Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Metzdorff, Hanf-Metzdorff, Hauff-Metzdorff, Löwenberg-Metzdorff, Metzdorff-Löwenberg, Adelina, Adeline

* wahrscheinlich 1864 in Petersburg, Sterbedaten unbekannt, Violoncellistin. Adelina Hanfs Vater war nach Auskunft von Anna Morsch dänischer Konsul in Petersburg. Nach seinem Tod heiratete ihre Mutter in zweiter Ehe den Kaiserlichen Hof-Violoncellisten Hermann Metzdorff. Dieser erteilte Adelina vier Jahre lang Unterricht, bevor auch er im Mai 1873 starb. Finanziert vom Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch, schloss sich ein Studium bei Karl Dawydow (1838–1889) an, Professor am Petersburger Konservatorium und Solocellist der Italienischen Oper. In diesem Zeitraum sind am 17. und 20. März 1877 Konzerte in Riga belegt, die sie gemeinsam mit der Pianistin Monika Terminskaja bestritt. „Adelina lebte nachdem zwei Jahre im Hause des Fürsten Dimidoff de Sandonato, spielte in dieser Zeit zweimal wöchentlich in den Soiréen des Kaiserlichen Hofes, gab auch verschiedene eigene Konzerte, bei denen die höchsten Herrschaften gleichfalls anwesend waren“ (Morsch, S. 198).

Nach dem Tod des Fürsten Pavel Demidow von Sandonato (am 26. Jan. 1885) zog Adelina Metzdorff mit ihrer Mutter nach Berlin, wo sie ihr Studium bei Heinrich Grünfeld (1855–1931) fortsetzte. Erste Auftritte in der Hauptstadt sind am 20. und 27. Febr. 1886 belegt, und zwar als Mitwirkende in Konzerten der renommierten Altistin Amalie Joachim. Im folgenden Jahr nahm die „Neue Berliner Musikzeitung“ schon ausführlicher von der jungen Musikerin Notiz: „Am Sonntag [23. Jan. 1887] wurde in dem kleinen Saale des Kroll’schen Etablissements eine Matinée veranstaltet, in welcher Frl. Adeline Hanf-Metzdorff sich dem Berliner Concertpublicum als Violoncellistin vorstellte. Eine seltene Erscheinung, hier aber eine junge Dame, die als Künstlerin schon jetzt volle Berechtigung hat. In der Phantasie über den sog. Sehnsuchtswalzer (Le désir) von [Adrien-François] Servais entwickelte sie einen schönen Ton und eine recht vorgeschrittene Technik. Auch die obligate Cellostimme in Gounod’s Melodie zu Bach’s Praeludium [C-Dur aus dem Wohltemperierten Klavier] für Gesang spielte sie vortrefflich“ (Bock 1887, S. 29f.). Es folgte eine Tournee mit der Sängerin Therese Zerbst und dem Pianisten Max van de Sandt, mit Auftritten in Gotha, Eisenach, Glauchau „und verschiedenen anderen thüringischen und sächsischen Orten“ (Bock 1887, S. 380). Als Solistin trat sie 1887 in Gera und in den folgenden Jahren regelmäßig in Berlin auf, zu Beginn der Saison 1888/89 auch in einem Konzert der Violinistin Teresina Tua. Im Sommer 1891 tourte Adelina Metzdorff mit der „durch ihre originelle Kunst berühmten Pfeiferin Mrs. Alice Shaw“ durch „die größten Bäder Oesterreichs, Deutschlands und Belgiens“ (Morsch, S. 199), eine Reise, die in der Fachpresse anscheinend keinen Niederschlag gefunden hat.

Obwohl das Konzertpublikum schon seit fast einem halben Jahrhundert Gelegenheit gehabt hatte, sich mit dem Anblick einer Violoncello spielenden Frau vertraut zu machen (siehe Lise CristianiAnna KullRosa SuckHèlène de KatowEliza de TryMathilde GalatzinHerminie GatineauElise Weinlich u. a.), fand das „Musikalische Wochenblatt“ es auch in ihrem Fall noch angebracht, „die seltene Erscheinung einer Violoncellistin“ hervorzuheben (FritzschMW 1889, S. 618). Auffallend ist, dass Adelina Metzdorff in den folgenden Jahren ihre Zusammenarbeit mit Kolleginnen verstärkte. Am 1. Okt. 1898 gab sie in Gotha mit der Geigerin Margarethe Baginsky und der Pianistin Margarethe Eussert einen Abend, bei dem zunächst Beethovens Klaviertrio Op. 11 „in vollendetster Weise zur Ausführung gelangte. Einen ebenso ungetrübten Genuß gewährte die Ausführung des ‚Trios, Op. 52‘ von [Anton] Rubinstein“ (NZfM 1899, S. 42). Mit ähnlichem Programm konzertierte das Trio 1899 in Magdeburg. Am 7. März 1899 stellte sich in der Berliner Singakademie eine andere Formation mit der Pianistin Auguste Götz-Lehmann, der Geigerin Elsa Barkowska und Adelina Metzdorff der Öffentlichkeit vor. „Die Einführung war eine höchst erfreuliche. Es war ein künstlerisches, technisch und musikalisch abgerundetes Zusammenspiel, das nach allen Richtungen bemüht war, dem musikalischen Gehalt der Werke gerecht zu werden; fein abgetönt und jeder Part bemüht, sich als Einzelglied dem harmonischen Ganzen einzufügen. Die Damen spielten Mendelssohn’s D-Moll-Trio, op. 49 und Rubinstein’s B-dur-Trio, op. 52 mit ungemeiner Frische, Lebendigkeit und musikalischer Feinfühligkeit, ganz besonders flott, rhythmisch straff und fortreissend kamen die Scherzi der beiden Trio’s zur Aufführung und verfehlten ihre zündende Wirkung auf das Publikum nicht“ (Musikpädagogische Blätter 1899, S. 79).

Am 13. und 20. Apr. 1899 wirkte das Trio in zwei Gesprächskonzerten mit, die die Musikschriftstellerin Anna Morsch unter dem Thema „Die Zeitgenossen und Anhänger Mendelssohn’s und Schumann’s“ veranstaltete. Zur Aufführung kamen Sätze aus Trios von Niels Gade sowie (mit der Pianistin Emma Koch) Robert Volkmann und Theodor Kirchner. In ähnlicher Zusammenstellung, mit Gesangsvorträgen und Klavierkompositionen und unter Mitwirkung von Morschs Damenchor, wurden die „Vortrags- und Konzert-Abende“ (Musikpädagogische Blätter 1899, S. 121) kurz darauf in Breslau wiederholt.

Unter der Leitung von Willy Benda (1870–1929) fand am 3. Apr. 1900 im Saal der Berliner Singakademie das erste Konzert des „Streichorchesters Berliner Tonkünstlerinnen“ statt. Unter den fünf Violoncellistinnen befand sich laut Programmzettel auch „A. Loewenberg-Metzdorf“ (Prante, S. 23). Bei weiteren Konzerten des Orchesters war die Musikerin auch solistisch tätig. Letzte Spuren vom öffentlichen Wirken Adelina Metzdorffs, die Mitte der 1890er Jahre den Rechtsanwalt Dr. Loewenberg geheiratet hatte, finden sich 1903. Die „Violin Times“ zählt in einem Rückblick auf die Berliner Saison 1902/03 „Adelina Metzdorff-Löwenberg“ auf (Violin Times 1903, S. 147). „Die Musik“ berichtet 1903 von einem „aus den Damen Martha Sauvan (Klavier), Elsa Barkowska-Fischer (Violine) und Adeline Metzdorf (Violoncell) bestehenden Trio“ (Die Musik 1903/04 I, S. 386). Danach verliert sich die Spur der Musikerin.

 

LITERATUR

Bock 1886, S. 61, 68; 1887, S. 29f., 319, 380, 417; 1889, S. 370

FritzschMW 1889, S. 617f.; 1891, S. 608; 1899, S. 79, 444, 457

Die Musik 1902/03 III, S. 155; 1903/04 I, S. 386

FritzschMW 1873, S. 462; 1899, S. 444, 457

Der Klavier-Lehrer 1899, S. 79, 121f.

NZfM 1887, S. 536; 1889, S. 318; 1899, S. 42

Signale 1887, S. 131; 1888, S. 741; 1890, S. 871; 1900, S. 1032

Violin Times 1903, S. 147

RudolfRiga

Anna Morsch, Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Illustriertes Konversationslexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Berlin 1900, Art. Musikerinnen.

Inga Prante, Die Schülerinnen Joseph Joachims, Wissenschaftliche Hausarbeit zur Ersten Staatsprüfung, unveröffentlicht, Hochschule der Künste Berlin 1999.

Silke Wenzel, „Adelina Metzdorff, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/A_lexartikel/lexartikel.php?id=Metz1862, Zugriff am 3. Mai 2012.

 

Freia Hoffmann

 

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