Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Kinkel, Johanna, geb. Mockel, gesch. Mathieux, Matthieux

* 8. Juli 1810 in Bonn, † 15 Nov. 1858 in London, Pianistin, Komponistin, Klavierlehrerin, Dirigentin und Schriftstellerin. Ihr Vater war ein Gesangs- und Gymnasiallehrer namens Peter Joseph Mockel (1781–1860), ihre Mutter war Anna Maria Marianna, geb. Lamm. Gegen den anfänglichen Widerstand der streng katholischen, konservativen Eltern erhielt sie mit zwölf Jahren Klavierunterricht bei Franz Anton Ries (1755–1846), einem ehemaligen Lehrer Beethovens. In Bonn gab es zu dieser Zeit kein organisiertes Musikleben und kaum ein musik-pädagogisches Angebot. Über den Klavierunterricht ihres Lehrers schreibt Johanna Kinkel später: „Ich bin in einem orthodoxen Lager aufgewachsen und hatte das Glück, daß derselbe Mann, der in seiner Jugend den Knaben Beethoven unterrichtet hat, in seinem späten Greisenalter mein Lehrer ward. Was Wunder, daß mir seit meiner Kindheit der Name Beethoven als musikalischer Gott und Rossini als Antichrist vor der Seele stand“ (zit. nach Weissweiler, S. 227). In der Nachfolge Franz Anton Ries’ wurde Johanna Mockel im Alter von 19 Jahren Leiterin des Bonner Musikkränzchens. Mit 22 Jahren heiratete sie den Musikalien- und Buchhändler Johann Paul Mathieux (1803–?) in Köln, von dem sie sich jedoch bereits nach einem halben Jahr wieder trennte. Zur Scheidung, auf die Johanna Kinkel drängte, kam es jedoch erst viele Jahre später, da sich ihr Ehemann widersetzte. Als Grund für die Trennung führt Joseph Joesten an: „Johanna war damals noch keine Hausfrau, setzte ungern den Fuß in die Küche und spielte den ganzen Tag Klavier. Als der junge Ehemann eines Tags in einer Anwandlung von Zorn ihr Notenheft aus dem Fenster warf, stand sie kaltblütig auf, ging zu Fuß zu ihren Eltern nach Bonn und ließ die Ehe trennen“ (Joesten, S. 68f.). Ein ärztliches Attest, welches im Zusammenhang mit ihrer Scheidung zum Einsatz kam, bescheinigt jedoch, dass Johanna Mathieux von ihrem Ehemann körperlich und psychisch misshandelt wurde.

Zurück in Bonn, baute Johanna Mathieux den Bonner Gesangverein weiter auf. 1834 wirkte sie dort als Chordirigentin und veranstaltete Konzert- und Theater-aufführungen zu wohltätigen Zwecken. 1836 spielte sie in Frankfurt a. M. vor Felix Mendelssohn Bartholdy Werke von Joh. Seb. Bach und Beethoven mit großem Erfolg: „Mendelssohn sagte mir darüber, auch über meine Weise, Beethoven vorzutragen, viel Ermutigendes“ (zit. nach Kaufmann 1930, S. 293). Durch Mendelssohn lernte sie Ferdinand Hiller kennen, der sie ebenfalls sehr lobte, als sie ihm auf seine Bitte hin etwas vorspielte. Durch den Zuspruch bekräftigt, beschloss Johanna Mathieux, nach Berlin zu gehen, um sich musikalisch gründlicher weiterzubilden, als es in Bonn möglich gewesen wäre. Durch eine Ausbildung zur Pianistin und Klavierlehrerin hoffte sie, „einen Ersatz für den eigentlichen Lebensberuf des Weibes“ (Kinkel 1894, S. 348) zu finden.

In Berlin hatte sie Klavierunterricht bei Wilhelm Taubert (1811–1891) und studierte Komposition bei Kapellmeister Karl Böhmer (1799–1884). Nach einigen Startschwierigkeiten gelang es ihr, ihren Aufenthalt durch Klavierunterricht zu finanzieren und in künstlerisch-literarischen Kreisen Aufnahme zu finden. „Man hatte bald erkannt, daß Johanna eine selten talentvolle Lehrerin war, deren Unterricht anregte, fesselte und fortriß, und eine ganze Reihe Berliner Schülerinnen, Deutsche und Engländerinnen, sangen ihr Loblied“ (Harzen-Müller, S. 130). Sie freundete sich mit der Dichterin und Komponistin Bettina von Arnim an und unterrichtete deren Töchter in Gesang und Klavierspiel. Johanna Mathieux wirkte im Hause Arnim bei einem literarisch-musikalischen Zirkel mit, in dem auch Musik- und Theaterstücke aus ihrer Feder zur Aufführung kamen. Bald erhielt sie Zutritt zu den großbürgerlichen Sonntagsmusiken Fanny Hensels und Emilie von Hennings. Im Rahmen der Sonntagsmusiken der Familie Mendelssohn-Hensel trug Johanna Mathieux allein oder zusammen mit Fanny Hensel Klavierstücke vor. Wie aus ihren Memoiren hervorgeht, war Fanny Hensel ihr Vorbild als Dirigentin. Sie komponierte viel und veröffentlichte ein Liederheft. 1837 schloss sie sich der Familie von Henning auf einer Reise nach Thüringen an, um der in Berlin grassierenden Cholera zu entgehen. Ihrer Schülerin Maximiliane von Arnim, einer Tochter Bettina von Arnims, schrieb sie in einem Reisebericht: „Alle Kirchenorgeln der Umgegend habe ich probiert und Bachs Fugen darauf gespielt; Sie werden froh sein, daß Sie das nicht anzuhören brauchten“ (zit. nach Kaufmann 1832, S. 265). Eine Gruppe aufdringlicher Soldaten, auf die sie im Gasthaus traf, vertrieb sie mit einem „Thema […] ‚Maria Theresia, zieh nicht in den Krieg’, u. variirte es auf das Langweiligste in Dur u. in Moll, bis sie alle davon liefen; darauf habe ich mich satt gechopint“ (zit. nach Kaufmann 1832, S. 266). Zurück in Berlin, unterrichtete sie weiter.

Ihre Mutter schrieb im Apr. 1838 besorgt: „Daß Du uns neulich mitteilst, Du gäbest 26 Stunden die Woche, machte mich sehr traurig, ich weiß, was Du aushalten kannst“ (zit. nach Kaufmann 1931, S. 48). Ihr Repertoire, welches bis dahin auf Alte Musik beschränkt war, erweiterte sich durch die vielfältigen Berliner Einflüsse nach und nach und reichte von Barockmusik bis zu Mendelssohn und Chopin. Bis 1839 blieb sie in Berlin, dann erklärte sich ihr Ehemann endlich zur Scheidung bereit, woraufhin sie nach Bonn zurückkehrte.

In Bonn war sie wieder als Chorleiterin und Dirigentin tätig. Sie komponierte mehrere Lieder und eine Operette, unterrichtete Gesang und Klavier und gab Konzerte „für die Armen Bonns“ (Harzen-Müller, S. 130). Ihr erstes Konzert dieser Art leitete sie 1839 ein „mit einer Fuge in e-moll von Joh. Seb. Bach, spielte im Laufe desselben eine Sonate von Beethoven und ein Capriccio von Mendelssohn und dirigierte einige Szenen aus Gluck’s ‚Orpheus und Eurydike’, den Schluß bildete ein Quartett und Chor von Vincenzo Righini“ (ebd., S. 130f.). Der Musikverein führte unter ihrer Leitung u. a. Opern von Spohr, Marschner und Weber auf.

Neben Klavier- und Gesangsunterricht gab sie auch Unterricht in Generalbass, Kontrapunkt und Musikgeschichte. Einer ihrer Schüler war der später als Komponist bekannt gewordene Emil Naumann (1827–1888). Sie plante, nach der Abwicklung ihrer Scheidung nach Berlin zurück zu kehren, um dort ihre musikalische Karriere weiter auszubauen, denn in Bonn sah sie hierfür wenige Entwicklungsmöglichkeiten. Ihre Familie versuchte sie davon abzubringen, Johanna Kinkel aber schrieb am 8. Dez. 1839 an ihre Freundin Emilie, „daß es unmöglich bloß das Privilegium des Mannes sein könne, den Beruf, den er sich einmal erwählt, als das wichtigste anzusehen und seiner Kunst oder Wissenschaft die Familienrücksichten unterzuordnen. Ich, wenn schon Frau, habe wenig Freude vom Häuslichen gehabt, nur Druck und Tyrannei. Mein halbes Leben ist verkümmert worden, den Rest will ich der eigenen Neigung preisgeben“ (zit. nach Goslich, S. 193). Anfang 1840 wurde endlich die Scheidung vollzogen. Nachdem ihre Schüler und deren Eltern sie drängten, Bonn nicht zu verlassen, entschied sie sich zu bleiben, obwohl sie sich „als Künstlerin […] so gut wie todtgeschlagen“ (zit. nach Goslich, S. 196) sah.

Am 22. Mai 1843 heiratete sie den Theologen und Schriftsteller Gottfried Kinkel (1815–1882). 1844 erweiterte sie den Bonner Gesangverein aus ihrem Schüler- und Freundeskreis zu einem „Musikalischen Verein“, in dem auch Pianisten und Komponisten Mitglied wurden und musizierten, und den „die Bonn durchreisenden Künstler ebenso gerne aufsuchten wie musikliebende Fürstlichkeiten“ (Harzen-Müller, S. 143). 1848 löste sich der Musikverein in den Wirren der Revolution auf. Johanna Kinkel gebar zwischen 1844 und 1848 vier Kinder: Gottfried (1844–1891), Johanna (1845–1863), Adelheid, später verh. von Asten (1846–1928) und Hermann (1848–1897). 1845 – sie hatte bereits zwei Kinder, von denen eines schwer erkrankt war – beklagte Johanna Kinkel gegenüber Laura von Henning die anstrengende Arbeit als Hausfrau und Mutter: „Musik bekomme ich gar keine mehr zu hören. Mein Flügel dient nur noch, um frischgebügelte Windeln darauf zu trocknen. […] Könnte ich jetzt meiner dümmsten Schülerin Stunde geben und ein Stückchen von Wanhal zu vier Händen spielen, es würde mir eine Erquickung sein“ (zit. nach Schmidt, S. 46). Gottfried Kinkel wurde 1847 zum Abgeordneten der Demokraten gewählt und ging nach Berlin, während seine Frau die Redaktion der „Neuen Bonner Zeitung“ übernahm. Sie schrieb politische Artikel, die aufgrund ihrer revolutionären Inhalte auf Empörung stießen. Sie verlor viele ihrer Musik-schülerInnen, vermutlich aufgrund ihrer freiheitlich-demokratischen Gesinnung sowie der politischen Tätigkeiten ihres Mannes. 1849 wurde Gottfried Kinkel wegen seiner revolutionären Ansichten verhaftet und zum Tode verurteilt. Johanna Kinkel musste für den Lebensunterhalt der Familie alleine sorgen. „Sie gab Musikunterricht von früh bis spät. Ein paar Mal in der Woche fuhr sie nach Köln, um auch dort Unterricht zu ertheilen“ schreibt ihre Freundin Fanny Lewald, die ihr in dieser Zeit einen Besuch abstattete (Lewald, S. 4). 1851 konnte Gottfried Kinkel aus der Haft entfliehen und ging ins Exil nach London, wohin ihm Johanna und die Kinder etwas später folgten.

1852 beschrieb sie in einem Brief an ihre Freundin Auguste H. in Bonn, wie sehr London von Klavierspielern „überströmt ist“ (zit. nach v. Asten, S. 76). Aus ihrer Schilderung wird deutlich, dass PianistInnen für ihre Konzerte keine Eintrittsgelder verlangen konnten, sondern im Gegenteil froh waren, wenn überhaupt ZuhörerInnen kamen, da sie nur auf diese Weise um SchülerInnen werben konnten. Zwar schreibt Kaufmann über Johanna Kinkel: „Ihr meisterhaftes Klavierspiel öffnete die Salons der englischen Gesellschaft“ (Kaufmann 1931, S. 66), ein Brief der Pianistin an Kathinka Zitz vom 31. Mai 1854 entwirft jedoch ein etwas anderes Bild. Hier klagt sie über die große Konkurrenz unter den Musikpädagogen in London: „Um Schüler zu bekommen, muß man nachts auch in Gesellschaften spielen. Dies war mir das Allersauerste, und so stellte ich es ein, sobald ich glaubte, bekannt genug in meinem Kreise zu sein. Das geht aber in London nicht. Man darf nie vom Schauplatz seiner Tätigkeit auch nur momentan verschwinden, will man nicht gleich verdrängt und vergessen sein“ (zit. nach Leppla, S. 52). Im Briefwechsel mit ihrer Freundin Fanny Lewald führt sie aus, wie hart sie und ihr Mann arbeiteten, um zu überleben. 1856 schreibt sie dann: „Endlich nach jahrelanger Noth und Plage ist es uns gelungen, Schüler genug zu finden, um von dem Ertrag unserer Stunden die Bedürfnisse unserer Familie zu bestreiten“ (zit. nach Lewald, S. 21). Da Johanna Kinkel zunehmend gesundheitlich angeschlagen war, beschränkte sie sich auf vier Stunden Unterricht pro Tag, während ihr Mann bis in die Nacht hinein arbeitete. Ihre Idee, Vorlesungen über Musik zu halten, fand zunächst keinen Anklang. „Will man als Ausländer in London das nackte Leben machen, so muß man sich demüthig zu der nämlichen Arbeit entschließen, die ein Dorffschulmeister grade auch thun kann. Dasjenige […] von klassischer Musik-Beförderung, das wir Beide betreiben, thun wir hauptsächlich um des inneren Triebes willen. Unser Brod giebt uns das A-B-C und die Tonleiter“ (zit. nach Lewald, S. 24). In ihren letzten Lebensjahren konnte sie ihren Wunsch aber verwirklichen: Sie hielt Vorträge über Beethoven, Mozart und Mendelssohn, über Harmonielehre und Musikästhetik. 1857 erlitt sie einen Herzanfall, den sie nur knapp überlebte, 1858 kam eine Bronchitis hinzu. Im selben Jahr fand sie den Tod durch einen Fenstersturz aus ungeklärter Ursache.

Johanna Kinkel wird in allen zeitgenössischen Schriften als eine körperlich unattraktive Frau beschrieben, die jedoch durch ihre Geistesgaben imponierte. „Sie besaß einen entschiedenen, fast männlichen Willen“ (Kaufmann 1930, S. 290) „Mit einer gründlichen, fast männlichen Bildung vereinigte sie einen starken Mangel an weiblicher Anmut“ (Joesten, S. 68). Berufstätigkeit war für Johanna Kinkel selbstverständlich, und sie setzte sich mit diesem Weg nicht nur gegen ihre Eltern und ihren ersten Mann durch, sondern auch gegen die gängigen Geschlechter-Konventionen ihrer Zeit. So verwundert es nicht, wenn immer wieder ihre ‚männlichen' Eigenschaften erwähnt werden. Gleichzeitig wird besonders betont, dass Johanna „nicht nur künstlerische Regisseuse und ausübende Künstlerin und gewandte Repräsentantin [war], sondern auch als tüchtige Hausfrau voll Fleiß und Ordnung“ agierte (Harzen-Müller, S. 143). „Vormittags gab sie gewöhnlich Gesang- und Klavierstunden und Harmonie­un­ter­richt, kam dann ihren Hausfrauenpflichten und der Kinderbesorgung nach und sah fast jeden Abend Freunde des Hauses bei sich“ (ebd., S. 143). „Johanna Kinkel war ein leuchtendes Beispiel dafür, daß auch das Weib eine unerschrockene Kämpferin für Wahrheit und Recht und unermüdlich tätig sein kann auf den höchsten Gebieten künstlerischen Schaffens, dabei aber nicht nur jede Pflicht des häuslichen Lebens als Gattin und als Mutter in edelster Weise erfüllen, sondern sogar noch für den materiellen Unterhalt der Familie sorgen und beitragen kann“ (ebd., S. 145).

Als Pianistin wurde sie überall geschätzt: „Sie hatte eine ungemein gründliche musikalische Bildung genossen und spielte das Klavier mit Meisterschaft. Ich habe Beethovensche und Chopinsche Kompositionen selten so vollendet wiedergeben hören wie von ihr. Man konnte von ihr sagen, daß sie die Grenzlinie, die den Dilettantismus von der wahren Künstlerschaft scheidet, weit überschritten hatte“ (Schurz, S. 105). Als Musikpädagogin war sie ebenfalls hoch angesehen. Ihre musikpädagogische Schrift „Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht richtet sich an „musikalisch gebildete Mütter […,] die […] beim Mangel eines tüchtigen Clavierlehrers genöhtigt sind, den Unterricht ihrer Kinder in diesem Fach selbst zu leiten oder zu überwachen“  (Kinkel 1852, S. III). Hier setzt sie sich unter anderem für einen Einbezug von Musiktheorie in die Klavierausbildung ein. Theoretische Kenntnisse über den Generalbass sollen dabei sogleich auf dem Klavier in die Praxis umgesetzt werden, die Mädchen sollen schrittweise Akkorde kennen und verstehen lernen und darüber kleine Stücke komponieren. Johanna Kinkel erkennt jedoch die Grenzen einer Klavier-Ausbildung von Mädchen an: „Aber der Lehrer darf nicht außer Acht lassen, welchen Schnitt in alles Lernen der Frauen die Heirath macht. Diese Rücksicht allein schon macht es nöthig, für Dilettantinnen bestimmte Stufen anzuordnen, auf denen es möglich ist, sich so festzustellen, daß sie im Laufe des Lebens das Erlernte nicht mehr verlieren können“ (Kinkel 1852, S. 63).

Johanna Kinkel gehörte zu den Pionierinnen der Frauenbewegung des 19. Jahrhunderts. Zeitlebens kritisierte sie die gängigen Geschlechterrollen und reflektierte die Problematik der weiblichen Musikerziehung. So kritisierte sie u. a. die massenweise und oberflächliche Musikerziehung vieler Mädchen auf Kosten einer intellektuellen Förderung: „Wie nothwendig bedürften viele Frauen dieser Kunst der edleren Conversation, die den klaren Blick über alle Zustände schärft! Statt dessen sitzen sie schweigend mit ihren Strickzeugen in der Gesellschaft, und lassen die Musik nur eben auf ihre Sinne wirken, um des Denkens enthoben zu sein“ (ebd., S. 40f.). Dass so viele Mädchen – auch ohne musikalische Begabung oder Interesse – das Klavierspiel erlernten, entsprang nach Kinkel einer „bloßen Modesucht“ (ebd., S. 44). Sie beklagte, „daß singende und clavierspielende Mädchen sich vor ihren nicht musicirenden Schwestern eines ungerechten Vorzugs erfreuen.Sie werden schon in frühester Jugend in größere Kreise gezogen, mehr beachtet, und verheirathen sich eher als andere, deren Eigenschaften unbemerkt bleiben“ (ebd., S. 43).

In einem Brief an ihre ehemalige Klavierschülerin Laura von Henning, die zu dieser Zeit bereits selbst unterrichtete, gibt Johanna Kinkel methodisch-didaktische Hinweise, die auf ihren Unterrichtsstil schließen lassen: Wichtig war ihr, die SchülerInnen nicht zu langweilen, sie zu motivieren und das Interesse wach zu halten, nie zuviel zu kritisieren, wohl aber häufig zu loben. Sie rät, vor allem bei faulen SchülerInnen, die Stunde abwechslungsreich zu gestalten, und regelmäßig auch „ein Stückchen rein zum Spaß“ (zit. nach Goslich, S. 404) zu spielen, denn es „ist am Ende dem armen Würmchen auch zu gönnen und belebt ihre [sic] Lust an der Sache wieder“ (ebd.).

Johanna Kinkel komponierte zwei Klavierwerke sowie einige Lieder, in denen sie neben eigenen Texten auch Texte von Goethe, Heine u. a. vertonte.

 

SCHRIFTEN

Anleitung zum Singen. Übungen und Liedchen für Kinder von 3–7 Jahren, Mainz 1849, 1852 ins Englische übersetzt

Acht Briefe an eine Freundin über Clavier-Unterricht, Stuttgart u. Tübingen 1852

Tonleitern und Solfeggien für Altstimme mit Pianofortebegleitung, Mainz 1852, 1854 ins Englische übersetzt

Friedrich Chopin als Komponist, 1855

 

LITERATUR

„Briefe von Johanna Kinkel“, hrsg. von Marie Goslich, in: Preußische Jahrbücher Bd. 97, Juli bis Sept. 1899, H. 2, S. 185–222; H. 3, S. 398–433.

„Johanna und Gottfried Kinkels Briefe an Kathinka Zitz 1849–1861“, hrsg. v. Rupprecht Leppla, in: Bonner Geschichtsblätter 12 (1958), S. 7–82.

Johanna Kinkel, „Erinnerungsblätter“, in: Deutsche Revue über das gesamte nationale Leben der Gegenwart, hrsg. von Richard Fleischer, Stuttgart 1894, Bd. 2, S. 81–99, 200–209, 337–347, Bd. 3, 74–86, 203–212, 341–359.

Morgenpost [Wien], 26. Nov. 1858

Signale 1852, S. 429; 1858, S. 428

Schla/Bern, Ledebur, Mendel, Cohen, MGG 2000, New Grove 2001

Fanny Lewald, Zwölf Bilder nach dem Leben, Berlin 1888.

Fanny Mendelssohn, Italienisches Tagebuch, hrsg. von Eva Weissweiler, Frankfurt a. M. 1982.

Joseph Joesten, Litterarisches Leben am Rhein. Zwei Studien, Leipzig 1899.

Adeline Ritterhaus, „Felix Mendelssohn und Johanna Kinkel. Ungedruckte Tagebuchblätter und Briefe“, in: Neue Freie Presse 19. Apr. 1900, S. 1–4.

Adelheid von Asten, „Johanna Kinkel in England“, in: Deutsche Revue. Eine Monatsschrift I (1901), S.65–80; 178–192.

Carl Schurz, Lebenserinnerungen, 3 Bde., Berlin 1906, 1907 u. 1912.

A. N. Harzen-Müller, „Johanna Kinkel als Musikerin“, in: NZfM 13 u. 14 (1910), S. 129–132, 143–146.

Paul Kaufmann, „Johanna Kinkel. Neue Beiträge zu ihrem Lebensbild“, in: Preußische Jahrbücher Bd. 221 (1930), S. 290–304, Bd. 222 (1931), S. 48–67.

Paul Kaufmann, „Noch einmal auf Johanna Kinkels Spuren“, in: Preußische Jahrbücher Bd. 229 (1932), S. 263–268.

Marianne Bröcker, „Johanna Kinkels schriftstellerische und musikpädagogische Tätigkeit“, in: Bonner Geschichtsblätter 29 (1977), S. 37–48.

Blanche Kommerell, „Von der Geschichte ausgeschlossen. Die Komponistin Johanna Mockel-Matthieux-Kinkel“, in: Musik und Gesellschaft 3 (1988), S. 121–123.

Klaus Schmidt, Gerechtigkeit – das Brot des Volkes. Johanna und Gottfried Kinkel. Eine Biographie, Stuttgart 1996.

Eva Weissweiler, Komponistinnen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, München 1999.

Cathleen Köckritz, Friedrich Wieck. Studien zur Biographie und zur Klavierpädagogik, Hildesheim 2007.

Monica Klaus, Johanna Kinkel. Romantik und Revolution (= Europäische Komponistinnen 7), Köln [u. a.] 2008.

Monica Klaus, ...Daß ich zu trotzen gewußt immer dem Hasse der Welt.' Johanna Kinkel zum 200. Geburtstag", in: VivaVoce 87 (2010), S. 12–15.

 

Bildnachweis

Johanna Kinkel, unbekannter Maler, um 1840, http://www2.bonn.de/stadtmuseum/inhalte/raum06.htm, Zugriff am 11.Juli 2008.

Johanna Kinkel, Daguerreotypie, http://www.klassika.info/Komponisten/Kinkel_Johanna/index.html, Zugriff am 11. Juli 2008.

 

Anja Herold

 

© 2009 Freia Hoffmann