Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

WeißWeissWeisz, Alphonsine, AlfonsineAlfonsinavon

* 1830 in Prag, † nach 1887, Pianistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Einer ihrer ersten Auftritte erfolgte im Jahre 1854 im Rahmen eines Wohltätigkeitskonzerts des deutschen Männergesangsvereins in Triest. In den folgenden Jahren konzertierte Alphonsine Weiß vorrangig in Wien, wo sie sich als Pianistin etablieren konnte. Daneben fanden Auftritte in Dresden, Leipzig und Pressburg statt. Die Rezensionen über ihr Spiel in einem Abonnementskonzert am 11. Febr. 1864 im Leipziger Gewandhaus sind ambivalent. Der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ zufolge fand die Pianistin „hier den anerkennenden Beifall, der ihrer durchgebildeten Technik und ihrem graziösen Vortrag zukommt“ (1864, Sp. 124f.). Ein Rezensent der „Neuen Zeitung für Musik“ schreibt: „Ihr Anschlag ist zart und rund […], ihre Technik brillant und sauber. Auch sprach sich im Ganzen ein sinniges Verständnis in der Wiedergabe aus, wenn schon wir den höheren, geistigeren Schliff, das sozusagen je ne sais quoi der feineren Nuancen im Colorit, die poetische Glasur des Claviervortrags vermißten. Jedenfalls aber verdienten ihre Leistungen (zumal als neue Erscheinung auf dem Gebiete des Pianofortespiels) eine wohlwollende Aufmunterung des unverkennbaren Talents“ (NZfM 1864, S. 64).

Konsens herrschte unter vielen Kritikern über die Befangenheit der Pianistin, die sich deutlich auf das Spiel ausgewirkt haben soll, sodass sie „das präcise Zusammenspiel mit dem Orchester zuweilen merklich störte“ (AmZ 1864, Sp. 124f.). Der Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ verweist diesbezüglich auch auf negative Reaktionen aus dem Publikum, indem er sich „tadelnd über das Zischen ausspr[icht], womit einige Zuhörer den Beifallsbezeugungen des größeren Theils des Publicums entgegentraten“ (NZfM 1864, S. 64). Auch die Konzertkritiken der folgenden Jahre weisen auf Unsicherheiten des Spiels hin.

1880 wird in der Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ berichtet, dass die Pianistin aufgrund einer Lähmung beider Hände die Konzerttätigkeit zunächst beenden musste, sie jedoch, nachdem Gefühl in die rechte Hand zurückgekehrt war, wieder aufgenommen habe. Als „einhändige Pianistin“ (NZfM 1880, S. 213) erregte sie nun großes Aufsehen und erhielt zugleich die Anerkennung zahlreicher Rezensenten. Nach einem Auftritt in Wien im Jahr 1882 heißt es in einer Konzertbesprechung in den „Musikpädagogischen Blättern“: „Es ist staunenswerth, wie man überhaupt nur mit einer rechten Hand komplizirten Kompositionen gerecht werden kann; die blitzartigen arpeggierten Bässe waren von einer Deutlichkeit, die nichts zu wünschen übrig liess. Sicherheit in den unter solchen Umständen höchst schwierigen Sprüngen, Klangfülle und Schönheit, Anschlag und Vorschlag waren tadellos, man kann mit vollem Recht von Frl. Weiss sagen: ‚Son genre est petit, mais elle est grande dans son genre.‘ [‚Ihr Tätigkeitsbereich ist klein, aber sie ist groß in ihrem Tätigkeitsbereich‘] (Musikpädagogische Blätter 1882, S. 100).

In den Jahren 1881 und 1882 unternahm Alphonsine Weiß Konzertreisen nach Prag, Madrid und England. In London konzertierte sie 1882 zusammen mit dem ungarischen Grafen Zichy, einem Pianisten, der ausschließlich mit der linken Hand spielte. Zusammen stellten sie eine noch größere Attraktion dar und riefen durch ihr Spiel Bewunderung hervor. Wie vielerorts galt die Aufmerksamkeit von Publikum und Rezensenten jedoch vorrangig der „Specialität“ (Musikalisches Centralblatt 1882, S. 50) des Spiels.

Das Repertoire von Alphonsine Weiß enthielt zahlreiche Kompositionen von Chopin, Liszt, Robert Schumann, Schubert, Beethoven, Meyerbeer, Anton Rubinstein, Adolf von Henselt und Carl Maria von Weber. Die Lähmung der linken machte eine Bearbeitung der Werke für die rechte Hand notwendig, die von der Pianistin selbst vorgenommen wurde. 

Nach einem Konzert in Wien im Jahre 1882 gab Alphonsine Weiß bekannt, sich aus dem Konzertleben zurückziehen und stattdessen ausschließlich Klavierunterricht erteilen zu wollen. Dennoch ist ein weiterer Auftritt der Pianistin in einem Konzert der Sängerin Camilla Nordmann am 13. Dez. 1887 in Wien belegt.

 

LITERATUR

AmZ 1864, Sp. 124f.; 1872, Sp. 182

Bock 1880, S. 6, 103, 415; 1881, S. 143

Folio 1881, S. 297

FritzschMW 1877, S. 9

Musikalisches Centralblatt 1882, S. 50

Musikpädagogische Blätter 1877, S. 9; 1882, S. 100

MusT  1881, S. 316

MusW 1881, S. 11; 1882, S. 246

NZfM 1854 I, S. 104; 1863 I, S. 15; 1864, S. 64; 1873, S. 153; 1876, S. 329; 1880, S. 213; 1881, S. 213; 1882, S. 308; 1887, S. 122

Signale 1864, S. 125, 141; 1880, S. 277; 1881, S. 101; 1882, S. 444; 1883, S. 321, 412; 1884, S. 458

The Theatre 1882, S. 362

 

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