Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Fricken, (Christiane) Ernestine (Franziska) von, verh. Gräfin von Zedtwitz

* 7. Sept. 1816 in Neuberg (Böhmen) bei Asch, † 13. Nov. 1844 in Asch, Pianistin. Sie war die uneheliche Tochter der Gräfin Caroline Ernestine Louise von Zedtwitz und eines Handwerkers namens Lindauer. Die Schwester ihrer Mutter, Charlotte Christiane Friederike von Zedtwitz, und deren Ehemann, der Gutsbesitzer und k. k. Hauptmann Ferdinand Ignaz Freiherr von Fricken (1787–1850) waren selbst kinderlos und nahmen Ernestine zu sich. Eine offizielle Adoption fand erst am 18. Dez. 1834 statt, als der Freiherr von Fricken anlässlich der Verlobung Ernestines die Familienverhältnisse ordnen wollte. Ignaz Freiherr von Fricken war selbst als „Flötenvirtuos, Componist und Liederdichter“ bekannt (Gaßner) und förderte die musikalische Ausbildung seiner begabten Ziehtochter, die mit acht Jahren bereits Klavier­werke von Mozart, Dussek, Clementi und Klengel spielte. Wer ihre Lehrer waren, ist nicht bekannt, lediglich dass sie „einige Jahre in einem bayrischen Institute Aufnahme gefunden und dort auch Klavierunterricht erhalten hatte“ (Alberti, S. 134).

Als sie im Alter von 17 Jahren schwierige Werke von Hummel, Kalkbrenner und Moscheles bewältigte, wollte ihr Stiefvater Ernestine von Fricken zu Hummel nach Weimar bringen. Da die Familie in keineswegs glänzenden Vermögensverhältnissen lebte, konnte sie den Gehaltsforderungen des großherzoglichen Kapellmeisters Hummel nicht entsprechen. Der Adoptivvater beschloss stattdessen, seine Ziehtochter von Friedrich Wieck (1775–1873) prüfen zu lassen, der im Frühling 1834 mit seiner Tochter Clara für ein Konzert nach Plauen kam. Friedrich Wieck erkannte ihr Talent und bot an, Ernestine zu unterrichten und in sein Haus aufzunehmen. Dort blieb sie von Ostern 1834 bis zum 5. Sept. des gleichen Jahres. Sie „genoß […] des Herrn Friedrich Wieck trefflichen Unterricht zu Leipzig, wo sie sich der neuro­mantischen Schule anschloß, und im täglichen Umgange mit der Madame Henriette Voigt und den Herren Robert Schumann und Louis Schunke ein so bedeutendes Talent im Pianofortespiel entwickelte, daß sie jetzt bereits (1835 kaum 18 Jahre alt) unseren ersten Virtuosinnen auf diesem Instrumente beigezählt werden muß. Ihr Anschlag ist voll und kräftig bei sehr zartem Körperbaue, ihr Spiel sicher und gut accentuirt; und in Hinsicht von Überwindung mechanischer Schwierigkeiten dürften ihr vielleicht nicht Viele gleichgestellt werden, um so weniger, als eine andere Eigenschaft, die schwersten Kompositionen schnell aufzufassen, und gleich ihr bald auswendig vorzutragen, nicht jedem Virtuosen verliehen ist. Schade, daß ihre äußeren Lebensverhältnisse sie bis jetzt an eine Gegend gefesselt halten, die in musikalischer Hinsicht gar kein Interesse darbietet“ (Schilling).

 

Ernestine von Fricken.

 

Bekannt ist Ernestine von Fricken heute vor allem durch ihr Verlöbnis mit Robert Schumann, den sie im Wieck’schen Hause kennen gelernt hatte. Dieser schrieb am 2. Juli 1834 an seine Mutter: „Ernestine, Tochter eines reichen böhmischen Barons von Fricken, ihre Mutter eine Gräfin Zedtwitz, ein herrlich reines, kindliches Gemüt, zart und sinnig, mit der innigsten Liebe an mir und allem Künstlerischen hängend, außerordentlich musikalisch – kurz ganz so, wie ich mir etwa meine Frau wünsche – und ich sage Dir, meiner guten Mutter, in’s Ohr: richtete die Zukunft an mich die Frage, wen würdest du wählen – ich würde fest antworten: diese“. Schumann löste die Verlobung, als er erfuhr, dass es sich bei der vermeintlich wohlhabenden Adeligen um eine nicht erbberechtigte Adoptivtochter handelte. Am 11. Febr. 1838 schrieb er an Clara Wieck: „Es war im Winter 1834. Als sie [Ernestine] nun aber fort war u. ich zu sinnen anfing, wie das wohl enden könne, als ich ihre Armuth erfuhr, ich selbst, so fleißig ich auch war, nur wenig von mir brachte, so fing es mich an wie Fesseln zu drücken – ich sah kein Ziel, keine Hülfe – noch dazu hörte ich von unglücklichen Familienverwicklungen, in denen Ernestine stand und was ich ihr allerdings übelnahm, daß sie mir es so lange verschwiegen hatte. Das Alles zusammengenommen, –verdammt mich – ich muß es gestehen, ich wurde kälter; meine Künstlerlaufbahn schien mir verrückt; das Bild, an das ich mich zu retten klammerte, verfolgte mich nun in meinen Träumen wie ein Gespenst; ich sollte für’s tägliche Brod wie ein Handwerker nun arbeiten; Ernestine konnte sich nichts verdienen; ich sprach noch mit meine Mutter darüber und wir kamen überein, daß dies nach vielen Sorgen nur wieder zu neuen führen würde“.

Erst im Verlaufe des Sommers 1835 wurde die Verlobung gelöst. Danach reiste Ernestine von Fricken zu der befreundeten Familie Romberg auf Schloss Buldern bei Münster, wo sie bis 1837 blieb. Wieder in die Heimat zurückgekehrt, verheiratete sie sich am 5. Nov. 1838 mit dem Grafen Wilhelm von Zedtwitz-Schönbach, wurde aber bereits nach achtmonatiger Ehe Witwe. Nach dem Tod ihres Ehemanns hielt sie sich zunächst zwei Jahre in Wien auf, kehrte dann aber in ihre Heimat zurück und widmete sich verstärkt der Musik. Sie lebte „seitdem daselbst ganz der edeln Kunst und dem strengen Style, jedoch mit großer Vorliebe für Chopins bessere Klavierwerke, welche sie, wie fast alle anderen guten Tonwerke, mit Kraft und Ausdruck auswendig vorträgt“ (Schilling).

Eine Konzerttätigkeit ist in Asch, Adorf und Plauen sowohl unter dem Namen Ernestine von Fricken als auch Gräfin von Zedtwitz bis zum Jahr 1843 belegt. Zu ihrem Repertoire gehörten u. a. Werke von Chopin, Liszt, Beethoven, Schubert, Kalkbrenner, Hummel und Henselt. In ihren letzten Lebensjahren wirkte sie vermehrt als Solistin in Benefizkonzerten. Im Alter von 28 Jahren starb sie an Typhus.

Robert Schumann schuf mit seinem Carnaval op. 9. eine bleibende Erinnerung an Ernestine von Fricken, in dem er die Tonfolge A-Es[S]-C-H (Asch) in vielfältiger Weise verarbeitete. An Henriette Voigt hatte er im Sept. 1834 geschrieben: „Eben habe ich herausgebracht, daß A-S-C-H ein sehr musikalischer Stadtname ist, daß dieselben Buchstaben in meinem Namen liegen“. Auch einzelne Überschriften des Carnaval weisen auf Ernestine von Fricken hin: „Nr. 10 A.S.C.H. – S.C.H.A. (Lettres dansantes): Presto“, „Nr. 13 Estrella: Con affetto“. Schumann widmete ihr außerdem sein Allegro op. 8 und seine Drei Gesänge op. 31. In den Symphonischen Etüden op. 13 verwendete er außerdem ein Thema ihres Adoptivvaters, der auch Widmungsträger dieser Komposition ist.

 

LITERATUR

Schilling, Schilling Suppl., Gaßner

Clara und Robert Schumann, Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Eva Weissweiler, 3 Bde., Bd. 1 , Basel u. Frankfurt a. M. 1984.

Robert Schumann, Tagebücher, hrsg. von Georg Eismann u. Gerd Nauhaus, 3 Bde., Bd. 2, Leipzig 1987.

Adolph Kohut, Friedrich Wieck. Ein Lebens- und Künstlerbild. Mit zahlreichen ungedruckten Briefen, Dresden 1888.

Julius Gensel, „Robert Schumanns Briefwechsel mit Henriette Voigt", in: Die Grenzboten. Zeitschrift für Politik, Litteratur und Kunst, 2. Vierteljahr (1892), S. 269–277, 324–332, 368–375.

Rudolph Freiherr Procházka, „Ernestine von Fricken, Schumanns erste Braut“, in: NMZ 22 (1894), S. 267–268.

Victor Joss, „Robert Schumann’s Verhältnis zu Ernestine von Fricken“, in: NZfM 23 (1901), S. 312–313.

Marie Wieck, Aus dem Kreise Wieck-Schumann. Mit 13 Illustrationen, Dresden ²1914.

Karl Alberti, Beiträge zur Geschichte der Stadt Asch und des Ascher Bezirkes, 4 Bde., Bd. 4, Asch 1940.

Georg Eismann, Robert Schumann. Eine Biographie in Wort und Bild, Leipzig ²1971.

Beatrix Borchard, Robert Schumann und Clara Wieck. Bedingungen künstlerischer Arbeit in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, Weinheim u. Basel 1985.

Paul Schwake, „Robert Schumanns ‚Braut’ Ernestine von Fricken. Beziehungen über Gottfried August Ferie zu Ennigerloh“, in: An Ems und Lippe. Heimatkalender für den Kreis Warendorf 3 (1989), S. 45–47.

Albin Buchholz, „Eine ‚Virtuosin ersten Ranges auf dem Klaviere’. Ernestine von Fricken – eine Persönlichkeit, die sich um das Musikleben des Vogtlandes verdient gemacht hat“, in: Vogtländische Heimatblätter. Zeitschrift für Natur, Kultur und Heimatgeschichte 2 (1997), S. 26–30.

 

Bildnachweis

Eismann, S. 85.

Rodoni, http://www.rodoni.ch/schumann/abert/ernestine.jpg

 

Hanna Bergmann

 

© 2007 Freia Hoffmann