Forschungsprojekt: Die Geschichte der deutschsprachigen Konservatorien im 19. Jahrhundert

Seit Beginn des 19. Jahrhunderts wurden Ausbildungsinstitutionen gegründet, die versuchten, dem wachsenden quantitativen und qualitativen Bedarf des bürgerlichen Musiklebens gerecht zu werden. Die Begriffe „Musikschule“ und „Conservatorium“ waren keineswegs auf Institute beschränkt, die der professionellen Ausbildung dienten, und es ist in vielen Fällen unklar, welcher Fächerkanon angeboten wurde. 1899 gab es allein in Berlin 61 „Conservatorien“, dazu 32 „Musikinstitute“ und 5 „Musikschulen“. Bis heute ist die Geschichtsschreibung von professionellen Ausbildungsinstituten geprägt von Festschriften, die mehr auf die Würdigung der Bedeutung (Lehrkräfte, Absolventen) ausgerichtet sind als auf institutionengeschichtliche Informationen.

Das Desiderat einer umfassenden Darstellung, die auch Vergleiche erlaubt, ist uns bei der Arbeit am Instrumentalistinnenlexikon wiederholt bewusst geworden. Nirgendwo war Auskunft über die diesbezügliche Geschichte des Frauenstudiums zu erlangen – immerhin waren Konservatorien seit 1817 die einzigen Orte, wo junge Mädchen eine qualifizierte Berufsausbildung (wenigstens als Sängerinnen) erhalten konnten, fast 100 Jahre, bevor sich z. B. in Preußen auch Universitäten für Frauen öffneten (1908). Wenn wir vereinzelt auf Musikerinnen stießen, die an Konservatorien unterrichteten, war es also schwierig, dies in einen Gesamtkontext einzuordnen.

Unser Interesse geht aber inzwischen über die Gender-Thematik weit hinaus. Es sind spannende Fragen, die sich in diesem Projekt stellen: Welches waren die Motive für die Gründungen? Wer ergriff die Initiative – Bürger, Adlige, kommunale oder staatliche Institutionen? Wie wurde die Finanzierung geregelt? Bequemten sich Kommunen, Länder oder Staaten im Lauf des Jahrhunderts, die Nachwuchsausbildung für öffentliche Kultureinrichtungen selbst in die Hand zu nehmen? Wie versuchten Konservatorien, in das öffentliche Musikleben hineinzuwirken? Wie entwickelten sich Fächerspektren und Studieninhalte? Wie ist der Einfluss des Pariser Konservatoriums zu bewerten, welche regionalen Schulen entwickelten sich, und wie wirkten sie wiederum in andere Institutionen und Länder hinein?

Das Problem der Orientierung in der unübersichtlichen Ausbildungslandschaft versuchen wir mit einer Auswahl der 17 wichtigsten Konservatorien zu lösen. Sie sollen in einem voraussichtlich dreibändigen Werk dargestellt werden, dessen Veröffentlichung uns der Olms Verlag in Hildesheim in Aussicht gestellt hat. Jede Institution, chronologisch nach Gründung sortiert, soll in einem Umfang von jeweils 40 bis 80 Seiten behandelt werden und zwar mit einem Kriterienkatalog, der eine vergleichende Darstellung und Beurteilung erlaubt. Die Reihenfolge wird chronologisch nach Gründungsjahr gewählt.

  1. Prag, (gegründet 1811)
  2. Wien (1817, 1851)
  3. Leipzig (1843)
  4. München (1846, 1867)
  5. Berlin: Stern’sches Konservatorium (1850)
  6. Köln (1850)
  7. Strassburg (1855)
  8. Dresden (1856)
  9. Stuttgart (1856)
  10. Berlin: Königliche Hochschule (1869)
  11. Hamburg (1873)
  12. Würzburg (1875)
  13. Weimar (1877)
  14. Frankfurt: Hoch’sches Konservatorium (1878)
  15. Salzburg (1880)
  16. Sondershausen (1883)
  17. Karlsruhe (1884)

Seit 2017 wird das Projekt von der Gerda Henkel Stiftung gefördert.