Magnus, Sara

Magnus, Sara

Magnus, Sara, SarahClara, verh. Heinze, Heinze-MagnusHeintzHeinzen

 

 

* 18. Dez. 1836 in Stockholm, † 27. Jan. (Okt.?) 1901 in Dresden, Pianistin. Ihre Ausbildung erhielt sie in Berlin bei Theodor Kullak, in Prag bei Alexander Dreyschock und in Weimar bei Franz Liszt. Von ihrem Berliner Debütkonzert, das sie vermutlich noch während ihrer Studienzeit bei Kullak gab, nahm sogar die „Revue et Gazette Musicale“ in Paris Notiz. Bemerkenswert schnell etablierte sie sich im deutschen Musikleben sowohl als Solopianistin wie als Kammermusikerin, trat dabei häufig in Bremen, Frankfurt a. M., Hamburg, Breslau und Berlin auf. Die Kritik reagierte zunächst zwiespältig; die Künstlerin spiele „zwar sicher und den technischen Anforderungen genügend, aber ohne eine hervorragende artistische Individualität zu bekunden" (Bock 1861, S. 123). Im Zentrum ihres Repertoires standen damals das 2. Klavierkonzert Chopins sowie Webers Konzertstück in f-Moll. 1862 wirkte sie erstmals bei den Leipziger Gewandhauskonzerten mit. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ kommentierte: „Da die vorzüglichsten Eigenschaften dieser Dame in einem ungemein egalen, perlenden Anschlag und einer sehr fein pointirten Vortragsweise bestehen, so war es natürlich, daß durch ihre Auffassung die zarte, duftige Seite der Composition [Chopins 2. Klavierkonzert] mehr zur Geltung kam, als das großartig Leidenschaftliche namentlich des ersten Satzes“ (NZfM 1862 II, S. 141). Im gleichen Jahr wirkte die Musikerin in Hamburg bei einem Konzert der Sängerin Elvira Behrends mit. Das dortige Publikum feierte sie derart enthusiastisch, dass die „Neue Berliner Musik-Zeitung“ einen Vergleich mit → Clara Schumann wagte: „Das Concert gewann [durch Sara Magnus] wesentlich an Werth, und das Interesse des Publikums, welches sich mit jeder Nummer des Programms immer mehr belebte und zum Schluss in einen förmlichen Beifallsjubel endete, dürfte zum Theil hierin seine Begründung finden. Frl. Sara Magnus bewährte sich als die fertigste Pianistin, die wir hier, ausser Fr. Schumann, seit lange gehört“ (Bock 1863, S. 47).

 

Ein Jahr später konzertierte die Pianistin wieder in Leipzig, diesmal im 11. Konzert des Leipziger Musikvereins „Euterpe“. Die „Signale für die musikalische Welt“ und die „Neue Zeitschrift für Musik“ äußerten sich beide sehr lobend, die „Allgemeine musikalische Zeitung“ bescheinigte ihrem Spiel indes, es sei zwar erfreulich frei „von Unarten“, ermangele aber „der Wärme und Begeisterung“ (AmZ 1863, Sp. 240).

 

Am 9. Febr. 1865 heiratete Sara Magnus in ihrer Heimatstadt Stockholm den Berliner Musikalienhändler Gustav Heinze. Die gemeinsame Tochter Helene kam am 26. Nov. zur Welt. Noch während der Schwangerschaft siedelte die Familie nach Leipzig über. Seitdem arbeitete Sara Heinze als gefragte Klavierlehrerin, sie wirkte aber weiterhin als ausführende Künstlerin, wenn auch vor allem innerhalb Leipzigs. An ihrem neuen Wohnort wurde sie aufgrund ihrer Reputation von Anfang an hoch geschätzt. So notieren die „Signale“ nach einem dortigen Konzert: „Sie trug die sämmtlichen Stücke mit eben so viel technischer Sicherheit und Bravour wie geistiger Gehobenheit und Wärme vor, ja in letzterer Beziehung scheint sie uns gegen früher einen entschiedenen Fortschritt gemacht zu haben; ihr Spiel kam uns diesmal hinreißender vor als sonst“ (Signale 1866, S. 182). Zu diesem Zeitpunkt hatte Sara Heinze ihr Repertoire bereits erweitert und spielte neben Chopin und Weber nun Liszt und Beethoven, zuweilen Mendelssohn und als Besonderheit auch Stücke von Joh. Seb. Bach. Diese hatte sie aus Bachs Solowerken für Violine und Cello ausgewählt, für Klavier übertragen und 1867 im Verlag ihres Mannes herausgegeben. 1870 und 1878 folgten weitere Bach-Bearbeitungen dieser Art.

 

1867 zog die Familie nach Dresden, da Gustav Heinze in die Musikalienhandlung B. Friedel eintrat. Auch hier etablierte sich Sara Heinze in der lokalen Musikszene und glänzte dabei vor allem als ständiges Mitglied des Ensembles der Kammermusiksoireen, die Johann Christoph Lauterbach veranstaltete. 1868 lobten die „Signale" nach ihrer Mitwirkung an Beethovens Klaviertrio Nr. 7 op. 97 in B-Dur (Erzherzogtrio): „Die männliche Intelligenz dieser Spielerin, ihre geistvolle Durchdringung und Klarlegung des Gedankengehaltes einer Composition machen sie zu Aufgaben, wie die hier mit feinem Geschmack und Tonfülle gelöste, durchaus geeignet“ (Signale 1868, S. 1069). Dagegen heißt es wenig später, wieder nach einem Kammerkonzert: „Frau Heinze entledigte sich ihrer Aufgabe mit Sauberkeit, doch fehlt es ihren Vorträgen an Natürlichkeit, sie haben etwas Gesuchtes und Forciertes, ihr Spiel entwickelt sich nicht genug aus innerer Gefühlsthätigkeit, vieles erscheint äusserlich gemacht" (Bock 1869, S. 98). Aus diesen wie vielen anderen Rezensionen lässt sich folgern, dass Sara Heinze als Bach-Interpretin offenbar die Faktur nachdrücklicher betonte als die emotionale Seite der Musik, was ihr zwar einerseits die positiv konnotierte Bezeichnung „männlich“, andererseits aber auch den Einwand fehlender „Gefühlsthätigkeit“ (also einen vorgeblichen Mangel an Weiblichkeit) einbrachte. Ihr eher kognitiver Zugang spiegelt sich in Attributen wie ungewöhnlichem musikalischem „Verständnis“ (NZfM 1863 I, S. 73) sowie „durchdachter“ (NZfM 1864, S. 141) Darbietung wider, aber auch in Vorwürfen, ihr Spiel sei „trocken“ (Bock 1870, S. 389) und „kalt“ (Bock 1871, S. 139). Als Zusammenfassung darf ein Urteil der „Neuen Zeitschrift für Musik“ gelten, dass sich nämlich der pianistische Zugang „von Frau Heinze individualisirte [...] in einer Art von aristokratischer Eleganz, äußerster Sauberkeit und Anmuth“ (NZfM 1868, S. 5), was allerdings ebenfalls eine etwas kühle, eben „aristokratische“ Distanzierung vom musikalischen Material bedingt – eine damals sicherlich noch nicht sehr verbreitete Interpretationsart jenseits allzu ausgeprägter persönlicher Stellungnahme. Dafür sprechen vor allem ihre Bach-Interpretationen, die dasselbe Organ mit dem Begriff „Keuschheit“ (NZfM 1868, S. 117) in Verbindung bringt.

 

Auch außerhalb Dresdens trat Sara Heinze weiterhin auf, mitunter im Duo mit herausragenden Kollegen, wie z. B. 1868 in München mit Hans von Bülow. 1872 gab sie zwei Konzerte in Prag. Die Rezension der „Bohemia“ betont einmal mehr den Stil der dort noch unbekannten Künstlerin: „Frau Sara Heinzen [sic], welche sich im zweiten Concerte von Chopin und in dem Weber’schen Concertstück hören ließ, manifestierte sich in ihren Leistungen als eine der distinguirtesten uns bekannten Pianistinnen“ (Bohemia 1872, S. 1217f.).

 

Die 1870er Jahre brachten der Künstlerin mehrere Auszeichnungen in ihrem Geburtsland. 1870 wurde Sara Heinze als dritte Frau nach Jenny Lind und → Wilma Norman-Neruda zum Mitglied der Königlich Schwedischen Musikalischen Academie ernannt. Vier Jahre später dekorierte sie der Schwedische König mit der Goldenen Medaille für Kunst und Wissenschaft. Dem Erfolg stand jedoch persönliches Leid gegenüber: 1878 starb Gustav Heinze auf einer Reise nach Australien.

 

Die Witwe zog 1883 nach Hamburg und gründete dort 1888 zusammen mit dem Konzertmeister Goby Eberhardt die Neue Akademie der Tonkunst. Mit Eberhardt bildete sie Ende der 1880er Jahre ein beständiges kammermusikalisches Duo, das sowohl in der heimatlichen Hansestadt wie auswärts, z. B. zwei Mal in Berlin, auftrat. Auch ihre Tochter Helene, die ebenfalls Klavier spielte, zog sie ab und an als Kammermusikpartnerin heran.

 

1890 verlegte Sara Heinze ihren Wohnsitz zurück nach Dresden und wirkte dort als Klavierlehrerin.

 

 

WERKE FÜR KLAVIER

 

Rondo und Loure aus den Violin- und Violoncellosolosonaten von Johann Sebastian Bach, harmonisirt und für Pianoforte hrsg. von Sara Heinze, Leipzig 1867.

 

Auserlesene Stücke aus den Violin- und Violoncello-Solo-Sonaten von Johann Sebastian Bach, bearbeitet von Sara Heinze, Leipzig 1870.

 

Bach-Album. Sammlung beliebter Originalkompositionen und Bearbeitung von Stücken aus Violinsonaten etc. von Johann Sebastian Bach, für Klavier, hrsg. und bearbeitet von Sara Heinze, Leipzig 1878.

 

 

LITERATUR

 

AmZ 1863, Sp. 162, 239f., 472; 1864, Sp. 65, 148, 324, 331, 334, 356, 418; 1865, Sp. 275; 1866, S. 36, 58, 82, 138, 186; 1868, S. 140f.; 1872, Sp. 308

 

BioNekro 1901, Sp. 44*

 

Bock 1859, S. 327; 1861, S. 123; 1862, S. 147, 286, 325, 342f., 366, 401; 1863, S. 14, 22, 38f., 47, 61, 76, 85, 118; 1864, S. 5, 61f., 93, 150, 268, 333f., 381; 1865, S. 85; 1866, S. 62; 1868, S. 361; 1869, S. 31, 98, 361, 428; 1870, S. 105, 148, 389; 1871, S. 139, 396; 1872, S. 84, 101, 115, 119, 149, 159; 1874, S. 116; 1876, S. 38; 1887, S. 303

 

Bohemia 1872, S. 1217f.

 

Dwight‘s Journal of Music 1867, S. 221

 

NZfM 1858 II, S. 266; 1861 I, S. 143, 184; 1862 I, S. 159; 1862 II, S. 25, 36, 78, 80, 141, 143, 178f., 190; 1863 I, S. 7, 32, 67, 74, 101, 101, 107, 162; 1863 II, S. 199; 1864, S. 12, 34, 58, 67, 73, 119, 141, 172, 347, 361, 418, 419, 427, 444, 445, 444, 451f.; 1865, S. 14, 48, 85, 127, 272; 1866, S. 36, 58, 72, 367; 1867, S. 59, 351, 369, 426; 1868, S. 4, 5, 83, 117, 425; 1869, S. 23, 35, 87, 161, 339, 392f., 402, 452; 1870, S. 50, 71, 127, 137, 185, 383; 1871, S. 33, 118, 161, 327; 1872, S. 10, 61, 154, 193, 194, 198, 217, 224, 447, 459, 529; 1874, S. 65, 320; 1883, S. 526; 1888, S. 57; 94, 133, 259; 1889, S. 23; 1890, S. 414; 1901, S. 579

 

RGM 1858, S. 159

 

Signale 1862, S. 540, 607; 1863, S. 246, 247, 298; 1864, S. 553, 711, 904, 961; 1865, S. 103, 220, 277; 1866, S. 182, 220f.; 1867, S. 142, 514, 929, 1017; 1868, S. 848, 1069; 1869, S. 117, 375, 885f., 953; 1870, S. 120, 281, 762; 1871, S. 230; 1871, S. 857; 1872, S. 10, 39, 84, 284, 309, 314, 371, 407; 1874, S. 139; 1882, S. 292, 296; 1883, S. 1050; 1886, S. 1098; 1888, S. 969; 1890, S. 758, 875

 

Mendel, Frank / Altmann, LexFr

 

Wilhelmine Stålberg/ P. G. Berg (Hrsg.), Anteckningar om svenska qvinnor, Stockholm 1864ff. (Art. Magnus)

 

Franz Brendel, Geschichte der Musik in Italien, Frankreich und Deutschland von den ersten christlichen Zeiten bis auf die Gegenwart. Fünfundzwanzig Vorlesungen, Leipzig 1867.

 

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona u. Leipzig 1890, Repr. Hildesheim u. New York 1971.

 

Silke Wenzel, Art. „Sara Magnus-Heinze“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=magn1836, Zugriff am 21. Mai 2010.

 

 

Markus Gärtner

 

 

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