Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Radecki, Radeçki, Radecky, Radetzki, Radecka, Olga (Mathilde Agnes) von

* 23. Aug. 1858 (julianischer Kalender: 11. Aug. 1858) in Riga, † 2. Febr. 1933 ebd., Pianistin, Klavierlehrerin, Komponistin und Chorleiterin. Olga von Radecki war das elfte von zwölf Kindern des Kaufmanns Ottokar Heinrich von Radecki (18211894) und seiner Ehefrau Mathilde Wilhelmine Henriette geb. Haarmann (?1903). Ihr Cousin zweiten Grades war der bekannte Schriftsteller Sigismund von Radecki (1891–1970).

Den musikalischen Anfangsunterricht erhielt Olga von Radecki in Riga. Julius Ruthardt (18411909) erteilte ihr Unterricht in Harmonie- und Formenlehre. Auf Anregung dieses Lehrers reiste die junge Pianistin Ende der 1870er Jahre nach Stuttgart, wo sie am Königlichen Konservatorium für Musik bei Dionys Pruckner (18341896) und Sigmund Lebert (18211884) Klavier sowie bei Ludwig Stark (18311884) Musiktheorie studierte. Im Herbst 1880 verließ Olga von Radecki Stuttgart und setzte ihr Studium am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. fort. Klavierunterricht erhielt sie dort von Clara Schumann. Außerdem studierte sie Komposition bei Joachim Raff (1822http://www.sophie-drinker-institut.de/cms/index.php/rothschild-florence1882) und war neben Victoire Lyon, Agathe Schulz, Mary Wurm, Anna Mozer und Annie Wirsing Studentin der ersten Kompositionsklasse für Frauen in der Einrichtung. Nach drei Semestern beendete Olga von Radecki ihr Studium in Frankfurt und reiste anschließend in die USA. Die folgenden Jahre verbrachte die Pianistin, abgesehen von einigen Sommeraufenthalten in der Heimat, in Boston. Am 4. Nov. 1882 erfolgte ihr Debüt in der Stadt. In einem Konzert des Boston Symphony Orchestra spielte sie unter der Leitung von George Henschel Mendelssohns Capriccio brillant h-Moll op. 22 für Klavier und Orchester sowie eine Polonaise von Chopin. Mit ihrem Vortrag, so der „Musical Record and Review“, zeigte sie sich dem Publikum als „a painstaking and talented pianist, who plays with more delicacy than power“ (Muscial Record and Review 1882, S. 104). In derselben Saison trat Olga von Radecki noch zwei weitere Male in der Konzertreihe des Boston Symphony Orchestra auf und ließ sich hier auch später mehrfach hören (1883, 1886, 1907).

Am 26. Jan. 1883 veranstaltete die Pianistin ihr erstes eigenes Konzert in Boston. Mitwirkende KünstlerInnen waren der Violinist Bernhard Friedrich Wilhelm Listemann, der Violoncellist Ernst Schmidt und die ehemalige Kommilitonin Mary Eliza O’Brion, die zur gleichen Zeit wie Olga von Radecki die Klavierklasse Clara Schumanns in Frankfurt besucht hatte. Für das Programm wählte sie ein Konzert von Händel für zwei Klaviere, Mozarts Fantasie c-Moll KV 475 für Klavier und Violine, Chopins Walzer cis-Moll op. 64 Nr. 2, Nr. 11 aus Robert Schumanns Papillons op. 2, Carl Reineckes Impromptu über ein Motiv aus Robert Schumanns Manfred A-Dur für zwei Klaviere op. 66, Beethovens Klaviersonate Nr. 9 E-Dur op. 14 Nr. 1 sowie ein selbst komponiertes Klaviertrio. Der „Boston Daily Advertiser“ schreibt: „Miss von Radecki’s playing last evening confirmed, under circumstances more favorable for close criticism, the impression she produced when she appeared at the symphony concert. It showed excellent natural aptitude, real musicianly intelligence and the best of training, but little or no positive artistic individuality. It was the playing of a promising pupil just freed from the control […] of her instructors and about to enter on an artistic career, the success of which always depends almost wholly on the artist’s individual talent, ambition and industry“ (Boston Daily Advertiser 27. Jan. 1883). Weitaus mehr Anerkennung erfuhr die Musikerin für ihre Komposition: „What so rare as a woman composer! And when a young lady scarcely escaped from her pupilage is able to do such a creditable piece of original work as this, what may we not hope for the sex in this field“ (ebd.).

Nach diesem ersten gemeinsamen Auftritt der ehemaligen Kommilitoninnen musizierten Olga von Radecki und Mary Eliza O’Brion in den nächsten Jahren häufig zusammen. Am 13. Okt. 1883 traten sie in einem Konzert des Boston Symphony Orchestra auf, wirkten am 16. und 17. Mai 1884 bei einem Musikfest in Ashburnham mit und veranstalteten auch in der folgenden Zeit gemeinsame Konzerte in Boston. Am 10. März 1885 spielten sie in der Bostoner Chickering Hall. Die Resonanz der Presse war äußerst positiv. Der Korrespondent des „Boston Daily Advertiser“ korrigiert seine oben zitierte erste Einschätzung Olga von Radeckis: „It was gratifying to observe much improvement in the playing of the young ladies since their last concerts. Miss von Radecki shows, perhaps the greater gain in elasticity and expressiveness“ (Boston Daily Advertiser 11. März 1885).

1886 reiste die Pianistin nach Europa und konzertierte mehrfach in Riga, u. a. im Schwarzhäupter. In demselben Jahr erhielt sie das „Felix Mendelssohn-Bartholdy-Staats-Stipendium […] für ausübende Tonkünstler“ (Der Klavier-Lehrer 1886, S. 235). Zur Wintersaison kehrte Olga von Radecki nach Boston zurück und gab am 7. Dez. zusammen mit der Sängerin Gertrude Franklin ein Konzert in der Bumstead Hall.

1889 zog sie wieder nach Riga und wirkte hier in den nächsten Jahren sowohl als Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin als auch als Chorleiterin und Dirigentin. Ende des Jahres 1903 brachte sie Haydns Oratorium Die Jahreszeiten Hob. XXI:3 zur Aufführung. Die Zeitschrift „Die Musik“ schreibt: „Olga von Radecki war mutig an eine Aufführung von Haydns ‚Jahreszeiten‘ herangetreten, in der die gleichfalls im Bachvereinskonzert bethätigten Solisten: A. v. Fossard (Tenor), Stahlberg (Bass) und Frau Baldur (Sopran), sowie der Chor Rühmliches boten, das Orchester aber nicht auf der erforderlichen Höhe stand“ (Die Musik 1903/04 II, S. 234). Bis 1898 finden sich Hinweise auf Auftritte als Pianistin in der lettischen Hauptstadt. Olga von Radecki veranstaltete einige Klavierabende, in denen sie auch eigene Werke zu Gehör brachte. 1897 trat sie mehrfach mit dem erst 15-jährigen, später hochberühmten Violinisten Bronislaw Huberman im Gewerbevereinssaal auf.

Ende des Jahres 1906 reiste Olga von Radecki erneut nach Boston. Am 23. Jan. 1907 gab sie einen Klavierabend in der Steinert Hall. Die gewählten Kompositionen bezeichnet der „Boston Daily Globe“ als „less familiar than those usually found on a program of this character“ (Boston Daily Globe 24. Jan. 1907). Neben Beethovens Klaviersonate Nr. 26 Es-Dur op. 81a, Nummern aus Schumanns Kreisleriana op. 16 und Werken von Brahms wählte sie auch Kompositionen von Sibelius sowie Werke zeitgenössischer russischer Komponisten wie Cui, Arensky und Rachmaninow. Der „Boston Daily Globe“ schreibt über die Vorträge: „Mme Radecki displayed a facile technique which averaged high in tonal quality and crispness in execution“ (ebd.). Im Apr. trat die Musikerin erneut in einem Konzert des Boston Symphony Orchestra auf. Ein Hinweis auf ein weiteres Konzert in Cambridge, einem Vorort Bostons, am 2. Mai 1907 ist derzeit der letzte Beleg für die Konzerttätigkeit Olga von Radeckis.

 

WERKE FÜR KLAVIER

In Springtime/Im Frühling. Sechs Klavierstücke, Boston 1882 (Mary Eliza O’Brion gewidmet); 3 Impromptus, Boston 1886; Variationen über ein eigenes Thema, Riga; Wanderlust, Riga; Frisches Grün, Riga; Tarantella; Sonate e-Moll; Klaviertrio

 

LITERATUR

Stammreihe v. Radecki, im Familienordner der Deutsch-Baltischen Genealogischen Gesellschaft, Darmstadt (DBGG)

Annual Report of the Trustees of the Perkins Institution and Massachusetts School for the Blind 1885, S. 92

Boston Blue-Book 1885, S. 71

Boston Daily Advertiser 1883, 22., 26., 27. Jan.; 1885, 7. Jan., 11. März; 1886, 7., 8. Dez.; 1887, 16. März; 1907, 24. Jan.

Boston Herald 1885, 1., 8., 22. März; 1885, 1., 8., 22. März; 1906, 25., 30. Sept.; 14., 15., 18., 21. Okt., 12., 30. Dez.; 1907, 20., 21., 23., 24. Jan.; 31. März, 7., 11., 14., 16., 19., 28. Apr.

Boston Journal 1906, 24., 29. Sept; 1907, 18., 19. Apr.

Brainards’ Musical World 1885, S. 431

Centralblatt für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen 1886, S. 788f.

The Congregationalist 5. Apr. 1883

Dallas Morning News 22. Okt. 1887

The Etude 1885, S. 30

Jahresbericht des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main [JB] 1880/1881, S. 6, 16, 20; 1881/1882, S. 6

Der Klavier-Lehrer 1886, S. 235

Le Ménestrel 1886, S. 401

Metropolitan Church and Choir Directory of New York and Brooklyn 1888, S. 152

Musical Record and Review 1882, S. 104

The Musical Year-Book of the United States 1884, S. 10, 13, 19, 30, 37

Die Musik 1903/04 II, S. 234

The New York Clipper Annual 1883, S. 9

Orchestra Musical Review 1886, S. 3

Rigasche Stadtblätter 1858, S. 297; 1894, S. 109; 1898, S. 64, 70, 72, 104

Rigaer Rundschau 3. Febr. 1933

Worcester Daily Spy 1884, 22. Mai; 1888, 26. Jan.

Rudolf Riga, Ebel, Cohen

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Festschrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (1878–1903), Frankfurt a. M. 1903.

Mark Antony De Wolfe Howe, The Boston Symphony Orchestra. 18811931, Boston u. New York 1931.

Albert Ernest Wier (Hrsg.), The Macmillan Encyclopedia of Music and Musicians, New York 1938.

Arthur Elson, Woman’s Work in Music, Boston 1904, Repr. Portland 1976.

Peter Cahn, Das Hoch’sche Konservatorium in Frankfurt am Main (18781978), Frankfurt a. M. 1979.

Bernhard Fabian (Hrsg.), Handbuch deutscher historischer Buchbestände in Europa. Eine Übersicht über Sammlungen in ausgewählten Bibliotheken, 12 Bde., Bd. 7.2: Finnland, Hildesheim [u. a.] 1998.

Ilona Breģe, Cittautu mūziķi Latvijā. 1401−1939, Riga 2001.

Helmut Scheunchen, Lexikon deutschbaltischer Musik (= Schriftenreihe der Georg Dehio Gesellschaft), Wedemark-Elze 2002.

Janina Klassen, Clara Schumann. Musik und Öffentlichkeit (= Europäische Komponistinnen 3), Köln 2009.

Konzerte des Boston Symphony Orchestra, http://www.bso.org/brands/bso/about-us/historyarchives/georg-henschel,-the-first-bso-conductor/the-second-season-tour-concerts-1882-1883.aspx, Zugriff am 11. Juni 2012.

 

Annkatrin Babbe

 

© 2015 Freia Hoffmann