Gräver, Madeleine

Gräver, Madeleine

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* 8. März 1829 in Amsterdam, † nach 1868 Ort unbekannt), Pianistin, Musiklehrerin und Komponistin. Johanna Madeleine Gräver kam als jüngste von vier Töchtern des Buchhalters Carl August Wilhelm Gräver (?-1850) und dessen Ehefrau Engelina  geb. Folkers (1789-1865) zur Welt. Eine umfassende musikalische Ausbildung erhielt sie zunächst von Jan George Bertelman und später von David Koning. Klavierunterricht erteilten ihr darüber hinaus Ignaz Moscheles sowie Henry Charles Litolff. 1842 wurde Liszt auf die 13-Jährige aufmerksam und sagte dieser eine große Zukunft als Pianistin voraus (NZfM 1867, S. 40).

 

Madeleine Grävers erster öffentlicher Auftritt erfolgte am 21. Jan. 1848. Sie spielte das Klavierkonzert Nr. 2 a-Moll op. 85 von Hummel sowie ein Adagio und Rondo von Kuhlau. Letztere führte sie zusammen mit dem Flötisten Hermann Boom auf. Es folgten weitere Auftritte in Amsterdam.

 

Um 1851 lebte Madeleine Gräver mit zwei älteren Schwestern zusammen in Amsterdam, bevor sie im Alter von 23 Jahren ihre erste Konzertreise antrat, die sie nach Paris und später nach New York führte. In den Vereinigten Staaten etablierte sie sich für einige Jahre als Musiklehrerin (Metzelaar, S.87). 1863 kehrte sie nach Paris zurück, wo sie zusammen mit ihrem ehemaligen Lehrer Henry Charles Litolff im Louvre konzertierte. Noch in demselben Jahr begab sie sich in die Niederlande und wurde dort von der Königin Sophie von Württemberg (1818-1877), der Frau von Wilhelm Prinz von Oranien, zur Hofpianistin ernannt. Kurz darauf trat sie eine Konzertreise durch Europa an, die sie unter anderem in die Niederlande, nach Belgien und schließlich auch nach Deutschland führte.

 

Um 1864 heiratete sie einen Mann, über den außer dessen Nachnamen Johnson keine weiteren Informationen vorliegen.

 

Nach einigen Auftritten in Brüssel und Antwerpen sowie in Hamburg begab sie sich 1865 vermutlich nach Kopenhagen und Stockholm (Bock 1863, S. 351). 1866 kehrte sie in die Niederlande zurück. Für die Jahre 1867 bis 1869 sind zahlreihe Auftritte in Deutschland belegt. So konzertierte sie unter anderem in Berlin, Leipzig, Aachen, Köln, Wiesbaden, Mainz, Kassel, Bremen und Hamburg. Das Repertoire der Pianistin umfasste insbesondere Werke von Litolff, Mendelssohn, Chopin, Hummel, Liszt und Taubert. Daneben brachte sie jedoch auch eigene Kompositionen zur Aufführung.

 

Die Meinungen über Madeleine Johnson-Grävers Fertigkeiten als Pianistin waren in der Presse geteilt. So wird sie zunächst „eine gewandte und fingerfertige Pianistin“ (Signale 1866, S. 828) genannt, deren „Verve im Rhythmischen, Kraft und Eleganz […] sie vor vielen“ (AmZ 1867, S. 34) auszeichne. In der „Neuen Berliner Musikzeitung" wird zudem auf „eine glänzende Technik, verbunden mit schönem Anschlag und verständnisvoller Wiedergabe“ (Bock 1867, S. 97) verwiesen. Ein Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bestätigt ihr darüber hinaus eine „lebendige Auffassung und feine Ausgestaltung des Details“ (NZfM 1867, S. 40). Dagegen sieht ein Rezensent der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ in ihrem Spiel jedoch „viel […] Hastiges, Unruhig-Nervöses und wie aus Schlaffheit und Mattigkeit sich nur schwer Aufraffen-Könnens, so daß wir fast an eine körperliche Indisposition zu glauben geneigt sind“ (Signale 1867, S. 221). Er wirft der Pianistin zudem einen „Mangel an Sauberkeit und Correctheit“ (ebd.) vor. Nach einem Konzert im Jahr 1867 in Leipzig wird daneben auf „eine Unsicherheit der linken Hand in den Oktavgängen, deren viele missglückten“ (AmZ 1867, S. 75) aufmerksam gemacht.

 

In einigen Rezensionen wird der geschlechtsspezifische Aspekt des Instrumentalspiels hervorgehoben. So heißt es nach einem Konzert der Pianistin in Bremen im Jahr 1867: „Frau Johnson-Gräver spielte mit einer großen Bravour, liess es auch andererseits an feiner Nuancierung nicht fehlen, und doch kann man den Eindruck, welchen dieses Spiel hervorbringt, nicht unbedingt schön nennen. Es liegt etwas forciert Gewaltiges darin, was besonders mit einer weiblichen Erscheinung nicht gut in Einklang zu bringen ist“ (AmZ 1867, S. 210). Auch bei anderer Gelegenheit wird die Musikerin als „eine mit männlicher Kraft begabte Pianistin [beschrieben], […] gut musikalisch, nur mitunter etwas ungestüm im Spiel“ (AmZ 1867, S. 170).

 

 

KOMPOSITIONEN FÜR KLAVIER

 

Sechs Tondichtungen , op. 6 (Amsterdam, 1865)

 

Allegro giocoso, caprice, op. 7 (Rotterdam, 1868)

 

Romance sans paroles , op. 7a (Paris, 1868)

 

Grand Caprice de Concert, op. 8

 

Souvenez vous, op. 11 (Den Haag, 1870)

 

Petit Voyage Schevenigue , op. 12 (Den Haag)

 

Le Retour du Chasseur , op. 13 (Den Haag, 1870)

 

Liebeslied , op. 14 (Den Haag, 1871)

 

Feuilles d’Album , op. 16 (Den Haag, 1871)

 

L’Attente

 

Le Réveil de printemps

 

La Ronde des fantômes

 

 

LITERATUR

 

AmZ 1864, Sp. 405; 1867, S. 34, 75, 123, 160f., 170, 210

 

Bock 1867, S. 97

 

NZ 1859 II, S. 36; 1866, S. 230, 410, 427, 447, 1867 I, S. 40, 70, 87f., 98, 103, 126, 134, 167

 

Signale 1852, S. 236; 1863, S. 514; 1866, S. 824, 828, 881, 913; 1867, S. 96, 112, 221, 225, 256, 333, 366, 484

 

Mendel, Brown Bio, Cohen

 

ING-Instituut voor Nederlandse Geschiedenis,http://www.inghist.nl/Onderzoek/Projecten/DVN/lemmata/data/Graever, Zugriff am 28. Sept. 2009

 

Helen H. Metzelaar, From private to public spheres: exploring women's role in Dutch musical life from c. 1700 to c. 1880 and three case studies, Utrecht 1999.

 

 

Regina Ritsch/Annkatrin Babbe

 

 

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