Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Buff, Leonore, verh. Kennerknecht-Buff, Kennerknecht

* 1868 in München, † 1915 ebd., Harfenistin. Über die Eltern liegen keine Informationen vor, in der Presse wird aber häufig hervorgehoben, dass ihre Großtante Charlotte Kestner geb. Buff war, das Vorbild für die Figur der Lotte in Goethes Werther. Leonore Buff studierte von 1881 bis 1886 an der Königlich Bayerischen Musikschule Klavier bei August Scheuermann (Lebendsdaten unbekannt)  und Hans Bussmeyer (1853–1930) sowie Harfe bei Adolphus Lockwood (1840–1885) und Josef Zwerger (?–1920). Sie schloss ihr Studium 1886 mit dem Vortrag des 1. und 2. Satzes aus Mozarts Konzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 ab. 

Neben einigen Münchner Auftritten während ihrer Ausbildungszeit ist am 6. Dez. 1884 die Mitwirkung der 16-Jährigen in einem Regensburger Konzert belegt, in dem Max Bruchs Oratorium Odysseus op. 41 zur Aufführung kam. Anna Morsch zufolge trat Leonore Buff nach ihrem Studium eine Konzertreise durch Norddeutschland an. 1887 ist ein Auftritt in Innsbruck belegt (Deutsche Musik-Zeitung 1885, S. 561). Von 1886 bis 1888 hielt sie sich in Berlin auf, wurde Mitglied der Meyder’schen Kapelle (Nachfolgerin der Bilse’schen Kapelle) und war dort „solistisch und im Ensemble tätig“ (Morsch, S. 185). In der Fachpresse werden Auftritte in Aschaffenburg (NZfM 1887, S. 216) und Berlin (Signale 1888, S. 392) erwähnt. Der Zeitschrift „Die Grenzboten“ lässt sich entnehmen, dass ein ungenannter Berliner Agent versucht hat, Leonore Buff für 1887 als Mitglied eines Ensembles von „vier bildhübschen jungen Damen“ (Die Grenzboten 1887, S. 142) zu vermitteln, ein Ansinnen, das die Zeitschrift als „beschämenden Einblick in das Treiben“ der Konzertagenturen bezeichnet (ebd., S. 142). „Die Art und Weise […], wie die Künstlerinnen […] angepriesen werden, als ob es sich um Fleischwaare handle, ist doch eine Schmach. Ob die betreffenden – richtiger die betroffenen – wohl eine Ahnung davon haben, wie man mit ihnen umspringt?“ (ebd., S. 144). In der zeitgenössischen Presse ist ein einschlägiges Konzert in Komotau belegt, in dem neben Leonore Buff die Joachim-Schülerin Madge Wickham (V.), Meta Renner (Gsg.) und Marie Buff (Klv.) mitwirkten (Prager Tagblatt 22. Jan. 1887).

„Die nächsten Jahre führten die jugendliche Künstlerin nach Zürich, später durch Holland und Rußland […]. ImWinter 1891 wirkte Leonore in Hamburg in den Konzerten Dr Hans v. Bülow’s und dieser große Künstler hat ihr, mündlich wie schriftlich, seine uneingeschränkte Anerkennung ausgesprochen“ (Morsch, S. 185).

1891 sind mehrere Konzerte in München nachgewiesen. 1892 wurde sie in das Bayerische Hoforchester (seit 1918 Staatsorchester) aufgenommen und blieb dort Orchestermitglied bis 1916. Während sie 1901 in der „Musical Times“ noch als „Fräulein Leonore Buff“ bezeichnet wird (MusT 1901, S. 555), trat sie am 28. März 1906 in Würzburg als „Frau Leonore Kennerknecht-Buff, kgl. Kammervirtuosin aus München“ (FritzschMW 1906, S. 661) auf. In der Zwischenzeit hatte offenbar die Hochzeit mit ihrem Orchesterkollegen, dem Violinisten und Sänger Karl Kennerknecht (?–1943), stattgefunden. Die Musikerin, so der Würzburger Korrespondent des „Musikalischen Wochenblattes“, sei „eine hervorragende Künstlerin auf ihrem Instrument, hochgeschätzt auch als Orchesterspielerin bei den grossen Aufführungen im Münchener Hoftheater. Die sonst etwas umständliche Behandlung dieses Instrumentes, z. B. das Wechseln der Pedale u. dergl. m. macht sich bei ihr wenig bemerkbar, dabei entwickelt sie eine ausserordentliche Virtuosität“ (ebd.). 1906 führte sie in München im Rahmen der Mozartfeier der Akademie, zusammen mit ihrem Orchesterkollegen Rudolf Tillmetz (1847–1925), das Konzert für Flöte, Harfe und Orchester KV 299 auf, nach Wahrnehmung der „Signale für die musikalische Welt“ „ein etwas zu langes, in Einzelheiten aber sehr reizvolles Konzert“ (Signale 1906, S. 332).

Das Repertoire, das sie ansonsten bei ihren solistischen Auftritten vortrug, entsprach dem damals Üblichen (Elias Parish Alvars, Karl Oberthür, John Thomas), umfasste aber auch die Spanische Gavotte von Felice Lebano sowie Kammermusik von Ferdinand Hummel und einem Chr. Wölfle.

Bereits kurz nach Leonore Buffs Anstellung bei der Münchener Hofkapelle würdigte Anna Morsch die für eine Musikerin außergewöhnliche „Ehre und Auszeichnung“, als „einzige Dame in dem großen, weitberühmten Orchester“ mitzuwirken (Morsch, S. 185). „Von Deutschlands Tonkünstlerinnen ist es wenigen gelungen, sich feste Anstellungen in größeren öffentlichen Orchestern oder in Staats- oder bürgerlichen Stellungen zu verschaffen. Vorläufig sind es nur ganz vereinzelte Talente, die sich solche Plätze eroberten; sie zeigen aber bahnbrechend, daß sich auch hier langsam der Bruch mit einer Welt von Vorurtheilen und Engherzigkeiten vollzieht, welche für die deutschen Frauen im Allgemeinen und für die Tonkünstlerinnen im Speziellen aufgethürmt sind. Leonore Buff gehört zu den Muthigen und den Bevorzugten, die dem hervorragenden Talent und ihrem ausdauernden Fleiß eine solche Ausnahmestellung verdanken“ (Morsch, S. 184).

Nach ihrem Ausscheiden aus dem Orchester verliert sich die Spur der Musikerin.

 

LITERATUR

Deutsche Musik-Zeitung 1885, S. 561

FritzschMW 1906, S. 661

Die Grenzboten 1887, S. 142ff.

Innsbrucker Nachrichten 1. Dez. 1885

Jahresberichte der K. Musikschule in München 1882/83, 1883/84, 1884/85, 1885/86

MusT 1901, S. 555

Neue Freie Presse [Wien] 13. Mai 1895

NZfM 1885, S. 33; 1887, S. 216; 1891, S. 82, 126

Österreichische Musik- und Theaterzeitung 1894, H. 23/24, S. 8

Prager Tagblatt 22. Jan. 1887

Signale 1885, S. 93; 1888, S. 392; 1906, S. 332

Die Stimme. Centralblatt für Stimm- und Tonbildung, Gesangsunterricht und Stimmhygiene 1915, S. 191

Anna Morsch, Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900.

Hans-Joachim Nösselt, Ein ältest Orchester. 1530–1980. 450 Jahre Bayerisches Hof- und Staatsorchester, München 1980.

Freia Hoffmann u. Volker Timmermann (Hrsg.), Quellentexte zur Geschichte der Instrumentalistin im 19. Jahrhundert, Hildesheim 2013.

 

Freia Hoffmann

 

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