Tayau, Marie

Tayau, Marie

 

Tayau, Marie

 

 

* 12. Juni 1855 in Pau, † Ende August 1892 in Paris, Violinistin und Violinlehrerin. Marie Tayau wuchs in La Rochelle auf, wo ihre Eltern Henri Tayau und Adélina-Eulalie-Aude geb. Mettez als Musiklehrer wirkten. Bereits am 2. Sept. 1865 wurde Marie im Theater von La Rochelle der Öffentlichkeit vorgestellt. 1867 schloss sie, ausgebildet von Delphin Alard, zwölfjährig ihr Studium am Pariser Konservatorium mit dem ersten Preis ab und gehört damit zu den ersten Geigerinnen, die nach → Camilla Urso dort ihre Ausbildung absolvierten. Das veranlasste den „Musical Standard“ bereits zu der kühnen, in mehreren englischen Tageszeitungen wiedergegebenen Verallgemeinerung ,„the ladies are getting quite the upper hand on the violin“ (Musical Standard 1870, S. 157). Mit 14 Jahren setzte Marie Tayau ihre Konzertlaufbahn in Baden-Baden fort, dem Treffpunkt internationaler, auch musikalischer Prominenz, wo sie in Kurhaus-Matineen mit Werken von Alard und Vieuxtemps auftrat. Es schlossen sich Konzerte in La Rochelle und Paris an. Eine Englandreise, die sie gleichzeitig mit der Geigerin → Therese Liebe unternahm (MusW 1870, S. 403), hat in der Fach- und Tagespresse wenige Spuren hinterlassen (Le Ménestrel 1870, S. 294), sodass die Annahme naheliegt, sie sei nur von kurzer Dauer gewesen.

 

Marie Tayaus Karriere als Musikerin konzentriert sich im Wesentlichen auf die Jahre 1875 bis 1886 und auf die Musikmetropole Paris. Sie musizierte in zahlreichen renommierten Konzertreihen, in Jules Pasdeloups Concerts populaires, in den Konzerten des Théâtre du Châtelet, im Cirque d’Hiver, im Cirque des Champs Elysées, in den regelmäßig stattfindenden Konzerten des Organisten Alexandre Guilmant sowie in vielen eigenen Konzerten und Konzertreihen. Auswärtige Auftritte sind in La Rochelle (1868 und 1874), Rouen (1878), Brüssel und Lüttich (1879), Den Haag, Rouen, Aachen, La Rochelle, Antwerpen, Verviers (1880), Brüssel (1881) und Lyon (1883) nachgewiesen. Ihr Repertoire bestand aus Solo-Kompositionen des 18. und 19. Jahrhunderts sowie Kammermusik von Haydn, Mozart, Beethoven, Hummel, Weber, Mendelssohn, Schumann, Charles Dancla, Adolphe Blanc, Georges Pfeiffer, Anton Rubinstein und Peter Tschaikowsky.

 

Konzert am 31. Juli 1880 in La Rochelle

 

 

Schon 1876 – Marie Tayau war 20 Jahre alt – zählte sie offenbar zu den herausragenden MusikerInnen Frankreichs: „Mlle Tayau possède un coup-d’archet d’une pureté et d’une assurance parfaites. Elle et Mlle [→ ] Pommereul sont, sans contredit, nos meilleures violonistes“ („Mlle. Tayau besitzt einen Bogenstrich von vollkommener Reinheit und Sicherheit. Sie und Mlle. Pommereul sind entschieden unsere besten Geigerinnen“, Les Gauloises 1. Apr. 1876, S. 2). Drei Jahre später wurde sie in der „Allgemeinen musikalische Zeitung“ im internationalen Vergleich gewürdigt: „Was Mlle. Tayau anlangt, so ist dieselbe meines Erachtens nach Mme. [ → ] Norman-Neruda die brillanteste Violinistin der Gegenwart. Ihr Spiel ist ebenso bemerkenswerth durch seine Eleganz wie durch seine Reiheit [sic], und zudem besitzt sie ein ganz exceptionelles musikalisches Temperament. Niemand executirt und begreift besser als sie die Musik der grossen Meister“ (AmZ 1879, Sp. 685). Als sie 1880 Anton Rubinsteins Violinkonzert G-Dur op. 46 erstmals dem Pariser Publikum vorstellte, schrieb die „Revue et Gazette Musicale“: „Mlle Tayau a donné de cette œuvre une admirable interprétation; on ne peut désirer un jeu plus sûr, un son plus sympathique, un style plus élevé. Il nous semble même que Mlle Tayau a gagné sous le rapport du charme et de la délicatesse” („Mlle. Tayau hat diesem Werk eine bewundernswerte Interpretation angedeihen lassen; man kann sich kein zuverlässigeres Spiel, keinen angenehmeren Ton, keinen edleren Stil wünschen. Es scheint uns fast, als habe Mlle. Tayau hinsichtlich ihrer bezaubernden Ausstrahlung und ihres feinen Gefühls noch gewonnen“, RGM 1880, S. 358). 1881 wurde Marie Tayau zum „officier“ der Académie des Beaux-Arts ernannt (Ménestrel 1881, S. 311; Bock 1881, S. 295).

 

Ihre historische Bedeutung – innerhalb einer Vielzahl vergleichbarer Geiger und einer geringen Zahl vergleichbarer Geigerinnen – liegt in ihrer Unterstützung von Musikerinnen, ihrem Engagement für zeitgenössische, oft noch wenig bekannte Komponisten und ihrem besonderen Einsatz für Kammermusik.

 

Bereits in einem ihrer ersten Pariser Konzerte fiel dem Kritiker des „Ménestrel“ auf, dass die 15-jährige Marie Tayau mit „Mmes [→ ] Tardieu de Malleville , Richault, Brunet Lafleur et Selvi“ einen besonderen Akzent gesetzt hatte: „Rien que des femmes, comme on voit; le public ne s’en est pas plaint“ („nichts als Frauen, wie man sieht; das Publikum hatte nichts dagegen einzuwenden“, Le Ménestrel 1870, S. 151). Ende 1875 gründete sie ein Frauenstreichquartett, das Quatuor Ste. Cécile, ein Ereignis, das von der Fachpresse international wahrgenommen und von der „Revue et Gazette musicale“ durchaus als Schritt auf dem Weg zur Gleichstellung von Musikerinnen kommentiert wurde: „Un quatuor féminin d’instruments à cordes! la chose aurait fait rire il y a vingt ans; aujourd’hui, elle excite simplement la curiosité, voire même l’interêt. La nombre des jeunes filles qui étudient le violon et le violoncelle va toujours croissant, et il n’était pas même besoin de l’orchestre des Dames viennoises pour nous préparer à ces séances de quatuor, dont l’attrait, jusqu’à nouvel ordre, est encore la composition de leur gracieux personel (Mlles Tayau et Altmeyer, Mme Prins-Claus, Mlle Maleyx, toutes quatre lauréates à divers degrés du Conservatoire). Les nouvelles venues, néanmoins, ne s’attardent pas aux bagatelles , et elles se posent tout d’abord en artistes sérieuses“ („Ein weibliches Streichquartett! Die Sache wäre vor zwanzig Jahren zum Lachen gewesen; heute erregt sie allenfalls Neugier oder sogar Interesse. Die Zahl der jungen Mädchen, die Geige und Violoncello studieren, nimmt immer mehr zu, und es hätte nicht einmal des Wiener Damenorchesters bedurft, um uns an diese Quartett-Seancen zu gewöhnen, deren Anziehungskraft bis auf weiteres die Zusammensetzung ihres reizenden Personals ausmacht (Mlles. Tayau und Altmeyer, Mme. [→] Prins-Claus , Mlle. Maleys, alle Vier Preisträgerinnen verschiedenen Rangs am Konservatorium). Die Neulinge halten sich indes nicht mit kleiner Münze auf, sondern präsentieren sich zuvörderst als ernsthafte Künstlerinnen“, RGM 1876, S. 29f.). Dies geschah vor allem mit Quartetten von Mendelssohn, Weber, Charles Dancla und Adolphe Blanc. „Les qualités qui distinguent le nouveau quatuor sont la netteté et une grande finesse. […] Nous félicitons vivement Mlle Tayau de son heureuse idée, car nous ne doutons pas qu’une fois connu, le Quatuor Sainte-Cécile ne devienne une des curiosités musicales de cet hiver“ („Die Eigenschaften, die das neue Quartett auszeichnen, sind Präzision und feine Differenzierung […] Wir beglückwünschen Mlle. Tayau wärmstens zu dieser glücklichen Idee, denn zweifellos wird das Quatuor Ste. Cécile, wenn es erst einmal bekannt ist, eine der musikalischen Merkwürdigkeiten dieser Konzertsaison werden“ , Le Monde artiste 22. Jan. 1876, S. 2). Die Mitwirkung von Pianistinnen wie → Marie-Louise Coedès-Mongin (RGM 1876, S. 46), Laure Bedel (Le Monde artiste 22. Jan. 1876, S. 2) und – über viele Jahre hinweg – Laure Donne erlaubte es, die Programme durch Klaviertrios, -quartette und -quintette sowie klavierbegleitete Violinkompositionen zu erweitern. Anstelle von Marie Altmeyer, Fanny Prins-Clauss und Eve Maleyx musizierte Marie Tayau von der Saison 1878/79 an mit den Geigerinnen Haekers, Amalie Marion und Méria Mussa, der Bratschistin Jeanne Franko, und den Violoncellistinnen → Herminie Gatineau und → Marie Galatzin. 1887, nach einer längeren Auftrittspause der Musikerinnen und fünf Jahre vor Tayaus Tod, kündigte die „Neue Berliner Musikzeitung“ die Neugründung des Quatuor Ste. Cécile an; der Fachpresse zufolge kam es aber nicht mehr zu Auftritten.

 



Das Quatuor Ste. Cécile. Von links: Laure Donne, Marie Galatzin, Méria Mussa, Marie Tayau.

 

Streicherinnen wurden im Pariser Musikleben noch immer als Kuriosität betrachtet; Kammermusik in gemischten Ensembles und Orchesterspiel waren selten oder niemals möglich, Fest-Anstellungen und Existenzsicherung durch Unterrichten nahezu ausgeschlossen. Insofern hatten die Initiativen von Marie Tayau durchaus Signal-Charakter, ebenso ihr Eintreten für Komponistinnen. 1877 führte sie in einer Matinee beim Violoncellisten Charles Lebouc zusammen mit Pauline Viardot (Klavier) ein Trio von Louise Héritte-Viardot auf. Die von ihr gegründete „Société de l’Art moderne“ nahm ein Jahr später in ihrem dritten Konzert Kompositionen von Louise Héritte-Viardot ins Programm. Im Januar 1879 bestritt die Société in der Salle Erard ein ganzes Konzert mit Werken von Marie Vicomtesse de Grandval, im Apr. desselben Jahres spielte Tayau bei Pasdeloup deren Concertino D-Dur für Violine und Orchester.

 

Marie Tayau „met toujours son beau talent au service des jeunes musiciens“ („stellt ihr schönes Talent immer in den Dienst der jungen Musiker“, RGM 1880, S. 365). Das betraf auch männliche Kollegen wie Benjamin Godard, der für sie sein Concerto romantique op. 35 schrieb. Bei der Uraufführung am 12. Dez. 1876 (in einem der Concerts populaires von Pasdeloup) spielte Tayau eine Collin-Mezin Geige, die auf Empfehlung des Instrumentenbauers erstmals mit A- und E-Saiten aus Stahl bezogen war. Die Geigerin führte das Konzert bis zum Ende ihrer Karriere vielfach auf und machte es auch im Ausland bekannt, ebenso wie Godards Kammermusik. Mit Gabriel Fauré als Klavierbegleiter spielte sie die Uraufführung von dessen Sonate A-Dur am 27. Jan. 1877 in der Salle Pleyel. Das im Dez. 1881 in Wien uraufgeführte Violinkonzert von Tschaikowsky hatte sie nach Auskunft der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bereits 1880 im Repertoire (NZfM 1880, S. 233) und bemühte sich - ohne Erfolg, wie Lucinde Braun dargelegt hat - um die Erstaufführung in Paris. In der zeitgenössischen Presse wird ihr Einsatz für Henri Balthasar-Florence (1844-1915) hervorgehoben, dessen Concerto pathétique in a-Moll sie 1880 uraufführte, sowie für Victorin de Joncières (1839-1903) und Julius Ten Brink (1838-1889), deren Violinkonzerte sie teilweise mehrfach auf ihre Programme setzte. Am 26. März 1880, in einem ihrer letzten Konzerte, spielte sie Berlioz‘ Rêverie et Capriceund sorgte dafür, dass die Komposition posthum mit einem Programm versehen wurde („c’est superbe mais on n’y comprend rien“, „es ist prachtvoll, aber niemand versteht es“, L’Art musical 28. Febr. 1886, zit. nach Géliot, S. 53f., vgl. RGM 1880, S. 101).

 

Nach der Gründung des Quatuor Ste. Cécile rief Marie Tayau 1877 den Verein „L’Art moderne“ ins Leben, der es sich zum Ziel setzte, zeitgenössische Kammermusik in variablen Besetzungen aufzuführen. In Paris, das erst in den 30er Jahren erste Streichquartett-Formationen ausweist, lag – neben den zahlreichen Opernaufführungen und Orchester-Konzerten – die Pflege von Kammermusik immer noch in den Händen kleinerer Zirkel, vor allem im Umkreis des Konservatoriums (siehe auch → Charlotte Tardieu de Malleville). Die Académie des Beaux-Arts vergab seit 1861 den Prix Chartier für besondere Verdienste auf diesem Gebiet (PreisträgerInnen waren Charles Dancla, → Louise Farrenc, Edouard Lalo, César Franck und Gabriel Fauré). Die Gründung von „L’Art moderne“ war also nicht nur zur Unterstützung lebender KomponistInnen wichtig, sondern trug auch zur Verbreitung des Kammermusikrepertoires bei. Die Programmgestaltung sah u. a. Konzerte vor, die ausschließlich Werke einzelner KomponistInnen wie Anton Rubinstein, Louise Héritte-Viardot, Joachim Raff oder Peter Tschaikowsky enthielten – im Zeitalter der „gemischten Programme“ eine Rarität.

 

Dem Nekrolog im „Ménestrel“ zufolge verzichtete Marie Tayau in den Jahren vor ihrem Tod fast ganz auf öffentliche Auftritte, „afin de se consacrer plus complètement à ses leçons“ („um sich in Gänze dem Unterrichten zu widmen“, Le Ménestrel 1892, S. 279).

 


LITERATUR

 

L’Abeille 7. Febr. 1880, 14. Febr. 1880

 

AmZ 1879, Sp. 685, 747

 

The Athenaeum 1875, S. 94

 

La Bavarde 24., 31. März, 21. Apr. 1883

 

Bock 1869, S. 292; 1878, S. 134; 1881, S. 7, 295, 303; 1886, S. 135; 1887, S. 71

 

La comédie humaine 25. Febr. 1882

 

Les Gauloises 1. Apr. 1876

 

Le Ménestrel 1869, S. 7, 22. Dez., S. 31; 1870, S. 151, 294; 1877, S. 95, 174; 1878, S. 374; 1879, S. 63; 1880, S. 47, 62f., 207f., 215; 1881, S. 311; 1882, S. 64, 151; 1884, S. 95f; 1886, S. 419; 1892, S. 279

 

Le Monde artiste 22. Jan. 1876; 31. März, 2. Juni 1877; 30. März, 28. Dez. 1878

 

Le Moniteur des pianistes 20. März 1870, S. 16

 

Monthly Musical Record 1879, S. 140; 1880, S. 25, 92; 1892, S. 235

 

Musical Standard 1870, S. 157; 1876, S. 26, 406; 1877, S. 179, 186; 1878, S. 227, 243; 1879, S. 21, 192

 

MusW 1870, S. 403

 

NZfM 1869, S. 259, 303; 1877, S. 64, 127; 1878, S. 51, 245, 435; 1879, S. 8, 92; 1880, S. 40, 139, 233, 540; 1881, S. 10, 44

 

The Orchestra musical review 1870, S. 56

 

La Renaissance musicale 1882, S. 91, 408; 1883, S. 143

 

RGM 1876, S. 29f, 46; 1877, S. 109f, 118; 1878, S. 414; 1879, S. 29; 1880, S. 62, 101, 182, 262, 358, 365, 390, 414

 

Signale 1876, S. 1116; 1877, S. 375; 1878, S. 68, 119, 438, 457; 1879, S. 10, 90, 279, 411, 436, 500f, 581, 787, 852f, 1107; 1880, S. 195, 454, 614, 997, 1016, 1051; 1881, S. 23, 163, 231, 643, 836, 1044; 1882, S. 309; 1883, S. 134; 1884, S. 262, 438; 1892, S. 856

 

La Tribune Lyonnaise 24., 31. März, 7., 14. Apr. 1883

 

L’Union musicale 16. März 1870

 

Constant Pierre, Le Conservatoire national de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs,Paris 1900.

 

William Henley, Universal dictionary of violin and bow makers, Brighton 1959.

 

Edmond Cardoze, Musique et musiciens en Aquitaine, Bordeaux 1992.

 

Christine Géliot, Mel Bonis. Femme et compositeur (1858-1937), Paris u. Montréal 2000.

 

Lucinde Braun, „Die französische Geigerin Marie Tayau als Čajkovskij-Interpretin", in: Tschaikowsky-Gesellschaft. Mitteilungen 19 (2012), S. 149-163.

 

 

Bildnachweis

 

Programm: Stadtarchiv La Rochelle

 

Quatuor Ste. Cécile: Photographie im Besitz des Sophie Drinker Instituts

 

 

Freia Hoffmann

 

 

© 2009 Freia Hoffmann