Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Biehler, Ludmilla

* 1. Sept. 1833 in Wien, Sterbedaten unbekannt, Pianistin und Komponistin. Sie war die erstgeborene Tochter des vermögenden Seidenfabrikanten Tobias Biehler (18101890) und seiner Frau Elisabeth geb. Jacobi (18151846). Die früh verstorbene Mutter ließ neben der 13-jährigen Ludmilla noch vier jüngere Kinder zurück. Der Vater blieb danach unverheiratet. Er engagierte sich im Gemeinderat der Stadt Wien, setzte sich gegen soziale Missstände im Schul- und Bildungswesen und für die Gründung von Volksbibliotheken ein. Daneben war er Kunst- und Musikliebhaber und veranstaltete in seinem Haus Konzerte, in denen er seine Tochter Ludmilla als Pianistin präsentierte. Ihre ersten musikalischen Schritte unternahm Ludmilla Biehler vermutlich „unter der Obhut ihres Vaters und unter der Leitung der ersten Meister der Wiener Schule“ (Illustrirte Zeitung 1852, S. 92). Später erhielt sie Klavier- und möglicherweise auch Kompositionsunterricht von Richard Löffler, einem Wiener Pianisten, Komponisten und Klavierlehrer. 1850 oder 1851 unternahm sie gemeinsam mit ihrem Vater eine Konzertreise, die sie durch Frankreich, Belgien, England, Holland und Deutschland führte. Zurück in Wien, gab sie am 16. Nov. 1851 im Musikverein ein Konzert, bei dem sie auch eigene Werke vortrug, die von der Musikpresse positiv besprochen wurden. Danach gab sie einige Konzerte in Karlsbad, wohin sie (ursprünglich zum Zweck der Erholung) gereist war. Der Quellenlage zufolge brach ihre Konzerttätigkeit Mitte der 1850er Jahre ab. „In letzterer Zeit hat sie sich nicht mehr öffentlich hören lassen und sich vorzugsweise der Composition zugewendet“ heißt es bei Wurzbach zur Begründung.

Wahrscheinlich ist, dass der frühe Abbruch ihrer pianistischen Laufbahn auch mit der beginnenden politischen Karriere ihres Vaters zusammenhing. Während er sie früher auf Reisen begleitet und sich für ihr Fortkommen eingesetzt hatte, bezog er sie fortan in eigene Aufgaben mit ein. Eva Marx deutet das Vater-Tochter-Verhältnis dahingehend, dass Ludmilla Biehler ihrem Vater „die Rolle der fehlenden Gefährtin an seiner Seite“ ersetzte (Marx/Haas, S. 77) und ihre eigene Lebensführung jeweils seinen Interessen anpasste. Als ihr Vater 1868 das Rentenalter erreichte, wandte er sich erneut der Musik zu. Anfang der 1870er Jahre verlegte er den gemeinsamen Wohnsitz nach Weikersdorf (nächst Baden bei Wien) und veranstaltete Hauskonzerte, die vom Wiener Konzertpublikum stark beachtet wurden. Ludmilla Biehler glänzte hier erneut als Pianistin und tat sich, wie schon in früheren Zeiten, besonders als Beethoven-Interpretin hervor. Sie blieb an der Seite ihres Vaters bis zu seinem tragischen Tod durch Suizid im Jahre 1890. Für die Zeit nach seinem Tod fehlen von ihr weitere Lebenszeichen. Die gemeinsame Villa in Weikersdorf ging bereits 1891 an eine andere Eigentümerin über. Auf dem Grabstein des Wiener Familiengrabes fehlt ihr Name, während ein Bruder und dessen Nachkommen dort verzeichnet sind.

In der Presse finden sich enthusiastische Kommentare zu Ludmilla Biehlers Spiel, sogar mit Clara Schumann wurde sie verglichen (s. Illustrirte Zeitung 1852, S. 92).

 

WERKE FÜR KLAVIER

Nocturne op. 6; Souvenir à Bucarest op. 7; Jeux de Bergers (Idylle) op. 10 (1856); L’Allegresse (Impromptu) op. 15 (1856); Sérénade mauresque, de Kücken, transcr. op. 19 (1865); La dernière Rose, de Flotow, varié, op. 20 (1865)

Werke ohne Opuszahl: La Tendresse (1857); Impromptu (1857), Caprice de Concert sur le Profet; Peine d’amour; Souvenir à Hombourg, Grande Fantaisie sur les motifs de Hunyady László, d ‘Ernani

 

LITERATUR

Bock 1855, S. 277

Illustrirte Zeitung vom 7. Aug. 1852, S. 92

Wiener Zeitung 18. Nov. 1851, S. 1059

Wurzbach, Cohen, Marx/Haas, OeML

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

 

Bildnachweis

Marx/Haas, S. 75

 

Hanna Bergmann

 

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