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Fundstück des Monats

 

Oktober 2007

 
   
Kraft, immer wieder Kraft - ein merkwürdiges Stereotyp in der Wahrnehmung musizierender Frauen  
   
Ernst Eduard Taubert, in: Die Musik. Halbmonatsschrift mit Bildern und Noten 1912, Nr. 13, S. 47:  
   
"Im anderen Konzert war das Programm ausschließlich mit Musik ausgefüllt, die von Frauen komponiert war; auch wirkten nur weibliche Kräfte mit. Elisabeth Kuyper begann mit einigen Sätzen Streichmusik, die Maria Antonia Walpurgis, Kurfürstin von Sachsen (18. Jahrhundert) gesetzt hatte; unter ihrer Leitung spielte das Berliner Tonkünstlerinnen-Orchester ganz flott. Frl. Ohlhoff sang alsdann eine Reihe Lieder, von der Herzogin Amalia von Weimar Goethes Veilchen, alsdann von Luise Reichardt, von Corona Schröter, von Josephine Lang, der Freundin Mendelssohns. Norah Drewett spielte ein paar Klavierstücke von Josephine Auernhammer und Juliane Reichardt. Daß auch Clara Schumann und Fanny Hensel auf dem Programm standen, versteht sich von selbst.
 
   
Im ganzen wirkte diese weibliche Musik doch etwas matt; einwandfrei im richtigen Satze, fehlt es an Kraft des individuellen Ausdrucks, alles ist nachempfunden. Als ausübende Kraft kann man das weibliche Geschlecht nicht entbehren; als schöpferische indessen hat es sich noch nicht gezeigt - bis jetzt wenigstens noch nicht."
 
   
Immerhin - "als ausübende Kraft kann man das weibliche Geschlecht" nun, 1912, nicht mehr "entbehren", obwohl schon die Existenz solcher Ensembles wie des Berliner Tonkünstlerinnen-Orchesters auf die weiterhin schwierigen Berufsmöglichkeiten für Musikerinnen hinweist. Komponistinnen indes wurden weiterhin als nachrangig betrachtet - und die Vokabeln, die dazu verwendet wurden, waren zu dieser Zeit altbekannt. Mangelnde Individualität zum Beispiel, und immer wieder das Wort 'Kraft', das schon früher von zahlreichen Musikkritikern auch zur Disqualifzierung von Instrumentalistinnen benutzt wurde. Einerseits, in körperlicher Hinsicht: In welcher Weise sollte 'Kraft' etwa beim Violinspiel dienen, wo kraftvoller körperlicher Einsatz schon in technischer Hinsicht wenig hilfreich ist? Warum sollten Pianistinnen im 19. Jahrhundert nicht im Stande gewesen sein, ausreichende Kräfte am Klavier entwickeln zu können? Sie sollten den Flügel ja schließlich nicht tragen, sondern nur darauf spielen. Und auch in einem übertragenen, ästhetischen Sinn - wie oben gebraucht - erscheint 'Kraft' als Wahrnehmungskategorie wenig hilfreich. Warum etwa "individueller Ausdruck" zwingend kräftig sein muss, um als eigenständig zu überzeugen, erschließt sich bis heute nicht.