Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

VrabélyVrábélyVrabely, Serafina, SeraphinaSzerafina, SzeraphinaSophie
von, verh. Tausig, Vrabély-Tausig

* 26. Juli 1840 in Preßburg, † 2. oder 3. Sept. 1931 in Dresden, Pianistin und Klavierlehrerin. Ihr Vater war der Postmeister, Kgl. Rat und enthusiastische Liszt-Verehrer Karl von Vrabély (1794–1879), ihre Mutter Seraphine von Szlemenics (1806–1868), eine hochgebildete (zur Doktorin der Rechte promovierte) und den Künsten zugewandte Frau. Sie und ihre Schwester Stephanie (spätere Gräfin von Wurmbrand-Stuppach, Pianistin und Komponistin,1849–1919) wuchsen in einer musikgesättigten Atmosphäre auf; zum familiären Freundeskreis gehörten u. a.  Liszt und Brahms. Ihre Ausbildung im Klavierspiel erhielt Serafina Vrabély in Prag bei Alexander Dreyschock (18181869) und in Wien bei Eduard Pirkhert (1817–­1881), Lehrer am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Die Presse berichtet schon im April 1856 von einem ersten Konzert in ihrer Heimatstadt Preßburg. Von diesem Zeitpunkt an gab sie regelmäßig Konzerte, eine Tätigkeit, die sie schon frühzeitig nach Pest, Prag, Wien und Paris führte. Franz Liszt, der ihre Familie 1858 kennengelernt hatte, erwirkte durch seine Mutter ein Engagement in Paris im Salon Érard am 2. März 1860. Die „Revue et Gazette Musicale“ reagierte allerdings zurückhaltend: „Elle dit la musique allemande sérieusement, clairement et, il nous faut ajouter, un peu froidement“ („Sie spielt die deutsche Musik anspruchsvoll, sauber und, wir müssen hinzufügen, etwas kühl“, (1860, S. 99). Jedenfalls sei die junge Pianistin, so der Rezensent, für das virtuosenverwöhnte Pariser Publikum noch nicht bereit.

Im Mai 1864 unternahmen die Komponisten Johannes Brahms und Peter Cornelius mit dem Klaviervirtuosen Carl Tausig (18411871) eine Reise nach Preßburg, die für Serafina Vrabély insofern wichtig wurde, als sie in Tausig ihrem späteren Ehemann begegnete. Die Heirat fand am 8. Nov. desselben Jahres statt, Johannes Brahms war Trauzeuge. Mit ihrem Mann zog Serafina Vrabély zunächst nach Berlin, von wo aus das Ehepaar längere Kunstreisen u. a. nach Schweden und Norwegen unternahm. Sie trat vielfach gemeinsam mit ihrer Schwester Stephanie in Konzerten auf, so u. a. in Wien am 17. März 1867 mit der Uraufführung von fünf vierhändigen Walzern aus op. 39 von Brahms, vom Komponisten speziell für die Schwestern für 2 Klaviere (Flügel) gesetzt. Im Jahr 1866 übersiedelte das Paar endgültig nach Berlin, wo König Wilhelm I. Carl Tausig zum Kammervirtuosen berufen hatte und dieser eine Schule für höheres Klavierspiel gründete. Wenig später trennten sich Carl Tausig und Serafina Vrabély die Ehe wurde allerdings nicht geschieden, und auch nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1871 führte die Witwe seinen Namen bzw. den Doppelnamen Vrabély-Tausig weiter.  Wie aus einem Brief an Franz Liszt vom 27. Mai 1874 hervorgeht, blieb sie weiterhin als ausübende Künstlerin aktiv und setzte sich nachdrücklich für das Werk dieses bereits von ihrem Vater verehrten Komponisten ein. In den frühen 1870er Jahren zog sie zurück nach Preßburg, wo sie eine Klavierschule für Frauen eröffnete. Organisation und Lehrmethode sollten nach dem Muster der „vortrefflichen, von ihrem verstorbenen Gatten geleisteten [sic] Clavier-Hochschule“ (Bock 1871, S. 294) eingerichtet werden. Unterstützung erbat sie sich dazu von Otto Lessmann, einem langjährigen Lehrer an Carl Tausigs Klavierschule. Ihre Konzertreisen setzte sie zunächst fort, u. a. durch verschiedene Städte Ungarns. 1876 übersiedelte Serafina Vrabély-Tausig  nach Wiesbaden. Das „Musikalische Wochenblatt“ berichtet am 6. Okt. 1876, dass sie „beabsichtigt, aus dem bisherigen Privatleben herauszutreten und an verschiedenen Orten zu concertieren“ (S. 569). Die weiteren Spuren ihrer Berufstätigkeit finden sich nur noch verstreut. Seit 1877 wohnte sie wieder in Berlin und beabsichtigte, „dort Clavierunterricht zu ertheilen“ (Signale 1877, S. 760). 1895 konzertierte sie noch einmal in Bad Landeck mit den Ungarischen Zigeunerweisen ihres verstorbenen Ehemanns Carl Tausig, arrangiert mit Orchesterbegleitung von Albert Eibenschütz ( Signale 1895, S. 743). 1911 lebte sie in Dresden, wo sie das Ehepaar Max und Elsa Reger mehrfach zu Gast hatte, 1914 in Weimar, zog aber dann endgültig zurück nach Dresden.

 

Stephanie & Seraphine Vrábely, ca. 1869. Photographie von Eduard Kozics, Bratislava.

 

Einen Hinweis auf das plötzliche Verstummen als ausübende Künstlerin geben die 1880 und 1881 in lockerer Folge anonym in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" veröffentlichten, von Heinrich Vincent verfassten „Memoiren eines Opernsängers“. Vincent erinnert sich eines Besuches bei der Familie Vrabély im Jahr 1854 und vermerkt über Serafina Vrabélys weiteren Lebenslauf: „Schade, dass ihre Künstlerlaufbahn in der Folge durch ein leidiges Trema [= Lampenfieber] beeinträchtigt wurde, wovon sie als Kind keine Spur verrieth, so dass sie jetzt nur als Lehrerin ihre Existenz fristen kann, ansonst sie unter unsere grössten Pianistinnen gezählt werden könnte“ (AmZ 1881, Sp. 359). Zu welchem Zeitpunkt in ihrem langen Leben sie sich auch als Klavierlehrerin zur Ruhe setzte, ist nicht mehr nachzuvollziehen.

 

Anzeige für ein Konzert in Prag, aus: Bohemia 10. Dez. 1859.

 
LITERATUR

Brief von Seraphina Vrabély an Franz Liszt vom 27. 5. 1874, in: Goethe- und Schillerarchiv Weimar, Signatur GSA 59/31.3a

AmZ 1867, S. 90; 1881, Sp. 358f.

Augsburger Abendzeitung 17. Febr. 1876

Berliner Börsen-Zeitung 27. Juli 1930

Blätter für Musik, Theater und Kunst 1861, S. 396; 1865, S. 388; 1873, S. 65

Bock 1861, S. 403; 1864, S. 359; 1867, S. 101; 1871, S. 234 f., 294

Bohemia [Prag] 1859, 2., 5., 7., 12. Dez.

Dresdner Journal 17. Nov. 1865

Dresdner Nachrichten 22. Nov. 1865

Fremdenblatt 10. April 1856

FritzschMW 1871, S. 590; 1872, S. 525; 1876, S. 569

Harmonia, Wochenschrift für Wissenschaft und Kunst [Oedenburg/Ungarn] 1861, S. 32f.

Le Monde illustré 10. März 1860

Neue Freie Presse [Wien] 20. März 1867

Neues Wiener Journal 28. Juli 1931

NZfM 1860 I, S. 90; 1860 I, S. 162; 1861 I, S. 211; 1861 II, S. 231; 1865, S. 440; 1866, S. 28, 30; 1867, S. 98, 119, 127, 161; 1871, S. 347; 1872, S. 341; 1874, S. 219; 1876, S. 414

Recensionen und Mittheilungen über Theater und Musik 1861, S. 827

RGM 1860, S. 99

Signale 1860, S. 178; 1867, S. 311; 1876, S. 233; 1877, S. 760; 1895, S. 743

Süddeutsche Musik-Zeitung 1860, S. 7

Tagespost [Graz] 19. Okt. 1865

Ungarischer Lloyd 18. Nov. 1868

Wiener Theater-Chronik 14. April 1864 (Beilage zu Nr. 15)

Wiener Zeitung 19. März 1867

Wurzbach (Art. Tausig, Carl), Mendel (Art. Tausig, Carl), Hixon, Marx/Haas (Art. Wurmbrand-Stuppach, Stephanie)

A. Ehrlich [d. i. Albert Payne], Berühmte Klavierspieler der Vergangenheit und Gegenwart, Leipzig 1893.

Hugo Riemann, Geschichte der Musik seit Beethoven (18001900), Berlin 1901.

Peter Cornelius, Literarische Werke, 5 Bde., Bd. 1 und Bd. 2, Leipzig 1904 u. 1905.

La Mara [d. i. Marie Lipsius], Franz Liszts Briefe, 8 Bde., Bd. 8, Leipzig 1905.

Max Kalbeck, Johannes Brahms, 2 Bde., Bd. 2, 1. Halbband 18621868, Berlin 2. Aufl. 1908.

Elsa Reger, Mein Leben mit und für Max Reger, Leipzig 1930.

Z. Novácek, „Der entscheidende Einfluss von Liszt auf die fortschrittliche Musikorientierung in Pressburg“, in: Studia Musicologica Academiae Scientiarum Hungaricae 5 (1963), S. 233239.

Margit L. McCorkle, Johannes Brahms. Thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, München 1984.

David M. Greene, Greene’s Biographical Encyclopedia of Composers, 2 Bde., Bd. 1, Garden City/NY 1985.

Franz Liszt: Briefwechsel mit seiner Mutter, hrsg. von Klára Hamburger, Eisenstadt 2000.

Silke Wenzel, „Seraphine Tausig“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, https://mugi.hfmt-hamburg.de/receive/mugi_person_00000816, Zugriff am 17. Febr. 2023.

 

Bildnachweis

Brahms-Institut an der Musikhochschule Lübeck, Nr. 33490, Serafine Tausig-Vrabély, Photographie, Visitformat, Pressburg o. J., 6,1 x 10,5 cm, Bildmaße: 5,5 x 9,5 cm.

Bildnis mit Schwester: https://www.flickr.com/photos/nora-meszoly/23933143584, Zugriff am 1. März 2023.

Bohemia 10. Dez. 1859 (Konzertanzeige).

 

Markus Gärtner/Christiane Barlag

 

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