Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Cubli, Antonia

* um 1726 vermutlich in oder um Venedig, Sterbedaten unbekannt, Violinistin. Im Alter von sechs Jahren wurde Antonia Cubli auf Antrag ihrer Tanten Maddalena und Graziosa in das Ospedale San Lazzaro dei Mendicanti aufgenommen, wo die Tanten angestellt waren. San Lazzaro dei Mendicanti war eines der vier venezianischen Waisenhäuser und Musikkonservatorien für Mädchen.

Da Antonia Cubli, deren Vater vor ihrem sechsten Geburtstag gestorben war, in den ersten drei Jahren nur tagsüber für ihre Geigenstunden ins Ospedale kam und über ihre Mutter nichts bekannt ist, steht zu vermuten, dass das Kind von den Tanten aufgezogen wurde. Erst ab dem 25. Sept. 1736, als das Mädchen in den Coro (das Vokal- und Instrumentalensemble des Ospedale) aufgenommen wurde, zog sie ins Ospedale um, wo sie 47 Jahre lang wohnen sollte. Mit ihrer Ernennung zur Maestra di Coro übernahm sie administrative, musikalische und pädagogische Aufgaben. Damit war sie an der Ausbildung mehrerer Musikerinnen beteiligt, die später europaweit berühmt wurden, darunter die Sängerin Lelia Achiapati und möglicherweise die Geigerin Maddalena Lombardini Sirmen, die ebenfalls bei Giuseppe Tartini (1692−1770) Unterricht hatte. Auch Cubli gilt als Schülerin von Tartini und hatte Lombardini Sirmen vermutlich dazu geraten, Kontakt mit dem Geiger aufzunehmen. 1774 oder 1781 wurde Antonia Cubli zur Priorin ernannt. Sie verließ das Ospedale 1783 im Alter von 56 Jahren, um den 19 Jahre jüngeren Giovanni Battista Merlo zu heiraten.

Der Venezianer Antonio Longo erwähnt 1814 in seiner Autobiographie die Aufnahme einer Bekannten ins Ospedale dei Mendicanti, wo diese „unter der Führung der berühmten Antonia Cubli, die Leiterin dieses Chores war“ (Longo S. 193), ausgebildet wurde.

Der britische Chronist Charles Burney beschreibt seine Besuche der venezianischen Ospedali zwischen 1770 und 1772 und erwähnt dabei besonders ein Konzert im Ospedale dei Mendicanti: „Um mich genauer mit der Einrichtung der Conservatorien bekannt zu machen, und meine hiesigen musikalischen Untersuchungen zu endigen, erhielt ich die Erlaubniß, in die Musikschule der Mendicanti zu kommen, und hörte ein Concert, welches bloß mir zu Gefallen war angestellt worden; es währte zwey Stunden, und die besten Sängerinnen und Spielerinnen waren dabey. Es war wirklich merkwürdig, jede Stimme dieses vortreflichen [sic] Concerts, mit Frauenzimmer so wohl besetzt zu sehen als zu hören, die Violinen, Bratschen, Violonschelle, Flügel, Waldhörner, ja gar den Contraviolon spielten. Die Priorinn [sic], eine schon bejahrte Frau führte sie an; die erste Violine ward von Antonia Cubli von griechischer Herkunft gespielt; den Flügel spielten bald Francesca Rossi, Maestra del Coro, bald aber andre“ (Burney, S. 63).

Die griechische Herkunft erwähnt nur Burney; sie lässt sich anderweitig nicht belegen. Auftritte außerhalb des Ospedale sind nicht nachweisbar, und es war den Bewohnerinnen auch nicht erlaubt, sich außerhalb der Ospedale zu präsentieren; einige Musikerinnen, beispielsweise Maddalena Lombardini Sirmen, begannen eine europaweite musikalische Laufbahn erst nach ihrem Austritt aus dem Ospedale.

 

LITERATUR

Sara Goudar, De Venise. Remarques sur la musique et la danse ou Lettres de M.r G… à Milord Pembroke, Venedig 1773.

Antonio Longo, Memorie della vita di Antonio Longo viniziano, Venedig 1820.

Francesco Caffi, Storia della musica sacra nella già capella ducale di San Marco in Venezia dal 1318 al 1797, Venedig 1854−55, Repr. Hildesheim 1982.

Jane L. Berdes, „Preface“, in: Maddalena Laura Lombardini Sirmen: Three Violin Concertos, hrsg. von ders., Madison 1991, S. XVIII.

Charles Burney, Tagebuch einer musikalischen Reise, dt. von Christoph Daniel Ebeling, Hamburg 1722, Repr. hrsg. von Eberhardt Klemm u. Richard Schaal, Wilhelmshaven 1991.

Caroline Giron-Panel, A l’origine des conservatoires: le modèle des ospedali de Venise, Venedig u. Grenoble 2010.

Caroline Giron-Panel, Gli ospedali: luoghi e reti di socialità femminile, in: Spazi, poteri, diritti delle donne a Venezia in età moderna, hrsg. Anna Bellavitis [u. a.], Verona 2012, S. 291−309.

Maria Rosaria Teni, „Maddalena Laura Lombardini Sirmen e la Venezia del XVIII secolo“, in: InStoria, rivista online di storia & informazioni, www.instoria.it/home/maddalena_laura_lombardini_sirmen_venezia.htm, Zugriff am 27. Febr. 2015.

 

Elisabeth Champollion

 

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