Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Sewell, Teresita, Teresa, Terese, Theresa

* vermutlich in den 1850er Jahren, Ort unbekannt, Sterbedaten unbekannt, Pianistin aus Dresden. Teresita Sewell war die Tochter der Pianistin Marie Sewell geb. Becker, einer Schülerin Friedrich Wiecks, und deren Ehemann Henry Sewell. Ihr Großvater mütterlicherseits, der Freiberger Bergschreiber Ernst Adolf Becker, war ein Freund der Familie Wieck.

Teresita Sewell studierte zwei Semester lang (1878/1879) Klavier bei Clara Schumann am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt a. M. Der Jahresbericht für das entsprechende Studienjahr belegt ihre Mitwirkung bei den Übungsabenden des Konservatoriums, nicht aber die Teilnahme an den öffentlichen Prüfungen im Sommer 1879. Auch die Halbschwester Clara Schumanns, Marie Wieck, erteilte der Pianistin Unterricht. Wann und wo dieser stattfand, bleibt jedoch offen.

 

Konzertankündigung 11. Apr. 1896.

 

Teresita Sewell ließ sich nach dem Studium in Berlin nieder und arbeitete dort als Klavierlehrerin. Seit 1882 finden sich auch Belege für Auftritte der Pianistin in der Großstadt. Am 15. Nov. des Jahres wirkte sie in einem Konzert der Sängerin Aglaja Orgeni mit und spielte in diesem Rahmen zwei Nummern aus den Mädchenliedern op. 37 von Hermann Scholtz. Ende der 1890er Jahre ließ sich Teresita Sewell vornehmlich in Dresden und Umgebung hören. Am 11. Apr. 1896 veranstaltete sie ein eigenes Konzert in der Elbstadt, in dem der Pianist Karl Prill sowie der Sänger Gustav Borchers mitwirkten. Für ihre solistischen Beiträge wählte die Pianistin eine Komposition von Domenico Scarlatti, die Nummern 6 und 7 (Andante und Presto) aus Mendelssohns Charakterstücken op. 7, eine der Novelletten op. 21 von Robert Schumann sowie Chopins Tarantelle As-Dur op. 43. Außerdem begleitete sie die Violin- und Gesangssoli. Das Urteil des Kritikers George Armin (d. i. Georg Herrmann) fiel verhalten aus. Es spiegeln sich darin zugleich zeittypische Vorurteile gegenüber Musikerinnen wider: „Frl. Teresa Sewell aus Dresden ist eine Pianistin, deren Ruf noch nicht die musikalische Welt erschüttert, auch wohl nie erschüttern wird. Denn ihr liebenswürdiges Talent ist nicht geschaffen, um grosse seelische Emotionen in unserer Seele zu verursachen und düstere Reflektionen in uns zu erwecken, sondern nur liebliche Gedanken zu erregen. Sie weiss mit ihren zarten Händen interessant zu unterhalten, erfreut durch natürliches Sichgeben und wird bei aller Bravour der Technik nicht langweilig. Die Dame muss die Grenzen ihrer Begabung selber sehr gut kennen – die meisten Künstlerinnen verkennen sie in ihrer Eitelkeit – die Wahl ihrer Stücke stand im vollsten Einklang mit ihrem Können“ (Die Redenden Künste 1895/1896, S. 925f.). Das „Musikalische Wochenblatt“ kritisiert zwar, dass „die Claviersoli […] den allergeringsten Theil des Programmes ausmachten und dazu so einfacher Natur waren“ (FritzschMW 1896, S. 227), bescheinigt der Pianistin daneben aber „tüchtige geistige Auffassung und Technik“ (ebd.). Auch der Korrespondent des „Monthly Musical Record“ sieht in Teresita Sewell „a solid pianist, but without any special charm“ (Monthly Musical Record 1896, S. 127). Im Herbst 1897 erfolgte der letzte belegbare Auftritt der Musikerin. Sie ließ sich in einem Konzert im thüringischen Altenburg hören. Die englische Zeitschrift „Musical News“ schreibt hierzu: „Fräulein Sewell […] seems to have created a favourable impression by her performance“ (Musical News 1897 II, S. 359).

LITERATUR

AmZ 1864, Sp. 127

FritzschMW 1882, S. 587f.; 1896, S. 227, 244

Jahresbericht des Dr. Hoch’schen Conservatoriums für alle Zweige der Tonkunst zu Frankfurt am Main 1878/1879, S. 6, 11

Monthly Musical Record 1896, S. 127

Musical News 1897 II, S. 359

Die Redenden Künste. Zeitschrift für Musik und Literatur unter spezieller Berücksichtigung des Leipziger Kunstlebens 1895/1896, S. 861, 919, 925f.

Svensk Musiktidning 14. Apr. 1897

Victor Joss, Der Musikpädagoge Friedrich Wieck und seine Familie. Mit besonderer Berücksichtigung seines Schwiegersohnes Robert Schumann, Dresden 1902.

Heinrich Hanau, Dr. Hoch’s Conservatorium zu Frankfurt am Main. Festschrift zur Feier seines fünfundzwanzigjährigen Bestehens (18781903), Frankfurt a. M. 1903.

Marie Wieck, Aus dem Kreise Wieck-Schumann, Dresden [u. a.] 1912.

Claudia de Vries, Die Pianistin Clara Wieck-Schumann. Interpretation im Spannungsfeld von Tradition und Individualität (= Schumann-Forschungen 5), Mainz 1996.

Cathleen Köckritz, Friedrich Wieck. Studien zur Biographie und zur Klavierpädagogik (= Studien und Materialien zur Musikwissenschaft 44), Hildesheim [u. a.] 2007.

 

Bildnachweis

Die Redenden Künste 1895/1896, S. 861

 

Annkatrin Babbe

 

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