Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Loveday, Clara

* um 1820 (Ort unbekannt), † nach 1857? (Ort unbekannt), Pianistin, Klavierlehrerin, Sängerin und Komponistin. Aus Großbritannien kommend, übersiedelte sie mit ihren Eltern nach Paris, wo sie von Liszt (1811–1886), Paganini (1782–1840), Chopin (1810–1849) und einem Musiker namens Cholles (Louis-François Chollet? 1815–1851) unterrichtet wurde. Seit 1837 trat sie regelmäßig in Pariser Salons und Konzerten auf, u. a mit Paganini, der im Sommer 1837 etwa drei Monate Gast der Familie Loveday war. Clara Wieck erwähnt die Pianistin in einem Brief an Robert Schumann im Zusammenhang mit der Bewertung verschiedener Pariser MusikerInnen, offenbar ohne sie gehört zu haben: „Die Loveday soll nicht ausgezeichnet sein“ (28. Febr. 1839). Schon im folgenden Jahr stellt die „France Musicale jedoch fest: „Mlle Loveday doit être placée sur la première ligne de nos pianistes français par la netteté, la vigueur et la finesse de son exécution („Mademoiselle Loveday muss zur ersten Garnitur unserer französischen Pianisten gezählt werden, der Klarheit, Kraft und Feinheit ihres Spiels wegen, FM 1840, S. 145). Von 1840 bis 1847 veranstaltete sie in der elterlichen Wohnung am Square d’Orléans (in der Nähe der Rue Saint-Lazare) jeweils ab Jan. vierzehntägliche Matineen, deren Programmgestaltung und hohes musikalisches Niveau von der zeitgenössischen Presse immer wieder hervorgehoben werden. Regelmäßige Gäste und MitspielerInnen waren u. a. Henri Vieuxtemps, Delphin Alard, Auguste Franchomme und die Harfenistin Pauline Jourdan. Den Abschluss der Reihe bildete zum Ende der Wintersaison ihr öffentliches Konzert, das vor allem für die englisch-irischen Bewohner der französischen Hauptstadt einen gesellschaftlichen Höhepunkt bildete. „Mademoiselle Lovedayschreibt die „Revue et Gazette Musicale“ 1840, „nous semble évidemment appelée à remplir la place brillante laissée vacante à Paris par le départ de madame Pleyel („scheint uns dazu berufen, in Paris die prominente Lücke zu füllen, die der Weggang von Mad. Pleyel hinterlassen hat, RGM 1840, S. 178).

Aufschlussreich ist ein Vergleich mit Louise Farrenc, den Henri Blanchard in derselben Zeitschrift anstellt: „Mademoiselle Loveday recherche un peu plus la musique mondaine que madame Farrenc. Le Thalberg, le Dœhler et le Chopin font ses passe-temps les plus doux, ce qui ne veut pas dire pourtant que mademoiselle Loveday n’aime pas la musique sévère et classique. Sa manière élégante, nette et facile de jouer du piano convient au contraire à ce beau genre de musique; nous avons pu l’apprécier dans un quintette pour piano, violon, alto, violoncelle et contre-basse, composé par M. Rigel, dans lequel la jeune pianiste a montré sa grâce, sa bonne méthode et plus d’impressionabilité qu’elle n’en éprouve ordinairement („Mademoiselle Loveday neigt etwas mehr als Madame Farrenc zur leichten Musik. Thalberg, Döhler und Chopin sind ihr der angenehmste Zeitvertreib, was dennoch nicht heißen will, dass Mademoiselle Loveday nicht die ernste und klassische Musik liebt. Im Gegenteil, ihre elegante, saubere und leichte Art Klavier zu spielen passt gut zu dieser Musikrichtung; wir haben uns davon überzeugen können in einem Quintett für Klavier, Violine, Viola, Violoncello und Kontrabass von Monsieur Rigel, in dem die junge Pianistin ihre Anmut und gute Schule unter Beweis stellte und mehr Empfänglichkeit, als sie gewöhnlich zeigt“, RGM 1840, S. 276). Entsprechend weit war ihr Repertoire gefasst, das neben Werken von Beethoven, Hummel, Weber, Mayseder und Chopin auch Kompositionen von Friedrich Kalkbrenner, Sigismund Thalberg, Theodor Döhler, Charles-Auguste de Bériot, George Alexander Osborne, Henri Bertini, Emile Prudent, Henri Herz, Adolf Gutmann, Henri Brod, Théodore Labarre und Adolphe Goria enthielt. Möglicherweise widersprach ihre Spielweise der ruhigen und bewegungsarmen Körpersprache, die idealerweise von Frauen erwartet wurde. Der Pariser Korrespondent der „Neuen Zeitschrift für Musik“ bemerkt, sie spiele „fertig und nicht ohne Feuer und Ausdruck. Es würde ihr aber sehr gut stehen, wenn sie ihre Lebhaftigkeit nicht durch Kopf- und Ellbogenbewegungen zeigte (NZfM 1838 I, S. 51). Ähnliches klingt an, wenn Henri Blanchard ihr „une sorte de brio presque masculin („ein fast männliches Feuer) bescheinigt (RGM 1844, S. 104).

1841 ist ein Konzert in Angers belegt, 1842 eines in Dinan in der Bretagne. In beiden Konzerten trat sie nun auch als Sängerin auf, eine Praxis, die sie in Paris ebenfalls für einige Jahre beibehielt. 1842 unternahm sie mit der Harfenistin Pauline Jourdan eine Konzertreise nach Orléans und Saumur. Von 1844 an konzertierten auch Klavier-Schülerinnen von Clara Loveday öffentlich, so Louise Scheibel (AmZ 1844, Sp. 632; RGM 1845, S. 27), Léonide de Villemessant (RGM 1847, S. 81) und E. Smith (MusW 1852, S. 635).

Da die Matineen Anfang 1846 zum ersten Mal in den Räumen von „Madame et mademoiselle Loveday“ angekündigt werden (RGM 1846, S. 29) und 1847 das „domicile maternel“ erwähnt wird (RGM 1847, S. 72), ist anzunehmen, dass der Vater, Douglas Loveday, zu dieser Zeit nicht mehr am Leben war. Ein Plan, in England zu konzertieren oder dahin überzusiedeln, ist anscheinend schon 1843 durch Pressemitteilungen vorbereitet worden (The Musical Examiner 1843, S. 353, 359). Umgesetzt wurde er 1848, wobei zunächst Privatkonzerte in London belegt sind. Anschließend hat sich Clara Loveday vermutlich in dem Badeort Cheltenham niedergelassen, wo 1852 bereits „Miss Lovedays Annual Concert besprochen (MusW 1852, S. 170) und sie als „our popular resident professor bezeichnet wird (ebd., S. 635). Der „Musical World“ zufolge veranstaltete sie ein weiteres Konzert im Apr. 1853, „one of the most pleasing and successful that we have had in Cheltenham for a very long time past (MusW 1853, S. 279).

1857 wird Clara Loveday von Henri Blanchard in einem Artikel über Klavierunterricht in Paris als Lehrerin erwähnt (RGM 1857, S. 12). Möglicherweise ist sie also dorthin zurückgekehrt.

 

WERKE FÜR KLAVIER

Grande fantaisie pour pianoforte sur les motifs de Guillaume Tell: Asile héréditaire, Suivez-moi.

 

LITERATUR

AmZ 1844, Sp. 632

AWM 1841, S. 468

FM 1840, S. 145, 186; 1841, S. 106; 1843, S. 7, 72, 84; 1844, S. 36, 78, 94, 109, 353; 1845, S. 77, 134

MusW 1848, S. 315, 410, 441; 1852, S. 170, 635; 1853, S. 279

NZfM 1837 II, S. 203; 1838 I, S. 44, 51; 1838 II, S. 46, 110

RGM 1837, S. 193, 501, 529; 1838, S. 12f., 143f., 264, 321f.; 1839, S. 73; 1840, S. 40, 177f., 276; 1841, S. 6, 125, 194, 407; 1842, S. 14, 104, 118, 126, 269415f.; 1843, S. 23, 47, 63, 70, 82, 95f., 103,110f.; 1844, S. 67, 104, 117; 1845, S. 27, 79, 84; 1846, S. 29, 77; 1847, S. 72, 81; 1857, S. 12

The Musical Examiner 1843, S. 353, 359

Edward Neill, Niccolò Paganini, aus dem Italien. von Cornelia Panzacchi, München 1990.

Clara und Robert Schumann, Briefwechsel. Kritische Gesamtausgabe, hrsg. von Eva Weissweiler, 3 Bde., Bd. 2, Basel u. Frankfurt a. M. 1987.

 

Freia Hoffmann

 

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