Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Wuiet, VuietVuyet, Vuïet, Wyet, Caroline, Karoline (Pétronille), verh. Auffdiener, Pseud. Donna Elidora

* 17. Aug. 1768 in Reims, † 22. Mai 1834 in Saint-Cloud, Clavierspielerin und Komponistin. Caroline Wuiet war die Tochter des Organisten und Bibliothekars Clément Vuiet und seiner Frau Marie Adrienne geb. Labassée. Caroline besass zwei jüngere Brüder, Jean-Baptiste (1771–?) und Antoine-Claude (1778–?). Als Tochter eines professionnellen Musikers hatte sie die Chance, eine fundierte Instrumentalausbildung zu erhalten. Bereits im Alter von fünf Jahren, so heißt es, habe sie als Kindervirtuosin von sich reden gemacht.

Durch ihr Clavierspiel erregte sie auch die Aufmerksamkeit der Königin Marie-Antoinette, die für eine Ausbildung des Mädchens eine Pension festsetzte. Caroline erhielt fortan von Pierre-Augustin-Caran de Beaumarchais (1732–1799) und Charles-Albert Demonsiter (Lebensdaten unbekannt) Unterricht in Literatur, von Jean-Baptiste Greuze (1725–1805) in der Malerei und von André-Ernest-Modeste Grétry (1741–1813) in Musik. Letzterer erinnerte sich folgendermaßen an seine Schülerin: „Ma seconde élève fut M.elle Caroline Vuïet; jamais femme n’eut une tête plus mâle, plus forte que cette demoiselle, qui avoit alors neuf à dix ans. Elle pouvoit être un compositeur distingué lorsqu’elle prit un goût passionné pour la littérature, où elle doit avoir un jour des succès“ („Meine zweite Schülerin war Mademoiselle Caroline Vuïet. Nie besaß eine Frau einen männlicheren und stärkeren Kopf als diese Demoiselle, die zu dieser Zeit erst neun bis zehn Jahre alt war. Sie könnte eine berühmte Komponistin sein, wenn sie sich nicht der Literatur verschrieben hätte, in der sie eines Tages Erfolg haben muss“) (Grétry Bd. 3, S. 384).

In den Revolutionsjahren wurde Caroline Wuiet wegen ihrer Verbindungen zur königlichen Familie verurteilt, konnte aber nach Holland und später England fliehen, wo sie durch Clavierunterricht ihren Unterhalt bestritt. Als sie während des Direktoriums nach Paris zurückkehrte, fand sie schnell wieder Zugang zu musikalischen und literarischen Kreisen. Sie selbst veröffentlichte erfolgreich Prosa und Kompositionen. Ihre Oper L’Heureuse Erreur, für die sie Text und Musik verfasst hatte, wurde 1786 im Théâtre Beaujolais aufgeführt. Ihre Kontakte zu Grétry blieben bestehen.

Am 4. Okt. 1806 heiratete Caroline Wuiet in Porto (Portugal) den Baron Joseph (José) Auffdiener (1760–1811), Colonel und Ingénieur des Ponts et Chaussées, und begleitete ihn nach Lissabon, wo dieser seit 1789 als Infanterie-Hauptmann in Ausübung der Tätigkeit eines Ingenieurs für Straßen- und Brückenbau tätig war. Dort wirkte sie weiter unter dem Pseudonym „Donna Elidora“. Mit dem Eindringen der französischen Armee in Portugal und Spanien kehrte Caroline Auffdiener nach Paris zurück. Sie gab wiederum Musikunterricht, veröffentlichte erneut Kompositionen (Romanzen, Clavierwerke und Kammermusik) sowie Romane.

Ihre letzten Jahre verlebte Caroline Auffdiener geb. Wuiet verarmt und „zurückgezogen in einer Art stiller Geisteskrankheit“ (Mendel) in Saint-Cloud nahe Paris, der bevorzugten Herrscherresidenz der Zeit, wo sie 1835 starb.

 

WERKE FÜR CLAVIER

Ouverture de L’Heureux stratagème, opéra-comique … arrangé par l’auteur pour le piano-forte avec accompagnement de violon ad lib., Paris

Trois sonates pour clavecin avec violon et basse, Paris 1785

Potpourri pour le Clav., Paris 1792

VI Romances de Phenix, avec acc. de Harpe ou Clavecin, Paris 1798

Ouverture d’Andromaque pour le clavecin & le forte-piano, avec un violon obligé (Ankündigung in Almanach musical 1781, S. 193)

 

LITERATUR

AlmMus 1781

Gerber 1, Chor/Fay, Gerber2, Mendel, Paul, Fétis, Cohen, GroveW, New Grove 2001, RISM

Illustriertes Konversations-Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900 (Art. Musikerinnen)

Marguerite Ursule Fortunée Briquet, Dictionnaire historique, littéraire et bibliographique des Françaises, et des étrangères naturalisées en France: connues par leurs écrits ou par la protection qu’elles ont accordées aux gens de lettres, depuis l’établissement de la monarchie jusqu’à nos jours, Paris 1804.

André-Ernest-Modeste Grétry, Mémoires, ou Essais sur la musique, 3 Bde., Bd. 3, Paris 1797.

Michel Brenet [d. i. Marie Bobillier], Grétry. Sa vie et ses œuvres, Paris 1884.

Émile Souvestre, Les drames parisiens, Paris 1859.

Georges de Froidcourt, La correspondance générale de Gretry augmentée de nombreux documents relatifs à la vie et aux œuvres du compositeur liégois, Brüssel 1962.

Max Unger, Muzio Clementis Leben, Langensalza 1914, Repr. New York 1971.

Carla Hesse, The Other Enlightenment. How French Women Became Modern, Princeton [u. a.] 2001.

Claudia Schweitzer, „… ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig“. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6), Oldenburg 2008.

 

Claudia Schweitzer

 

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