Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Mehlig, Bertha (Elise), verh. Brunner

* 2. Nov. 1860 in Stuttgart, Sterbedaten unbekannt, Pianistin. Sie war das siebte Kind von Rosine Barbara Emilie geb. List (Lisst?, 1822–?) und dem Sänger Georg Heinrich Carl Mehlig (1810–?). Bertha absolvierte ihr Studium etwa von 1873 bis 1878 an der Künstlerschule des Stuttgarter Konservatoriums in der Klasse von Siegmund Lebert (1822–1884) und trat 1874 und 1876 dort in Prüfungskonzerten mit Werken von Moscheles an die Öffentlichkeit. Als die Zöglinge der Institution am 6. März 1878 zur „Feier des königlichen Geburtsfestes“ (AmZ 1878, Sp. 206) musizierten, wurde Bertha Mehlig in der „Allgemeinen musikalischen Zeitung“ bereits als „die junge Schwester der berühmt gewordenen Anna Mehlig (ebd.) bezeichnet, ein Etikett, das ihr in ihrer kurzen Karriere anhaftete und eine unbefangene Kritiker-Beurteilung wohl erschwerte. Noch während ihrer Ausbildung gab ihr die ältere Schwester am 11. Okt. 1878 Gelegenheit zum gemeinsamen Auftritt in der Stuttgarter Liederhalle: „Eine äußerst freundliche Aufnahme fand auch die jüngere Schwester der Künstlerin, Fräulein Bertha Mehlig, welche im gemeinschaftlichen Vortrag mit ihrer Schwester von Reinecke’s Impromptu über ein Motiv aus Schumann’s Manfred [op. 66] für zwei Pianoforte durch ihr anmuthiges Spiel bewiesen hat, daß sie zu schönen Hoffnungen berechtigt“ (Signale 1878, S. 852).

In den kommenden Jahren wiederholten sich die gemeinsamen Auftritte, zunächst wiederum in Stuttgart am 17. Okt. 1879 und im folgenden Jahr in Magdeburg (11. Febr.), Halle (24. Febr.), Leipzig (u. a. 29. Febr.) sowie Berlin (u. a. 5. März). Außer mit dem Reinecke’schen Impromptu brillierten die Schwestern mit weiteren Werken für zwei Flügel: Variationen über ein Beethovensches Thema op. 35 und eine Bearbeitung der Danse macabre op. 40 von Saint-Saëns, Rondo op. 73 von Chopin, Andante und Variationen op. 46 von Robert Schumann und La belle Griseldis op. 94 von Reinecke. Die „Signale für die musikalische Welt“ lobten das „höchst ausgezeichnete Zusammenspiel des Schwesternpaares“ (Signale 1880, S. 291), und sogar die für ihre Strenge bekannte „Neue Berliner Musikzeitung“ gestand, „selten ein so vorzügliches Ensemble gehört zu haben“ (Bock 1880, S. 86).

Bertha Mehlig profilierte sich bei den gemeinsamen Auftritten auch solistisch, mit der Konzert-Etüde Entschwundenes Glück op. 5 Nr. 10 von Adolph von Henselt, Joh. Seb. Bachs Fuge und Präludium a-Moll für Orgel in der Bearbeitung von Liszt sowie Romanze und Rondo aus dem Konzert e-Moll von Chopin. Die „Signale“ bescheinigten ihr nach einer Matinee im Leipziger Gewandhaus den „Besitz eines beträchtlichen Fonds von technischer Fertigkeit und eines schönen, modificirungsfähigen Anschlages“ (Signale 1880, S. 291), Otto Gumprecht lobte in Berlin „modulationsreichen Anschlag, behende Fertigkeit und warmes Gefühl“ (National-Zeitung, zit. nach Signale 1880, S. 362), und die „Neue Berliner Musikzeitung“ bekannte, „dass uns die sichere, gut entwickelte Technik, der gesangreiche Anschlag und der verständniss- und gefühlvolle Vortrag der jungen Dame erfreut hat“ (Bock 1880, S. 86).

Zu Beginn der Wintersaison kündigten englische Blätter eine Konzertreise der Schwestern nach London an, u. a. mit dem Konzert für zwei Klaviere Es-Dur KV 365 von Mozart in der Philharmonic Society und mit einem Auftritt bei den Saturday Concerts im Crystal Palace unter August Manns. Bertha Mehlig nahm die ankündigten Termine jedoch nicht wahr, „owing to the delay in her arrival in England“ (Musical Standard 1880 I, S. 242), und im Mai erfolgte die Absage der Pianistin, „who was prevented by sudden and special circumstances from visiting England (Monthly Musical Record 1880, S. 70). Die „Signale“ lüfteten das Geheimnis: „Die Pianistin Fräulein Bertha Mehlig, welche erst kürzlich an der Seite ihrer Schwester Anna die künstlerische Laufbahn mit vielem Erfolge begonnen hatte, hat sich mit einem Magdeburger Kaufmann Herrn Brunner verlobt. Sie stand eben im Begriff, mit ihrer Schwester nach London zu gehen. […] Fräulein Mehlig hat mit Aufgabe dieser Kunstreise zugleich der öffentlichen Thätigkeit für immer Valet gesagt“ (Signale 1880, S. 462). Die Heirat fand am 22. Juli 1880 statt. Von da an, so Anna Mehlig in einem Brief an La Mara (d. i. Marie Lipsius), „war es mit Concertreisen u. allem aus – er erlaubte es nicht mehr (Brief vom 25. März 1882).

 

LITERATUR

Familienregister Stuttgart Innenstadt KB 2022 Bd. 12, Landeskirchliches Archiv Stuttgart

Schreiben Anna Mehligs an La Mara [d. i. Marie Lipsius] vom 25. März 1882, Stadtgeschichtliches Museum Leipzig, Inventarnr. A/182/2010

AmZ 1878, Sp. 206, 763

Athenæum 1879 II, S. 604

Bock 1879, S. 351; 1880, S. 79, 86, 103, 279

The Era [London] 18. Apr. 1880

Der Klavier-Lehrer 1880, S. 71

Monthly Musical Record 1880, S. 52, 70

Musical Standard 1880 I, S. [225], 242

MusW 1879, S. 714; 1880, S. [221], 242

NZfM 1874, S. 202; 1876, S. 213; 1880, S. 114

Orchestra 1880, Febr., S. 206

Pall Mall Gazette [London] 1880, 20. Jan., 5. Mai

Signale 1878, S. 852; 1879, S. 904; 1880, S. 220, 290f., 296, 309, 314, 344, 362, 462, 681; 1881, S. 162

https://familysearch.org/pal:/MM9.1.1/J4KN-GBG, Zugriff am 24. Jan. 2014

 

Freia Hoffmann

 

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