Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Hirzel-LangenhanHirtzel-LangenhahnLangenhan-Hirzel, Anna, geb. Hirzel

* 20. Aug. 1874 in Lachen (Kanton Zürich), † 15. Dez. 1951 in Berg (Kanton Thurgau), Pianistin, Organistin, Klavierlehrerin und Komponistin. Anna Hirzel soll der Deutschen Biografischen Enzyklopädie zufolge schon mit elf Jahren am Frauenmünster in Zürich als Organistin tätig gewesen sein. Das Amt des Organisten wurde bis 1886 jedoch von Georg Steinmetz und anschließend von Johannes Luz ausgeübt, so dass die Musikerin dort wohl nur gelegentlich, etwa als Vertretung, musizierte. Eine gründliche Ausbildung erhielt sie, vermutlich Anfang der 1890er Jahre, am Züricher Konservatorium bei dem Pianisten Robert Freund (1852–1936) und dem Dirigenten und Komponisten Friedrich Hegar (1841–1927). Vor 1899 setzte sie ihre Studien bei Theodor Leschetizky (1831–1915) und Anna Essipoff in Wien fort. Als Lehrerin trat sie seit 1897, zunächst in Lausanne, in Erscheinung. Anna Hirzel lebte ab „1898 als ausgezeichnete Konzertpianistin und Klavierpädagogin in München“ (Riemann, S. 502). Ab 1929 unterrichtete sie in Lugano. 1934 gründete sie auf Schloß Berg im Kanton Thurgau eine Musikausbildungsstätte. Zu ihren SchülerInnen zählten u. a. die Sängerin Olga Maria Theresa Ludovica Barbara Wismüller, die Dirgenten und Pianisten Otto Volkmann und Hans Leuenberger, die Musikwissenschaftler Ernst Bücken und Erich Doflein, die Komponisten André Casanova, Heinrich Kaminski und Werner Egk sowie die PianistInnen Edith Picht-Axenfeld, Hans Leygraf, Erich Kloß, Emmy Braun, Anna Gertrud Hubert, Pina Pozzi und Marie-Luise Wendel-Hütten.

Die Auftritte der Musikerin beschränkten sich überwiegend auf ihre jeweiligen Wohnorte: Nachweislich spielte sie in Zürich (1897), Lausanne (1898), Genf (1898), München (1899–1901, 1903, 1906, 1908, 1910–1912, 1914, 1915, 1917), Paris (1903) und Lübeck (1906, 1907). Allerdings ist es möglich, dass sie in der Schweiz regelmäßiger konzertierte und die Reisen nach Paris und Norddeutschland für eine größere Anzahl an Auftritten erfolgten. Auch wenn Niemann 1919 schreibt, dass Anna Hirzel-Langenhan „seit dem frühen Tode ihres Gatten [Kapellmeister Richard Langenhan, † 1900] in München vorzugsweise im Lehrberuf tätig“ (Niemann, S. 146) sei, zeichnen die überlieferten Rezensionen das Bild einer regelmäßig konzertierenden Pianistin, die  nach dem Tod ihres Ehemanns auch über ihren jeweiligen Wohnort hinaus Auftrittsmöglichkeiten wahrnahm.

 

Anna Hirzel-Langenhan in München, vor 1900.

 

Der früheste überlieferte Auftritt erfolgte 1897 in Zürich, wo die Pianistin beim Abonnementskonzert der Tonhallen-Gesellschaft das Klavierkonzert op. 28 von Ludvig Schytte vortrug. In München spielte sie erstmals 1899: Beim Konzert des Violinvirtuosen Franz Schörg aus Brüssel kamen die Suite d-Moll für Violine und Klavier von Eduard Schütt, Bachs Präludium und Fuge D-Dur in der d’Albertschen Bearbeitung und die Tarantella von Leschetizky zu Gehör. Die Kritikerin der „Neuen Zeitschrift für Musik“, Paula Margarete Reber, zeigte sich jedoch nicht gänzlich befriedigt: „Frau Anna Langenhan-Hirzel beherrscht technisch ihr Instrument ganz gewiß auch vortrefflich, allein im Großen und Ganzen hat doch ihr Vortrag, ihre ganze Art und Weise mehr – ich möchte sagen – Exotisches an sich, als man schon im ersten Augenblicke fassen und auch gleich beurtheilend begreifen kann. Die Concertgeber begannen den Abend mit der ‚Suite Dmoll‘  für Violine und Clavier von Eduard Schütt, und ernteten schon hierfür sehr lebhaften Beifall, welcher von Herrn Schörg für sein sehr durchgeistigtes Spiel ebenso verdient war, wie von Frau Langenhan für die sich geschickt anschmiegende Begleitung […]. Anna Langenhan-Hirzel hatte sich in der Wiedergabe der d´Albert´schen Bearbeitung der Bachschen Composition […] eine für die Vortragende selbst sowohl wie für die Hörer sehr schwierige Aufgabe gestellt, um so schwieriger als man der Vortragenden bei aller Anerkennung nicht nachsagen kann, daß es ihr gelungen wäre, sich dem Unternehmen mit jener vollendeten Meisterschaft zu entledigen, welche gerade für solche Dinge nöthig ist. […] Leschetitzky [sic], so habe ich raunen hören, soll der Lehrer von Frau Anna Langenhan-Hirzel gewesen sein oder noch sein; jedenfalls trug sie seine ‚Tarantella‘ so trefflich vor, daß man leicht ersehen konnte, um wie vieles näher diese oft sehr wild ineinandergeschlungenen Weisen ihrer eigenen Natur lagen, als die ernsten, getragenen Töne Bach´s auch noch in der d´Albert´schen Bearbeitung“ (NZfM 1899, S. 110f.). Deutlich positivere Rückmeldung erhielt die Pianistin hingegen zu ihrer Interpretation des 1. Klavierkonzerts op. 23 b-Moll von Tschaikowsky und des 2. Klavierkonzerts op. 21 f-Moll von Chopin mit Begleitung des Münchner Philharmonischen Orchesters unter Leitung ihres Ehemanns Richard Langenhan: Das „Musikalische Wochenblatt“ spricht begeistert von einem „temperamentvollen, technisch überaus glänzenden und rhythmisch ausserordentlich bestimmten Vortrag“, bei dem sich „Frau Langenhan-Hirzel als eine ausgezeichnete Clavierspielerin“ (FritzschMW 1900, S. 361) erwies. In einem biographischen Artikel der „Neuen Musik-Zeitung“ aus dem Jahr 1900 würdigt der Autor insbesondere ihre Qualitäten als Kammermusikerin: „Daß sie eine durch und durch musikalische Natur ist, hat sie nicht nur als Solistin gezeigt, sondern auch bei ihrem wiederholten Auftreten als Kammermusikspielerin. Sie fügt sich bei aller individuell lebensvollen Art ihrer Kunstausübung nicht nur trefflich dem Ganzen ein, sie erscheint auch als die leitende und inspirierende Kraft desselben. Und wenn man sieht, wie sie in schwierigen und weniger bekannten neueren Kammermusikwerken nicht nur die Klavierstimme aus dem Gedächtnis reproduziert, sondern auch noch ihren Partnern die Einsätze angiebt, so darf man wohl billigerweise ein wenig erstaunt sein über die Summe von Intelligenz und Können, welche in dieser ganzen, über das Durchschnittsmaß des heutigen Pianistentums sich beträchtlich erhebenden künstlerischen Erscheinung vereinigt ist“ (NMZ 1900, S. 151).

Weitere wichtige Stationen ihrer Karriere waren der Vortrag sämtlicher Beethoven-Sonaten mit Eugène Ysaÿe im Febr. 1903 im Bayerischen Hof in München und Konzerte mit dem Böhmischen Streichquartett in demselben Jahr in Paris. Ein Schwerpunkt ihres Wirkens scheint die Förderung zeitgenössischer Musik gewesen zu sein: 1903 brachte sie das Klavierkonzert b-Moll op. 6 von Felix Rath in München zur Aufführung, was ihr „wieder einmal Gelegenheit gab zu zeigen, daß sie eine der genialsten Interpretinnen moderner Klaviermusik ist“ (Blätter für Haus- und Kirchenmusik 1903, S. 95). Im Frühjahr 1903 baten Anna Hirzel-Langenhan und der Münchner Geiger Richard Rettich verschiedene Komponisten, darunter Max Reger, Max von Schillings und Ludwig Thuille, jeweils ein Werk für eine geplante Konzertreihe, „in der man die Geschichte der Violinsonate von Bach bis zur Jetztzeit darzustellen beabsichtigte“ (Popp 1998, S. 103), zu verfassen. Aufgrund einer Erkrankung konnte Anna Hirzel-Langenhan an dem letzten der drei Konzertabende nicht teilnehmen und wurde durch Max Reger vertreten, was die Zeitschrift „Die Musik“ fälschlicherweise zu einer Unterschlagung von Anna Hirzel-Langenhans Rolle als Initiatorin veranlasste: „In einer früheren Kammermusik-Soirée, die von Richard Rettich und Max Reger veranstaltet wurde, kam die glatt geschriebene Violinsonate op. 1 von Felix vom Rath, einem talentvollen Schüler Thuilles, zum Vortrag, ausserdem eine neue Sonate op. 72 von Reger“ (Die Musik 1903/04 III, S. 229). Auch wenn Anna Hirzel-Langenhan im Dez. 1910 mit Kompositionen von Brahms, Mozart und Chopin sowie einer „Reihe selten gehörter altfranzösischer Stücke […] ihre musikalische Feinfühligkeit erwies“ (Allgemeine Rundschau 24. Dez. 1910), enthalten ihre Programme in den folgenden Jahren mehrheitlich Kompositionen von zeitgenössischen in München wohnenden Komponisten: Unter anderem führte sie im Jahr 1911 zusammen mit dem Violinisten Fritz Hirt die G-Dur Sonate von Max Ettinger und im folgenden Jahr mit dem Violoncellisten Gerhard Maas die Sonate d-Moll op. 22 von Ludwig Thuille auf. Bei einem weiteren Konzert im Nov. 1915 in München trug sie zusammen mit Hermann Zilcher Variationen über eine Gavotte von Händel von dem in München lebenden Komponisten Bernhard Scholz vor. Im Jahr 1917 folgte eine Aufführung von Hermann Zilchers Konzert Nacht und Morgen op. 24 für zwei Klaviere, Pauken und Streichorchester mit dem Pianisten August Schmid-Lindner unter Leitung ihres früheren Schülers Hermann Abendroth in München.

Zunehmend konzentrierte sich Anna HIrzel-Langenhan auf das Unterrichten (ab 1929 in Lugano, ab 1934 auf Schloss Berg). Während des zweiten Weltkrieges war die Kommunikation zwischen der Klavierpädagogin und ihren SchülerInnen stark eingeschränkt und auf Briefe reduziert. Die 1951 erschienenen „Briefe an meine Schüler“ und der „Übungsband“ reflektieren diesen Umstand und wurden erst nach ihrem Tod durch Franzpeter Goebels, Pina Pozzi und Renata Borgatti zu der Klaviermethode „Greifen und Begreifen – Ein Weg zur Anschlagskultur“ ausgearbeitet.

Der Maler Adolf Erbslöh fertigte 1922/23 ein Bildnis von Anna Hirzel-Langenhan an.

 

LITERATUR

Anna Hirzel-Langenhan [u. a.], Greifen und Begreifen – Ein Weg zur Anschlagskultur, Kassel 1963.

Allgemeine Zeitung [München] 18. Nov. 1911

AmZ 1910, Sp. 926

Blätter für Haus- und Kirchenmusik 1903, S. 95

Bock 1895, S. 148

FritzschMW 1897, S. X; 1900, S.361

Le Guide musical 1903, S. 102

Die Musik 1910/11 III, S. 136; 1911/12 III, S. 125

NMZ 1900, S. 151

NZfM 1894, S. 90; 1898, S. 105, 330; 1899, S. 110f.; 1900, S. 160; 1901, S. 627; 1935, S. 394

DBE, Riemann 9

Walter Niemann, Meister des Klaviers. Die Pianisten der Gegenwart und der letzten Vergangenheit, Berlin  1921.

Willi Schuh u. Edgar Refardt, Schweizer Musikerlexikon (= Schweizer Musikbuch II), Zürich 1939.

Michel Stockhem, Eugène Ysaÿe et la musique de chambre, Liège 1990.

Karsten Bartels u. Günter Zschacke, Variationen. 100 Jahre Orchester in der Hansestadt Lübeck 1897–1997, Lübeck 1997.

Susanne Popp und Susanne Shigihara, Auf der Suche nach dem Werk. Max Reger, sein Schaffen, seine Sammlung. Eine Ausstellung des Max-Reger-Instituts Karlsruhe in der Badischen Landesbibliothek zum 125. Geburtstag Max Regers, Karlsruhe 1998.

Michael H. Kater, Composers of the Nazi Era: Eight Portraits, New York 2000.

Bernhard M. Huber, Max Reger – Dokumente eines ästhetischen Wandels: Die Streichungen in den Kammermusikwerken, Stuttgart 2008.

Dietmar von Capitaine, Conservatorium der Musik in Cöln. Zur Erinnerung an die wechselhafte Geschichte einer musikpädagogischen Einrichtung der Stadt Cöln, Norderstedt 2009.

 

Bildnachweis

Anna Hirzel-Langenhan, http://edocs.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2003/7809047/, Zugriff am 19. Dez. 2012.

 

Jannis Wichmann

 

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