Europäische Instrumentalistinnen
des 18. und 19. Jahrhunderts

 

Ohe, Adele aus der, Adelheit (Johanne Auguste Hermine)

* 11. Febr. 1861 in Hannover, † 7. od. 8. Dez. 1937 in Berlin, Pianistin, Komponistin und Klavierlehrerin. Das Geburtsdatum von Adelheit (genannt Adele) aus der Ohe wird gewöhnlich mit dem 11. Dez. 1864 angegeben, aber „church baptismal records from Hannover provide the correct date of February 11, 1861“ (Leno, S. 261). Als Todestag gilt der „7. Dezember 1937“ (Wenzel); der Nachruf in der vermutlich aus dem Freundeskreis informierten „New York Times” vom 9. Dez. 1937 lässt jedoch vermuten: „The end came on December 8, 1937“ (zit. nach Leno, S. 243).

 

Adele aus der Ohe, Gravure von 1888.

 

Adele aus der Ohe war das vierte und jüngste Kind von Auguste Sophie Charlotte geb. Bente (1817–1884) und Johann Herrmann aus der Ohe (1806–1880 od. 1881, Lehrer) – nach Sophie Adelheid [sic] Louise Ferdinandine (1848–1910), Bernhardine Mathilde Henriette (1850–1906) und Ferdinand Carl Hermann Gustav (1852–1902, Maler). Schon früh zeigten sich ein absolutes Gehör und eine besondere musikalische Begabung, sodass der Vater 1869 seine Unterrichtstätigkeit an die Militärakademie in Berlin verlegte, damit Adele ab 1870 an der Berliner Neuen Akademie der Tonkunst zunächst von Franz Kullak (1844–1913), dann von dessen Bruder Theodor Kullak (1818–1882) ausgebildet werden konnte. Dort muss sie sehr rasch große Fortschritte gemacht haben, denn ein Zeugnis von Theodor Kullak vom 25. Dez. 1872 spricht von „ausgezeichneten musikalischen Anlagen“ und attestiert: „Es ist für mich kein zweifel [sic], daß sie, wenn sie in stetiger Weise weiter schreitet eine sehr bedeutende Künstlerin werden wird“ (Zeugnis Kullak, Staatsbibliothek zu Berlin).

Vermutlich 1873 wechselte Adele aus der Ohe zu Franz Liszt (1811–1886) nach Weimar, wo die Zwölfjährige eine seiner jüngsten Schülerinnen wurde. 1875 setzte sie ihren Unterricht in Rom fort, wo Liszt sich regelmäßig in den Wintermonaten aufhielt, und auch 1883, 1885 und in Liszts Todesjahr 1886 sind Besuche bei ihm in Weimar dokumentiert. Damit profitierte Adele aus der Ohe über einen besonders langen Zeitraum hinweg von seinem Unterricht. Auch wenn der Altmeister sich generell freundlich über die begabten seiner ElevInnen äußerte, scheint Adele aus der Ohes Spiel ihm besondere Freude gemacht zu haben. Aus der Ohes Kommilitone Albert Morris Bagby urteilte: „The earnestness of his work with Adele aus der Ohe was the most telling compliment he could pay the mental endowments of any people (Bagby 1888, S. 731).

Bereits in die frühe Zeit ihrer Ausbildung fallen erste Auftritte. 1872 hatte die Elfjährige „bei Gelegenheit der Osterprüfung im Saale der [Berliner] Singacademie ein Konzert von Beethoven [Nr. 2 op. 19] in so correkter und kunstverständiger Weise vorgetragen, daß ihr reichster und vollverdienter Beifall zu Theil wurde“ (Zeugnis Kullak, Staatsbibliothek zu Berlin). Auch die Liszt-Schülerin Amy Fay urteilt entsprechend: Kullak „hat eine kleine reizende Schülerin, 10 Jahre alt, Adele aus der Ohe [...], und es ist erstaunlich, dieses Kind zu hören. Sie spielte mit Orchesterbegleitung ein Beethovensches Konzert mit eingelegter großer Kadenz von Moscheles, fast vollendet. Sie verfehlte keine Note, und ich glaube, sie wird einst eine große Künstlerin werden“ (Fay, S. 125). Zwei Jahre später spielte aus der Ohe dasselbe Konzert in Berlin (laut Pressebericht „ohne sonderlich Aufsehen durch ihre Leistungen zu machen“, NZfM 1874, S. 107) und in Hannover, trat parallel zu ihrer Weimarer Ausbildung in weiteren Städten auf und spielte 1877 zwei Mal bei den von Franz Liszt in Weimar veranstalteten Matineen – unter anderem gemeinsam mit Liszt, Karl Pohlig und Louis Coonen ein Klavierarrangement von „Siegfrieds Trauermarsch“ aus Wagners Götterdämmerung (vermutlich von Heinrich Rupp). Der Tod ihres Vaters und ihrer Mäzenin Fürstin Alma von Carolath-Beuthin sowie die Notwendigkeit, für Mutter und Geschwister die finanzielle Basis zu erhalten, waren wohl die Gründe dafür, dass Adele etwa ab 1880 das Leben einer reisenden Solistin ohne festen Wohnsitz aufnahm, wobei sie stets von ihrer Schwester Mathilde begleitet wurde. Ideeller Lebensmittelpunkt, der mindestens einmal im Jahr aufgesucht wurde, war jedoch das Familiendomizil in Berlin-Zehlendorf, wo die übrigen Geschwister lebten. Alle vier blieben unverheiratet.

Nach Liszts Tod verließ Adele aus der Ohe Europa und gab am 23. Dez. 1886 in der New Yorker Steinway Hall mit Liszts Klavierkonzert Nr. 1 Es-Dur (unter Anton Seidl) und seiner Polonaise E-Dur ihr Amerika-Debüt. Publikum und Presse waren einhellig begeistert, und die große Zahl an enthusiastischen Besprechungen beweist: „Her rise was meteoric“ (Leno, S. 35). Der Erfolg legitimierte eine große Anzahl an Folgeauftritten in allen großen Konzertsälen der Stadt und eine erste von insgesamt 17 (bis 1906 nahezu jährlich stattfindenden) Tourneen durch die gesamten Vereinigten Staaten. Besonders häufig (51 Mal) trat sie mit dem 1881 ins Leben gerufenen Boston Symphony Orchestra auf, mit dem sie im Frühjahr 1887 eine erste terminreiche Konzertreise absolvierte. Auch in den ersten Spielzeiten des 1891 gegründeten Chicago Symphony Orchestra und des seit 1903 bestehenden Minneapolis Symphony Orchestra (heute: Minnesota Orchestra) wirkte Adele aus der Ohe mit. Mit der Zeit galt sie als bestbezahlte Instrumentalistin Amerikas, die trotz der Vielzahl ihrer Konzerte des anhaltenden Publikumsinteresses sicher sein konnte. Die kontinuierlich hohe Wertschätzung zeigte sich nicht zuletzt darin, dass Adele aus der Ohe am 4. März 1883 das Eröffnungskonzert des „Schubert Club“ (der ersten Konzertreihe Minnesotas) mitgestaltete und 1891 im Rahmen der Einweihungskonzerte der New Yorker Carnegie Hall auftrat. Am 9. Mai 1891 spielte sie in diesem Prestigeprojekt Tschaikowskys 1. Klavierkonzert (3. Fassung, 1888) unter Leitung des Komponisten, der an demselben Tag in seinem Tagebuch vermerkt: „Mein Klavierkonzert in der ausgezeichneten Darbietung durch Adele aus der Ohe verlief großartig. Eine Begeisterung war da, die es selbst in Rußland niemals hervorzurufen vermochte. Man rief mich immer wieder heraus, schrie ,upwards und winkte mit Tüchern  mit einem Wort  , man sah, daß ich den Amerikanern wahrhaft lieb geworden war“ (Tschaikowsky 1992, S. 347). Komponist und Pianistin „were recalled half a dozen times“ (New York Times 10. Mai 1891, zit. nach Leno, S. 81), wobei die Musikerin auch dadurch beeindruckte, dass sie sich bescheiden weigerte „to accept any of the applause for herself (ebd.).

Tschaikowskys erstes Klavierkonzert wurde von Adele aus der Ohe regelmäßig gespielt, so am 14. Mai 1891 (unter der Leitung von Victor Herbert) in Washington D.C., am Folgetag (wieder mit dem Komponisten) in Baltimore und am 18. Mai 1891 mit diesem in Philadelphia. Tschaikowsky schätzte die Künstlerin und vermerkt in einem Brief an Willhelm [William] von Sachs (15./27. Nov. 1892): „C’est non seulement une artiste de grand talent, mais aussi une bien bonne et excellente personne“ („sie ist nicht nur eine Künstlerin von großem Können, sondern auch ein sehr guter und ausgezeichneter Mensch“, Tschaikowsky 1979, S. 194f.). Daher verschaffte er ihr eine Einladung nach Russland, wo beide am 16./28. Okt. 1893 in St. Petersburg erneut Tschaikowskys erstes Klavierkonzert musizierten; als einziges Solowerk des Abends spielte Adele aus der Ohe außerdem Liszts Spanische Rhapsodie. Neun Tage nach diesem seinem letzten Auftritt starb der Komponist. Die Pianistin würdigte ihn durch ihre Teilnahme am Gedenkkonzert am 6./18. Nov. 1893.

Trotz der erfolgreichen und zeitintensiven Tourneen durch die USA verstärkte Adele aus der Ohe in den 1890er Jahren auch ihre Konzerttätigkeit in Europa: 1892 debütierte sie in Wien mit Liszts erstem Klavierkonzert unter Hans Richter, 1896 spielte sie erstmals in London, 1898 in Rom. Ihre zahllosen Auftritte brachten ihr im Jahr 1900 den Titel einer Großherzoglichen-sächsischen, 1905 den einer Anhaltinischen und 1907 den einer Königlich-preußischen Hofpianistin ein.

In Zusammenhang mit ihrer künstlerischen Rückkehr nach Europa zog Adele aus der Ohe 1896 od. 1897 mit ihrer Schwester Mathilde in ihr erstes eigenes Zuhause (Ansbacherstrasse 7, Nähe Berlin-Tiergarten). Der Tod des Bruders 1902 verhinderte jedoch eine festere Verwurzelung im deutschen Konzertleben: Im Herbst 1903, dem 20. Jahrestag von Adele aus der Ohes New-York-Debüt, gaben die verbleibenden drei Schwestern ihre Berliner Wohnungen auf und siedelten nach Amerika über. Der Tod Mathildes am 20. Aug. 1906 veranlasste Adele und ihre Schwester Ferdinandine jedoch, nach Berlin zurückzukehren und in der Pariser Straße 6 ein neues, diesmal dauerhaftes Domizil einzurichten. Obwohl auch Ferdinandine am 12. Aug. 1910 starb, kehrte Adele aus der Ohe nicht wieder nach Amerika zurück, blieb jedoch auch in Deutschland dem öffentlichen Konzertleben mehr und mehr fern. In einem Interview mit der Musikjournalistin Harriette Brower berichtet sie 1913 zwar, dass sie weiterhin konzertiere („My time is divided between playing in concert, composing, and my own studies“, Brower 1915, zit. nach Wenzel). Grundsätzlich aber finanzierte sie ihr Leben zwischen 1906 und 1930 durch Unterrichten und musizierte überwiegend bei sich zu Hause – das jedoch bis mindestens 1930 mit bemerkenswerter technischer und musikalischer Souveränität. Eine starke Arthritis zunächst in den Händen, später auch in den übrigen Gelenken, schränkte ihr Leben allerdings zunehmend ein; hinzu kam eine wachsende Sehschwäche. Beides machte ihr in den letzten Jahren das Musizieren, Schreiben und Komponieren unmöglich und beschränkte ihr Leben – mit Ausnahme eines längeren gesundheitsfördernden Italien-Aufenthalts 1923 – auf die eigenen vier Wände. Überdies durch Krieg und Inflation vollkommen verarmt, lebte sie sehr zurückgezogen.

In Amerika nahm man an ihrer gesundheitlichen und finanziellen Misere stärkeren Anteil als in Deutschland: 1925 veranstalteten Freunde in New York ein Wohltätigkeitskonzert zu ihren Gunsten, und auch Sergei Rachmaninow, der über seinen Cousin und Liszt-Schüler Alexander Siloti von ihr erfahren hatte, schickte mehrfach Geld. Ab April 1928 erhielt sie zudem eine finanzielle Unterstützung durch die Bagby Music Lover’s Foundation New York. Der Stifter, Albert Morris Bagby, ein Freund aus dem Weimarer Liszt-Kreis, hatte Adele aus der Ohe bereits anlässlich ihres Amerika-Debüts gefördert, als er in einem umfangreichen biographischen Artikel in „The Century Illustrated Monthly Magazine“ mitteilte: „Adele aus der Ohe is not merely a gifted musical artiste, but a young woman of varied accomplishments. Besides her mother tongue, she speaks and writes French, Italian, and English; is a student in the arts and sciences; writes poetry, and is a composer of music“ (Bagby 1888, S. 730f.).

Als Komponistin war Adele aus der Ohe relativ wenig Resonanz beschieden; bislang ist „lediglich eine einzige Aufführung [...] durch eine andere Pianistin“ (Wenzel) belegtAus der Ohe spielte ihre Musik jedoch regelmäßig selbst, wobei die durchgehend positive Beurteilung häufig mit Respekt vor der Interpretin verbunden war. In seinem Artikel „Women Composers“ würdigt Rupert Hughes ihre Klaviermusik 1898 mit den Worten: „Fräulein aus der Ohe’s compositions possess the substantial and vigourous qualities of her playing“ (Hughes 1898, S. 776). Zwischen 1895 und 1906 publizierte Adele aus der Ohe bei Schirmer in New York und im Berliner Musikverlag Ries & Erler unter den Opuszahlen 1 bis 16 Klaviermusik, Lieder (alle für hohe Stimme) sowie einige Kammermusikwerke für Violine und Klavier; offenbar gab es auch den Plan eines Klavierkonzerts, für das wohl die nicht genutzte Opusnummer 15 vorgesehen war. Auch nach 1906 muss die Künstlerin weiter komponiert haben, da sie 1910 in Hamburg eine eigene Suite h-Moll aufführte. Diese späten Werke sind jedoch nicht publiziert und ebenso wie ihr Nachlass verschollen.

Ein weiteres Tätigkeitsfeld war ihr Einsatz für den Deutschen Lyceum-Club, eine 1905 in Berlin gegründete Vereinigung von und für Frauen, die sich nach englischem Vorbild sozial engagierten und für Wissenschaft und Kunst interessierten. Als Vorsitzende der musikalischen Kommission konzipierte und veranstaltete Adele aus der Ohe monatlich Musikabende, die nach Einschätzung von Anna-Christine Rhode-Jüchtern „über populäre Opern- und Operettenmusik des 19. Jahrhunderts, über ein klassisch-romantisches Klavier- und Liedrepertoire nicht hinausführte[n](Rhode-Jüchtern 2008, S. 173f.). Andererseits interessierte sich aus der Ohe stark für zeitgenössische Komponisten wie Felix Gotthelf oder August Weiss und brachte zudem vermehrt Kompositionen von Frauen zur Aufführung. Neben Werken aus eigener Feder setzte sie z. B. Kompositionen von Grete von Zieritz oder Amy Beach auf die Programme und setzte sich für die Partituren von Ella Adaiewsky ein. Im Rahmen des von ihr konzipierten Musikprogramms zur Ausstellung „Die Frau in Haus und Beruf“, die der Club 1912 im Berliner Zoo veranstaltete, initiierte Adele aus der Ohe im März 1912 im Theatersaal der Königlichen Hochschule für Musik drei Konzerte ausschließlich mit Werken von Komponistinnen.

Adele aus der Ohe gewidmet sind u. a. eine Ballade des Paderewsky-Schülers Zygmunt Stojowski, Five Poems after Omar Khayyam op. 41 des Amerikaners Arthur Foote, das Klavierkonzert e-Moll des Österreichers Max Vogrich (UA 9. Febr. 1889), das Konzert H-Dur op. 10 des amerikanischen Komponisten und Pianisten Henry Holden Huss und dessen Klavierstück Prelude Appassionata op. 7/1, außerdem mehrere Gedichte seines Landsmanns Richard Watson Gilder, der gemeinsam mit seiner Frau seit Adele aus der Ohes erstem Amerikaaufenthalt zu ihren Freunden zählte und dessen Verse sie in ihren Liedern op. 1 und op. 5 vertont hat.

Von ihren Klavierschülerinnen sind die Schwestern Alma und Belle Mehus aus Brinsmade/North Dakota sowie Adele Meischner namentlich bekannt.

Adele aus der Ohe konzertierte außerordentlich viel und mit einem mannigfaltigen, technisch hoch anspruchsvollen Programm. All ihren Konzerten gemeinsam war ein obligatorisches Stück von Franz Liszt, als dessen würdige Schülerin sie insbesondere in Amerika hoch geschätzt wurde.

Die Breite ihres Repertoires ermöglichte es ihr, im Erfolgsfall in kurzer Frist Zusatzkonzerte mit neuem Programm anzusetzen, wobei sie offenbar das Bestreben hatte, durch den Vortrag unterschiedlicher Werke eines Komponisten ein möglichst breites Bild dieses Künstlers zu präsentieren. Ihr Repertoire umfasste neben den großen klassischen und romantischen Klavierkonzerten eine reiche Palette an klassischer, romantischer und zeitgenössischer Soloklaviermusik, wobei die zeittypischen beliebten Virtuosenpiecen, Salonstücke und gehaltvollen Bearbeitungen in ausgewogener Mischung neben das auch heute noch geschätzte Kernrepertoire traten. Neben Franz Liszt, Frédéric Chopin, Robert Schumann, Anton Rubinstein und Ludwig van Beethoven spielte aus der Ohe jedoch regelmäßig auch solche Kompositionen, die Ende des 19. Jahrhunderts keineswegs etabliert waren: Musik französischer Clavecinisten oder Werke von Joh. Seb. Bach im Original (u. a.Chromatische Fantasie und Fuge BWV 903, Italienisches Konzert BWV 816, Fantasie c-Moll BWV 906) und Franz Schubert (u. a. Wandererfantasie und Klaviersonate B-Dur D 960). Eine weitere wichtige Facette ihrer Programme waren zeitgenössische Partituren – neben Eigenem vor allem Musik amerikanischer Komponisten. Diese Wahl wurde durchaus gewürdigt. „The Minneapolis Journal“ merkt an: „Miss aus der Ohe, who habitually interprets new and unfamiliar works, is to be commended for her courage in leaving the well beaten path“ (The Minneapolis Journal 9. Jan. 1904, zit. nach Leno, S. 112).

Darüber hinaus bekundete die Künstlerin: „I like very much to play chamber music“ (zit. nach Leno, S. 128). Dieser Repertoirepunkt lässt sich in deutschsprachigen Zeitungen zwar kaum nachweisen, geht aber aus ihren amerikanischen Jahren – in denen sie bevorzugt mit dem Kneisel Quartet aus Boston auftrat – eindeutig hervor.

Entsprechend dem Umstand, dass Adele aus der Ohe offenbar ganz uneitel hinter das Werk zurücktrat, genoss die Künstlerin nicht nur beim amerikanischen Publikum, sondern speziell auch unter PianistInnen ein hohes Ansehen; vielen – darunter Ignacy Jan Paderewsky und Moriz Rosenthal – war sie in Freundschaft verbunden, und insbesondere Kollegen aus der Weimarer Zeit brachten ihr lebenslang Respekt entgegen. Wie erstmals Franz Liszt gab auch Adele aus der Ohe regelmäßig reine Klavierabende, d. h. ohne Mitwirkung anderer Interpreten, und spielte am 8. März 1890 in Chicago sogar ein komplettes Liszt-Programm. Obwohl sie damit ein in Amerika ungewohntes Terrain betrat, hatte sie konstanten Erfolg. Die Sachbezogenheit und Werktreue ihres Spiels wurden ebenso hoch gelobt wie ihre manuellen Fertigkeiten. „In the interpretation of Liszt it may be said of her that in the subjugation of technique to higher musical sense, Miss aus der Ohe is seldom, and even then remotedly, approached“ (Chicago Daily Tribune 25. Febr. 1894, zit. nach Leno, S. 116f.). Cosima Wagner soll ihrem Spiel „the spirit of my father“ (zit. nach Leno, S. 117) attestiert haben.

Entsprechend den hohen technischen Anforderungen dieser Musik wurde regelmäßig die Kraft ihres Spiels gelobt, aber auch der nuancierte Einsatz des Physischen: „Her hand of iron, with fingers of steel, is incased in a velvet glove“ (New York World 24. Dez. 1886, zit. nach Leno, S. 35), schreibt die „New York World“. Zu ihrem New-York-Debüt mit Liszts 1. Klavierkonzert am 23. Dez. 1886 merkt „The New York Times“ an: „Fräulein Aus der Ohe [...] produced a vivid and profound impression by execution in which tremendous physical strength was allied to considerable sensibility and intelligence, to a fine technique, and to a breadth and freedom of style totally at variance with her youthful appearance. [...] She is of the stuff of which great artists are made“(The New York Times 24. Dez. 1886). Angesichts ihrer künstlerischen Leistungen „the sex qualification may be omitted. [Der Liszt-Schüler Eugene] D’Albert, himself, could not have conquered the abounding difficulties [...]with a more electrifying virtuosity in all particulars (Pittsburg Dispatch 14. Febr. 1890, zit. nach Leno, S. 60).

Trotz dieser pianistischen Qualitäten hielt es „Werner’s Magazine“, als Adele aus der Ohe 1897 für ihren erkrankten Freund (und Liszt-Schüler) Moriz Rosenthal einsprang, für notwendig zu betonen: „She is playing the same pieces that he was to have played“ (Werner’s Magazine Jan. 1897, zit. nach Leno,  S. 56). Und Walter Niemann hob fast pflichtschuldig hervor: „Sie ist eine Meisterin des pianistischen, hochpathetischen Fresko [sic], wie es die Konzerte von Liszt und Tschaikowsky verlangen; aber sie ist auch als glänzende, temperamentvolle und großzügige Liszt-Spielerin keine ungestüme Draufgängerin, sondern eine echt weibliche und gerade das Schumannsche Konzert echt weiblich und romantisch, ganz schlicht und sinnig nachdichtende, reife Virtuosin und Musikerin von erstem Rang“ (Niemann 1919, S. 177). Der Kontrast zwischen „her singularly sweet and simple manner, which makes the woman no less attractive than the artist“ (The Chronicle, University of Michigan, 1. März 1890, zit. nach Leno, S. 61), und ihrer Kunst brachte einen Rezensenten zu der bildhaften Beschreibung: „She glides across the stage, cool, virginal, the Diana of the pianoforte: but the moment she touches the keys she undergoes a transformation; and while she does not lose her self control [...], little by little, she becomes intensely human. Seldom is such virility seen in a woman’s playing: and yesterday, her feminine instinct of refinement kept her from abusing her strength. So that while her performance was bold and broad, strong and manly, it was also impassioned“(Asbury 1951, zit. nach Leno, S. 88).

Ihr großes Konzert- und Solorepertoire und sogar die Kammermusikwerke spielte Adele aus der Ohe grundsätzlich auswendig, ebenso wie sie auch die Orchesterpartien der von ihr aufgeführten Klavierkonzerte im Kopf hatte – möglicherweise eine Folge des Umstands, dass sie die meiste Zeit des Jahres auf Reisen war und statt am Instrument studieren zu können eine bestimmte Form mentalen Übens praktizierte. Angesichts der Tatsache, dass Adele aus der Ohe Konzerte in den gesamten USA, Europa und sogar in Russland gab, überschlägt LaWayne Leno: „Aus der Ohe was playing concerts in many places [...], so the exact number of miles would be far greater, but a conservative estimate is that in this one year, 1893, Adele and Mathilde traveled in excess of 15,000 miles“ (Leno, S. 105). Ein solcher Reiseaufwand forderte nicht nur eine sehr belastbare physische Kondition, sondern auch eine unfehlbare technische Sicherheit, um die geringe Übezeit auszugleichen. Ihre Schülerin Alma Mehus erinnert sich: „In my piano lessons with aus der Ohe I never did any technical exercises. Technique was discussed only within the context of whatever particular piece of music I might be studying at the time (Leno, S. 208).

Adele aus der Ohe war wohl die erste europäische Pianistin, die ihre Karriere in Amerika begann, ohne sich zuvor in ihrer Heimat etabliert zu haben. Wegen ihrer langen, regelmäßigen Aufenthalte in den Staaten wird sie 1902 in London als „amerikanische Pianistin“ (Wenzel) bezeichnet, und Walter Niemann spricht von ihrem „amerikanischen Vaterlande“ (Niemann 1919, S. 177). Ihre Entscheidung, nach dem Tod ihrer Schwester Mathilde dennoch und endgültig nach Deutschland zurückzukehren, markiert eine Zäsur, die zugleich mit dem Wechsel vom öffentlichen Konzertpodium zur frauenpolitischen Tätigkeit für den Deutschen Lyceum-Club, vom Auftreten zum Unterrichten, vom exzessiven Reisen hin zum Rückzug ins Private, aber auch mit einsetzendem Alter, Krankheit und inflationsbedingter Armut einhergeht.

 

WERKE (für Klavier)

Suite für Klavier (Bourrée, Sarabande, Menuet, Gavotte) op. 2, New York: G. Schirmer 1895; Konzertetüde C-Dur op. 3, New York: G. Schirmer 1895; Melody in F, Slumber Song, Rustic Dance op. 4, New York: G. Schirmer 1897; Suite Nr. 2 (Prelude, Sarabande, à la Bourrée, Air, Gavotte, Gigue) op. 8, Berlin: Ries & Erler, o. J.; Vier Klavierstücke (Eine Sage, Walzer, Novelette, Spinnlied) op. 9, Berlin: Ries & Erler 1901 (NA: Körborn 2010); Three pieces for pianoforte (Melodie, Berceuse, Mazurka) op. 11, New York: G. Schirmer 1902; Drei Stüke für Violine und Klavier op. 12, New York: G. Schirmer 1903 (NA: Körborn 2013); Concertetude Nr. 2 (Am Springbrunnen; eine Erinnerung an Villa dEste) op. 13, New York: G. Schirmer 1906; Fünf Klavierstücke (Morgenliedchen, Pastorale, Walzer, Lustiges Intermezzo, Am Sommerabend) op. 14, New York: G. Schirmer 1906; Brummer und Vöglein, in: Deutscher Lyceum-Club. Mitteilungen für die Mitglieder 24 (1929), H. 1, S. 6.

 

LITERATUR (Auswahl, siehe auch Leno 2012 und Wenzel 2008)

Zeugniß der Neuen Akademie der Tonkunst (Theodor Kullak) vom 25. Dez. 1872, Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Sammlung Darmstaedter 2r 1840[1], Bl. 9.

Bock 1871, S. 100; 1872, S. 107; 1873, S. 53, 372; 1874, S. 395; 1875, S. 53, 158f.; 1876, S. 341; 1877, S. 67; 1878, S. 42, 100; 1879, S. 94; 1880, S. 404; 1882, S. 77; 1883, S. 28, 61, 342, 365f., 380; 1885, S. 102; 1886, S. 116, 325; 1888, S. 21, 273, 313; 1889, S. 279f.; 1895, S. 98, 438

NZfM 1873, S. 490; 1874 S. 107; 1875, S. 79, 222f.; 1876, S. 137; 1877, S. 30, 95; 1878, S. 58, 84, 120, 132, 155, 193, 381; 1880, 28, 40; 1881, S. 461; 1883, S. 68, 138, 258, 471; 1884, S. 8; 1885, S. 398, 509; 1886, S. 165; 1887, S. 139, 282; 1887, S. 499; 1888, S. 134, 459; 1893, S. 210, 237; 1900, S. 375

Signale 1875, S. 229; 1876, S. 494; 1878, S. 429, 468; 1879, S. 181, 193, 1032; 1883, S. 284, 1033; 1886, S. 460, 504, 887, 940; 1887, S. 569; 1889, S. 314, 1160; 1892, S. 1018, 1029; 1893, S. 1009; 1895, S. 970; 1896, S. 118, 259, 1015, 1107; 1897, S. 119; 1898, S. 997; 1900, S. 681, 936

Pazdírek, Frank/Altmann, LexFr, Cohen, Lyle

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Bildnachweis

Century Magazine 1888, S. 730.

 

Kadja Grönke

 

© Freia Hoffmann 2013