Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Blangini, Felicita (Eugenie), FelicitasFélicité, verh. von Klenze

*1780 in Turin, † 9. Nov. 1844 in München, Violinistin, Violaspielerin, Sängerin, Gesangslehrerin und Komponistin. Sie stammte aus einer wohlhabenden Turiner Familie und war die ältere Schwester des Komponisten, Sängers und Gesangslehrers (Giuseppe Marco Maria) Felice Blangini (1781–1841). Felicita erhielt Gesangsunterricht vom Kastratensopran und Komponisten Girolamo Crescentini (1762–1846) und Geigenunterricht von drei Geigern: in Turin von Gaetano Pugnani (1731–1798), in Paris bei Giuseppe Puppo (1749–1827) und Alexandre Boucher (1778–1861). Darüber hinaus erhielt sie Kompositionsunterricht von Camillo Barni (1762–1840).

Im Jahre 1799 verließ die Familie Turin. „Als der Siegeszug der französischen Revolutionsarmee unter Bonaparte das Haus Savoyen aus Piemont vertrieb, verlor die Familie Blanginis ihre Hauptprotektorin, die Prinzessin Felicita von Savoyen, die bisher sich des jungen Musikus [ihres Bruders ] angenommen hatte, und beschloß in das Land der Zukunft nach Frankreich auszuwandern“ (Losch, S. 6). In Paris wurde ihr Bruder sogleich als Sänger, Gesangslehrer und Komponist bekannt und führte mit seiner Mutter einen Salon im Haus der Rue Basse-du-rempart de la Madeleine, in dem er und auch seine Schwester Felicita auftraten.

Um 1800 bildete Felicita Blangini als Bratscherin, zusammen mit den Geigerinnen Agathe-Victoire Ladurner, Clarisse Larcher und der Violoncellistin Thérèse-Rosalie Pain, ein Frauen-Streichquartett, das sich wahrscheinlich nur im privaten Kreis hören ließ, aber als außergewöhnliches Ensemble Aufsehen erregte. „Ces quatre dames formaient […] un excellent quatuor, et l’exécutaient avec toute la précision, l’énergie, l’ensemble, les nuances qu’exige ce genre si difficile. On se fera sans doute une idée de l’impression que devait causer cet assemblage de quatre femmes répandant à flots autour d’elles le plaisir, et disputant par les talents l’empire de l’attention au plaisir des yeux et à celui des oreilles“ („Diese vier Damen bildeten[…] ein exzellentes Quartett und musizierten mit der ganzen Präzision, der Energie, dem Zusammenspiel und den Feinheiten, die diese so schwierige Gattung verlangt. Man kann sich gewiss ein Bild machen von dem lebhaften Vergnügen, das dieses Ensemble von vier Frauen auslöste, wenn man sich vorstellt, wie die Darstellung ihrer Fähigkeiten mit dem Augenschmaus und dem Hörerlebnis wetteiferten“; Blondeau Bd. 2, S. 290f.).

Felicita Blangini konzertierte als Violinistin in Turin, Mailand, Wien und Paris. Im Jahre 1805 war sie „Violinspielerin im Dienste der Kurfürstin von Bayern“ (ebd.) sowie deren Gesangslehrerin („maîtresse de chant“, Chor/Fay). Sie führte auch ihren Bruder beim Münchener Hof ein, der daraufhin eine Anstellung als Kapellmeister des Kurfürsten Max Joseph erhielt. Diese gab er bereits 1806 zugunsten einer Stellung bei Napoleons Schwester Pauline Bonaparte wieder auf. 1809 nahm er das Angebot Jérôme Bonapartes an, Generalmusikdirektor in Kassel zu werden. Seine Schwester folgte ihm als Opernsängerin dorthin. 1813 heiratete sie den Hofbaudirektor Leo von Klenze (1784–1864), den späteren Architekten König Ludwigs I. von Bayern. Als sich das Königreich Westfalen nach der Völkerschlacht bei Leipzig (1813) aufgelöst hatte und Jérôme Bonaparte nach Paris geflüchtet war, übersiedelten Felice Blangini und das Ehepaar Klenze kurzzeitig nach München. Nach einem Aufenthalt in Paris kehrte das Ehepaar Klenze nach München zurück, wo es gelang, an die alten Beziehungen zum bayerischen Hof anzuknüpfen. Das Ehepaar hatte sieben Kinder, von denen drei sehr früh verstarben. Über eine weitere Konzerttätigkeit ist nichts bekannt. Felicita Blangini spielt in Eduard Maria Oettingers historischem Roman „Jérôme Napoleon und sein Capri“ (1852) eine wichtige Rolle, allerdings sind viele der dargestellten Begebenheiten wohl frei erfunden. So tritt sie dort u. a. als Geliebte des Königs Jérôme auf und setzt ihrem Leben durch Vergiften ein Ende.

Es lässt sich nicht abschließend klären, ob die zur gleichen Zeit lebende Thérèse Blangini (ebenfalls Schülerin von Gaetano Pugnani und Camillo Barni sowie Sängerin am kurfürstlichen Hof in Bayern) eine Schwester von Felicita oder sogar mit ihr identisch ist.

 

WERKE FÜR VIOLINE

[Thérèse Blangini] Trio für zwei Violinen und Violoncello A-Dur op. 1

 

LITERATUR

Chor/Fay (Art. Blangini, Joseph-Marc-Marie-Félix), Fétis (Art. Blangini, Joseph-Marie-Félix), ADB (Art. Leo von Klenze), Cohen, MGG 2000 (Art. Blangini, Giuseppe Marco Maria Felice), New Grove 2001 (Art. Blangini, Giuseppe Marco Maria Felice)

Bayerisches Musiker-Lexikon online, https://bmlo.de/Q/GND=1169173357, Zugriff am 04.11.2022

Deutsche Biographie, https://www.deutsche-biographie.de/pnd1169173357.html, Zugriff am 04.11.2022

AmZ 1805, Sp. 322; 1811, Sp. 736; 1812, Sp. 158; 1813, Sp. 546

Der Freimüthige oder Ernst und Scherz, ein Unterhaltungsblatt 1804, S. 520

Wiener Zeitung 1804, S. 4999, 5051f.

Anzeige wie die königlichen Herrn Hofmusici das ganze Jahr hindurch in der Königlichen Hofkapelle bey dem Hochamt, der Vesper und Litaney wie auch in andern Kirchen nach Abtheilung der Wochen zu erscheinen haben, München 1808.

Auguste-L. Blondeau, Histoire de la musique moderne, depuis le premier siècle de l’ère chrétienne jusqu’à nos jours, 2 Bde., Paris 1847.

Eduard Maria Oettinger, Jérôme Napoleon und sein Capri, 2 Bde., Dresden 1852.

Joseph Fr. u. Louis Gabriel Michaud, Biographie universelle, ancienne et moderne, 85 Bde., Paris 1811–1862, Bd. 69, Paris 1841 (Art. Ladurner, Antoine).

Gothaisches genealogisches Taschenbuch der briefadeligen Häuser, Gotha 1907.

Philipp Losch, „König Jéromes Generalmusikdirektor“, in: Hessenland. Zeitschrift für die Kulturpflege des Bezirksverbands Hessen (1914), S. 5–7, 22–24, 35–37, 52–55.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Robert Münster, Zu Carl Maria von Webers Münchner Aufenthalt 1811", in: Musik, Edition, Interpretation. Gedenkschrift Günter Henle, München 1980.

Joël-Marie Fauquet, Les sociétés de musique de chambre à Paris de la restauration à 1870, Paris 1986.

Friedegund Freitag, Leo von Klenze. Der königliche Architekt, Regensburg 2013.

Dorothea Minkels, Briefwechsel des Königspaares Friedrich Wilhelm IV. & Elisabeth von Preussen, Bd.

3, Berlin [o. J.].

 

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