Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Bergh, (Anna) Gertrude (Elizabeth) van den

Get. am 21. Jan. 1793 in Mühlheim/Rhein, † 10. Sept. 1840 in Den Haag, Pianistin, Chordirigentin und Komponistin. Sie war die Tochter des Niederländers Hendrik van den Bergh und seiner deutschen Frau Maria Theresia geb. Leydel, blieb zeitlebens ledig und widmete sich vollständig der Musik. Als Kind lebte sie in Deutschland und erhielt zwischen 1806 und 1811 in Köln Clavierunterricht bei Ferdinand Ries, einem Freund Beethovens, sowie Kompositionsstunden bei Johann August Burgmüller. Als sie neun Jahre alt war, wurde eine Klaviersonate ihrer Komposition bei J. J. Hummel in Berlin gedruckt. Das Werk ist allerdings, wie der größte Teil ihrer späteren Kompositionen (darunter ein Streichquartett sowie Fantasien, Präludien und Fugen für Clavier), verschollen. Später (1836–1837) studierte Gertrude van den Bergh Kontrapunkt bei Carel Ferdinand Hommert (1811–1838 und nach dessen Tod bei Alfred Julius Becher (1803–1848).

Gertrude und ihre zwei Jahre jüngere Schwester Anna Sophia Elisabeth traten als Kinder in Konzerten auf, z. B. 1809 in Den Haag, wo die beiden Mädchen enthusiastisch gelobt wurden (Daagblad van Zud Holland en’s Gravenhage, 16. Juli 1809). Wie so viele Eltern der Zeit wusste auch Henrik van den Bergh aus der Begabung seiner Kinder Profit zu machen und unternahm mit ihnen eine Konzertreise durch Holland.

Zwischen 1811 und 1818 ließ sich die Familie in Den Haag nieder. Hier verbrachte Gertrude van den Bergh den Rest ihres Lebens. Als Clavierinterpretin konnte sie rasch Fuß fassen: Sie galt als Spezialistin für Beethoven-Interpretationen. Zu ihrem Repertoire gehörten auch Werke von Haydn, Mozart, Clementi, Cramer, Field und August Alexander Klengel. Wichtige Musikerpersönlichkeiten ihrer Zeit wie Lafont, Spohr und seine Frau, die Harfenistin Dorette Spohr, Moscheles, Kalkbrenner und Mendelssohn schätzten die Virtuosin und suchten sie in Den Haag auf. Mehrere Kompositionen sind ihr gewidmet, u. a. die Trois amusements en forme de caprices op. 105 von Johann Nepomuk Hummel. Außerdem setzte sich Gertrude van den Bergh als eine der Ersten in den Niederlanden für eine Wiederbelebung der Werke Joh. Seb. Bachs ein („Amphion“ 1818, S. 47–48, nach Metzelaar). Sie selbst trat allerdings nach 1824 nur noch in kleinem Rahmen wie in den örtlichen „Liefhabberij Concerten“ auf.

In der Folge verlagerte sie ihre Tätigkeiten auf zwei andere Bereiche: das Unterrichten und die Chorleitung. Zu ihren Schülerinnen zählten Mitglieder der dänischen Königsfamilie, außerdem gab sie in ihrem Haus Theoriestunden, für die auch ihre um 1830 gedruckten Principes de musique konzipiert waren.

Große Öffentlichkeitswirkung erzielte Gertrude van den Berghs Programmplanung und Mitwirkung bei der Organisation des Den Haager Musikfestes am 16./17. Okt. 1834. Sie leitete hier außerdem den Auftritt der „Zanggenootschap van Den Haag“, eines Chores aristokratischer junger Mädchen, und war selbst als Altistin zu hören. Als Chorleiterin hatte Gertrude van den Bergh seit 1819 Erfahrungen gesammelt. Sie ist nach derzeitigem Wissensstand die erste niederländische Chorleiterin. Allerdings überließ sie bei Auftritten spätestens in dem Moment, da ein Orchester mitwirkte, Männern das Dirigat.

Wie groß die Wertschätzung Gertrude van den Berghs (trotz Aufgabe ihrer eigenen pianistischen Karriere) als Musikerin und Musiksachverständige in Den Haag war, zeigt ihre Ernennung zum Ehrenmitglied der „Maatschappij tot Bevorderung der Toonkunst“ im Jahr 1830. Laut den Statuten der Vereinigung war Frauen die Mitgliedschaft eigentlich untersagt. Erst 45 Jahre später sollte einer weiteren Musikerin diese Ehrung zuteil werden: Clara Schumann.

Nach längerem Leiden starb Gertrude van den Bergh am 10. Sept. 1840 an Brustkrebs.

Gertrude van den Bergh war die einzige weit über die Grenzen ihrer Heimat hinaus bekannte niederländische Instrumentalistin der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts. Ist dies einerseits sicherlich auf ihre pianistischen Fertigkeiten zurückzuführen, so fand sie wie Luise Reichardt auch im Musikunterricht und in der Chorleitung, in der Zusammenarbeit mit den wichtigen Musikern ihres Umfelds, ein öffentlich anerkanntes Betätigungsfeld, das ihrer Rolle als Frau entsprach. Beide Aspekte werden in dem Bericht der „Allgemeinen musikalischen Zeitung" angesprochen, der anlässlich des Kölner Musikfestes 1824 erschien: „Unter den vielen ausgezeichneten Künstlern, welche uns dieses Musikfest zuführte, sey diessmal nur unsere Landsmännin, das Fräulein Gertrude van der [sic] Bergh genannt, welche gegenwärtig im Haag wohnt. Ihrer Gefälligkeit verdankten die hiesigen Kunstfreunde mehre genussreiche Stunden, in welchen sie ihr ganz vorzügliches Klavierspiel zu bewundern Gelegenheit hatten. Eine vollendete technische Ausbildung, verbunden mit einem empfindungsvollen gediegenen Vortrag, sichern ihr einen Rang unter den ersten jetzt lebenden Klavierspielern; als solche erkennen sie auch Hummel, Ries und andere stimmberechtigte Künstler an. Ihre liebenswürdige Bescheidenheit ist übrigens so gross als ihre Virtuosität. Hummel hat ihr neulich ein Werk (Capriccio) dedicirt“ (AmZ 1824, Sp. 601f.).

Helen Metzelaar gibt als möglichen Grund für die Aufgabe der pianistischen Karriere Gertrude van den Berghs an, dass ihr immer wieder zitiertes, ausgesprochen sanftes und zurückhaltendes Wesen auf der Bühne hinderlich gewesen sei könne – dies ist allerdings typisch für die Beschreibungen von Instrumentalistinnen der Zeit.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Sonate für Klavier, Berlin, um 1802 (verloren); 12 Variationen über „Ein Mädchen oder Weibchen“ op. 1 für Cembalo oder Pianoforte, Berlin, vor 1814; Berliner Favorit Tänze Berlin, vor 1814; Menuets variés, Berlin, vor 1814; Air. Var. „In meinem Schlosse“, Klavierkonzert, Berlin, vor 1814; Toch Oranje, Thema mit Variationen, Den Haag, ca. 1814; Rondeau pour le pianoforte, op. 3, Amsterdam, ca. 1820/1821; Lied für Pianoforte, o. J.; Fantasien, Präludien und Fugen, o. J. (verloren); Principes de musique a l’Usage des classes d ’Enseignement Mutuel, ca. 1830

 

LITERATUR

Gemeentearchief Amsterdam, MBT-Archiv 611: Correspondentie IV.35, Correspondentie VI. 23 und 50

Dagblad van Zuid Holland en’s Gravenhage, 7. Juli 1809, 16. Juli 1809, 19. Juli 1809

Amphion 1818, S. 44-48; 1819, S. 208

AMZ 1824, Sp. 601f.; 1831, Sp. 696; 1835, Sp. 827

Staats Courant, 14. Sept. 1840

Oprechte Haarlemmer Courant 1840, Nr. 111,3

Dagblad van ‘s-Gravenhage, 13. Sept.1840

Florentuis Cornelis Kist, „Biographie Mejuffrouw G. van den Bergh“, in: Nedelandsch muzykaal Ziddschrift 3-1, 1841, S. 21–23.

EitnerQ, MGG 1 (Artikel Den Haag), GroveW, New Grove 2001

Carl Whistling u. Friedrich Hofmeister, Handbuch der Musikalischen Literatur, Leipzig 1817.

Carl Whistling u. Friedrich Hofmeister, Handbuch der Musikalischen Literatur, Leipzig 1844.

Abraham Jakob van der Aa, Biographisch woordenboek der Nederlanden: bevattende levensbeschrijvingen van zoordanige personen, die zich op eenigerlei wijze in ons vaderland hebben vermaard gemaakt, 21 Bde., Haarlem 1852-1878.

Edouard Georges Jacques Gregoir, Biographie des artistes-musiciens néerlandais des XVIII e et XIX e siècles et des artistes étrangers résidant ou ayant résidé en Néerlande à la même époque, Antwerpen 1864.

Henri Viotta, Lexicon der toonkunst, Amsterdam 1883.

E. A. Melchior, Wetenschappelijk en biographisch woorden boek der tonnkunst, Schiedam 1890.

A. de Wal, De pianisten Wereld, beroemde pianisten van voorheen en thans, ’s-Gravenhage 1927.

Eduard Reeser, Een eeuw Nederlandse muziek, Amsterdam 1950.

Helen Metzelaar, „Gertrude van den Bergh“, in: Zes vrouwelijke componisten, hrsg. von Helen Metzelaar, Zutphen 1991, S. 21-51.

Helen Metzelaar, „ Gertrude van den Bergh , in: Women Composer: Music through the Ages, Bd. 3: Composers born 1700 to 1799, keyboard music, hrsg. von Sylvia Glickman u. Martha Furman Schleifer, New York 1998, S. 329–339.

Helen H. Metzelaar, From Private to Public Spheres. Exploring Women’s Role in Dutch Musical Life from c. 1700 to c. 1880 and Three Case Studies, Utrecht 1999.

Claudia Schweitzer, „… ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig“. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6), Oldenburg 2008.

 

Claudia Schweitzer

 

© 2009 Freia Hoffmann