Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Westenholz, Westenholtz, (Eleonore) Sophia, Sophie (Maria), geb. Fritscher

* 10. Juli 1759 in Neubrandenburg, † 4. Okt. 1838 in Ludwigslust, Clavierspielerin, Glasharmonikaspielerin, Klavierlehrerin, Sängerin und Komponistin. Die Tochter des Neubrandenburger Organisten Fritscher (?−1764), erhielt auf Veranlassung des Prinzen Ludwig von Mecklenburg-Schwerin bereits als Zehnjährige für einige Jahre Klavier- und Gesangsunterricht von Johann Wilhelm Hertel (1727−1789). 1775 wurde sie in die Schweriner Hofkapelle des Prinzen aufgenommen. Sophie Fritscher heiratete 1777 den Kapellmeister der Ludwigsluster Hofkapelle, Carl August Friedrich Westenholz (1736−1789), und wurde dort 1779 selbst Mitglied als Sängerin und Pianistin. In den Jahren 1778 bis 1788 bekam sie außerdem acht Kinder. Bis 1821 war sie aktiv an der Gestaltung der Hof- und Kirchenmusik beteiligt und unterrichtete die Töchter des seit 1785 regierenden Herzogs Franz Friedrich I. und der Herzogin Luise im Klavierspiel.

Bereits in den 1780er Jahren war sie überregional als Pianistin bekannt. Ernst Wilhelm Wolf berichtet 1782 enthusiastisch von ihrem pianistischen Können: „Frau Westenholz Manier ist die des großen [C. P. E.] Bach in Hamburg“ (zit. nach Meyer, S. 144). In einer Rezension von sechs Sonatinen, die Wolf Sophie Westenholz gewidmet hatte, rühmt auch Carl Friedrich Cramer die Ausgewogenheit im musikalischen Ausdruck ihres Spiels. Sophie Westenholz konzertierte als Pianistin und auch als Glasharmonikaspielerin insbesondere zwischen 1792 und 1804 in Leipzig, Lübeck, Rostock, Kopenhagen, Schwerin, Hamburg, Hannover, Stettin und Berlin.

Von 1803 bis 1837 verzeichnete Louis Massonneau, Violinist und später Konzertmeister in Ludwigslust, die höfischen Konzerte der Hofkapelle im sogenannten Ludwigsluster Diarium. Daraus geht hervor, dass Westenholz nicht nur Klavierwerke von Mozart, Haydn, Pleyel u. a. zeitgenössischen Komponisten, sondern auch eigene Werke zur Aufführung gebracht hat. Aus dem Diarium lässt sich allerdings nicht ermitteln, welche Konzerte, Sonaten, Trios und Quartette genau gespielt worden sind. Nachdem ihr Mann Carl August Friedrich Westenholz 1789 und dessen Nachfolger Antonio Rosetti 1792 gestorben waren, leitete Sophie Westenholz vom Clavier aus die Hofmusiken. Dies berichten einerseits Gerber und Mendel, es geht außerdem aus einem Schreiben der Pianistin an ihren Dienstherrn hervor. In diesem beschwert sie sich über das Verhalten des Konzertmeisters Louis Massonneau, der sie in ihrer leitenden Funktion behindert habe. Auf ihre Bitte hin dispensierte sie der Herzog von dieser Tätigkeit, sie musste aber weiterhin an den übrigen Konzerten, die regelmäßig im Goldenen Saal des Ludwigsluster Schlosses und im Vorzimmer der Herzogin stattfanden, teilnehmen. Vom 3. März 1813 datiert der letzte Auftritt der Musikerin in Ludwigslust; sie spielte gemeinsam mit ihrem Sohn Carl eine vierhändige Sonate von Mozart.

Sophie Westenholz erhielt für ihre Dienste bei Hof anfänglich jährlich 250 Reichstaler und zuletzt 580 Reichstaler zuzüglich Naturalien in Form von Brennholz, Torf, Kerzen und Unterkunft. Zum Vergleich: Louis Massonneau hatte sich neben den Naturalien einen Jahreslohn von 500 Reichstalern ausgehandelt, später wurden es 700.

1806 veröffentlichte Sophie Westenholz mehrere Werke für Klavier und eine Liedersammlung. Das veröffentlichte Rondo (op. 1), die Variationen (op. 2) und die Sonate für vier Hände (op. 3) wurden in der Kritik kontrovers aufgenommen. Weitere Klavierwerke sind bis heute ungedruckt.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Rondo B-Dur für Pfte. op. 1; Thème avec dix variations A-Dur für Pfte. op. 2; Sonate à quatre mains F-Dur für Pfte. op. 3 (alle veröffentlicht 1806, bei Werckmeister, Berlin); Klaviersonaten in C-Dur, c-Moll, B-Dur, F-Dur, f-Moll; 1 Capriccio und 2 Walzer für Pfte. (alle ungedruckt)

 

LITERATUR

AmZ 1789, Sp. 545; 1799, Sp. 548; 1799/1800, Sp. 859; 1804, Sp. 346, 592f.; 1805/06, Sp. 495, 640

CramerMag 1783, S. 590f., 1255−1259

Freimüthiges Abendblatt 1838, Beilage zu Nr. 1041, Sp. 1012f.

Hamburg und Altona. Eine Zeitschrift zur Geschichte der Zeit, der Sitten und des Geschmacks 1803, S. 121ff.

ReichardtBMZ 1805, S. 191-194; 1806, S. 91f., 155.

Gerber 1, Chor/Fay, Gerber 2, Schilling (Art. Westenholz, Carl August), Gathy, Mendel, Fétis, EitnerQ, MGG 1 (Art. Westenholz, Carl August Friedrich), New Grove 1, Cohen, MGG 2000 (Art. Westenholtz, Familie), GroveW, New Grove 2001 (Art. Westenholz, Familie)

Carl Wilhelm Otto August von Schindel, Die deutschen Schriftstellerinnen des neunzehnten Jahrhunderts, 3 Bde., Bd. 2, Leipzig 1823−25, Repr. Hildesheim [u. a.] 1978.

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig vom 25. November 1781 bis 25. November 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1972.

Josef Sittard, Geschichte des Musik- und Concertwesens in Hamburg vom 14. Jahrhundert bis auf die Gegenwart, Altona u. Leipzig 1890, Repr. Hildesheim u. New York 1971.

Carl Stiehl, Musikgeschichte der Stadt Lübeck, Lübeck 1891.

Clemens Meyer, Geschichte der Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle, Schwerin 1913.

Rudolf Bauer, Rostocks Musikleben im 18. Jahrhundert, Rostock 1938.

Hans Rentzow, Die mecklenburgischen Lieder-Komponisten des 18. Jahrhunderts, Hannover 1938.

Johann Wilhelm Hertel, Autobiographie, hrsg. u. kommentiert von Erich Schenk, Graz u. Köln 1957.

Hans Erdmann, Schwerin als Stadt der Musik, Lübeck 1967.

Heinrich Sievers, Hannoversche Musikgeschichte, 2 Bde., Bd. 1, Tutzing 1979.

Dieter Klett, „Auszug in die Idylle: Die Mecklenburg-Schweriner Hofkapelle in Ludwigslust“, in: Musik in Mecklenburg. Beiträge eines Kolloquiums zur mecklenburgischen Musikgeschichte, hrsg. von Karl Heller [u. a.] (= Studien und Materialien zur Musikwissenschaft 21), Hildesheim 2000, S. 299−313.

Matthew Head, „Sophie Westenholz’s Mozart. Gender, Authorship and Intertextuality in German Fortepiano Culture“, in: Mozart im Blick. Inszenierungen, Bilder und Diskurse, hrsg. von Annette Kreutziger-Herr (= Musik − Kultur − Gender 4), Köln [u. a.] 2007, S. 224−256.

Claudia Schweitzer, „…ist übrigens als Lehrerinn höchst empfehlungswürdig“. Kulturgeschichte der Clavierlehrerin, (= Schriftenreihe des Sophie Drinker Instituts 6), Oldenburg 2008.

 

Ruth Heckmann

 

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