Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Volkmann, Volckmann, Ida (Julie Luise, Louise, oder Friederike Julie)

* 28. Aug. 1838 in Insterburg (heute Tschernjachowsk), † 18. März 1922 in München, Pianistin, Klavierlehrerin, Musikschulleiterin, Komponistin und Autorin. Ida Volkmanns weitere Vornamen werden in Dokumenten unterschiedlich angegeben. Das Geburtsdatum entspricht übereinstimmenden Angaben in Lexika und dem Inskriptionsregister des Leipziger Konservatoriums. Im Widerspruch dazu stehen Presseberichte über eine Feier ihres 70. Geburtstages am 21. Aug. 1906 (Der Klavier-Lehrer 1906, S. 297) und eine Feier ihres 80. Geburtstages im Jahre 1917 (Musikpädagogische Blätter 1917, S. 155). Ihr Vater, Friedrich Volkmann (?1859), war Forstkassen-Rendant (Rechnungsführer). Nach einem Aufenthalt in Tilsit (heute Sowetsk) studierte Ida Volkmann von April 1861 bis März 1863 am Leipziger Konservatorium zunächst Hauptfach Gesang und dann Klavier bei Robert Papperitz (18261903) und Louis Plaidy (18101874) und bildete sich „in reiferen Jahren noch bei Liszt“ fort (Pataky 1898, S. 396). 1863 wurde sie am Glückstädter „Musikinstitut für Damen“, das Lina Ramann 1858 gegründet hatte, als Lehrerin angestellt. In Folge des preußisch-dänischen Krieges 1864 musste die Schule geschlossen werden.

Ida Volkmann und Lina Ramann hielten sich im Frühjahr 1865 kurz in Leipzig auf und siedelten dann nach Nürnberg über, wo sie gemeinsam die Ramann-Volkmann’sche Musikschule gründeten. Im Herbst 1865 erschien in der „Neuen Zeitschrift für Musik“ eine ausführliche Ankündigung des Vorhabens. „Frl. Lina Ramann, den Lesern dieses Bl. durch Leitung eines Musikinstitutes in Glückstadt bekannt, hat […] so eben Prospecte ausgegeben in der Absicht, hier im Verein mit Frl. Ida Volkmann ein ähnliches Institut zur Ausbildung von Lehrerinnen und Kindern in Clavier und Theorie zu errichten. Die Anordnung der ganzen Schule ist dem Prospect zufolge eine nicht nur technisch sondern auch geistig anscheinend recht förderliche und anregende, denn die Lehrfächer bestehen aus drei Hauptclassen für, dem Solospiel, dem Accompagnement, dem Ensemble und der Uebung im öffentlichen Vortrage gewidmeten Clavierunterricht, ferner in Chorgesang, Harmonielehre, Formenlehre, Geschichte der Musik und Aesthetik, Methodik des Clavierspiels und musikalischer Pädagogik. Die Honorare sind, besonders für Kinder, möglichst billig gestellt; auch verfügt das Institut bereits über eine ungefähr 1200 Nummern umfassende und in fortwährender Vergrößerung begriffene Schulbibliothek gediegener musikalischer und literarischer Werke“ (NZfM 1865, S. 350). Es handelte sich also um das Vorhaben, SchülerInnen und insbesondere zukünftigen Musiklehrerinnen eine umfassende, weit über das Instrumentalspiel hinausgehende Ausbildung zu vermitteln. 1868 hob die „Neue Zeitschrift für Musik“ die bildungspolitische Bedeutung der Schule hervor: „Die Tendenz dieser Anstalt […] ist nach unserer Ansicht so weitgreifend, so umfassend und vielseitig, daß sich die bisherige praktische Einrichtung und der ausgesprochene Zweck der bestehenden Musikschulen, soweit sie nicht Conservatorien sind, kaum damit verträgt und bedeutende Erweiterungen erfahren muß, sowol hinsichtlich des Umfanges der Lehrthätigkeit, des Kraftaufwandes, wie in Bezug auf äußere technische Verhältnisse. Jedenfalls repräsentirt die genannte Anstalt ein höchst bedeutsames und zeitgemäßes Unternehmen, von dem wir wünschen, daß es der musikalischen Pädagogik die fruchtreichsten Anregungen zukommen lasse. Es kommt vor Allem darauf an, das einseitig mechanisirende Verfahren des musikalischen Unterrichts, das nur zu leicht eine rein äußerliche Bildungsrichtung zur Folge hat, zu überwinden, die Phantasie und die Innerlichkeit des Kindes zu befruchten und zu vertiefen und somit mittelbar die Menschenerziehung zu befördern“ (NZfM 1868, S. 161). Im Frühjahr 1867 zählte die Schule 40 Zöglinge beiderlei Geschlechts. 1873 konnte die „Neue Zeitschrift für Musik“ bereits von einem öffentlichen Konzert von Berthold Kellermann (18531926), einem aus der Schule hervorgegangenen Pianisten, Schüler Liszts und späteren Lehrer an der Akademie der Tonkunst München, berichten.

Ida Volkmann und Lina Ramann prägten auch das Musikleben Nürnbergs durch Abendunterhaltungen für geladene Gäste, Schülerkonzerte und öffentliche Prüfungen sowie musikgeschichtliche Vorträge. Ida Volkmann hatte dabei oft die Aufgabe, theoretische Darlegungen ihrer Lebensgefährtin durch Musikbeispiele zu illustrieren, etwa am 31. Jan. 1866 durch den Vortrag von Klavierwerken von Frescobaldi, Lully, Domenico Scarlatti, Porpora, Galuppi, Martini und Paradisi.

Die praktische Unterrichtstätigkeit wurde durch theoretische Arbeiten begleitet. 1867 publizierten Ida Volkmann und Lina Ramann die ersten Hefte von eigenen Klavierkompositionen für Kinder unter dem Titel Kindermuse; später folgte die auf Kinder- und Volksliedern basierende 2-bändige Elementarlehre des Klavierspiels. An anderen Publikationen Lina Ramanns soll Ida Volkmann ebenfalls Anteil gehabt haben, ohne als Mitautorin genannt zu werden.

Der Kontakt mit Volkmanns Lehrer Franz Liszt blieb erhalten. Viele der AbsolventInnen ergänzten ihre Ausbildung später bei Liszt. 1873 stattete der Komponist der Musikschule einen Besuch ab, „und zur freudigen Ueberraschung [der zu seiner Begrüßung versammelten Eleven] setzte sich Liszt an den Flügel und gewährte den Anwesenden den hohen, so selten zu erreichenden Genuß seines unnachahmlichen Spiels“ (NZfM 1873, S. 353). Am 22. Okt. 1885 beging die Musikschule Liszts 74. Geburtstag mit einem Gesprächskonzert, das Klavier- und Gesangs-Vorträge sowie Deklamationen von SchülerInnen und Lehrkräften enthielt. „Die Feier verlief in würde- und stimmungsvoller Weise, und die Wiedergabe der Werke des Meisters war eine feinfühlige künstlerische, welche wir in den Musikaufführungen der Anstalt zu hören gewohnt sind“ (NZfM 1885, S. 475). Höhepunkt des Festes war die Aufführung von Liszts Symphonischer Dichtung Hungaria in der Bearbeitung für zwei Klaviere (Searle 643) durch Ida Volkmann und ein „Frl. Breslauer“ (ebd.). „Das Werk vereinigt in sich sämmtliche technische Schwierigkeiten modernen Clavierspiels mit den höchsten Anforderungen an das musikalische Auffassungsvermögen und verlangt zudem bei seiner fast halbstündigen Dauer eine so große Ausdauer der Kraft, daß wir gegenüber solchen künstlerischen Bedingungen den Vortrag desselben einen meisterhaften nennen müssen“ (ebd.).

Sicherlich lag das Interesse beider Musikerinnen in erster Linie in der Theorie und Praxis der Musik- und Instrumentalausbildung. Mögliche Gründe, warum Ida Volkmann nicht auch außerhalb von Nürnberg eine Karriere als Interpretin angestrebt hat, deutet eine Besprechung von vier musikalischen Unterhaltungen der Ramann-Volkmann’schen Musikschule 1875 an. Demnach beherrschte die Pianistin sowohl in der Breite als auch im Schwierigkeitsgrad ein erstaunliches Repertoire, hatte aber keine Neigung zu großen Bühnenauftritten: „Frl. Volkmann ist eine Pianistin, deren Leistungen sich zweifellos denen unserer besten Pianisten anreihen. Ihre Technik ist nach jeder Seite durchgebildet, ihr Ton elastisch, für eine Frauenhand sogar selten kräftig, ihr Vortrag bei großer Lebendigkeit klar und machtvoll. Eine Specialität ist ihr Vortrag von Melodien, welcher einer dichterischen Improvisation gleicht. Leider besitzt sie gar keine Neigung für die Oeffentlichkeit und kann sich deshalb nur eine auf eine bestimmte Zahl beschränkte Zuhörerschaft ihrer pianistischen Thätigkeit erfreuen. Ihre diesjährige Mitwirkung (Mendelssohns Gmollconcert, Etude, Valse und Nocturne von Chopin, Beethovens Pathétique, 3 Sonaten nach Petrarka und ungar. Rhapsodie Nr. 2 von Liszt) hat den Matinéen der Musikschule einen künstlerischen Höhepunkt gegeben, welchen sie in den vorhergehenden Jahren nicht erreicht hatte (NZfM 1875, S. 205).

1890 übernahm der Liszt-Schüler August Göllerich (18591923) die Leitung der Schule; Ida Volkmann und Lina Ramann siedelten nach München über, wo Lina Ramann ihre schriftstellerische Tätigkeit fortsetzte. Lina Ramann starb am 30. März 1912 in München. Ida Volkmann überlebte ihre Lebensgefährtin um zehn Jahre, kümmerte sich in dieser Zeit um den Ramann’schen Nachlass und bemühte sich um die Veröffentlichung der „Lisztiana“. Das Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar besitzt Korrespondenzen der Musikerin aus den Jahren 1887 bis 1919 und einen Nachweis über die Überlassung von Briefen an Lina Ramann an die L. Ramann-Stiftung des Allgemeinen Deutschen Musikvereins aus dem Jahr 1919. Schriftstücke, in denen Ida Volkmann die Rückgabe von Dokumenten und den Empfang von Abrechnungen bestätigt, stammen vom 2. Nov. 1921 und werden in der Münchner Stadtbibliothek verwahrt.

 

Ida Volkmann (links) mit ihrer Lebensgefährtin Lina Ramann.

 

LEHRWERKE

Lina Ramann u. Ida Volkmann, Kindermuse. Kleine Clavierstücke, 2 Hefte, Leipzig u. Winterthur 1867.

Lina Ramann u. Ida Volkmann, Erste Elementarstufe des Clavierspiels. Stückchen im Umfang von 8 Tönen für jede Hand, Nürnberg u. München 1868.

L. Ramann-[u. Ida]Volkmann, Zweite Elementarlehre des Clavierspiels I und II, 2. Aufl. Nürnberg 1876.

 

LITERATUR

Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ Leipzig, Bibliothek/Archiv, Inskriptionsregister A, I.1, 879, Inskription A, I.2, 879, Zeugnisse A, I.3, 879

Bestätigung der Rückgabe von Dokumenten  und Abrechnungen von Karl Pottgiesser an Ida Volckmann vom 2. Nov. 1921, Münchner Stadtbibliothek/Monacensia, Literaturarchiv, Zugangsnr. 1948/64

FritzschMW 1890, S. 169

Deutscher Theater-Correspondent 1868, S. 108

Die Gesellschaft. Münchener Halbmonatsschrift für Kunst und Kultur 1902, S. 315

Der Klavier-Lehrer 1906, S. 297

Musikpädagogische Blätter 1917, S. 155

NZfM 1864, S. 51; 1865, S. 139, 350; 1866, S. 74, 178; 1867, S. 107; 1868, S. 161f.; 1869, S. 443; 1871, S. 167: 1872, S. 198; 1873, S. 353, 491; 1874, S. 143; 1875, S. 72, 133, 205; 1876, S. 393f., 404; 1885, S. 475; 1890, S. 199

Sophie Pataky (Hrsg.), Lexikon deutscher Frauen der Feder. Eine Zusammenstellung der seit dem Jahre 1840 erschienenen Werke weiblicher Autoren, nebst Biographien der lebenden und einem Verzeichnis der Pseudonyme, 2 Bde., Bd. 1, Berlin 1898.

Frank/Altmann, Cohen, MGG 2000 (Art. Ramann, Lina)

Albert Ernest Wier (Hrsg.), The Macmillan Encyclopedia of Music an Musicians, London 1938.

Lexikon der Frau, 2 Bde., Bd. 2, Zürich 1954.

Anna Morsch, Deutschlands Tonkünstlerinnen. Biographische Skizzen aus der Gegenwart, Berlin 1893.

Verena Liu, Die Musikpädagogin Ida Volckmann (18381922). Lina Ramanns kongeniale Lehrgenossin und treue Freundin, unveröff. Masterarbeit an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover 2012.

 

Bildnachweis

Queer Episodes in Music and Modern Identity, hrsg. von Sophie Fuller u. Lloyd Whitesell, Urbana 2002, S. 38.

 

Freia Hoffmann

 

 

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