Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

StirlingSterling, Elizabeth, verh. Bridge

* 26. Febr. 1819 in Greenwich/London, † 25. März 1895 in East Lodge/London, Organistin, Pianistin, Komponistin, Orgel- und Klavierlehrerin. Sie war die erstgeborene Tochter des Bierbrauers Robert Stirling (um 1787–1844) und seiner Frau Elizabeth und hatte noch eine jüngere Schwester namens Margaret (1821–?). Elizabeth Stirling erhielt von 1831 bis 1832 Orgelunterricht von William B. Wilson, in der Zeit von 1833 bis 1839 von Edward Holmes (1797–1859). Letzterer führte sie in das Orgelwerk Joh. Seb. Bachs ein, für das sie eine besondere Vorliebe entwickelte. Harmonielehre und Musiktheorie lernte sie zunächst bei James Alexander Hamilton (?–1845). Ab 1846 erhielt sie privat weiterführenden Unterricht von George Mcfarren (1813–1887), der an der Royal Academy of Music in London lehrte. Ihr erstes Orgelkonzert gab sie mit durchschlagendem Erfolg im Aug. 1837 in der St. Catherine’s Church, Regent’s Park/London. Sie spielte u. a. fünf Pedalfugen und Präludien sowie drei weitere Werke von Joh. Seb. Bach. Das Konzert erregte aus verschiedenen Gründen großes Aufsehen.

Erstens bot das Bild einer Frau an der Orgel einen ungewöhnlichen Anblick, da das Orgelspiel als Männerdomäne galt. Die Zeitschrift „The Musical World“ kommentiert den gelungenen Auftritt der jungen Organistin: „This young lady […] was the unceasing object of general astonishment, and performed for nearly three hours in continuation the most difficult pedal fugues and preludes of Bach, with a degree of precision and mastery, which may almost be said to be unrivalled. We hope to see justice done to Miss Stirling. The prejudice against lady organists cannot remain, with such an example opposed to it“ (MusW, 1837, 25. Aug., S. 174). Auch die „Neue Zeitschrift für Musik“ berichtet über das erfolgreiche Auftreten Elizabeth Stirlings: „Sie spielte mit einer außerordentlichen Ausdauer und Fertigkeit drei Stunden hintereinander, darunter einige der schwersten Fugen mit Pedal von Sebastian Bach. Ein Mädchen an der Orgel, es ist nicht undichterisch“ (1837 II, S. 124).

Zweitens war es zu dieser Zeit in England nicht selbstverständlich, eine durchgängige und auskomponierte Pedalstimme zu spielen, wie es Elizabeth Stirling im Vortrag der Bach’schen Pedalfugen tat: „Organ pedals, if they existed, were used as assistance to manuals, for pedal points and other sustained notes and at cadences.The development of independent multi-rank pedal divisions did not occur in England until the second quarter of the nineteenth century“ (Barger, S. 77).

Drittens galt es als ein Wagnis, innerhalb eines einzigen Orgelkonzerts alleine acht Kompositionen von Joh. Seb. Bach zu spielen (bei 14 Kompositionen insgesamt). Bachs Orgelmusik, insbesondere die Fugen, galten beim englischen Publikum zu dieser Zeit als altmodische und schwer zugängliche Musik und kamen selten zur Aufführung. Elizabeth Stirling war (neben Mendelssohn) eine der ersten, die zur Verbreitung des Orgelwerks Bachs in England beitrugen. Während ihrer gesamten Laufbahn spielte sie in fast jedem Konzert mindestens eine seiner Pedalfugen.

1837 und 1838 gab sie Konzerte in der St. Sepulchre’s Kirche in London. Im Nov. 1839 wurde sie zur Organistin der All Saints Church gewählt und hatte diese Stellung bis zum Sept. 1858 (also fast 19 Jahre lang) inne. 1858 gewann sie einen Orgelwettbewerb in der St. Andrews’s Church (Undershaft/London) und erhielt als Preis die Organistenstelle in dieser Kirche, die sie von 1858 bis 1880, also für den Zeitraum von 22 Jahren, versah. In der St. Andrew’s Church lernte sie den Sänger und Chorleiter Frederick Albert Bridge (1841–1917) kennen, den sie am 16. Mai 1863 heiratete. Das Ehepaar wirkte fortan gemeinsam in über 40 Konzerten, wobei Elizabeth Stirling auch als Pianistin, insbesondere als Klavierbegleiterin auftrat. Nebenbei verfolgten Beide weiter ihre eigene Karriere. Elizabeth Stirling konzertierte (als Organistin wie als Pianistin) hauptsächlich in London. Sie spielte in den Appolonicon Rooms (1840, 1841), im Crystal Palace (zahlreiche Konzerte von 1857 bis 1875), während der International Exhibition (1862), in der Wycliffe Chapel (1869, 1870), im Bow and Bromley Institute (1871, 1872, 1873, 1876), in der Burdett Hall in Limehouse (1866, 1867, 1868, 1869, 1870, 1874), in der Poplar Town Hall (1866, 1872) sowie in zahlreichen weiteren Spielstätten der britischen Hauptstadt. Außerhalb von London spielte sie u. a. in Birmingham, Manchester, Burlem/Staffordshire, Chester, Sheffield, Plymouth und Glasgow.

Neben ihrer Vorliebe für Joh. Seb. Bach war ihr Repertoire breit gefächert. Virtuosenstücke der französischen Schule spielte sie selten, da sie diese als oberflächlich empfand („She introduced a great variety into her programs, but used what she called the ‚flippant showy pieces of the Modern French school very sparingly“, The Musical Herald, 1. Mai 1895, S. 149). Sie spielte u. a. Kompositionen von Georg Friedrich Händel, Johann Schneider, Joseph Haydn, Wolfgang Amadeus Mozart, Ludwig van Beethoven, Daniel-François-Esprit Auber, Franz Schubert, August Freyer, Michael Costa, Adolf Hesse, Felix Mendelssohn, Egerton Webbe, Samuel Sebastian Wesley und Louis Lefébure-Wély sowie eigene Kompositionen.

Auch als Komponistin war sie erfolgreich. 1850 erhielt sie für ihr Lied All among the barley einen Kompositionspreis von Novello & Co. Im Jahre 1856 reichte sie eine Komposition (Psalm 130 für fünf Stimmen und Orchester) bei der Universität Oxford ein, um den akademischen Grad eines Bachelor of Music zu bekommen. Sie hatte diese Komposition unter dem Namen „E. Stirling“ eingereicht und eine positive Antwort auf ihre Anfrage erhalten. Als man sie jedoch aufforderte, ihren vollen Namen anzugeben und herausfand, dass es sich um eine Frau handelte, wurde ihr der Titel verwehrt. Neben Kompositionen für ihre eigenen Instrumente und Liedern schrieb sie u. a. eine Oper mit dem Titel Bleakmoor for Copseleigh.

Elizabeth Bridge wirkte als Musiklehrerin, gab Orgel- und Klavierunterricht. Sie blieb bis ins hohe Alter musikalisch aktiv, gab noch 1894, also ein Jahr vor ihrem Tod, ein privates Orgelkonzert für Freunde in Stepney/London. Im Alter von 76 Jahren starb sie an einem Bronchialkatarrh.

 

WERKE FÜR ORGEL

Grand Organ Voluntaries (Nr. 1: Introduction and Fugue by Mozart, Nr. 2: Fantasia by Mozart, 1851)

Six pedal fugues (of Which Five are upon English Psalm Tunes, 1857)

Eight Slow Movements for The Organ (1857)

Orgelarrangements: Comfort ye my people und Ev’ry valley shall be exalted (1866, aus Händels Der Messias, HWV 56); Wir setzen uns mit Tränen nieder (1866, aus der Matthäuspassion von Joh. Seb. Bach, BWV 244)

All Among the Barley (als Walzer für Orgel arrangiert)

 

WERKE FÜR KLAVIER

Fantasia

God save the queen (4-händig)

All Among the Barley, arr. für Klavier als Galopp und Walzer (1860)

 

LITERATUR

Athenæum 1857 II, S. 1093f.

The Bookman, März 1919, S. 206f.

Musical Gazette 12. Sept. 1857, S. 443

Musical Herald 1895, S. 149f.; 1899, S. 117 

Musical Journal Sept. 1907, S. 133

Musical News 1895 I, S. 341, 337

Musical Standard 1880 II, S. 304

MusT 1868, Apr., S. 346; 1873, Nov., S. 280; 1889, Dez., S. 743; 1898, Jan., S. 13; 1898, Sept., S. 595; 1899, Sept., S. 600-603); 1909, März, S. 163–166; 1910, Juni, S. 359–361

MusW 1837, 25. Aug., S. 174; 1857, S. 663; 1865, S. 388; 1873, S. 701; 1876, S. 774

Notes and Queries 1897, 3. Juli, S. 11

NZfM 1837 II, S. 124; 1838 II, S. 94

The Times [London] 15. Apr. 1895, S. 4

Grove 1, Baptie, Champlin, Boase, Brown Brit, Ebel, de Bekker

Judith Barger, Elizabeth Stirling and the musical life of female organists in nineteenth-century England, Aldershot 2007.

 

Bildnachweis

Musical Herald 1895, S. 149

 

Hanna Bergmann

 

© 2009 Freia Hoffmann