Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Vattelette, Leonie, Léonie de, geb. Peters, verh. Bianki, Vattelette-Bianki

Lebensdaten unbekannt, Harfenistin. Wenn die Angabe der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ zutrifft, wurde sie von Félix Godefroid (1818−1897) ausgebildet (Signale 1876, S. 1017; ebenso im Guide musical 25. Jan. 1877). Ein erster öffentlicher Auftritt, mit der Angabe „Leonie Peters aus Paris“, ist am 19. Okt. 1850 in München belegt; die Presse berichtet von weiteren Konzerten in Bonn (21. Mai 1851), Kleve (8. Aug. 1852), Bremen, Hannover und Lüneburg (Wintersaison 1853/54), Hannover, Leipzig (16. u. 30. Jan. 1855), Berlin (März 1855), Frankfurt a. O. (1855) und Dessau (Wintersaison 1855/56).

Anschließend an diese Auftritte, bei denen sie sich seit 1855 „Leonie Peters de Vattelette“ nannte, erfolgte offenbar eine mehrjährige Konzert-Pause. In dieser Zeit lässt lediglich eine Bemerkung im „Univers musical“ darauf schließen, dass sich „Léonie de Vattelette“ Anfang 1863 in Paris öffentlich hören ließ (L’Univers musical 1863, S. 61). Zwischen 1867 und 1869 unternahm die Musikerin dann eine ausgedehnte Reise über Aachen (30. Juli, 13. u. 17. Aug. 1867), Wiesbaden (Sommer 1867), München (8. Okt. 1868) nach Wien (Jan. bis Okt. 1869). 1871 berichtet die „Musical Times“ über ein Konzert in Reigate/Süd-England, 1877 folgten Auftritte in Brüssel, Tournai, Halle/Belgien und Bremen, 1878 in Hamburg und Baden-Baden.

Ihr Bremer Gastspiel hatte nach einer Meldung der „Neuen Zeitschrift für Musik“ im „8. Concert des Impresarios Bianki“ stattgefunden (NZfM 1877 II, S. 467). Im Juni des folgenden Jahres sind in Baden-Baden ebenfalls von ihm veranstaltete Konzerte nachgewiesen, in denen eine Harfenistin namens „Frau Bianki“ mitwirkte (NZfM 1878, S. 275). In den ersten Monaten dieses Jahres dürfte also eine Eheschließung erfolgt sein. 1878 hielt sich die Musikerin mehrere Monate in Stuttgart auf und konzertierte unter dem Namen „Leonie Bianki“ am 8. Jan. und am 14. Mai 1879. In Berlin ließ sie sich 1880 unter den Namen „Vattelette-Bianki“ und „Leonie de Vattelette Bianki“ hören.

1895 kündigt „La Revue diplomatique“ ein Konzert von Mme Bianki“ in der Pariser Salle Pleyel an, danach verliert sich die Spur der Künstlerin.

Von Beginn ihrer Karriere an werden der Harfenistin „bedeutende Fertigkeit und guter Vortrag“ bescheinigt (Rheinische Musik-Zeitung 1851, S. 375). Über das Hannoveraner Konzert Anfang 1854 heißt es: „Frl. Peters ist auf ihrem Instrumente eine vollkommene Virtuosin, ihr ist das Schwierigste nicht zu schwierig, sie nüancirt vortrefflich, und lockt hinsichtlich der Cantilene Alles aus dem Instrumente, was es nur hergeben will“ (Rheinische Musik-Zeitung 1854, S. 158). Wie mühsam sich die Karriere für eine Harfenistin dennoch gestaltete und wie unsicher der Erfolg in kleineren Orten war, verdeutlicht eine Notiz aus Kleve, wo sie u. a. vom Männergesangverein unterstützt worden war: „Trotz der Ausstattung des Programms war der Saal leer, obschon die Künstlerin auf die bereitwilligste Art in Privatzirkeln Proben ihres Talents abgelegt hatte“ (Rheinische Musik-Zeitung 1852, S. 903). Besondere Anerkennung zollte ihr die „Neue Zeitschrift für Musik“, als sie bei ihrem Leipziger Konzert am 16. Januar „genöthigt [war] auf einem fremden Instrument zu spielen, da ihr eigenes kurz vor dem Concert beschädigt worden. Sie zeigte, trotz des zum Solovortrag nicht besonders günstigen Instrumentes, eine sehr tüchtige Technik, verbunden mit Geschmack und Eleganz im Vortrag“ (NZfM 1855 I, S. 48). Als sie zwei Wochen später auf ihrem eigenen Instrument musizieren konnte, fiel das Urteil weniger positiv aus: „Sie besitzt bedeutende Fertigkeit, doch fehlt es hier und da an höchster Sauberkeit und Accuratesse. Eine gewisse Hast beeinträchtigt die Wirkung ihres sonst guten Spiels. Auch die höhere Eleganz glaubten wir hin und wieder noch zu vermissen“ (NZfM 1855 I, S. 73). Bei diesem zweiten Konzert versah Vattelette auch die Harfenpartie in Mendelssohns Schauspielmusik zu Oedipus in Kolonos op. 93.

Gegen Ende von Vattelettes Laufbahn stellt die „Neue Berliner Musikzeitung“ fest: „Das Spiel der Concertgeberin zeichnete sich schon vor 25 Jahren als sie in Berlin und Umgegend concertirte, durch glänzende Fertigkeit und geschmackvollen Vortrag aus, Eigenschaften, die sich die Dame (kleinste Unsicherheiten abgerechnet) auch bis jetzt erhalten hat“ (Bock 1880, S. 92). Einwände gegen das Instrument und seine Literatur, die Vattelettes Konzertberichte regelmäßig begleiten, werden aber auch hier wieder vorgebracht: „Leider bietet das Instrument, so effectvoll seine Verwendung im Orchester ist, in seiner Behandlung als Soloinstrument zu wenig Abwechslung, woran zum Theil auch die meistentheils höchst einseitigen und dürftigen Compositionen die Schuld tragen mögen“ (ebd.). Zum Repertoire der Harfenistin gehörten ein nicht näher bezeichnetes Harfenkonzert von Charles Bochsa, die Fantaisie charactéristique sur un motif de l’opéra de Oberon de C. M. von Weber op. 59 und La Danse des fées op. 76 von Elias Parish Alvars, Mélancolie, Rêve und Danse des Sylphes von Félix Godefroid, Grand duo für Harfe und Klavier sowie Welsh Melody von John Thomas.

Der den Konzertberichten gewöhnlich hinzugesetzte Hinweis, Leonie de Vattelette sei Professorin für Harfe am Konservatorium in Paris, lässt sich in den von Constant Pierre vorgelegten Akten nicht bestätigen; selbst als Absolventin der Hochschule wird sie nicht geführt. Auch dass sie berechtigt war, den Titel „harpiste de la Cour impériale d’Autriche“ zu führen (La Revue diplomatique 3. Febr. 1895, S. 10), ist unwahrscheinlich. Der Zeitschrift „Signale“ zufolge hatte sie in ihrem Wiener Konzert 1869 „wenig Erfolg“ (Signale 1869, S. 200).

 

LITERATUR

AmZ 1879, Sp. 45, 107f., 462

Bock 1855, S. 29, 147, 187; 1867, S. 303; 1869, S. 38, 361; 1880, S. 79, 92

FM 1855, S. 167

Le guide musical. Revue hebdomaire des nouvelles de la Belgique et de l’étranger 1877, 25. Jan., 8. u. 15. Febr.

MusT 1871, S. 181

MusW 1855, S. 165

NZfM 1851 I, S. 259; 1854 II, S. 73; 1855 I, S. 48, 73, 139; 1856 I, S. 94; 1867, S. 298, 323; 1877, S. 467

La Revue diplomatique 3. Febr. 1895, S. 10

Rheinische Musik-Zeitung 1851, S. 375; 1852, S. 903; 1854, S. 158; 1855, S. 53

Signale 1850, S. 371; 1854, S. 187; 1867, S. 914; 1868, S. 876; 1869, S. 172, 200; 1876, S. 1017; 1878, S. 277; 1879, S. 195; 1880, S. 361

L’Univers musical 1863, S. 61

Constant Pierre, Le Conservatoire national de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

 

Freia Hoffmann

 

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