Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Peschel, (Marie Augusta) Adrienne

* 19. Aug. 1839 in Paris, † 1879 in St. Petersburg, Pianistin und Klavierlehrerin. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr war Peschel Schülerin von Hauff (wohl Johann Christian Hauff, 1811–1891) in Frankfurt a. M. und wandte sich anschließend nach Paris, um ihre Ausbildung unter Henri Herz (1803–1888) am Konservatorium zu vollenden, wo sie zwischen 1858 und 1861 regelmäßig Studienauszeichnungen erhielt. Mehrmals, u. a. in der „Neuen Berliner Musikzeitung“ (1869, S. 339) und der „Musical World“ (1869, S. 741), wird Adrienne Peschel als Schülerin Clara Schumanns bezeichnet, wobei hierzu ein letzter Beweis noch zu erbringen wäre.

1853 trat sie erstmals öffentlich in Wiesbaden auf. Ihr Debütprogramm bestand aus dem Nocturne in Des-Dur von Theodor Döhler, dem von einem Komponisten J. Ischer arrangierten Andante de Salon aus Donizettis Lucia di Lammermoor, dem Carnaval de Venise von Julius Schulhoff und dem Rondo Capriccio von Mendelssohn. Die „Rheinische Musik-Zeitung“ urteilt über diesen Auftritt: „Sie entwickelte in ihrem Spiele bedeutende Kraft und eine ganz löbliche Technik; die für den Concertsalon nöthige Sicherheit und Ruhe fehlt indess noch; es steht aber zu erwarten, dass sie einst eine ganz tüchtige Pianistin abgeben wird“ (Rheinische Musik-Zeitung 1853, S. 91). Über dasselbe Konzert schreibt „Didaskalia“: „Was wir namentlich hervorheben müssen, das ist ihr kräftiger und doch sehr leichter Anschlag, ihre besondere Fingerfertigkeit und die Sicherheit, mit welcher sie die schwierigsten Passagen überwindet“ (Didaskalia 15. Febr. 1854). Auch dieses Blatt sieht für Adrienne Peschel günstige Zukunftsperspektiven: „Fährt Fräul. Peschel auf der betretenen Bahn mit Fleiß und Ausdauer fort, dann berechtigt sie zu schönen Hoffnungen“ (ebd.). Diese Erwartungen erfüllte Peschel in den folgenden Jahren. Ihr Spiel bei einem Konzert in Paris 1862 wird folgendermaßen beschrieben: „Es vereinigt zwei Eigenschaften, die man heute gar zu oft bei unseren Künstlerinnen vermisst, nämlich Kraft und Leichtigkeit der technischen Ausführung“ (Niederrheinische Musik-Zeitung 1862, S. 136). Auch  neben ihrer Ausbildung führte Peschel ihre solistische Karriere fort. So spielte sie 1855 in Frankfurt a. M. und im März 1862 in der Pariser Salle Herz (Walzer von Józef Wieniawski und Andante aus dem 5. Konzert ihres Lehrers Henri Herz). Auch 1864 musizierte Peschel in Paris, in den folgenden Jahren konzertierte sie in Bad Ems und bei den Wiesbadener Kurhauskonzerten.

Bereits 1864 trat Adrienne Peschel in London auf. So spielte sie etwa in der „Society of Arts in the South Kensington Museum“ (The Reader 1864 II, S. 114) und in einem Privathaus in Maida Hill. „Her playing“, so urteilt „The Reader“, „is brilliant, and characterized by great intelligence“ (Ebd.).

1865 ließ sie Stücke von Chopin, Wieniawski, Mendelssohn und Henselt beim Londoner Händel-Festival hören. Später reiste sie nach Frankreich und musizierte mit dem Cellisten Prospero Seligmann und dem Violinisten Jean Desire Chomanowski 1865 in Nizza. In demselben Jahr spielte sie mit großem Erfolg solistisch in Monaco ein Impromptu von Chopin sowie das Finale aus dem 5. Konzert von Weber. 1866 ließ sie sich wieder an der Themse hören, wo sie (z. B. in den Hanover Square Rooms) mit der Sängerin Angele auftrat. In späteren Jahren spielte sie beispielsweise 1869 in Baden-Baden.

Beendet hat Adrienne Peschel ihre öffentliche Karriere in St. Petersburg, wohin sie ca. Ende 1873 dauerhaft zog. Dort galt sie als eine „vortrefflich musikalisch-geschulte Pianistin“, welche „sich durch künstlerisch durchdachten und feinnuancierten Vortrag der verschiedensten Genres unserer classischen wie modernen Pianoforteliteratur als vorzügliche Künstlerin“ bewährte (Signale 1874, S. 440). Aus der Todesmeldung in den „Signalen für die musikalische Welt“ 1879 lässt sich schließen, dass sie auch eine beliebte Lehrerin war.

 

LITERATUR

Allgemeine Zeitung [Augsburg] 15. Okt. 1864 (Beilage)

Athenæum 1866 I, S. 25

Berliner Musik-Zeitung Echo 1855, S. 159

Bock 1869, S. 339

Didaskalia 15. Febr. 1854

FM 1859, S. 150; 1860, S. 314, 391; 1862, S. 96

Le Ménestrel 1863, S. 175f.,  184

La Mode illustré. Journal de la Famille 1862, S. 134

Le Moniteur de la Mode 1863, S. 212

MusW 1861, S. 486; 1864, S. 472; 1866, S. 390, 431, 447; 1869, S. 255, 741

NZfM 1855 I, S. 58; 1862 I, S. 159; 1863 II, S. 79; 1896, S. 339

Niederrheinische Musik-Zeitung 1862, S. 136

The Reader 1864 I, S. 757; 1864 II, S. 114

RGM 1858, S. 248; 1862, S. 104, 130; 1865, S. 14, 22, 79, 218

Rheinische Musik-Zeitung 1853, S. 91

Signale 1863, S. 613; 1874, S. 440; 1877, S. 581; 1879, S. 502; 1880, S. 264

Süddeutsche Musikzeitung 1862, S. 142

Constant Pierre, Le Conservatoire national de musique et de déclamation. Documents historiques et administratifs, Paris 1900.

Giacomo Meyerbeer, Briefwechsel und Tagebücher, 8 Bde., Bd. 8: 1860–1864, hrsg. von Sabine Henze-Döhring, Berlin u. New York 2006.

 

Tabea Zebrowski

 

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