Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Geist, Marie, verh. Erd, Geist-Erd

* 1859 vermutlich in Würzburg, † nach 1915, Violoncellistin, Pianistin und Musiklehrerin. Marie Geist studierte von 1875 bis 1877 an der Königlichen Musikschule Würzburg Violoncello bei Emil Boerngen (1845−1893) und Klavier bei Georg von Petersenn (1849−1930). 1876/77 erhielt sie laut Jahresbericht keinen Klavierunterricht mehr, besuchte dafür jedoch die Nebenfächer Harmonielehre, Chorgesang und Literaturgeschichte. Zur gleichen Zeit studierte mit ihr eine Kathinka Geist ebenfalls Violoncello (im folgenden Jahresbericht 1877/78 Katharina Geist), möglicherweise identisch mit der Schwester Katie Geist. Von 1877 bis 1880 setzte Marie Geist ihre Ausbildung am Cello an der Königlichen Musikschule München bei Josef Werner (1837−1922) und seit dem Studienjahr 1878/79 auch ihre Ausbildung am Klavier bei Carl Baermann jun. (1839−1913) fort. Teile ihrer Familie waren zu dieser Zeit bereits in die USA emigriert. Um 1880 siedelte auch Marie Geist nach St. Paul (Minnesota) über, wo ihre Brüder Joseph M. Geist (?−1897) und Emil Geist (1850/51−1926) lebten. Später folgte auch ihre Schwester, die Orgelspielerin Katie Geist (Lebensdaten unbekannt). 1885 heiratete Marie Geist ihren Manager, den Juwelier und Amateur-Musiker John B. Erd (1864−1914). Die gemeinsame Tochter Senta Erd verh. Cornell (1889−1966) ließ sich nach einem Klavier- und Violinstudium in den USA ab 1916 von Bianca Bianchi in München zur Sopranistin ausbilden und wirkte mit großem Erfolg an Bühnen in Stuttgart, Basel und Zürich. Eine weitere Tochter, die Violinistin Marie Erd, starb im Jahr 1912 im Alter von 23 Jahren.

Erste Auftritte der Musikerin erfolgten im Rahmen von öffentlichen Übungs- und Prüfungskonzerten während des Studiums in Würzburg. Als Solistin trat sie mehrmals in Konservatoriumskonzerten in Erscheinung, u. a. 1875 mit dem Andante aus Goltermanns Violoncellokonzert h-Moll op. 51, 1876 mit Mendelssohns Andante und Presto für Klavier WoO 19 sowie 1877 mit Johan Svendsens Violoncellokonzert D-Dur op. 7. Auch in München lassen sich mehrere Auftritte im Rahmen des Studiums nachweisen. Bei Musikabenden musizierte sie den 1. Satz des Klaviertrios G-Dur op. 1 Nr. 2 von Beethoven (Jan. 1878 mit den Kommilitoninnen Streicher und Mathilde Brehm), C. Matys Abendgesang für Violoncello, Harfe und Orgel (März 1878 mit Frl. Nissl und Hr. Steiner) und ein Klaviertrio in E-Dur von Joseph Haydn (Febr. 1880 mit den Studenten Bollenbach und Closner). In Prüfungskonzerten kamen Carl Schroeders Adagio für Violoncello mit Harfe und Orchester (6. Juli 1878) und Carl Schuberths Romanze op. 9 für Violoncello solo (15. Juli 1879) zur Aufführung. Zuletzt trug sie Goltermanns Violoncellokonzert d-Moll op. 30 bei einem Festkonzert zur Feier des 700-jährigen Jubiläums des Hauses Wittelsbach vor (15. Juli 1880). Noch während ihrer Studienzeit ließ sie sich bereits außerhalb der Musikschule hören. Zu einem Konzert in München 1879 heißt es: „Ein exclusives Damenconcert, veranstaltet von vier vor Kurzem noch der hiesigen Musikschule angehörigen jungen Künstlerinnen, führte mich gestern Abend in den kleinen Saal des Odeons. Fräulein Mathilde Brehm spielte die Violine, Fräulein Geist das gerade nicht sehr weibliche Cello, Fräulein v. Lottner Clavier […]. Von den vorgetragenen elf einzelnen Stücken hebe ich als besonders gelungen das Trio von Jos. Haydn in G mit dem Zigeuner-Rondo heraus, das von den Damen sehr exact und ausdrucksvoll producirt wurde, wenn ich auch nicht verschweigen will, dass das Violoncell den beiden anderen Instrumenten gegenüber zu wenig hörbar wurde“ (AmZ 1879, Sp. 298f.).

Ihre ersten Auftritte in den Vereinigten Staaten erfolgten bereits in einem größeren Rahmen: Anfang Nov. 1880 konzertierte sie in den beliebten Popular Concerts in der Steinway Hall; Ende desselben Monats zeigte sie sich in der Brooklyn Academy of Music neben bekannten MusikerInnen wie der Pianistin Teresa Carreño und der Harfenistin Josephine Chatterton-Bohrer.

Im Frühling 1882 besuchte sie ihre Verwandten in St. Paul, im Juni dieses Jahres debütierte sie im dortigen Athenæum. Zur Aufführung brachte sie u. a. ein Concerto für Violoncello und Orchester von Goltermann, am Klavier eine Gavotte von Joh. Seb. Bach sowie Mendelssohns Andante und Presto WoO 19. Es folgte eine rege Konzerttätigkeit, die jedoch auf Minnesota beschränkt blieb (Ausnahmen waren Milwaukee und New York im Jahr 1882). Der Schwerpunkt ihrer Konzerttätigkeit lag auf dem Violoncello, allerdings sind auch einige Auftritte als Pianistin überliefert: Erwähnenswert sind ihre Auftritte am 23. Apr. 1883 mit dem Capriccio brillant op. 22 von Mendelssohn, im Juli 1883 mit Webers Aufforderung zum Tanz op. 65 und im Aug. 1886 als Begleiterin des Zither- und Hornspielers „Prof. A. S. Habile of the Vienna conservatory“ (St. Paul Daily Globe 8. Aug. 1886) und des Violinisten Mühlenbruch aus St. Paul. Neben eigenen Konzerten und Konzertmitwirkungen tat sich Marie Geist bis 1913 besonders als Mitglied verschiedener Kammermusikformationen und Kooperationen hervor.

 

Mrs. Marie Geist-Erd, Duluth. Fotografie um 1900.

 

Zwischen Okt. 1882 und Jan. 1883 sind Auftritte mit der Lenora Austin Party dokumentiert. Die Gruppe, bestehend aus der zeitweilig berühmten Vortragskünstlerin Lenora Austin, der Sopranistin Etta Hawkins und Marie Geist, konzertierte in weiten Teilen Minnesotas u. a. in Mankato, St. Peter, Faribault, Northfield, Duluth, St. Cloud, Fergus Falls, St. Paul, Grand Forks, Winnipeg, Fargo und Austin. Bei diesen literarisch-musikalischen Abenden spielte Marie Geist meist solistisch Cello und Klavier, begleitete teilweise auch die Gesangsbeiträge. Von einem Konzert im Opera House St. Paul am 14. Dez. 1882 berichtet der „St. Paul Daily Globe“: „The ’cello solos by Miss Geist were the works of an artiste of first-class ability, trained in one of the very best schools of Europe. Her tones upon that noble instrument were full, round and clear. The ‚Fantasie‘ by Hænsel is a selection that is full of difficulties, abounding in double stops and rapid, dangerous staccato passages which were executed with precision and a certain definiteness, that stamped the performer an artiste. In the ‚Mazurka,‘ by Popper she gave her hearers an opportunity to listen to the delicious harmonies that constitute such a charm on the ’cello“ (St. Paul Daily Globe 15. Dez. 1882). Im Jahr 1883 war sie Cellistin in der Janotta Concert Company, die mehrere Konzerte in St. Paul veranstaltete. Weitere MusikerInnen waren u. a. Etta Hawkins und der Pianist Charles G. Titcomb. Mit Titcomb und dem Geiger Paul Stoeving bildete sie zwischen 1885 und 1887 ein Trio und veranstaltete eine Serie an Kammermusikabenden. Einige Male, wie im Winter 1885, wurden Stoeving und Geist um weitere Streicher ergänzt (hier John Holdt und Henry Johns), sodass auch Streichquartette (Mendelssohn, Haydn) auf dem Programm stehen konnten. Mehrmals musizierte sie mit dem Violinisten Carl Riedelsberger, u. a. im Aug. 1899 unter Leitung von Jens Flaaten bei Schumanns Klavierquintett op. 41, Guy B. Williams Klavierquartett in h-Moll op. 12 und im Andante cantabile aus Tschaikowskys Streichquartett op. 11. Von 1899 bis 1905 etablierte Marie Geist-Erd in Duluth (Minnesota), seit 1897 dem neuen Wohnsitz der Familie Erd, eine Kammermusikreihe auf Subskriptionsbasis: Unter dem Namen Beethovian Club, später auch Beethoven Trio präsentierte sie mit dem Violinisten Fred G. Bradbury und dem Pianisten und Komponisten Gerard Tonning in über 15 Konzerten „representative works by Bach, Haydn, Mozart, six trios by Beethoven, Reissiger, Schubert, Marschner, Schumann, Mendelssohn, Goetz, Weber, Wagner, Gade, Bungerb, Widor, Smetana, Schnett, Grieg, Brahms and Arensky“ (Duluth News Tribune 23. Apr. 1905). Noch bis 1913 sind Auftritte in wechselnden weiteren Ensembles belegt. 1915/16 begleitete Marie Geist-Erd ihre Tochter Senta Erd nach New York und von dort nach München. Hier verliert sich ihre Spur.

Während Marie Geist 1882 zunächst noch als Musiklehrerin an Mrs. J. S. Baileys „Academy and Conservatory – Home boarding and Day School“ unterrichtete und daneben als Privatlehrerin für Klavier-, Cello- und Ensembleunterricht inserierte, gründete sie im folgenden Jahr ein eigenes Konservatorium in der 127 West Third Street in St. Paul. Als Unterrichtsfächer wurden Klavier, Orgel, Violoncello, Violine, Zither und Harmonielehre angeboten. Der Unterricht wurde von Marie Geist-Erd und ihrer Schwester Katie Geist („Assistant Teacher“, St. Paul Sunday Globe 20 Apr. 1884) sowie Emma Lawrence (Zither) und Laura W. Hall (Theorie) erteilt. In den Räumen des Konservatoriums fanden auch öffentliche Konzerte statt, die sich wohl vorwiegend an SchülerInnen und Eltern richteten, von denen aber auch die Presse Notiz nahm.

Im Mai 1903 wurde Marie Geist in das Programm-Komitee der Minnesota Music Teachers Association gewählt.

Die Minnesota Historical Society Library in St. Paul besitzt „Press clippings and concert programs of Marie Geist, cellist and pianist, 1875−1905“ sowie das Manuskript einer Biographie Marie Geists, geschrieben von ihrer Tochter Senta Erd. Einige weitere Artikel und Fotografien sind in der Paul und Jean Christian Collection des National Music Museum der University of South Dakota archiviert.

 

LITERATUR

AmZ 1879, Sp. 298f.

The Bemidji Daily Pioneer 13. März 1912

The Daily Republican-Sentinel [Milwaukee/WI] 1882, 17. Nov., 3., 4., 6. Dez.

The Duluth Daily Tribune 1882, 19., 23. Nov.

The Duluth News Tribune 1899, 8. Aug., 24., 27. Sept.; 1902, 20. Mai; 1904, 13. Dez.; 1905, 23., 30. Apr., 18. Mai, 18. Juni; 1906, 7., 9. Apr.; 1909, 23. Juni; 1914, 16., 21., 28. Apr., 5. Mai; 1915, 21. Nov., 7. Dez.

Grand Forks Daily Herald 19. Dez. 1882

The Minneapolis Journal 1903, 9. Mai; 1904, 30. Apr.

Mower County Transcript [Lansing/MN] 24. Jan. 1883

New York Times 28. Nov. 1880

Der Nordstern [St. Cloud/MN] 22. Nov. 1882

The Princeton Union 5. Mai 1904

St. Paul Daily Globe 1882, 12. März, 3. Juni, 12. Juli, 12., 13. Aug., 29. Okt., 29. Nov., 3., 10., 14., 15. Dez.; 1883, 9., 27., 28., 29. Apr., 14., 15., 24. Juni, 1., 2., 13., 22., 27. Juli, 29. Aug., 2. Dez.; 1884, 20. Okt; 1885, 25. März, 28. Mai, 13., 20. Sept., 25., 28. Okt., 5., 29. Nov.; 1886, 1. Juni, 8. Aug., 12. Sept., 31. Okt., 14., 24., 28. Nov., 5. Dez.; 1887, 20. Febr., 3. Apr., 1. Mai; 1894, 24. Febr.; 1895, 27. Aug.; 1896, 22. März; 1897, 14. Sept.; 1902, 11., 18., 25. Mai

The St. Paul Sunday Globe 1883, 22. Apr., 17. Juni; 1884, 20., 27. Apr., 4., 11., 18. Mai, 1., 15., 29. Juni, 12. Okt., 9. Nov., 14., 28. Dez.; 1885, 29. Nov.

The Sunday News Tribune [Duluth/MN] 1897, 1. Aug.; 1898, 27. Nov; 1900, 8. Apr.; 1901, 1. Dez.

Jahresberichte der Königlichen Musikschule Würzburg 1875/76−1877/78.

Jahresberichte der Königlichen Musikschule München 1877/78−1879/80, http://bibliothek.musikhochschule-muenchen.de/, Zugriff am 9. Sept. 2015.

Karl Kliebert, Die Musikschule Würzburg. Ihre Gründung, Entwicklung und Neugestaltung. Denkschrift aus Anlass 100jährigen Bestehens der Anstalt. 1804−1904, Würzburg 1904.

Wilhelm Joseph von Wasielewski, Das Violoncell und seine Geschichte, Leipzig 31925, Repr. Wiesbaden 1968.

Silke Wenzel, „Marie Geist“, in: MUGI. Musik und Gender im Internet, http://mugi.hfmt-hamburg.de/artikel/Marie_Geist, Zugriff am 11. Sept. 2015.

 

Bildnachweis

St. Paul Daily Globe 18. Mai 1902

 

Jannis Wichmann

 

 

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