Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Müllner-Gollenhofer, (Maria) Josepha, Josephine, geb. Müllner, Milner, Müller

Get. 21. Jan. 1768 in Wien, † 19. Jan. 1843 ebd., Harfenistin, Harfenlehrerin und Komponistin. Sie war die Tochter des Schuhmachermeisters Karl Müllner und dessen Frau Elisabeth. Ihren ersten Harfenunterricht erhielt sie im Alter von sieben Jahren von einer älteren Dame, die im Gartenhaus ihrer Eltern zur Miete wohnte. Nach kurzer Zeit konnte sie deren Repertoire, das aus 27 Harfenstücken bestand, auswendig spielen. Daraufhin erhielt sie drei Jahre lang kostenlosen Unterricht bei dem Harfenlehrer Franz Bierfreund, einem älteren Musiker und Freund der Familie.

Bereits nach dem ersten Unterrichtsjahr trat Josepha Müllner in einem Konzert in der Gumpendorfer Kirche in Wien auf. Von diesem Zeitpunkt an wurde sie regelmäßig zu Kirchenfesten und Hausakademien eingeladen. Bei einer dieser Gelegenheiten war Joseph II. zugegen und von ihrem Spiel so angetan, dass er sie bis zu seinem Tod förderte. Er schenkte ihr eine kostbare Pedalharfe und ließ sie 1780 im Burgtheater konzertieren. Fortan wurde sie regelmäßig als Harfenistin im Orchester des Theaters eingesetzt, spielte in Konzerten zu wohltätigen Zwecken und erteilte ihren ersten Harfenunterricht. Im Jahre 1789 gab ihr Joseph II. die Gelegenheit, gemeinsam mit ihrer Mutter ihre erste Konzertreise durch Italien zu unternehmen, für die er ihr ein Empfehlungsschreiben mitgab. Sie konzertierte mit großem Erfolg in Venedig, Padua, Vicenza, Mailand, Parma und Innsbruck. Nach dem Tode Joseph II. wurde sie von Kaiser Franz I. protegiert. Er übertrug ihr u. a. die Aufgabe, die Erzherzoginnen und seine zweite Ehefrau, die Kaiserin Maria Theresia (von Neapel-Sizilien), im Harfenspiel zu unterrichten. Darüber hinaus gab sie jährlich ein Konzert im Burgtheater. 1797/98 unternahm sie eine 14-monatige Konzertreise. Zunächst ließ sie sich in Brünn und Prag hören, dann in Dresden, Leipzig, Weimar, Dessau, Gotha, Offenbach, Frankfurt a. M., Berlin, nochmals in Dresden und zuletzt in Prag. Wieder zurück in Wien, wurde sie am k.k. Hoftheater als Harfenvirtuosin angestellt. 1808 heiratete sie den Leutnant Georg Gollenhofer (1780–1847). 1811 wurde ihr der Titel einer k.k. Hof-Harfenmeisterinn und Kammer-Virtuosin verliehen, und sie erhielt – als einzige Instrumentalistin – eine feste Anstellung als Solospielerin am Hoftheater, die sie von 1811 bis 1823 innehatte. Laut Österreichischem Musiklexikon (2004) soll sie auch von 1824 bis 1841 „Harfenmeisterin an der Hofkapelle“ gewesen sein. Allerdings wird sie schon 1832 im „Verzeichnis der Pensionisten im Bezirke der k.k. Hof und Burgpfarre im Jahre 1932/3“ mit einem Gnadengehalt von 200 Gulden aufgeführt (Haus, Hof- und Staatsarchiv Am Minoritenplatz, Wien).

Als Lehrerin genoß Josepha Müllner-Gollenhofer, die seit ihrer Kindheit unterrichtete, einen ausgezeichneten Ruf. Neben den Adeligen des Wiener Hofes zählte auch die Harfenistin Karoline Schonz zu ihren Schülerinnen. In öffentlichen Konzerten schloss sie sich mit ihren Schülerinnen gelegentlich zu einem Harfen-Sextett zusammen.

Auch als Komponistin machte sich Josepha Müllner-Gollenhofer einen Namen. Neben Werken für ihr Instrument, die sie in ihren Konzerten vortrug, schrieb sie u. a. eine Oper (Der heimliche Bund), zu der sie selbst das Libretto verfasst hatte. 1840 erkrankte sie an Brustkrebs. Sie starb drei Jahre später, nachdem eine Operation erfolglos geblieben war.

Während ihrer gesamten Laufbahn erhielt sie euphorische Kritiken. „Sie entlockte, als sie über ein Wiener von ihr selbst komponiertes Volkslied sich ganz der Fantasie überließ, ihrem Instrumente die reinsten Silbertöne […]. In Weimar spielte sie […] ohne Noten vor sich zu haben, mit bewundernswürdiger Richtigkeit und Delikatesse, fantasirte Viertelstunden lang meisterlich, und sang zu ihrem so vortrefflichen Spiele“ (Gerber 2). „Selbst die alles zerstörende Zeit konnte auf die solide Virtuosität dieser seit mehr als 20 Jahren geachteten Künstlerin nicht nachtheilig einwirken“ (AmZ 1826, Sp. 217).

Für Josepha Müllner-Gollenhofer wurden mehrere Werke komponiert. Johann Baptist Schenk, ein Wiener Singspielkomponist, widmete ihr vier Konzerte für die Pedalharfe mit Orchester (1784–1788). Als sie in Dresden gastierte, arrangierte Johann Naumann einen Chor aus seinem Oratorium Die Pilgrime am Grabe Christi für vier Singstimmen, Blasinstrumente und Harfe und widmete ihr diese Komposition. Beethoven fügte seinem Ballett Die Geschöpfe des Prometheus, das 1801 als Huldigung für die österreichische Kaiserin in Wien aufgeführt wurde, eigens für Josepha Müllner-Gollenhofer eine Harfenpartie hinzu.

 

WERKE FÜR HARFE

14 deutsche Lieder mit Melodien zum Clavier und zur Pedalharfe

Phantasien, Variationen, Potpourris

Melodramatische Begleitungen zu mehreren Gedichten, darunter der Die Braut von Messina und der Monolog der Jungfrau von Orleans (Schiller)

 

LITERATUR

AmZ 1803/4, Sp. 420, Int.-Bl. Sp. 42; 1804, Sp. 621; 1804/05, nach Sp. 524, Int.-Bl. Sp. 39; 1808, Sp. 539 f.; 1811, Sp. 294, 428; 1815, Sp. 122; 1817, Sp. 63, 294; 1818, Sp. 295; 1824, Sp. 345; 1826 Sp. 217

Offenbacher AmZ 1827/28, Sp. 294

Wiener AmZ 1817, S. 266

Wiener Zeitung 9. März 1843, Sp. 517f.

Schönfeld, Gerber 2, Dlabacz, Gathy, Schilling, Gaßner, Schla/Bern, Wurzbach, Mendel, Paul, Fétis, Cohen, OeML

Carl Ferdinand Pohl, Denkschrift aus Anlaß des hundertjährigen Bestehens der Tonkünstler-Societät, Wien 1871.

Alfred Dörffel, Geschichte der Gewandhausconcerte zu Leipzig: vom 25. Nov. 1781 bis 25. Nov. 1881, Leipzig 1884, Repr. Walluf bei Wiesbaden 1972.

Ludwig Ritter von Köchel, Die kaiserliche Hof-Musikkapelle in Wien von 1543–1867, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1976.

Eduard Hanslick, Geschichte des Concertwesens in Wien, 2 Bde., Bd. 1, Wien 1869, Repr. Hildesheim [u. a.] 1979.

Clemens M. Gruber, Nicht nur Mozarts Rivalinnen. Leben und Schaffen der 22 österreichischen Opern-Komponistinnen, Wien 1990.

Regina Nopp, Frau und Musik. Komponistinnen zur Zeit der Wiener Klassik (= Linzer Schriften zur Frauenforschung 1), Linz 1995.

Marion Fürst, Maria Theresia Paradis. Mozarts berühmte Zeitgenossin, Wien 2005.

 

Hanna Bergmann

 

© 2008 Freia Hoffmann