Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Andrée, Elfrida 

* 19. Febr. 1841 in Visby auf Gotland (Schweden), † 11. Jan. 1929 in Göteborg, Organistin, Harfenistin, Komponistin und Musiklehrerin. Elfrida Andrée war die Tochter des Arztes Andreas Andrée und dessen Frau Lovisa Andrée geb. Lyth. Sie wuchs mit einer älteren Schwester, der späteren Sängerin Frederika Stenhammer (1836−1880), und einem jüngeren Bruder Tor auf. Der Vater hatte sich in Lund zum Arzt ausbilden lassen und nach dem Studium als Schiffsarzt Reisen nach England, Nordafrika, Ägypten, Mittelasien, Italien, Malta und Gibraltar unternommen. Zurück in Schweden wurde er neben seiner Arbeit politisch tätig und trat für eine neue egalitäre, aufgeklärte und politisch liberale Gesellschaft ein. Elfrida und Frederika erhielten als Mädchen von ihrem Vater Unterricht in Harmonielehre, Generalbass, Klavier und Gesang. Für diesen stand zunächst die Ausbildung der älteren Schwester an erster Stelle. Als Frederika aber 1851 mit 15 Jahren ans Leipziger Konservatorium ging, wandte sich der Vater mehr Elfrida zu. Etwa ab 1850 erhielt sie Unterricht von Wilhelm Söhrling (1822−1901). Dieser war seit 1847 Leiter der Musikalischen Gesellschaft und Domorganist in Visby und hatte zu einem vielfältigen Musikleben in der Stadt beigetragen. Neben Harmonielehre unterrichtete er Elfrida Andrée vermutlich auch an der Orgel. Außerdem spielte sie Harfe; wer sie darin unterrichtete, ist derzeit nicht bekannt. Ab 1853 erhielt sie Unterricht bei dem Organisten und Komponisten Fredrik Wilhelm Klingt (1811−1894), der auch ihre Schwester unterrichtet hatte.

Erste Auftritte erlebte Elfrida Andrée am Klavier und als Sängerin in der Musikalischen Gesellschaft und zuhause im Salon der Familie Andrée. 

Im Jahr 1855 kehrte Frederika Andrée aus Leipzig zurück, und die beiden Schwestern zogen zusammen nach Stockholm, wo Frederika an der Oper eine Anstellung erhalten hatte. Hier versuchte Elfrida Andrée Klavierunterricht bei Jan van Boom zu erhalten, der sie aber an Ludvig Norman (1831−1885) verwies. Letzterer war zu dieser Zeit in Paris, so dass sie schließlich Unterricht bei Ebba d’Aubert nahm („saledes aterstar ingen annan än fru d'Aubert“, „so bleibt nichts anderes als Frau d'Aubert“, Elfrida Andrée an ihre Eltern 8. Okt. 1856; zit. nach Öhrström, S. 66).

Im Okt. 1856 bat der Organist und Komponist Gustaf Mankell (1812−1880) um die Zulassung Elfrida Andrées zum Organistenexamen an der Hochschule für Musik in Stockholm. Wie es zu diesem  Antrag kam, lässt sich bisher nicht sagen, die Familien Andrée und Mankell waren aber befreundet. Das Gesuch wurde abgelehnt, und so nahm sie zunächst Orgelstunden bei Mankell, bis sie im Juni 1857 schließlich doch das Orgelexamen ablegen konnte. Von diesem Erfolg beflügelt, richtete sie nun ein Schreiben an das schwedische Königshaus, Frauen die Ausübung des Organistenamtes zu gestatten, was bis dato in Schweden nicht der Fall war: „Då det i utlandet, såsom i England och Frankrike länge varit brukligt, att orgelnistbefattnigar innehafvas af Fruntimmer, har detta ingifvit mig mod och hopp att inför Eders Kongl. Majst våga denna underdåniga framställning“ („Dass es im Ausland, wie in England und Frankreich, längst üblich ist, dass Frauenzimmer den Organistenposten inne haben, gibt mir den Mut und die Hoffnung, vor Ihrer Königlichen Majestät diesen untertänigsten Antrag zu wagen“, Elfrida Andrée an König Oskar I. von Schweden und Norwegen, 28. Juli 1857; zit. nach Öhrström, S. 70). Außerdem verfolgte sie ihre Ausbildung weiter. Gesangsunterricht erhielt sie von Julius Günther, dem sie im Austausch in den Stunden akkompagnierte, und Klavierunterricht bei Jan van Bloom.

Erst im Frühjahr 1859 erfuhr sie, dass ihr Gesuch abgelehnt worden war. Über diesen ungewöhnlichen Vorfall und die Einzelheiten des Gesuchs wurde sogar in deutschsprachigen Zeitschriften berichtet. So schrieb die „Bayerische Schulzeitung“ unter dem Titel „Ein weiblicher Organist“ über die Kuriosität: „In Stockholm ist vor kurzem folgende Thatsache vorgekommen. Eine tüchtige Orgelspielerin, Namens Elfrida Andrée, hatte sich dem Organisten-Examen bei der musikalischen Akademie unterzogen und ein rühmliches Zeugnis über ihre Kentnisse erhalten. Sie wandte sich drauf an die Regierung mit der Bitte, sich um einen Organistenposten bewerben zu dürfen, und verpflichtete sich, für den Fall, daß da, wo ihre Bewerbung stattfände, die Organistenstelle mit den Funktionen eines Glöckners verbunden wäre, aus ihren eigenen Mitteln einen […] Glöckner zu besolden, wie es Geistliche und Schullehrer in gleicher Lage zu thun pflegten. Die Regierung übergab das Gesuch dem Erzbischof, der demselben aber hauptsächlich aus dem Grunde die Genehmigung versagte, weil darin eine Abweisung [sic]von der jetzt im Reiche geltenden Ordnung liegen würde, welche ausdrücklich bestimmt, daß Aemter und Bedienungen von Männern bekleidet werden sollen, welche in das Alter der Mündigkeit eingetreten sind. In Folge dessen hat jetzt auch die Regierung die Bittstellerin abschlägig beschieden“ (Bayerische Schulzeitung 1859, S. 106).

So widmete sie sich nach der ersten Enttäuschung weiter ihren Kompositionen und nahm dafür Unterricht  bei Ludvig Norman. Daneben gab sie selbst Klavier- und Orgelunterricht.  Ebenfalls 1859 zogen ihre Eltern mit dem Bruder Tor nach Stockholm. Gemeinsam mit ihrem Vater stellte sie nun erneut ein Gesuch an den schwedischen König. Der zweite Versuch war erfolgreich: Im März 1861 erließ der König ein entsprechendes Gesetz, und so konnte sie am 1. Mai die Organistenstelle an der Finnischen Kirche in Stockholm antreten, im Jahr darauf außerdem die an der französischen reformierten Kirche.

Eine andere ungewöhnliche Tätigkeit fiel ebenfalls in diesen Zeitraum: 1860 legte sie die Prüfungen für das Telegraphenamt ab. Da auch dieser Beruf in Schweden nicht für Frauen zugänglich war, stellte sie mit ihrem Vater wieder einen entsprechenden Antrag, dem 1863 stattgegeben wurde. Die Gründe für dieses zusätzliche Engagement sind nicht bekannt, ebenso wenig, ob sie dieses Amt tatsächlich ausgeübt hat.

Im Jahr 1867 war es wieder der Vater, der sich für die Karriere seiner Tochter einsetzte. Als er von der frei gewordenen Organistenstelle an der Domkirche in Göteborg erfuhr, schrieb er an den dortigen Probst Peter Wieselgren einen Brief. Er legte ihm dar, dass mit der Berufung seiner Tochter  –  Pionierin auf ihrem Gebiet – zur Domorganistin ein Zeichen für den Göteborger Liberalismus gesetzt werden könne. So wurde sie am 14. Apr. 1867 zu einem Probespiel eingeladen. Im Mai erhielt nicht Elfrida, sondern ihr Vater ein Telegramm: „Mamsell Andrée i afton enhälligt vald till organist i Göteborgs domkyrka!“ („Mademoisell Andrée wurde heute Abend einstimmig zur Organistin an der Göteborger Domkirche gewählt!“, 30. Apr. 1867; zit. nach Öhrström, S. 103). Am 19. Mai 1867 trat Elfrida Andrée das Amt an. Sie erhielt 1400 Reichstaler im Jahr − ein hohes Gehalt, bedenkt man, dass eine Lehrerin in Schweden zu dieser Zeit 200 bis 300 Reichstaler pro Jahr verdiente (vgl. Öhrström S. 104).

Elfrida Andrée an der Marcussen-Orgel in Göteborg um 1900.

Zu ihren Aufgaben gehörten nun das Musizieren im Gottesdienst, die Wartung der Marcussen-Orgel und nach 1907 auch das Amt der Kantorin. Außerdem veranstaltete sie Konzerte in der Domkirche. Im Rahmen eines gemischten Konzertes mit mehreren Künstlern spielte sie im Herbst 1867 eine Orgelsonate von Mendelssohn. Die Göteborger Handelszeitung berichtete: „Fröken Andrée utförde sitt solo på orgeln äfvensom ackompanjemaget till skolungdomens körer med sannt musikaliska föredrag, rättfärdigande det val, som gjort henne till organist i Sveriges största församling“ („Fräulein Andrées  Ausführung ihres Soloparts an der Orgel, wie auch die Begleitung der Jugendchöre mit echtem musikalischem Vortrag, rechtfertigt die Entscheidung, die sie zur Organistin an Schwedens größter Kirche gemacht hat“ Göteborgs Handels- och Sjöfarts-Tidning, 1. Nov. 1867; zit. nach Öhrström, S. 110). In anderen Konzerten spielte sie u. a. Orgelwerke von Mendelssohn und Joh. Seb. Bach, Teile aus Rossinis Messe Solennelle und Cherubinis Requiem sowie eigene Werke.

Im Jahr 1897 kam mit der Übernahme der Leitung der Volkskonzerte ein neues Betätigungsfeld hinzu. Die von dem Komponisten Karl Fritjof Valentin (1853−1918) gegründeten Konzerte hatten den Sinn, durch geringe Eintrittsgelder auch ärmeren Bevölkerungsschichten einen Zugang zu musikalischer Bildung zu ermöglichen. Bis zu ihrem Tod organisierte Elfrida Andrée zusammen mit ihrer Schwester Frederika Stenhammer rund 800 Konzerte.

Von Göteborg aus unternahm Elfrida Andrée einige Reisen. So vertiefte sie ihre kompositorischen Studien 1970 bei Niels Gade (1817−1890) in Kopenhagen. Außerdem reiste sie dreimal nach Deutschland. Im Jahr 1872 sollte sie in der Leipziger Thomaskirche ein Konzert spielen. In der kurzfristigen Ablehnung offenbarte sich die in Deutschland herrschende konservative Haltung gegenüber Organistinnen. An ihren Vater schreibend zitierte die Musikerin den Pastor der Kirche auf deutsch: „‚der Vorstand hatte dasselbe Gefühl, dass es gar nicht passte dasz eine Frau in eine Kirche spielte! Sie sollten ja dann allein auf die Orgel mit den ganzen Chor sein! Dass passt gar nicht. Wir haben in Deutschland nie von eine Organistin gehört und so was geht nicht hier in Deutschland, es ist wieder [wider] Deutsche Sitte‘“ (Elfrida Andrée an Andreas Andrée, 25. Mai 1872; zit. nach Öhrström, S. 145). Auf ihrer zweiten Reise 1887/1888 konnte sie zwar ein Konzert in der Marienkirche in Berlin geben, musste dafür aber 100 Mark bezahlen. Ihre letzte Reise 1904 brachte schließlich mehr Erfolg. Sie hatte den Kontakt zum Dresdner Kapellmeister Willy Olsen hergestellt, der ihr ein Konzert in Dresden mit skandinavischem Programm zusicherte. Auch hier musste sie zunächst Geld für Orchesterproben und Sitzplätze für die skandinavischen Einwohner Dresdens bezahlen. Schließlich berichteten aber schwedische und deutsche Zeitungen von dem erfolgreichen Konzert: „Lysande succés för fröken Andrée som hyllades med stormande applåder och af orkestern med en touche“ („Brillianter Erfolg für Fräulein Andrée, die mit stürmischem Applaus und einem Tusch vom Orchester gefeiert wurde“, Göteborgs-Posten 15. Nov. 1904; zit. nach Öhrström, S. 289). Die „Dresdner Nachrichten“ berichteten begeistert von der schwedischen Organistin und Komponistin am Dirigenten-Pult (Dresdner Nachrichten, ohne Datum; vgl. Öhrström, S. 288).

Elfrida Andrée hat mit ihrem Einsatz für das Organistinnenamt und auch das Telegraphinnenamt einen wichtigen Schritt für die Gleichberechtigung der Frau in Schweden geleistet. Die Stelle am Göteborger Dom hielt sie bis zu ihrem Tod am 11. Jan. 1929. Seit den 1960er Jahren wurden ihre Kompositionen wiederentdeckt und einige Werke in Schweden zur Aufführung gebracht.

 

WERKE

(nach Werkverzeichnis in Öhrström, S. 453–465)

14 kleinere Kompositionen für Orgel, gesammelt in einem kleinen Notenbuch [1860–61]

Andante maestoso für Orgel, komponiert für drei Manuale und Pedal [1868]

Sonate für Orgel [1871]

Andante religioso für Orgel [1872]

Sonate für Orgel [1872]

Tonbilder für Klavier op. 4 [1872] (NA: Körborn 2013)

„Sorgmarsch" für Orgel [1878]

Maestoso für Orgel [1879]

„Vredens Dag", Choral für Orgel, 1890

Orgelsinfonie in h-Moll, 1891

Einleitung: Vorstellung des Chaos aus Haydns Schöpfung, arrangiert für Orgel, 1892

Orgelsinfonie Nr. 2 für Orgel und ein Blechblasinstrument [1892]

Vier Orgelkompositionen (1. Psalm 99,  2. Psalm 3, 3. Andante, 4. Larghetto) [1893]

Sorgeförspel" für Orgel in f-Moll, 1903

Preludium zum Psalm Nr. 33 Jag lyfter mina händer", 1907

 

 

LITERATUR

Abo Tidningar 28. Sept. 1860

Bayerische Schulzeitung 1859, S. 106

Der Klavier-Lehrer 1895, S. 134

Musical News 1895 II, S. 253

Violin Times 1895, S.180

Elson, Altmann, MGG 1, Grove 5, Baker 5, Baker 7, Hixon, MGG 2000, New Grove 2001

Erik Thyselius, Vem är det? Uppslags- och handbok över samtida kända svenska män och kvinnorStockholm 1912.

Cesar Saerchinger, International Who’s Who in Music and Musical Gazeteer, New York 1918.

Nils Styrbjörn Lundström, Svenska kvinnor i offentlig verksamhet, Uppsala 1924.

Stig Jacobbson, Swedish composers of the 20th century, Stockhom 1988.

Carin Österberg, Svenska Kvinnor. Föregångare nyskapare, Lund 1990.

Eva Öhrström, Elfrida Andrée. Ett levnadsöde, Stockholm 1999.

Marcia J. Citron, „European Composers and Musicians, 1880–1918“, in: Women and Music. A History, hrsg. von Karin Pendle, Bloomington ²2001, S. 175–192.

Katrin Losleben, Elfrida Andrée, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt–hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=andr1841, Zugriff am 18. Nov. 2011.

 

Bildnachweis

Öhrström 1999, S. 335.

 

Christine Fornoff

 

© 2012 Freia Hoffmann