Baumayer, Marie

Baumayer, Marie

 

BaumayerBaumeyer, Baumaier, Marie

 

 

* 12. Juli 1851 in Cilli (Slowenien), † 23. Jan. 1931 in Wien, Pianistin und Klavierlehrerin. Marie Baumayer erhielt ihre erste musikalische Ausbildung in Graz bei dem als Pianisten, Komponisten und Musikalienhändler bekannten Carl Evers. Dort wurde sie später auch von Wilhelm Mayer-Rémy unterrichtet, bevor sie nach Wien ging, wo sie am Konservatorium in der Klavierklasse von Prof. Julius Epstein studierte. Ergänzt wurde ihre Ausbildung, wie Alfred Ehrlich (d. i. Albert H. Payne) angibt, durch Klavierunterricht bei → Clara Schumann. Erste Konzerte, so lässt die Chronik des Steiermärkischen Musikvereins vermuten, erfolgten zwischen 1862 und 1866. Weitere Konzerttätigkeit der Pianistin, die fast ausschließlich in Wien aufgetreten ist, lässt sich daneben von 1876 bis 1906 nahezu durchgängig belegen.

 

Sowohl die Familie Wittgenstein als auch Brahms nahmen einen positiven Einfluss auf ihre Karriere. „He [Brahms] had discovered her when she was fifteen and the Wittgenstein family had taken her under their wing“ (Janik/Veigl, S. 48). Ihre spätere Freundschaft mit Brahms war nach Alfred Ehrlich vorrangig auf dessen Musik zurückzuführen. „Seine Klavier- und Kammerkompositionen, soweit sie den Klavierbereich berührten, fanden in Marie Baumayer den richtigen Geist, die rechte Hand“ (Ehrlich, S. 17). Dementsprechend finden sich zahlreiche Kompositionen von Brahms in dem Repertoire der Pianistin wieder. Daneben brachte sie Werke von Joh. Seb. Bach, Mozart, Beethoven, und Schumann zur Aufführung – Komponisten, mit denen sie sich während ihres Studiums bei Julius Epstein intensiv auseinandergesetzt hatte – und auch Kompositionen von Chopin, Dvořák, Liszt, Rubinstein, Mendelssohn und Wilhelm Kienzl (1857-1941). Sie „wusste immer ihr Programm durch kostbare Seltenheiten aufzuschmücken“ (Ehrlich, S. 18); gemeint sind hier vor allem Kompositionen von Carl Heinrich Graun, Josef Labor (1842-1924) oder Gustav Uwe Jenner (1865-1920).

 

Europaweit war Marie Baumayer vor allem als Brahms-Interpretin bekannt. Besondere Aufmerksamkeit erfuhr ihr Vortrag des Klavierkonzertes Nr. 2 in B-Dur op. 83, das sie in Graz uraufführte. Damit war sie, wie Max Kalbeck in seiner Brahms-Biographie bemerkt, „die erste, die es wagen durfte, das B-dur-Konzert öffentlich zu spielen, ohne befürchten zu müssen, daß wie bei einer minder glücklichen Rivalin, der gereizte Meister sich dafür mit dem zweideutigen Kompliment bedankte, er werde nun ein drittes, noch schwereres Klavierkonzert komponieren müssen, das von keinem Frauenzimmer gespielt werden könnte“ (Kahlbeck, S. 31f.). An dem Vortrag dieses Klavierkonzertes maß auch ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ das Können der Pianistin: „Frl. Marie Baumayer hat der gewiegten Clavierschule Prof. Epstein’s schon so manches glanzvolle Ehrenabzeichen durch ihr bisheriges Darstellen classischen wie neuzeitigen Stoffes zugeführt. Das jüngste Auftreten dieser Dame in dem ihren Namen tragenden Concerte verdient wohl den vornehmsten Reihen seiner bestimmten Art beigestellt zu werden. Denn es will kein geringes Können einer Clavierspielerin und einer überhaupt durchgebildeten Fachkünstlerin bedeuten und bezeugen, sobald eine solche im Stande ist, mit ungeschwächter Kraft und mit erschöpfendster Stoffesherrschaft dem Brahms’schen Bdur- und dem Beethoven’schen Gdur-Concerte alles nur mögliche Augenmerk nach technischem und geistigem Hinblicke zu weihen und dies durch sprechende Thaten zu bewähren […]. Es ist demnach durch Belege solcher Art der Begabung, wie dem thatsächlich erwiesenen Können und Vollbringen einer Gestalt vom Künstlergepräge des Frl. Baumayer wohl das nachdrücklichste Lob gesprochen“ (NZfM 1889, S. 78).

 

Nach Brahms' Tod widmete sich Marie Baumayer noch intensiver als zuvor dessen Werken, „um [sein] Gedächtniss besonders lebendig zu machen“ (Ehrlich, S. 17). Dabei hat sie oft „auch sehr wenig gekannten Brahms’schen Compositionen (Variationen über ein eigenes Thema, Capriccio) liebevolle Studien zugewendet und sie mit Geist und sicherem Verständniß im Concertsaal einzubürgern versucht“(NZfM 1887, S. 117). Ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ spricht bereits von einem „Brahms-Cultus“(NZfM 1900, S. 106).

 

Abgesehen von ihren solistischen Auftritten erschien Marie Baumayer sehr häufig auch als Begleiterin auf dem Podium. Besonders oft konzertierte sie mit der Geigerin → Marie Soldat-Roeger, die 1884 erstmals in Wien auftrat. 1887 unternahmen beide in Begleitung einer Sängerin eine Konzertreise, die sie über München und Süddeutschland in die Schweiz führte. In demselben Jahr reisten Marie Baumayer und Marie Soldat-Roeger außerdem nach Stuttgart, Leipzig und Weimar.

 

Häufig begleitete die Pianistin auch den Cellisten Robert Hausmann sowie den Klarinettisten Richard Mühlfeld.

 

 

TONAUFNAHMEN

 

Legends of the Piano, Naxos 8.112054, Deutschland 2010.

 

 

LITERATUR

 

Bock 1876, S. 46

 

FritzschMW 1898, S. 532

 

The Monthly Musical Record 1882, S.172; 1884, S. 105, 107; 1885, S. 82; 1886, S. 272; 1890, S. 112; 1899, S. 78, 150

 

The Musical Standard 1893, S. 133; 1894, S. 80; 1895, S. 216, 257; 1900, S. 235

 

Musikalisches Centralblatt 1884, S. 286

 

Musikbuch aus Österreich. Ein Jahrbuch der Musikpflege in Österreich und der bedeutendsten Musikstädten des Auslandes 1904, S. 94

 

MusW 1884, S. 229; 1887, S. 181

 

Neue Freie Presse (Wien) 17. März 1885, S. 2

 

NZfM 1878, S. 165, 538; 1879, S. 70: 1881, S. 152; 1882, S. 521, 558; 1884, S. 209, 525; 1885, S. 199, 413; 1886, S. 118; 1887, S. 117, 258, 348, 399, 422; 1888, S. 346; 1889, S. 78; 1892, S. 163; 1897, S. 297, 353 ; 1898, S. 356; 1899, S. 325; 1900, S. 106, 480

 

Die Presse (Wien) 10. Apr. 1884, S. 2

 

Signale 1887, S. 423

 

Wiener Sonn- und Montagszeitung 8. März 1885, S. 3

 

Riemann 11

 

Ferdinand Bischoff, Chronik des Steiermärkischen MusikvereinsFestschrift zur Feier des fünfundsiebenzigjährigen Bestandes, Graz 1890.

 

Eduard Hanslick, Aus dem Tagebuch eines MusikersKritiken und Schilderungen (= Moderne Oper 6), Berlin 1892.

 

Rudolf Hofmann, Der Wiener Männergesangverein. Chronik der Jahre 1843 bis 1893, Aus Anlass der fünfzigjährigen Jubelfeier des Vereins, Wien 1893.

 

Alfred Ehrlich, Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, 123 Biographien und 121 Portraits, Leipzig ²1898.

 

Ludwig Eisenberg u. Richard Groner (Hrsg.), Das geistige Wien. Mittheilungen über die in Wien lebenden Architekten, Bildhauer, Bühnenkünstler, Graphiker, Journalisten, Maler, Musiker und Schriftsteller, Wien 1889.

 

Eduard Hanslick, Am Ende des Jahrhunderts, 1895-1899 (= Moderne Oper 8), Berlin 1899.

 

Hermann Clemens Kosel, Deutsch-österreichisches Künstler- und SchriftstellerlexikonBiographien und Bibliographie der Wiener Künstler und Schriftsteller, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1902.

 

Ludwig Eisenberg, Ludwig Eisenberg’s großes biographisches Lexikon der deutschen Bühne im 19. Jahrhundert, Leipzig 1903.

 

Max Kalbeck, Johannes Brahms, 4 Bde., Bd. 4, 1. Halbbd. 1886-1891, 2Berlin 1914.

 

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Wolfgang Suppan, Steirisches Musiklexikon, Graz 1962-1966.

 

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Felix Czeike, Historisches Lexikon Wien, 5 Bde., Bd.1, Wien 1992.

 

Robert Lang/Joan Kunselman, Heinrich Schenker, Oswald Jonas, Moriz Violin, A Checklist of Manuscripts and other Papers in the Oswald Memorial Collection, Berkeley [u. a.] 1994.

 

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Alma Maria Mahler-Werfel, Tagebuch-Suiten, 1898-1902, hrsg. von Antony Beaumont und Susanne Rode-Breymann, Frankfurt a. M. ²1997.

 

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Rosemary Hilmar, Sie sind eine Meisterin…'Marie Katholiký-Soffé (11.7.1849-18.1.1931)Leben und Wirken im Brünner Musikleben um die Jahrhundertwende im Spiegel der nachgelassenen Dokumente“, in: Gedenkschrift Ulrike Horak (P. Horak), hrsg. von Hermann Harrauer u. Rosario Pintaudi (= Papyrologica Florentina 34), Florenz 2004, S. 541-573.

 

 

Bildnachweis

 

Alfred Ehrlich1898. S. 16.

 

Photographie Marie Baumayers aus dem Nachlass von Marie Katholiký-Soffé, in: Rosemary Hilmar 2004, S. 550.

 

 

Annkatrin Babbe

 

 

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