Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Heermann, (Sophie) Helene, verh. Rommel

* 1. Sept. 1845 in Heilbronn, † 1893 in London, Harfenistin. Ihr Vater Carl Ferdinand Heermann (1806-1886) war Kaufmann und Fabrikdirektor in Heilbronn, siedelte 1860 mit seiner Familie nach Mannheim über und ließ sich im Apr. 1863 als vermögender Privatmann in Baden-Baden nieder. Aus seiner zweiten Ehe mit Sophie Albertine geb. Rümelin (1822–1913), die er 1843 geheiratet hatte, gingen vier Kinder hervor. Der Geiger Hugo Heermann (1844–1935), dessen Streichquartette (Heermann-Quartett, Frankfurter Streichquartett, Quartett der Museumsgesellschaft) zwischen 1865 und 1905 zu den bedeutendsten Kammermusikensembles gehörten, wurde 1865 Konzertmeister der Museumsgesellschaft und 1878 Lehrer am Hochschen Konservatorium in Frankfurt a. M.. 1906 bis 1909 leitete er Violinklassen an Hochschulen in Chicago und Cincinatti, ab 1910 am Sternschen Konservatorium und ab 1912 in Genf. Von 1922 an verlebte er seinen Ruhestand in Meran. Nach Helene und Victor (1847–1927) kam 1861 eine zweite Tochter zur Welt, Alexandrine (Sascha) Julie Helene, die sich mit dem Freiherrn von Klitzing, einem preußischen Leutnant, verheiratete. Wenn eine Meldung der Zeitschrift „Signale“ zutrifft, war sie Konzertsängerin und debütierte als Opernsängerin 1891 am Stadttheater Straßburg in der Rolle der Marie im Waffenschmied von Albert Lortzing (Signale 1891, S. 954).

Von einem ersten öffentlichen Auftritt Hugo und Helene Heermanns in Wildbad im Jahr 1855 (Helene war zehn, Hugo elf Jahre alt) berichtet der Bruder in seinen Lebenserinnerungen: „Ohne Zweifel stand unser erstes Auftreten unter einem glücklichen Stern. Unter den Zuhörern befand sich Rossini – der berühmte Maestro weilte damals gerade in Wildbad zur Kur“ und besuchte anschließend die Familie in Heilbronn. Ein Konzert des Geschwisterpaares in Baden-Baden schloss sich an. Während die Familie in Mannheim lebte, trat Helene Heermann dort in einer Musikalischen Akademie unter Leitung von Hermann Levi auf (31. Okt. 1861). Nach der Übersiedelung nach Baden-Baden (Helene war 18 Jahre alt) wurden neue Kontakte geknüpft: Die Familie Heermann, deren Wohnung 1865 in der Lichtentaler Straße 268 lag, also in unmittelbarer Nähe der Familie Schumann (Lichtentaler Allee 14), nahm am kulturellen Leben der Stadt lebhaften Anteil. Clara Schumann war „mir und meiner Schwester Helene in wahrhaft mütterlicher Weise zugetan“ (Heermann, S. 29), die Geschwister verkehrten regelmäßig im Hause Schumann und musizierten öffentlich mit den in der Stadt residierenden MusikerInnen und mit auswärtigen Gästen, Clara Schumann, Pauline Viardot, Aglaja Orgeni, Anna MehligEmma Brandes und im Sommer 1872 auch mit Johannes Brahms. Von 1863 bis 1873 sind in Baden-Baden zahlreiche Auftritte Helene Heermanns belegt, vor allem auch in den Heermann-Brinkmann'schen Soireen, die ihr Bruder zusammen mit dem Frankfurter Kollegen Hermann Brinkmann (1833–1866, zeitweilig Violoncellist im Heermann-Quartett) veranstaltete.

Am 29. Okt. 1863 übernahm Helene Heermann im Leipziger Gewandhaus die Harfenpartie in Ferdinand Hillers Oratorium Lorelei und spielte eine Fantasie über Themen aus Webers Oberon für Harfe solo von Elias Parish Alvars. Ob die 18-Jährige ihre Ausbildung bei Gottlieb Krüger (1824–1895, von 1842 bis 1892 Harfenist im Orchester der Stuttgarter Hofoper) zu diesem Zeitpunkt schon abgeschlossen hatte, ist unklar. Die „Allgemeine musikalische Zeitung“ fand die junge Musikerin „tüchtig“ (AmZ 1863, Sp. 762),während die „Neue Zeitschrift für Musik“ sich verhalten äußerte: „Frl. Heermann […] ermangelt noch der erforderlichen Kraft für den öffentlichen Vortrag, so wie des innern Feuers. Ihr Spiel ist noch zu klein, fast dilettantisch: es entspricht mehr einem Salon, als einem Concertsaale; auch fehlt es demselben an Colorit“ (NZfM 1863 II, S. 162). Die Zeitschrift „Signale für die musikalische Welt“ befand, sie „sei im Besitz einer schon recht anständigen Fertigkeit“, habe aber „noch nicht virtuosen Aplomb und Schick genug, um recht wirken zu können“ (Signale 1863, S. 707). Nachdem sie im folgenden Gewandhauskonzert wiederum im Orchester gespielt hatte (Ouverture triomphale von Heinrich Stiehl), konzertierte sie mit ihrem Bruder am 10. Nov. 1863 in Altenburg, verstärkte das Orchester in Frankfurt a. M. am 20. Nov. 1863 bei Gesang aus Fingal und Der Gärtner von Johannes Brahms und trug im selben Konzert zwei Solo-Kompositionen von Félix Godefroid vor. Über ein Konzert in Bremen am 8. Dez. 1863, bei dem sie gemeinsam mit ihrem Bruder Hugo mitwirkte, schreibt die „Allgemeine musikalische Zeitung“, Helene Heermann habe La danse des Sylphes von Godefroid „recht zierlich und technisch sicher“ vorgetragen (AmZ 1863, Sp. 66).

Eine Konzertreise, die Hugo und Helene Heermann Anfang 1864 nach Paris unternahmen, war zumindest für die Schwester ein uneingeschränkter Erfolg. Nach einem gemeinsamen Konzert im Saal Erard wünscht der Rezensent zwar dem Geiger „un peu plus de fermeté et de chaleur“ („etwas mehr Entschlossenheit und Wärme“; RGM 1864, S. 67), lobt seine Schwester aber ausführlich: „Elle a, dans son jeu, infiniment de grâce, de distinction et de délicatesse. Les qualités charmantes dont elle a fait preuve dans le Rêve et dans les Adieux de Félix Godefroid, ainsi que dans une très-jolie mélodie irlandaise de John Thomas, lui ont conquis tous les suffrages („ihr Spiel ist unendlich anmutig, vornehm und zart. Mit den reizenden Eigenschaften, die sie in Le Rêve und in Les Adieux von Félix Godefroid wie auch in einer sehr hübschen irischen Melodie von John Thomas unter Beweis stellte, hat sie sich ungeteilten Beifall errungen“; ebd.). Auch der deutschen Öffentlichkeit wurde aus Paris durch die Zeitschrift „Signale“ nun mitgeteilt, Helene Heermann spiele „mit Verve und mit Anmuth (Signale 1864, S. 202).

In der Saison 1865/66 konzertierte sie, neben Baden-Baden, in Zweibrücken, Kassel, Bremen, Nürnberg, Heidelberg, Würzburg, Freiburg i. Br. und Frankfurt a. M. sowie am 6. März 1866 am preußischen Hof in Berlin; in der folgenden Saison sind Auftritte in Freiburg i. Br., Basel, Erfurt, Weimar, Düsseldorf, Hamburg und Zofingen nachgewiesen. 1868/69 folgten Karlsruhe, Frankfurt a. M., Augsburg, Salzburg, Wien. Die Saison 1869/70 führte sie nach Halle, Erfurt, Meiningen, Weimar, Berlin, Altenburg, Göttingen, Bremen und Oldenburg.

Größere Reisen unternahm sie mit ihrem Bruder 1870, 1871 und 1873 nach London, wobei im Nov. 1870 auch ein gemeinsames Konzert in Den Haag (Felix Meritis) stattfand. 1871 bis 1874 sind Konzerte in Frankfurt a. M., Altmünster bei Gmunden (wo der ehemalige König Georg V. von Hannover im Exil lebte), Darmstadt, Wiesbaden, Ems, Zürich und Straßburg belegt, bevor die Zeitschrift „Signale“ 1875 meldet: „Fräulein Helene Heermann, die treffliche Harfenvirtuosin, entsagt der öffentlichen Ausübung ihrer Kunst, und wird sich mit Herrn Adolf Rommel in London verheiraten“ (Signale 1875, S. 395). Die Hochzeit mit Christian Friedrich Adolph Rommel fand am 30. Juni 1875 statt.

Die Anerkennung ihrer Spielweise, die sich in den Rezensionen der Parisreise erstmals ausdrückt, wird in vielfachen Varianten wiederholt: Die „Neue Berliner Musikzeitung“ nennt sie eine „Meisterin ihres Instruments, das sie mit eben solcher Kraft als Zartheit und Lieblichkeit behandelte“ (Bock 1866, S. 430) und vier Jahre später „eine recht tüchtige Harfenistin, die durch ihr geschmackvolles, wohl nuancirtes Spiel die Gunst des Publikums schnell zu erringen wusste“ (Bock 1870, S. 27). Die „Neue Zeitschrift für Musik“ bemerkt: „Vollendete Technik, die sich sowohl im zartesten Pianissimo, wie auch in den mit großer Bravour vorgetragenen Fortestellen bewährte, und ein klarer gediegener Vortrag stehen letzterer Künstlerin in reichem Maße zu Gebote“ (NZfM 1870, S. 21). „Unwiderstehlich wusste sie Sinne und Herzen der Zuhörer mit jenem unerklärlichen Zauber zu bestricken, der in den märchenhaften Harfenklängen schlummert, und der, weil er sich nur und allein an das Gefühl wendet, mit anderen musikalischen Eindrücken kaum verglichen werden kann“ (Signale 1870, S. 7).

Dennoch war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Konzertkarriere als Harfenistin mit Schwierigkeiten verbunden. Das Instrument galt vielen als undankbar, und das Repertoire für Soloharfe, mit dem Helene Heermann unterwegs war, beschränkte sich auf wenige Kompositionen: Fantasie über Motive aus Webers Oberon, Fantasie über Motive aus Lucia di Lammermoor von DonizettiKonzertetüde Imitazione della Mandolina, Rondo grazioso und ein Konzert für Harfe und Orchester von Elias Parish Alvars, La danse des Sylphides, Melancolie, La jeune et la vieille, Cascade, Les Adieux und Le rêve von Félix Godefroid, Mélodie irlandaise und Adieu my native country von John Thomas, Fantaisie sur une chanson irlandaise und Concertino für Harfe und Orchester von Karl Oberthür. Die Kritik an den meisten dieser Kompositionen zieht sich wie ein roter Faden durch die Presse von Helene Heermann: „Wir bedauern, dass sich die junge Künstlerin kein wirksameres Stück gewählt hatte; das eben genannte [Oberon-Fantasie von Parish Alvars] ist zu lahm und rhythmisch zu wenig belebt, um vergessen zu machen, dass die Harfe eigentlich kein Concertinstrument ist, namentlich für Solovortrag ohne Begleitung“ (AmZ 1863, Sp. 762); „außerordentlich schwächliche Fantasie von Parish-Alvars über ein Motiv aus ‚Oberon‘“ (Signale 1863, S. 707), „Vortrag zweier abgeschmackter Harfenstückchen“ (AmZ 1867, S. 105). Einer der wenigen, die das Repertoire wohlwollend beurteilten, war der Musikhistoriker Richard Pohl, selbst verheiratet mit der Harfenistin Jeanne geb. Eyth, als er im Baden-Badener Bade-Blatt schrieb: „Frl. Helene Heermann, die jugendliche, talentvolle Harfenvirtuosin,[…] hatte mit dem Vortrag der großen und schwierigen Concert-Etüde von Parish Alvars ‚Imitazione della Mandolina‘, die sie mit virtuoser Technik und vieler Grazie spielte, sich gleichfalls des lebhaftesten Beifalls und Hervorrufs zu erfreuen. Je seltener die Harfe als Concertinstrument ist, desto willkommener ist sie, wenn sie so künstlerisch behandelt wird“ (zit. nach NZfM 1869, S. 275). Eine Erweiterung von Repertoire und Auftrittsmöglichkeiten waren die zahlreichen Konzerte mit ihrem Bruder, die Gelegenheit zur Aufführung Spohrscher Duette für Harfe und Violine gaben, sowie das gelegentliche Zusammenwirken mit ihrem Lehrer Krüger oder Magdalene Reiter zum Harfenduo (Signale 1867, S. 623, 1113). Auch ihre eigene Bearbeitung einer Gavotte von Louis XIII wird der Versuch gewesen sein, das magere Repertoire etwas aufzubessern (NZfM 1873, S. 282, 292).

Eine zusätzliche Möglichkeit, die Karriere einer frei schaffenden Harfenistin über einige Jahre aufrecht zu erhalten, war die Mitwirkung in Orchestern. Nach ihrer ersten Konzertsaison, in der sie im Leipziger Gewandhausorchester und im Orchester der Museumsgesellschaft in Frankfurt a. M. gespielt hatte, wirkte sie in Düsseldorf am 7. Febr. 1867 in Szenen aus Orpheus von Gluck mit und in Bremen am 1. Febr. 1870 in Carl Martin Reinthalers Chorwerk In der Wüste und in Johan Ole Emil Hornemans Ouvertüre zu Aladin. Möglicherweise hat vielerorts das Bedürfnis, auch mit Harfe besetzte Werke aufzuführen, Engagements von Helene Heermann begünstigt.

Die häufigen Bemerkungen über Heermanns „Grazie“ und ihr Aussehen zielen auf die vielfach behauptete Affinität der Harfe zum weiblichen Geschlecht ab. Besonders die Zeitschrift „Signale“ hatte die Neigung, Heermanns professionelle Leistungen durch Hinweis auf ihre optische Wirkung zu relativieren. „Schon die liebliche Erscheinung der jugendlichen Künstlerin neben der romantischen Harfe, inmitten der reich geschmückten Räume, gewährte ein reizendes Bild“ (Signale 1866, S. 542). Eine Hamburger Kritik über Heermanns Mitwirkung im Philharmonischen Konzert am 15. Febr. 1867 kommentiert ihren großen Erfolg mit dem Satz: „Wir wollen es dahingestellt sein lassen, ob die schönen Hände, welche die Saiten rührten, nicht auch ihr gutes Theil daran hatten“ (Signale 1867, S. 270).

Nach ihrer Verheiratung lebte Helene Rommel noch 18 Jahre in London, wo „ihr gastliches Haus […] besonders für die deutsche Künstlerwelt einen anregenden Sammelpunkt“ bildete (Signale 1893, S. 743). Die mehrfachen Erwähnungen einer Familie Rommel in den Briefen der Sängerin Marie Fillunger (Fillunger 2002) könnten sich hierauf beziehen. Demnach wurde Helene Rommels Tochter Minni von Marie Fillunger im Gesang unterrichtet.

 

WERKE

Bearbeitung einer Gavotte von Louis XIII für Harfe solo

 

LITERATUR

AmZ 1863, Sp. 762, 861f.; 1864, Sp. 66, 148f, 331; 1866, S. 195; 1867, S. 105, 187; 1869, S. 158; 1870, S. 143; 1874, Sp. 107

Bock 1863, S. 365, 394; 1864, S. 229; 1866, S. 88; 1869, S. 73, 423, 430; 1870, S. 27, 39, 47, 63, 67; 1871, S. 262; 1872, S. 286; 1873, S. 95

NZfM 1863 II, S. 153, 162, 191; 1864, S. 48, 82; 1865, S, 297f; 1866, S. 168, 170, 222, 403; 1867, S. 195; 1868, S. 141, 446; 1869, S. 59, 251, 275; 1870, S. 11, 21, 40, 77, 249, 266, 465; 1871, S. 201, 310; 1872, S. 367, 415; 1873, S. 282, 292, 302, 419, 514; 1874, S. 8, 40

RGM 1864, S. 67, 117

Signale 1863, S.707, 791; 1864, S.202, 259; 1865, S.548; 1866, S. 40, 379, 382, 444, 542, 913; 1867, 113, 224, 270, 623, 902; 1868, 41, 1869, S. 311; 1870, S.7, 92, S. 108, S.157, S.206, S.534, S.876; 1871, S.502; 1872, S. 663; 1875, S. 395

Hugo Heermann, Lebenserinnerungen, Leipzig 1935.

Brigitte Höft, „Clara Schumann in Baden-Baden“, in: Clara und Robert Schumann in Baden-Baden und Carlsruhe. Ausstellungskatalog, hrsg. von Ute Reimann u. Joachim Draheim, Baden-Baden 1994, S. 17–61.

Ute Lange-Brachmann u. Joachim Draheim (Hrsg.), Pauline Viardot in Baden-Baden und Karlsruhe, Baden-Baden 1999.

[Marie Fillunger,] Mit 1000 Küssen Deine Fillu. Briefe der Sängerin Marie Fillunger an Eugenie Schumann 1875–93, hrsg. von Eva Rieger unter Mitarbeit von Rosemary Hilmar, Köln 2002.

Jürg Arnold, Adolf Otto (1827–1898), Rechtsanwalt in Heilbronn, Wirtschaftsbürger (Gasfabrik, Ziegelei, Böckingen), Mitglied des Landesvorstands der Nationalliberalen Partei, in: Zeitschrift für Württembergische Landesgeschichte 2007, S. 325–392.

 

Bildnachweis

Hugo Heermann, S. 57.

 

Freia Hoffmann

 

© 2010 Freia Hoffmann