Jahresbericht 2018

Das letzte Jahr hat uns gelehrt, mit unserer Begeisterung über „wunderbares Wetter“ und „herrliche Sonnentage“ vorsichtiger umzugehen. Die Freude über den Jahrhundertsommer hatte einen bitteren Beigeschmack: trockene Äcker und Gärten, Ernte-Ausfälle in unseren Breiten, Existenzsorgen vieler Landwirte in Europa und auf der ganzen Welt, Angst vor der Versteppung ganzer Landstriche, ansteigende Meeresspiegel und bis heute Behinderung der Flussschifffahrt, weil die Wasserstände zu niedrig sind. Wir diskutieren auch im Sophie Drinker Institut, was wir tun können, um den Klimawandel zu verlangsamen – haben uns aber trotzdem am Garten und der unermüdlich blühenden Kletterrose vor dem Haus sehr gefreut.

Unser Forschungsschwerpunkt „Konservatorien im deutschsprachigen Raum im 19. Jahrhundert“ beschäftigt uns intensiv und anhaltend. Es ist ein Versuch, jenseits großer Namen und schillernder Gründungsideen die Kulturgeschichte einer Institution im Einzelnen zu beleuchten, ein Wissen darüber zu vermitteln, wie sich musikalische Ausbildung vom individuellen Zuschnitt allmählich zu einem an vielen Orten entworfenen und schließlich weitgehend vereinheitlichten Curriculum entwickelte, welche Hindernisse ökonomische Fragen aufwarfen, wie über Ausbildungsinhalte, Elite- und Breitenförderung, Ausbildung von Studentinnen, Koedukation, Anschluss an aktuelle Kompositionsgeschichte und vieles andere diskutiert wurde. Der kulturgeschichtliche Ansatz öffnet erstmals den Blick auf die Herkunft der Studierenden, auf den Studienalltag, auf Anstellungsverhältnisse der Lehrkräfte, aber auch auf den Einfluss, den viele Konservatorien auf das örtliche und überregionale Musikleben ausübten. Mit anderen Worten: Das mehrbändige Handbuch, das wir vorbereiten, wird nicht nur als Nachschlagewerk nützlich sein, sondern die historische Musikwissenschaft und Musikpädagogik auch um einige neue Aspekte bereichern.

Neben der Arbeit im Institut, die selbstverständlich durch Digitalisierung wichtiger Quellen, zum Beispiel von Jahresberichten, sehr erleichtert ist, sind auch immer wieder Reisen notwendig.

Vom 11. bis 13. April unternahm Annkatrin Babbe eine Archivreise nach Frankfurt, um in der Universitätsbibliothek und dem Institut für Stadtgeschichte Einsicht in Quellen um das Hoch’sche Konservatorium zu nehmen. Diese Reise ließ sich auch verbinden mit einem Treffen des Arbeitskreises Frau und Musik am 13. April in Frankfurt.

Kadja Grönke sichtete am 11. und 12. Juni im Hauptstaatsarchiv Stuttgart und im Staatsarchiv Ludwigsburg, erhaltenen Jahresberichte und weitere Akten zum Stuttgarter Konservatorium. Volker Timmermann und Christiane Barlag (seit Februar Wissenschaftliche Mitarbeiterin) besuchten vom 22. bis 24. Oktober die Herzogin Anna Amalia Bibliothek, das Hochschularchiv und das Thüringische Hauptstaatsarchiv in Weimar, um Material zur Großherzoglichen Orchesterschule Weimar zu beschaffen.

Die Arbeiten, die außerhalb des Themas „Konservatorien“ anfielen, lassen sich am besten durch Vorträge und Publikationen darstellen.

 

Vorträge

16. März, Freia Hoffmann: „Chance Grenze Tabu. Körperkontakt im Instrumental- und Gesangsunterricht“, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

17.März, Freia Hoffmann: Fortbildung für Studierende und MusiklehrerInnen zum Thema Sexuelle Übergriffe, Institut für Musikpädagogik der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

9. Mai, Volker Timmermann: „Eine schöne Hand, so zart, durchsichtig, glänzend, süß, duftig, sanft, lieblich“: Körperpräsentation und Wahrnehmung von Instrumentalistinnen um 1800“, Vortragsreihe des musikwissenschaftlichen Kolloquiums der Universität Göttingen.

15. Juni, Annkatrin Babbe: „Geigerinnen in Wien – Handlungsräume im und um das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, Summerschool/Workshop „Musik in Innenräumen. (Gender)Perspektiven auf eine ästhetische und soziale Praxis im Privaten“, Hochschule für Musik und Tanz Köln.

23. Juni, Freia Hoffmann: „Musikerinnen hörbar und sichtbar machen“. Vortrag beim Komponistinnen-Festival „Frauengeschichten“ in Feldkirch/Frauenmuseum Hittisau.

28. September, Volker Timmermann, „...and the ladies close their eyes not to see a woman playing the violin“- Appearance and body language of female violinits as factors for their perception and development, Sydney Conservatorium of Music, Symposium Correct but not beautiful performance. Deciphering the hidden messages in 19th century notation (Vortrag verlesen von Clive Brown).

5. Oktober, Annkatrin Babbe: „Geigenausbildung als ‚Familiensache‘: Josef Hellmesberger als Geigenlehrer am Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“, Interdisziplinäres Symposium „Paare in Kunst und Wissenschaft“, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

6. Oktober, Annkatrin Babbe: „Kaleidoskop: Louise Farrenc, Fanny Hensel, Robert Schumann und Frédéric Chopin“, Moderation des Eröffnungskonzerts, Fortepiano Festival Stuttgart.

14. November, Kadja Grönke: „Schwule Manieren in Ken Russells Film ‚The Music Lovers‘ (GB 1970)“ beim Symposium „Homosexualitäten und Manierismen“ der Hochschule für Künste Bremen.

1. Dezember, Freia Hoffmann: Fortbildung Sexuelle Übergriffe, Hochschule für Musik und Tanz Köln.

1. Dezember, Annkatrin Babbe: „Tradition aus erster Hand: Werke Robert Schumanns im Unterricht bei Clara Schumann“, Kolloquium „Clara Schumanns Instruktive Ausgabe“, Kunstuniversität Graz.

 

Publikationen

Das letzte Mal haben wir unsere Publikationen im Jahresbericht 2015 aufgelistet, wir tragen also nach, was seither erschienen ist:

Annkatrin Babbe und Volker Timmermann (Hrsg.): Musikerinnen und ihre Netzwerke im 19. Jahrhundert (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 12), Oldenburg 2016.

Darin:

Kadja Grönke: „Konkurrenzen, Kollegialitäten, Karrieren. Pianistinnen aus dem Weimarer Liszt-Kreis“,
S. 179–202.

Annkatrin Babbe: „Netzwerke von und um Clara Schumann am Hoch'schen Konservatorium“, S. 163–178.

Volker Timmermann: „‚Ein fruchtbares, social wichtiges Thema‘ – Eduard Hanslick und die Wiener Geigerinnen des späten 19. Jahrhunderts“, S. 113129.

Freia Hoffmann: „Netzwerke von Musikerinnen in Paris und London“, S. 149– 61.

Freia Hoffmann: „Die Pädagogin, Pianistin und Komponistin Elise Müller und der wiederentdeckte ‚Plan
einer weiblichen Lehr- und Erziehungsanstalt‘ von Wilhelm Christian Müller“, S. 203– 223.

 

Annkatrin Babbe, Freia Hoffmann und Volker Timmermann: „Salon und Öffentlichkeit. Grenzen und Durchlässigkeiten für Instrumentalistinnen auf dem Weg der Professionalisierung“, in: La „condition féminine“. Feminismus und Frauenbewegung im 19. und 20. Jahrhundert/Féminismes et mouvements de femmes aux XIXe–XXe siècles, hrsg. von Françoise Berger u. Anne Kwaschik, Stuttgart 2016, S. 253–266.

Freia Hoffmann und Volker Timmermann: „Im Spannungsfeld von ‚privat‘ und ‚öffentlich‘: Musikalische Salons im deutschsprachigen Raum und in Paris“, in: Beitragsarchiv zur Jahrestagung der Gesellschaft für Musikforschung Halle/Saale 2015 – „Musikwissenschaft: die Teildisziplinen im Dialog“, hrsg. von Wolfgang Auhagen u. Wolfgang Hirschmann, Mainz 2016, online: http://schott-campus.com/gfm-jahrestagung-2015.

Kadja Grönke: „Martha Sabinin“, in: Martha Sabinin: Lieder op. 1, hrsg. von Larry Bakst, Kassel 2017.

Volker Timmermann und Freia Hoffmann (Hrsg.): So ein glänzendes Elend ist der Künstlerstand!Aus dem Tagebuch der Violoncellistin Rosa Suck Wien 1859 und Paris 1866 (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 13), Oldenburg 2017.

Volker Timmermann: „...wie ein Mann mit dem Kochlöffel. Violinistinnen um 1800 (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 14), Oldenburg 2017.

Volker Timmermann: „Geigerinnen an den venezianischen Ospedali und im deutschsprachigen Konzertleben um 1800, in: Populares und Popularität in der Musik (= Michaelsteiner Konferenzberichte 85), hrsg. von Ute Omonsky u. Christian Philipsen, Augsburg u. Michaelstein 2017, S. 285–302.

Volker Timmermann: „Die Schwestern Teresa und Maria Milanollo – auf dem Weg zu einer ‚weiblichen‘ Form der Violinvirtuosität?“, in: Exploring Virtuosity: Heinrich Wilhelm Ernst, Nineteenth-Century Musical Practices and Beyond, hrsg. von Christine Hoppe, Maiko Kawabata u. Melanie v. Goldbeck, Hildesheim 2018, S. 239–348.

Kadja Grönke (mit Michael Zywietz) (Hrsg.): Musik und Homosexualität – Homosexualität und Musik (= Jahrbuch Musik und Gender Bd. 10), Hildesheim 2017.

Kadja Grönke: „Musik und Homosexualität – Homosexualität und Musik. Vorwort“, in: Musik und Homosexualität –Homosexualität und Musik (s. o.), S. 11–20.

Annkatrin Babbe: „Von Frauenorchestern und anderen ‚Fake News‘?“, in: Musik und Homosexualität –Homosexualität und Musik, (s. o.), S. 137–140.

Annkatrin Babbe: „Von Ort zu Ort. Reisende Damenkapellen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts“, in: Populares und Popularität in der Musik. XLII. Wissenschaftliche Arbeitstagung Michaelstein, 6. bis 8. Mai 2016, hrsg. von Christian Philipsen u. Ute Omonsky (= Michaelsteiner Konferenzberichte 85), Augsburg u. Michaelstein 2017, S. 303–317.

Annkatrin Babbe: „Knotenpunkt in der Wiener Musikkultur des 19. Jahrhunderts. Josef Hellmesberger d. Ä. (1828–1893)“, in: Biographie des Monats Oktober 2018, hrsg. von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, https://www.oeaw.ac.at/inz/forschungsbereiche/kulturelles-erbe/forschung/oesterreichisches-biogra
phisches-lexikon/biographien-des-monats/oktober-2018/
.

Annkatrin Babbe und Freia Hoffmann: „Projektvorstellung: Geschichte deutschsprachiger Konservatorien im 19. Jahrhundert“, in: Soziale Aspekte des Musiklernens (= Musikpädagogische Forschung 39), hrsg. von Bernd Clausen u. Susanne Drexler, Münster 2018 S. 291–304.

 Kadja Grönke: Artikel „Violeta Dinescu“, in: Lexikon der Holzblasinstrumente. Oboe, Klarinette, Saxophon und Fagott. Baugeschichte und Spielpraxis. Komponisten und ihre Werke. Interpreten, hrsg. von Achim Hofer, Ursula Kramer u. Udo Sirker, Laaber 2018.

Freia Hoffmann: Artikel „Frauen und Blasinstrumente“, in: Lexikon der Holzblasinstrumente, s. o.

 

In der Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts erschien in diesem Jahr Band 15:

Monika Tibbe, „Emanzipation der Tat“. Mary Wurm – Pianistin, Komponistin, Dirigentin, Musikschriftstellerin, Oldenburg 2018. 137 Seiten, 19,80 €. Leben und Werk der Musikerin, ergänzt durch eigene Texte, Pressestimmen und Briefe. Zu beziehen über den Buchhandel oder den BIS-Verlag in Oldenburg.

 

Personal

Christiane Barlag ist seit Februar die Nachfolgerin von Jannis Wichmann (der uns nur noch stundenweise von Hamburg aus zuarbeitet). Erst kurz dabei, und schon eine geschätzte und unverzichtbare Mitarbeiterin!

 

Veranstaltungen im Institut

Am Freitag, 3. Februar, traf sich der Förderkreis des Sophie Drinker Instituts, den Monika Tibbe und Anna-Christine Rhode-Jüchtern ins Leben gerufen haben, bestehend aus interessierten KollegInnen und Studierenden, dem Beirat des Instituts und dem Vorstand der Sophie Drinker Stiftung. Zuerst haben wir für unsere Gäste Musik gemacht (Telemann, Quartett d-Moll für Blockflöte, 2 Querflöten und Generalbass – danke an Luisa Klaus, Peter Schleuning, Philipp Mävers und Karl-Ernst Went!), dann wurde intensiv über die Ausrichtung des Instituts und über Möglichkeiten der weiteren Vernetzung diskutiert. Eine anregende Runde, deren Beiträge uns sehr beschäftigt haben und noch lange nachwirken werden.

Der wichtigste Impuls des Förderkreises war die Idee, unsere Arbeit zur Geschichte der Musikausbildung mit einer internationalen Tagung „Konservatoriumsausbildung von 1795 bis 1945 / Musical Education at Conservatories from 1795 to 1945“ zu verbinden. Volker Timmermann und Annkatrin Babbe haben die Vorbereitung übernommen, und die Tagung ist für 15. bis 17. Februar 2019 geplant. Darin sollen nicht nur einzelne deutsche Konservatorien in den Fokus genommen werden, sondern auch die kulturellen, politischen, sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen von institutioneller Musikausbildung im betrachteten Zeitraum. Inzwischen haben 20 WissenschaftlerInnen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Frankreich ihre Teilnahme zugesagt, und auch ein interessantes Rahmenprogramm – u. a. mit der Berliner Chanson-Interpretin Evelin Förster – ist geplant.

26. bis 30. März und 29. September bis 4. Oktober: Gesangsmeisterkurs Rachel Bersier.

 

Die humorvolle bis boshafte Rezeption von Musikerinnen im 19. Jahrhundert stand im Fokus des Vortragsabends von Comicforscher Dr. Christian A. Bachmann unter dem Titel „Laura, oder die Klavierteufel. Virtuosinnen in der visuellen Satire des 19. Jahrhunderts“ am 20. April. Bachmann hat zu Darstellung von Musik und Musikerinnen im 19. und frühen 20. Jahrhundert geforscht und sich speziell auch mit dem Phänomen der Virtuosin befasst. Für seinen Vortrag konnte er aus einem reichen Fundus von Bilddokumenten schöpfen und lieferte dem Publikum einen ebenso weitgreifenden wie kurzweiligen und humorvollen Einblick in die Musikkultur aus medienwissenschaftlicher Sicht.

 

Das UFO (Unabhängiges Forschungskolloquium für musikwissenschaftliche Geschlechterstudien) war am 14. und 15. September im Sophie Drinker Institut zu Gast. Vierteljährlich finden die Kolloquien statt – veranstaltet in den jeweiligen Städten der TeilnehmerInnen. Das Treffen im September wurde von unserer Mitarbeiterin Annkatrin Babbe organisiert, die dem UFO angehört. Die wissenschaftliche Betreuung hatte Freia Hoffmann übernommen. Mit ihr wurden die eingereichten Kapitel der Doktorandinnen diskutiert.

19. Oktober Veranstaltung zum 40-jährigen Jubiläum des Arbeitskreises Bremer Komponisten und Komponistinnen.

Am 9. November hatten wir das Glück, den Glasharmonikaspieler Dennis James aus den USA in einer Abendveranstaltung zu Gast zu haben. Das merkwürdige Instrument und die anrührenden Klänge, die er hervorzauberte, faszinierten das Publikum ebenso wie die

Anmutung von Melancholie, Krankheit und Jenseitigkeit, die die Glasharmonika um 1800 zu einem bevorzugten „Frauen-Instrument“ machte. Volker Timmermann referierte diesen Kontext, während Dennis James vor allem Informationen zur Baugeschichte beitrug.

 

 

Für das nächste Jahr ist außer der Tagung „Konservatoriumsausbildung von 1795 bis 1945“ bisher nur eine weitere Veranstaltung geplant:

8.März 2019 (Frauentag): Buchvorstellung Monika Tibbe: „Emanzipation der Tat“. Mary Wurm – Pianistin, Komponistin, Dirigentin, Musikschriftstellerin. Emilia Grotjahn (Violine) und Darlén Bakke (Klavier) werden Kompositionen von Mary Wurm vortragen.

 

Wir freuen uns, wenn wir Sie bei dieser oder einer anderen Gelegenheit wieder einmal begrüßen dürfen, und wünschen Ihnen erholsame und heitere Feiertage, für das Neue Jahr Gesundheit, Gelassenheit und Erfolg bei allem, was Sie sich vorgenommen haben. Uns allen und unserer Erde wünschen wir ein sorgsames Miteinander, mehr Einsatz für Klima und Umwelt und endlich eine Politik, die diese Ziele unterstützt...

 

Herzliche Grüße, auch im Namen von Annkatrin Babbe, Christiane Barlag, Kadja Grönke und Luisa Klaus,

 

Ihre

 und  

 

(Prof. Dr. Freia Hoffmann)                               (Dr. Volker Timmermann)

Leiterin und Geschäftsführerin                        Geschäftsführer