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Fundstück des Monats

 

Februar 2009

 
   
   
 
Aus der Neuen Berliner Musik-Zeitung 1896, 386:
 
 
"Wie unbedacht! Beinahe hätte ich geschrieben: Für eine Dame spielt Frl. Pancera grossartig! Aber da ich nicht möchte, dass mir eine Emancipirte das 'für eine Dame' als Verkleinerung ihres Geschlechts auslege und zur Rache eine Dynamitbombe in die Redaktion werfe, will ich das lieber nicht gesagt haben! Und auch das wäre noch gefährlich, wollte man sagen: sie spielte fast wie ein Mann! Eine Dame soll gar [nicht] wie ein Mann spielen, was ihr an Kraft abgeht, soll sie durch Anmut ersetzen. Eine Dame soll eine echte Pianistin sein und bleiben - jedes in seiner Art! Frl. Pancera spielt mir fast ein bischen zu männlich, und auch ihre Programme sind nicht die richtige Pianistinnen-Toilette, in denen sie sich ungehindert bewegen kann. Die jugendliche Dame zeigt den Ehrgeiz, partout als klassische Pianistin gelten zu wollen - sie bleibt aber auch nach ihrem zweiten Klavierabend (Montag, Singakademie) eine 'reizende Pianistin'."
 
   
Die Forderung an Frauen, in Spielweise, Programmauswahl und Auftreten den Anforderungen an das "schöne Geschlecht" gerecht zu werden, ist im 19. Jahrhundert häufig formuliert worden. Wenn sie von Musikerinnen befolgt wurde, erhoben prompt Kritiker den Vorwurf einer langweiligen, kontrast- und kraftlosen Interpretation. Die renommierte Pianistin Ella Pancera hat hoffentlich den zitierten, dummdreisten Text verschmerzen können: Der Autor und Herausgeber der Neuen Berliner Musikzeitung, August Ludwig, hat in den drei Jahren seiner Wirksamkeit die vormals wichtige Neue Berliner Musikzeitung durch Streitlust, Eitelkeiten und Kritiker-Arroganz so weit heruntergewirtschaftet, dass sie zum Ende dieses Jahrgangs nach 50 Jahren ihr Erscheinen einstellen musste.