Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Eder, Josephine, verh. Löwenstern, verh. Vieuxtemps

* 15. Dez. 1815 in Wien, † 20. Juni 1868 in La Celle St. Cloud, Pianistin. Sie war die Tochter des Pianisten und Komponisten Philipp Eder, wird im Trauungsregister der Pfarre St. Johann Nepomuk in Wien 1835 als Pflegetochter von „Franziska Salmi geb. von Ghelen“ bezeichnet und erhielt ihre musikalische Ausbildung bei Carl Czerny (1791–1857), Simon Sechter (1788–1867) und Franz Stadler (Lebensdaten unbekannt; siehe Wiener Theaterzeitung 1828, S. 591; 1830, S. 525). Im Alter von 13 Jahren trat sie in ihrer Vaterstadt erstmals öffentlich auf und „spielte mit seltener  Präzision und für ihre Jahre kaum glaublicher Bravour das A-moll Concert von [Johann Nepomuk] Hummel“ (Wiener Theaterzeitung 1828, S. 591). 1833 unternahm sie eine ausgedehnte Konzertreise (u. a. Prag, Dresden, Leipzig, Berlin, Frankfurt a. M., Stuttgart, München), auf der sie ihr eigenes Instrument, einen Flügel von Conrad Graf, mitführte. Sie konzertierte auf dieser Reise gemeinsam mit Wilhelm Taubert, Clara Wieck und dem damals 13-jährigen Henry Vieuxtemps (1820–1881), der später ihr Ehemann werden sollte. In den Jahren 1833/34 umfasste ihr Repertoire Werke von Thalberg, Herz, Beriot, Beethoven, Moscheles und Schubert. Die Presse bescheinigte ihr „ruhiges, sicheres Spiel und klare[n] Vortrag, verbunden mit einem sehr entschiedenen Taktgefühle, wie es bey Klavierspielerinnen nicht immer zu finden ist“ (Wiener Theaterzeitung 1830, S. 470). „Ihr Vortrag verrieth eben so viel Gemüth als wirklich staunenswerthe Sicherheit und Geläufigkeit“ (ebd.). Am 7. Jan. 1835 heiratete sie Isidor Löwenstern (1806–1856), der sich später als Numismatiker und Reiseschriftsteller einen Namen machen sollte. Die Ehe wurde jedoch nach kurzer Zeit geschieden, und Josephine Eder zog sich für einige Jahre aus der Öffentlichkeit zurück.

Nach einer gemeinsamen Konzerttournee durch Nordamerika, Mexiko und Kuba in den Jahren 1843/1844 heiratete die Musikerin Ende 1844 den Violinisten und Komponisten Henri Vieuxtemps, mit dem sie bei späteren Reisen nur noch gelegentlich als Pianistin auftrat. Josephine Vieuxtemps brachte drei Kinder zur Welt, von denen eines nach wenigen Wochen starb. Von 1846 bis 1852 lebte das Ehepaar in St. Petersburg, 1855 ließ es sich für zehn Jahre in Dreieichenhain bei Frankfurt a. M. nieder und übersiedelte 1864 für drei Jahre nach Frankfurt. Josephine Eder verzichtete von 1864 an auf Konzertreisen, um sich ihren Kindern Julie (1846–1882) und Maximilien (1847–1926) zu widmen.

1866 zog die Familie wegen der deutsch-französischen Spannungen nach Paris, wo ihre Wohnung in der Nr. 17 der rue Chaptal zum Treffpunkt für Künstler und Kunstfreunde wurde. Josephine Eder erlag mit 52 Jahren einer Cholera-Infektion in La Celle St. Cloud bei Paris.

 

LITERATUR

Trauungs-Register der Pfarre St. Johann Nepomuk in Wien 1826–1843

Sterbeeintrag Stadtarchiv La Celle St. Cloud 1868

AmZ 1829, Sp. 7571833, Sp. 383416f., 434522f., 668; 1834, Sp. 61

Berliner AmZ 1830, S. 86

Bock 1859, S. 416

Castelli 1830, S. 8; 1833, S. 36, S. 115, 152, 175, 180; 1834, S. 44, 80

Iris 1833, S. 104

Neues Fremden-Blatt [Wien] 2. Dez. 1865

NZfM 1834, S. 52

Signale 1865, S. 942

Sonntagsblätter [Wien] 1846, S. 420

Wiener Theaterzeitung 1828, S. 591; 1830, S. 470, 525; 1834, S. 310, 325

Wiener Zeitschrift 1832, S. 1087

Schilling, Schilling Suppl., Becker, Wurzbach (T. 3, T. 50), Mendel, Paul, Fétis, Riemann 12, Sartori Enci, MGG 2000, New Grove 2001

Wilhelm Egid Nebel, Kirchenchronik der evangelischen Gemeinde Dreieichenhain, 1861ff, unveröff. Manuskript. 

Eduard Hanslick, Aus meinem Leben, 2 Bde., Bd. 1, 3Berlin 1894.

J.-Théodore Radoux, Henry Vieuxtemps. Sa vie, ses œuvres, Liège ²1895.

Paul Bergmans, Henry Vieuxtemps, Turnhout 1920.

Gernot Schmidt, Dreieichenhainer Häuserliste, 2 Bde., Dreieich 2016.

 

Bildnachweis

J.-Théodore Radoux, Henry Vieuxtemps. Sa vie, ses œuvres, Liège ²1895, S. 88

 

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