Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Stepanoff, Varette, Barette, Vera (Olga), ter Stepanoff, Ter-Stepanoff, verh. Hirschfeld, Stepanoff-Hirschfeld, geb. Varet

* 9. Nov. 1855 in St. Petersburg, † vermutlich 5. Juli 1927 in New York, Pianistin und Klavierlehrerin. Angèle Potockas Leschetizky-Biographie zufolge heiratete sie 16-jährig einen rumänischen Offizier, der kurze Zeit später starb, und begann nach 1875 ihre Konzerttätigkeit mit ausgedehnten Reisen durch Europa. 1888 heiratete sie in Wien Dr. Robert Hirschfeld.

Varette Stepanoff studierte bis 1875 am St. Petersburger Konservatorium, möglicherweise bei Theodor Leschetizky (1830–1915), als dessen Schülerin sie gilt, und am Wiener Konservatorium bei Joseph Dachs (1825–1896). Nach 1877 wirkte sie – parallel zu ihrer Konzerttätigkeit – bis 1897 als Assistentin von Leschetizky in Wien und ab 1898 als Klavierlehrerin in Berlin.

1880 spielte sie in Wien, Pest (mit der Violinistin Wilma Norman-Neruda), Dresden, Bremen, Wiesbaden, Leipzig, Kassel, Stuttgart, Basel und Straßburg. Ihr Repertoire umfasste das Klavierkonzert c-Moll op. 37 von Beethoven, einen Chant polonais in Transkription für Klavier solo und die Berceuse op. 57 von Chopin, die Valse chromatique von Leschetizky, das Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 22 von Saint-Saëns und eine Gigue von Joh. Seb. Bach. In Stuttgart spielte Varette Stepanoff an der Seite der Pianistin Anna Essipoff, die ebenfalls Leschetizky-Schülerin war. Der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ zufolge war „erstere auf dem Wege eine Berühmtheit zu werden, letztere die persona gratissima unter den heutigen Clavierspielerinnen“ (Signale 1880, S. 1113). Im selben Jahr wurden in derselben Zeitschrift die Leistungen der jungen Pianistin gewürdigt: „Die neueste bemerkenswerthe Erscheinung am pianistischen Horizont, hat […] überall außerordentliche Erfolge zu verzeichnen gehabt. […] Berichte sind des Lobes voll über die eminente, vollendete Technik und den vollen, allen Schattirungskünsten Rechnung tragenden Anschlag der Dame, ihre espritvolle Auffassung, sowie die ungemeine Bravour und männliche Energie ihres Spiels“ (Signale 1880, S. 1140).

Auch die folgenden Jahre waren geprägt von häufigen Konzertengagements. So spielte sie in den Jahren 1881 und 1882 in Wien (mit den Wiener Philharmonikern), Graz, Straßburg, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Braunschweig, Baden-Baden und Pest. Ab 1882 übernahm die Wiener Konzertagentur Ignaz Kugel ihre Vertretung. Die Presse hob überwiegend ihre feinsinnigen, poetischen Qualitäten und die technische Makellosigkeit ihres Spiels hervor. Die „Neue Zeitschrift für Musik“ lobte anlässlich ihres Auftritts in Baden-Baden ihre „tadellos korrekte, elegante und unfehlbare Technik; der Anschlag ist energisch, der Ton voll und gesangreich. Als einen speziellen Vorzug […] erkennen wir aber ihren rhythmisch scharf ausgeprägten und geistig freien Vortrag. Frau v. Stepanoff ist in der That eine musikalische Individualität, eine bei Pianistinnen seltene und daher um so anziehendere Erscheinung“ (NZfM 1881, S. 389).

Auch Varette Stepanoff entging nicht den zeitüblichen geschlechtsspezifischen Wahrnehmungsmustern: „Sie fesselt besonders durch das echt Weibliche, die Grazie und Anmuth. Der sogenannte ‚große Ton‘ fehlt ihr; unter den Händen ächzt und dröhnt das Instrument nicht, wie so oft bei den Collegen und amazonenhaften Colleginnen. Sie neigt mehr zum Lyrischen als zum Heroischen, ohne indeß süßlich oder sentimental zu werden. […] Der Ton ist rund und seelenvoll. […] Niemals drängte sich das Clavier in ungebührlicher Weise in den Vordergrund, es ordnete sich stets dem musikalischen Gedanken des Ganzen unter, diese Bescheidenheit war entzückend“ (Braunschweiger Anzeiger, zit. nach Signale 1882, S. 1064).

1883 konzertierte sie zum ersten Mal in der von Hans Richter dirigierten Orchesterkonzertreihe in der St. James’s Hall in London. Sie spielte das Klavierkonzert Nr. 2 g-Moll op. 22 von Saint-Saëns und überzeugte den Rezensenten der „Musical World“: „A young and highly distinguished Russian pianist, Mdme Stepanoff [...] would have astonished the French composer himself, who by no possibility could have played it so thoroughly well. Mdme Stepanoff, in her peculiar and individual style, equals, and in some respects excels, the great majority of our foreign guests, with whom what is nicknamed ,virtuosity‘ goes before anything else. A great ,virtuoso‘ (or, if you please, ,virtuosa‘) Mdme Stepanoff undoubtedly is; but she claims to be also something more – a veritable artist of the first stamp; and the justice of her claim cannot justly be denied“ (MusW 1883, S. 384).

Der französische Komponist Benjamin Godard (18491895) lud sie im März 1885 nach Paris ein, wo sie Werke von Beethoven, Lalo, Leschetizky, Schütt und Liszt spielte. Auch in Paris „eroberte [sie] bei ihrem ersten Auftreten die Gunst des Publicums in vollstem Maße. Man war bezaubert von der eigenartigen, geistreichen Vortragsweise und nicht wenig erstaunt über die Energie, die Sicherheit und die ausdauernde Kraft, womit die Künstlerin das Instrument beherrschte“ (Signale 1885, S. 393). 1885 spielte sie auch in Basel, Zürich und Neuchâtel.

Für die Jahre nach 1885 finden sich weniger Konzertankündigungen und Rezensionen. Einem Auftritt 1887 im Wiener Musikverein attestiert der Rezensent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ eine notengetreue, aber langweilige Wiedergabe des Konzertstücks f-Moll op. 79 von Carl Maria von Weber: „Fr. Varette v. Stepanoff [...] löste ihre Aufgabe wohl nach der Außenseite hin treu, nach geistiger Richtung aber ganz schwunglos“ (NZfM 1887, S. 98). Obwohl sie in diesem Text als „seinerzeitige Sprossin Liszt’scher Schule“ (ebd.) bezeichnet wird, lassen sich Unterrichtsstunden bei Liszt nicht belegen. In der Zeitschrift „Signale“ findet sich im Rückblick auf das Musikjahr 1887 der Hinweis auf eine Konzerttournee in Spanien und Portugal (Signale 1888, S. 130f.). 1889 nahm Stepanoff – wie u. a. auch Annette Essipoff, Theodor Leschetizky und Johann Strauß an der Feier zum 50. Bühnenjubiläum Anton Rubinsteins im Hause Leschetizkys teil. 1889 spielte sie mehrere Konzerte in Berlin und London. Ihr Repertoire umfasste Werke von Chopin, Rubinstein, Leschetizky und Liszt. Im Juni 1889 war sie Gast in einem Londoner Konzert mit Orchesterwerken und Vokaldarbietungen aus Wagner-Opern. Stepanoff spielte den 1. Satz aus Beethovens „neu aufgefundenem, unvollendeten Ddur-Clavierconcert (für London selbstverständlich Novität)“ (Signale 1889, S. 628) es handelt sich wohl um das Klavierkonzert D-Dur op. 61a, einer vermutlich von Beethoven selbst angefertigten Transkription seines Violinkonzerts.

Einer Notiz in den „Signalen“ zufolge übersiedelte Stepanoff 1898 von Wien nach Berlin, „um dort als Lehrerin thätig zu sein“ (Signale 1898, S. 776). In den Berliner Adressbüchern wird sie bis 1906 unter dem Namen „Stepanoff“ geführt, von 1907 bis 1920 unter dem Namen „ter Stepanoff“ oder „Ter-Stepanoff“. 1921 erscheint sie wieder unter „Stepanoff“, für die Jahre bis zu ihrem Tod 1927 finden sich keine Einträge mehr. Wie es zu der Namensänderung kam, ist nicht zu ermitteln.

In einer Ausgabe des „Minneapolis Journal“ 1901 wird vom Auslandsaufenthalt der jungen amerikanischen Pianistin Jean E. Wakeman berichtet, die Unterricht bei Varette Stepanoff („one of the greatest living women pianists“, Minneapolis Journal 10. Aug. 1901) nahm. Besonders erwähnt der Bericht die zweiwöchentlichen Schülertreffen im Hause von Stepanoff, bei denen die SchülerInnen einander vorspielten und sich auf Wunsch gegenseitig kommentierten. Wakeman habe sich nicht nur aufgrund des Renommees von Stepanoff für Studien bei ihr entschieden, sondern auch, weil die Unterrichtstätigkeit nicht durch ausgedehnte Konzertreisen unterbrochen würde: Stepanoff hatte ihre große Reisezeit also wohl hinter sich.

 

LITERATUR

Allgemeine Deutsche Musikzeitung 26. März 1886

Athenæum 1879 II, S. 379; 1883 I, S. 772; 1889 II, S. 41

Bock 1880 S. 317, 398; 1882, S. 192, 342; 1883, S. 46, 207; 1888, S. 394; 1889 S. 67, 104, 113

Kunkel’s Musical Review 1881, S. 294

Minneapolis Journal 10. Aug. 1901

Musical Standard 1883 I, S. 314; 1889 I, S. 525; 1889 II, S. 2; 1898 II, S. 340

MusT 1881, S. 37; 1883, S. 380; 1889, S. 473

Monthly Musical Record 1875, S. 128; 1889, S. 116

MusW 1880, S. 8, 13, 158, 528, 650; 1881, S. 619; 1882, S. 694; 1883, S. 384, 436, 678, 695; 1889, S. 402, 409

NZfM 1880, S. 137, 139, 151, 387, 463; 1881, S. 100, 258, 272, 314, 389, 482, 527; 1882 S. 172, 244, 264, 320, 485, 520; 1883, S. 11, 68, 135, 421, 505; 1884, S. 324; 1885, S. 95, 145, 180, 192, 260; 1886, S. 550; 1887, S. 98, 141; 1889, S. 141, 318, 428; 1892, S. 574

Signale 1880, S. 130, 281, 329, 355, 364, 617, 1083, 1113, 1140; 1881, S. 38, 161, 1114; 1882, S. 194, 411, 469, 1033, 1064; 1883, S. 351, 358f., 362; 1884, S. 194, 372; 1885, S. 225, 310, 347, 378, 390, 393; 1886, S. 130f., 1114; 1888, S. 130f., 156, 622; 1889, S. 89, 220, 316, 406, 628, 1159; 1890, S. 355; 1898, S. 77

The Sun [New York] 6. Juli 1927

Berliner Adressbücher 1899–1921.

Ludwig Eisenberg, Das geistige Wien, Wien 1889. 

Angèle Potocka, Theodore Leschetizky. An Intimate Study of the Man and the Musician, New York 1903.

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin 1919.

 

Elisabeth Champollion

 

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