Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Ziegler, Christiane Marianne, Mariane, von, geb. Romanus, verh. von Könitz, verh. von Steinwehr

* 28. Juni 1695 in Leipzig, † 1. oder 30. Mai 1760 in Frankfurt a. O, Flötistin, Clavierspielerin, Lautenistin, Sängerin und Schriftstellerin. Ihr Vater, der Jurist Franz Conrad Romanus, wirkte seit 1701 als Leipziger Bürgermeister. Er war selbst ein Musikliebhaber und unterstützte Georg Philipp Telemann, der 1701 bis 1704 in Leipzig arbeitete, indem er ihn beauftragte, in zweiwöchigem Turnus Kantaten für die Nikolaikirche zu schreiben. Im Jahr 1705 wurde Romanus auf Befehl des Kurfürsten auf der Festung Königstein inhaftiert, wo er ohne Urteilsspruch lebenslang in Verwahrung blieb. Über Christiane Marianne von Zieglers Bildungsgang ist nichts Genaueres bekannt, eine Prägung durch den musikalischen Haushalt ihrer Eltern liegt jedoch nahe. 1711 heiratete sie 16-jährig Heinrich Levin von Könitz aus Arnstadt, vielleicht auch aus der finanziellen Notlage heraus, in die die Familie durch das Wegfallen des väterlichen Verdienstes geriet. Im folgenden Jahr war sie bereits wieder Witwe. Eine zweite Ehe ging sie 1717 mit dem Hauptmann Georg Christoph von Ziegler ein. Doch auch diese Verbindung wurde durch den Tod des Ehemanns beendet; später starben auch beide Kinder. Als gut versorgte Erbin kehrte Christiane Marianne von Ziegler 1722 in ihr Elternhaus zurück. In diese Zeit fällt ein Großteil ihrer literarischen Tätigkeit. In ihrer Schrift „Moralische und vermischte Send-Schreiben. An einige ihrer vertrauten und guten Freunde gestellt“ (Leipzig 1731) nimmt sie Bezug auf die Frage nach den Musikinstrumenten, die Frauen wählen sollten: „Die gantz gewöhnlichen und dem weiblichen Geschlechte gebräuchlichen Instrumente höret man täglich bey vielen Frauenzimmer, die Flöten aber klingen bey unsers gleichen und diß durch gantz Deutschland, gar sparsam; [...] [Ich gebe Ihnen] die theure Versicherung, daß die meisten von denen Frantzöischen [sic] Frauenzimmer so wohl adelichen als bürgerlichen Standes, welche doch jederzeit bey allen Nationen Beyfall gefunden, und vor galant und artige Geschöpffe in der ganzen Welt paßiren, sich der sogenannten Traversiere [Traversflöte] starck bedienen; [...] Entschließen Sie sich nur daher, und sonder langes Besinnen, Ihr Fräulein zur Erlernung dieses angenehmen und nicht allzugemeinen Instruments anzuhalten, damit ich an selbiger eine Mitgefehrtin bekomme“ (S. 408f.). Neben der hier angesprochenen Traversflöte spielte die Autorin Blockflöte, Laute und Clavier.

Öffentlich konzertierte Christiane Marianne von Ziegler niemals, unterhielt aber ungefähr ab dem Jahr 1723 im Haus ihrer Mutter einen der ersten literarischen und musikalischen Salons Deutschlands. Als Gastgeberin bestimmte sie maßgeblich den Geschmack der dortigen gesellschaftlichen Zusammenkünfte. Neben gepflegter Konversation und gelehrten Spielen fanden dort auch regelmäßig musikalische Aufführungen statt, die z. B. die„Herrn Virtuosen, die mir zum öfftern bey ihren Hierseyn u. Durchreisen die Ehre ihres Zuspruchs gönnen“ (Versuch in gebundener Schreib-Art, S. XIII), gestalteten und an denen sie auch selbst mitwirkte. Auswärtige Komponisten bemühten sich um Aufführungen im Zieglerischen Salon und sandten Proben ihres Könnens ein. In deren Beurteilung zeigte sich die Gastgeberin als musikalisch hochgebildet, erkannte sie doch mutwillig für die Flöte (ihr Lieblingsinstrument) bearbeitete Stücke sofort, und regte an, doch lieber die Originalbesetzung beizubehalten. Insgesamt hatte sie eine Vorliebe „für die größeren und reicheren Musikformen, und als diejenigen Componisten, auf welche man rathe, wenn eine neue unbekannte Ouverture den Hörer in das größte Entzücken versetzt habe, nennt sie Telemann, Bach und Händel“ (Spitta, S. 419). Immer wieder betätigte sie sich auch als Vermittlerin geeigneter Kandidaten, wenn es in ihrer Heimatstadt musikalische Positionen neu zu besetzen gab.

Unter den regelmäßigen Besuchern ihres Salons war neben Johann Christoph Gottsched auch Johann Sebastian Bach zu finden, der über diesen gesellschaftlichen Knotenpunkt Zugang zu den gebildeten Kreisen Leipzigs bekam. Im Frühjahr 1725 schrieb er eine Serie von neun Kantaten (BWV 103, 108, 87, 128, 183, 74, 68, 175 und 176) auf Texte Christiane Marianne von Zieglers. Auch Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel steuerte in einer Odensammlung, die Johann Friedrich Gräfe herausgegeben und der Literatin dediziert hatte, eine Komposition bei.

1741 heiratete Christiane Marianne von Ziegler den Philosophieprofessor Wolf Balthasar Adolf von Steinwehr, beendete ihre literarische Produktion und übersiedelte nach Frankfurt a. O. Eine letzte Übersetzungsarbeit erschien 1744. Obwohl sie erst 1760 verstarb, entstand ihr eigenes Werk somit ausschließlich in den Jahren der Witwenschaft.

 

LITERATUR

Christiane Marianne von Ziegler, Versuch in gebundener Schreib-Art, 2 Bde., Bd. 1, Leipzig 1728.

Christiane Marianne von Ziegler, Moralische und vermischte Send-Schreiben an einige ihrer vertrauten und guten Freunde gestellet, Leipzig 1731.

New Grove 2001 

Philipp Spitta, „Über die Beziehungen Sebastian Bachs zu Christian Friedrich Hunold und Mariane von Ziegler“, in: Historische und philologische Aufsätze. Ernst Curtius zu seinem siebenzigsten Geburtstage am zweiten September 1884 gewidmet, Berlin 1884, S. 403-434.

Gisela Brinker-Gabler (Hrsg.), Deutsche Literatur von Frauen, 2 Bde., Bd. 1, München 1988.

Sabine Ehrmann, „Johann Sebastian Bachs Leipziger Textdichterin Christiane Mariane von Ziegler“, in: Beiträge zur Bach-Forschung 9/10 (1991), S. 261-268.

Freia Hoffmann, Instrument und Körper. Die musizierende Frau in der bürgerlichen Kultur, Frankfurt [u. a.] 1991. 

Hans Joachim Kreutzer, „Johann Sebastian Bach und das literarische Leipzig der Aufklärung“, in: Bach-Jahrbuch77 (1991), S. 7-31.

Susanne Schneider, Lebensgeschichte und literarisches Werk als Wechselbeziehung. Zur Frage der Geschlechter in den Texten der Dichterin Christiane Mariane von Ziegler (1695-1760), Magisterarbeit Universität Kassel 1997, http://kobra.bibliothek.uni-kassel.de/bitstream/urn:nbn:de:hebis:34-623/1/abs0002_05.pdf, Zugriff: 23. Okt. 2009.

John Butt (Hrsg.), The Cambridge Companion to Bach, Cambridge 62003.

Mark A. Peters, A Woman’s Voice in Baroque Music: Mariane von Ziegler und J. S. Bach, Aldershot 2008.

 

Markus Gärtner

 

© 2009 Freia Hoffmann