Fundstück des Monats |
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Februar/März 2010 |
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| "dieser [...] aus ihrer Weiblichkeit resultirenden Manier..." | ||
Aus der Neuen Berliner Musik-Zeitung 1868, S. 135: |
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Paris, Concert populaire vom 5. April 1868. „Im selben Concerte spielte auch Frau Norman-Neruda Beethoven’s F-Romanze und Mendelssohn’s Violinconcert mit dem ausserordentlichsten Erfolge. Gleichwohl hätten wir bei Mendelssohn’s Concert in den Cantilenen des ersten Satzes und im Andante eine concertstylgemässere, männlichere Auffassung gewünscht, und mahnt das sentimentale Gefühlstrainiren allzu sehr an die Unarten des Virtuosenthums, vor denen sich jedoch Frau Neruda, mit etwaiger Ausnahme dieser eben erwähnten aus ihrer Weiblichkeit resultirenden Manier, sich glücklicherweise emancipirt hat.“ |
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"Virtuosenthum" und "sentimentales Gefühlstrainiren" - im ersten Augenblick scheinen die beiden Begriffe, die der Autor der zitierten Zeilen in einen Topf wirft, kaum zusammen zu passen. Laut Grimms Deutschem Wörterbuch ist unter Virtuosentum "die eigenschaft der beherrschung des technischen könnens" zu verstehen - und damit in der Praxis eher die hörbare Überwindung technischer Höchstschwierigkeiten, als ein besonders emotionales, sentimentales Spiel. Vielleicht meint der Autor indes etwas anderes. Mendels Musikalisches Conversations-Lexikon, in jener Zeit entstanden, schreibt: "Die Virtuosität [...], welche nur auf Ueberwindung von ausgesuchten Schwierigkeiten bedacht ist, hat natürlich wenig künstlerischen Werth, sie verfolgt meist nur den selbstischen Zweck zu blenden und zu verblüffen und ist im Grunde nur verwerflich". Das "Blenden" und "Verblüffen" mag der Autor nun in Wilma Norman-Nerudas sentimentaler Spielweise erkannt haben. Als Gegensatz empfiehlt er eine "concertstylgemässere [...] Auffassung" als die einzig richtige. Der Verfasser ordnet diese Spielweisen geschlechtlich zu. Der "concertstylgemässeren männlichen Auffassung" steht das "sentimentale Gefühlstrainiren" als eine "aus Weiblichkeit resultirende Manier" entgegen. Wilma Norman-Neruda, die sich sonst von den "Unarten des Virtuosenthums [...] glücklicherweise emancipirt hat", ist in diesem einen Punkt quasi chancenlos: Die Geigerin hätte demnach als Frau keine Wahl, die Spielweise unterliege nicht ihrer willentlichen Beeinflussung, sondern nur ihrer Natur. Wer aber sagt eigentlich, dass die "concertstylgemässere" Spielweise denn wirklich die bessere sei? Es gibt wohl kaum ein lyrischeres Violinkonzert als Mendelssohns e-Moll-Konzert - man denke nur an den allerersten, himmlisch schwebenden Anfang oder den unendlichen, anrührenden Geigengesang im Andante. Wer - bei Erfüllung aller spieltechnischen Ansprüche - die innige, manchmal auch sentimentale Grundstimmung des Werkes betont, kann so viel nicht falsch machen. Eine solche Form der Virtuosität erscheint sehr passend und wäre das Gegenteil von Oberflächlichkeit und Verblendung. Noch einmal Mendel: "Wo sie [die Virtuosität] aber in den Dienst der echten und rechten Kunst tritt, die höchste Meisterschaft in Uerberwindung aller technischen Schwierigkeiten zu erreichen strebt, um damit die grössten Meisterwerke aller Jahrhunderte in desto vollendeterer Gestalt auführen zu können, bezeichnet sie den Gipfel der ausübenden Kunst und erreicht den Rang des selbstschöpferischen". (VT) |
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