrer Zeit erfuhr, ist u. a. in Briefwechseln mit Robert Schumann und Mendelssohn dokumentiert, die ihr beide auch Klavierwerke widmeten: Schumann die Klaviersonate g-Moll, op. 22, Mendelssohn sein Lied ohne Worte in fis-Moll, das er mit einigen Veränderungen als „Venezianisches Gondellied“ im zweiten Heft seiner Lieder ohne Worte op. 30 veröffentlichte (Nr. 6). Desweiteren widmeten ihr auch Schunke, Taubert, Berger und Clara Schumann Kompositionen.

Henriette Voigt hatte zwei Töchter. Die erste, Ottilie (Patenkind Felix Mendelssohns), wurde im Dez. 1835 geboren. Im Winter 1838 zeigten sich bei Henriette Voigt erste Anzeichen der Tuberkulose. Nach der Geburt ihrer zweiten Tochter (Patenkind Robert Schumanns) am 5. Mai 1839 starb sie im Okt. des selben Jahres 30-jährig nach einem Kuraufenthalt in Salzbrunn. In der „Neuen Zeitschrift für Musik wird sie kurz darauf als „eine vorzügliche Clavierspielerin, vielleicht als die erste Dilettantin unserer Stadt“ geehrt (NZfM 1839 II, S. 140).

Robert Schumann verfasste einen umfangreichen Nekrolog mit dem Titel „Erinnerung an eine Freundin“. Dort heißt es u. a.: „Ihr Clavierspiel hatte die Vorzüge, die L. Berger’s Schule eigen; sie spielte correct, zierlich, gern, doch nicht ohne Aengstlichkeit, wenn Mehre zuhörten. Den Grundsätzen ihrer Schule hing sie lange und mit Strenge an, so daß sie z. B. nur mit Mühe zum Gebrauche des belebenden Pedals zu bewegen war. Nie aber hörten wir jemals eine schlechte Komposition von ihr spielen; nie auch munterte sie Schlechtes auf; als Wirthin vielleicht genötigt, es hinnehmen zu müssen, zog sie dann lieber vor zu schweigen, trotz aller Aufmerksamkeit für die Person des Künstlers im Uebrigen“ (NZfM 1839 II, S. 158f.).

 

Undat. Lithographie von Friedrich Keil, gedr. bei Hanfstaengl.

 

LITERATUR

Henriette Voigt, Tagebuch 1830-1835, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, L/915/2006.

Henriette Voigt, Taschenkalender 1835, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig L/911/2006.

Henriette Voigt, Taschenkalender 1836, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig L/912/2006.

Henriette Voigt, Taschenkalender 1837, Robert Schumann-Haus Zwickau, Archiv-Nr. 3868-A3.

Henriette Voigt, Briefe, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

Notenalben von Henriette Voigt, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig.

Voigt, Carl, Lebensbeschreibung, 1866, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, L/963/2006.

AmZ 1839, Sp. 842

NZfM 1839 II, Sp. 140, 158ff.

Becker, Baker 5, Riemann 1, Thompson, Grove 1

Robert Schumann, Gesammelte Schriften über Musik und Musiker, Leipzig 1854, Repr. Wiesbaden 1985.

Robert Schumann, Tagebücher, Bd. II: 18361854, hrsg. von Gerd Nauhaus, Basel [u. a.] 1987.

Felix Mendelssohn-Bartholdy, Acht Briefe und ein Facsimile von Felix Mendelssohn-Bartholdy, hrsg. von Carl Voigt, Leipzig ²1871.

André Boucourechliev, Robert Schumann. In Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1958.

Julius Gensel, „Robert Schumanns Briefwechsel mit Henriette Voigt“, in: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Litteratur und Kunst, 1. Vierteljahr (1892), S. 269277, 324332, 368375.

Julius Gensel, „Henriette Voigt. Erinnerungen aus dem Leipziger Musikleben zu Mendelssohns Zeit“, in: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Litteratur und Kunst, 1. Vierteljahr (1909), S. 393400.

Julius Gensel, „Aus Rochlitzens Briefen an Henriette Voigt“, Sonderdruck aus dem Leipziger Kalender, Leipzig 1906.

Friedrich Schmidt, Das Musikleben der bürgerlichen Gesellschaft Leipzigs im Vormärz (18151848) (= Musikalisches Magazin Heft 47), Langensalza 1912.

Friedrich Gustav Jansen, Die Davidsbündler. Aus Robert Schumann’s Sturm- und Drangperiode. Ein Beitrag zur Biographie Robert Schumann’s nebst ungedr. Briefen, Aufsätzen und Portraitskizzen aus seinem Freundeskreise, Leipzig 1883, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1973.

Rudolf Weinmeister, Henriette Voigt, zum 100. Todestag der „Eleonore“ Robert Schumanns, Sonderabdruck aus dem Leipziger Jahrbuch 1939.

Wolfgang Boetticher, „Neue Materialien zur Begegnung Robert Schumanns mit Henriette Voigt“, in: Florilegium Musicologicum, Hellmut Federhofer zum 75. Geburtstag, hrsg. von Christoph-Hellmut Mahling, Tutzing 1988, S. 4556.

Brigitte Richter, Frauen um Felix Mendelssohn Barholdy, Frankfurt a. M. [u. a.] 1997.

 

Bildnachweis

Sammlung Manskopf der Universitätsbibliothek Frankfurt a. M., http://sammlungen.ub.uni-frankfurt.de/5567299, Zugriff am 26. Febr. 2014.

 

Hanna Bergmann/Mirjam Gerber

 

© 2007 Freia Hoffmann