Vita

Myriam (Lucia) Marbe wurde am 9. April 1931 als Tochter des Bakteriologen Max Marbe und seiner Frau, der Klavierlehrerin Angela (geb. Valter), in Bukarest/Rumänien geboren. Ersten Instrumentalunterricht erhielt sie von der Mutter, und bereits in dieser frühen Phase entdeckte sie in ihrer Freude am freien Klang einen zentralen Zugangsweg zur Musik.

Nach Privatunterricht bei Mihail Jora (1891—1971) studierte Marbe zwischen 1944 und 1954 am Bukarester Konservatorium Komposition bei Mihail Jora und Leon Klepper (1900—1991) und Klavier bei Florica Muzicescu (1887—1969) und nahm auch intensiv an den Pflichtkursen in Folkloreforschung teil. So lernte sie von Grund auf die in Rumänien sehr lebendigen Volkstraditionen kennen und beschäftigte sich mit der elementaren sozialen Funktion von Musik innerhalb einer gewachsenen ländlichen Kultur.

Als konträre Ergänzung hierzu studierte Marbe intensiv die Werke der klassischen Moderne und der neuen und neuesten westlichen Musik. Das konnte angesichts der repressiven rumänischen Kulturpolitik allerdings nur heimlich und unter erschwerten Bedingungen geschehen: In einem Kreis gleichgesinnter Kollegen und Freunde wurde analysiert und diskutiert, was sich jenseits der auf den sozialistischen Realismus festgelegten universitären Curricula und der von der „Kommission zur Regelung des Kunstschaffens“ staatlich gebilligten Konzertprogramme bewegte.

Aus der Übereinstimmung der Interessen entwickelte sich trotz aller individuellen Verschiedenartigkeit der einzelnen Komponistinnen und Komponisten in den 1950er Jahren eine rumänische Avantgarde, die auf hohem künstlerischem Niveau gegen die politische und geistige Erstarrung des Landes ankomponierte. Zugleich waren Myriam Marbe, Ștefan Niculescu, Tiberiu Olah, Aurel Stroe, Anatol Vieru (Bukarest) und Cornel Ţăranu (Cluj) einflussreiche Lehrer, die in den Zentren Bukarest und Cluj/Klausenburg prägende Wirkung entfalteten. Interessanterweise waren unter ihren Schülern überdurchschnittlich viele Frauen – wie Adriana Hölszky (Klasse Niculescu) und Violeta Dinescu (Marbe). Nicht wenige von Ihnen verließen in den 1980er Jahren ihre Heimat und trugen die rumänische Musik in die Welt.

Die erste Generation der rumänischen Avantgarde blieb jedoch überwiegend im eigenen Land. Myriam Marbe fasste diesen Entschluss sehr bewusst. Nach Abschluss ihres Studiums lehrte sie zwischen 1954 und 1988 an ihrer Bukarester Alma Mater Komposition. Aber obwohl sie realiter die Tätigkeiten einer Professorin ausübte, erhielt sie diesen Titel und diese berufliche Position niemals offiziell zugebilligt, da sie sich weigerte, der Kommunistischen Partei beizutreten.

Diese kompromisslose Haltung schlägt sich auch in ihrer Musik nieder, in der archaische, von volkstümlichen Ritualen und byzantinischen Traditionen inspirierte Strukturen, moderne Kompositionsverfahren und eine geradezu suggestive Aussageintensität eine sehr eigene Mischung eingehen. Auf diese Weise gelang es Marbe, ihrer künstlerischen Position als kreativ tätiger, empathisch wahrnehmender Frau in einem totalitären Staat und innerhalb eines von tiefen Entbehrungen geprägten Alltags klingenden Ausdruck zu verleihen. Dass hinter dieser künstlerischen auch eine ethische Haltung steht, war ihren Schülerinnen, Schülern und ihrem Publikum deutlich bewusst, so dass ihrer Musik sehr rasch der Ruf von etwas Besonderem vorauseilte.

Dass Marbe für ihre persönlichen Überzeugungen bereit war, auch schwere Einschränkungen auf sich zu nehmen, zeigt nichts besser als ihre Entscheidung, trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen, die im totalitären Rumänien unter dem Diktator Nicolae Ceauşescu herrschten, in ihrer Heimat zu bleiben – zu dem Preis, dass ein kontinuierlicher Kontakt zu ihrer Tochter, der Journalistin Nausicaa Marbe (* 1963), und ihrem zweiten Ehemann, dem Schriftsteller Aristide Poulopol (1928-1989), nach deren Emigrationen 1982 und 1988 nicht mehr möglich war.

Nur für sehr kurze Zeit erhielt Marbe die Erlaubnis, in den Westen zu reisen und ihren musikalischen Horizont in direktem Kontakt zu erweitern oder eigene Uraufführungen zu begleiten: 1968, 1969 und 1972 konnte sie an den Darmstädter Ferienkursen für Musik teilnehmen, 1969 und 1972 an Seminaren der Gaudeamus-Woche in Bilthoven sowie an einigen internationalen Festivals. Ab Mitte der 1970er Jahre schränkte das rumänische Regime für seine Bürger die Auslandskontakte allgemein stark ein, und auch Marbe durfte nur noch sporadisch reisen. Dennoch wurde ihr Schaffen durch zahlreiche Preise geehrt und erfuhr – insbesondere in Deutschland – nachdrückliche Anerkennung. Von 1989 bis 1990 erhielt Marbe ein Künstlerinnenstipendium der Stadt Mannheim, kehrte anschließend aber aus freiem Willen nach Bukarest zurück, wo sie am 25. Dezember 1997 verstarb.

Kadja Grönke